»Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen,« twitterte Naina, eine Kölner Gymnasiastin, und löste damit eine heftige Debatte aus. Hat sie in der Schule nur unnützes Zeug gelernt? Und hieße für das Leben zu lernen, dass man/frau das Ausfüllen von Steuerklärungen und das Abschließen von Versicherungsverträgen einüben sollte? Jürgen Kaube, im Hauptberuf »FAZ«-Mitherausgeber und im Feuilleton der Zeitung für Bildungsthemen zuständig, kann man diese bornierte Sicht nicht unterstellen. In seinem neuen Buch »Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder«? formuliert er eine geistreiche Schulkritik, die nicht nur anspruchsvoll, sondern auch noch gut lesbar geschrieben ist. Wozu ist Schule da? Kaube versucht eine Antwort jenseits von PISA-Rankings und Digitalisierungs-Hype. Kinder und Jugendliche sollen in der Schule denken lernen! Dass sie nach dem Verlassen der Schule das Meiste, das sie gelernt haben, wieder vergessen, ist für ihn kein Grund zur Aufregung. Dass man mit Abitur in der Regel 70 Prozent mehr verdient als ohne, liegt nicht daran, dass man sich an Goethes »Werther« erinnert und die Grundzüge des pflanzlichen Stoffwechsels kennt, stellt er fest. Anregung und Interesse sind wichtiger als memorierbares Wissen. Was bei Kaube fehlt, aber zur Bildung notwendig gehört, ist die Kritikfähigkeit: Das Vermögen und auch die Freude daran, Bestehendes zu hinterfragen und dessen geheimen Hintersinn zu entdecken. Wozu soll Schule anregen – zum Nachdenken über den Verfall des Konjunktivs oder über den Klimawandel? Ist Bruchrechnung wichtiger als der Bruch des Völkerrechts? Der Autor zeichnet ein Wunschbild von Schule jenseits von Vergleichsarbeiten und absurden Kompetenzdefinitionen, dem man sich guten Gewissens anschließen möchte. Er betont die zentrale Rolle der Lehrer und Lehrerinnen, die mehr sind als »Lernbegleiter«: Nichts könne den Lerneffekt ersetzen, den der Umgang mit unterschiedlichen Lehrpersonen bietet. Mit Vergnügen liest man seine Kritik am Wortgeklingel in Lehrplänen und pädagogischen Publikationen rund um den Kompetenzbegriff – ein »Containerbegriff«, in dem alles und nichts Platz findet. Da geht es um kommunikative Kompetenzen, aber kaum darum, was eigentlich kommuniziert werden soll. Auf den ersten Blick stimmt man Kaube gern zu, wenn er ein Methodentraining auf die Schippe nimmt, dessen Inhalte völlig gleichgültig sind: Hauptsache Textmarker, Power-Point, netter Vortrag. Auf den zweiten stört einen aber doch die Borniertheit des Feuilleton-Redakteurs, dessen Kinder selbstverständlich ohne Methodentraining gelernt haben, wie man einen Text liest, exzerpiert, ein Referat vorbereitet. Er verficht das exemplarische Lernen: Lieber mal etwas auslassen, am liebsten würde er die Lehrpläne – die überflüssigste und schädlichste Textsorte, die er kennt, ganz abschaffen, damit Schülerinnen und Lehrer sich mit der nötigen Gründlichkeit dem wirklich Interessanten widmen könnten. Andererseits will er unbedingt an der Logik der Schulfächer festhalten: Es gebe keinen dümmeren Spruch als den, dass man Schüler unterrichte und nicht Fächer, schreibt er. Zu Recht kämpft Kaube gegen einige merkwürdige Konzepte, die einem unter dem Label der Reformpädagogik begegnen, wie etwa das »Schreiben durch Lesen« – das gerade die Kinder benachteiligt, die ihren Wortschatz erst in der Schule erweitern und entwickeln, mangels vorhandener und eingeübter Lernstrukturen zu Hause. Aber da rennt er gegen Windmühlen an. Lehrerinnen und Lehrer, die es mit »bildungsbenachteiligten« Kindern zu tun haben, wissen es längst, sie üben mit ihren Kindern das Lesen, Schreiben, Rechnen, aber an Texten und Gegenständen, die auch unter gesellschaftspolitischen Aspekten bedeutsam sind.

 

Humanistisches Bildungsverständnis, aber nur im Rahmen des Bestehenden

Kaube nimmt sich auch die »Modernisierer« vor, die die Schulen und Schülerinnen mit teuerster Computertechnik ausstatten wollen, aber gar nicht genau wissen, wofür man sie braucht: ein ökonomisches, aber kein pädagogisches Projekt. Kaube kann nichts damit anfangen, dass Lehrkräfte sich auf heterogene Gruppen einstellen müssen – Schulformen, die dergleichen als Programm haben, also Gesamtschulen, sind ihm ebenso suspekt wie der Inklusionsgedanke. Warum man in heterogenen Gruppen besser lernen soll, ist ihm unbegreiflich. Und insofern versteht er nicht, wie das Lernen funktioniert – dass lernen immer ein Prozess der Konstruktion und Co-Konstruktion ist, die nur funktioniert, wenn da ein bewusst anderes Gegenüber ist. Dass die Schule nicht nur einen Bildungsauftrag hat, sondern eine Instanz zur Verteilung und Legitimation von unterschiedlichen Lebenschancen ist, will nicht in Kaubes Kopf. Die Mehrzahl der Kinder mache doch heute Abitur. Wenn der (migrantische) Polizistensohn sich bei der Polizei bewirbt, statt wie die – ebenfalls migrantische – Professorentochter ein Studium anzufangen, solle man das doch bitte nicht der Schule anlasten. Alle haben doch die freie Wahl, so überträgt er den grundlegenden Glaubenssatz aus dem Wirtschaftsteil seiner Zeitung in die Bildungswelt. Er plädiert deshalb auch für die absolute Schulautonomie. Etliche Seiten vorher beklagt er, dass LehrerInnen nicht freiwillig aufs Land oder in die »Problemschulen« gehen – wie will er das lösen, wenn er auch den Lehrerinnen die freie Wahl auf dem Markt zubilligt? In einem aber hat er recht: Die Schule kann nicht die soziale Gleichheit herstellen, die die Gesellschaft nicht hergibt. Ist die Schule nun zu dumm für unsere Kinder, wie der Titel suggeriert? Eine so radikale Kritik liegt dem Autor gar nicht. Das Schulsystem soll in seiner Grundstruktur unangetastet bleiben. Seine Kritik ist die eines konservativen Bildungsbürgers: Er vertritt ein durchaus humanistisches Bildungsverständnis, aber alles im Rahmen des bestehenden Schulsystems. Wollte er die Schule als gesellschaftliche Institution ernsthaft kritisieren, so müsste er auch die Schulstruktur in Frage stellen, und er müsste die Schule nicht nur als Bildungseinrichtung, sondern in ihrer gesellschaftlichen Funktion bei der Zuweisung von Lebenschancen sehen. Dass dieses System so nicht mehr funktioniert, zeigt in beeindruckender Weise »fridays for future«. Hat das Bildungsbürgertum Angst, dass die eigenen Kinder der Schule fliehen und sich solidarisch mit ihren MitschülerInnen anderer gesellschaftlicher Couleur zusammenschließen?

Erschienen im Neuen Deutschland am 15.06.19.

Karl-Heinz Heinemann ist Koordinator des Gesprächskreises Bildungspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Martina Zilla Seifert ist Leiterin der Sekundarschule Rheinhausen in Duisburg

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