Liebe Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde,

folgende Themen möchten wir zum Jahresende noch einmal ansprechen:

1.      Vorschlag eines Treffens des GK für ein „Manifest“ zum Thema: PISA hat versagt – umsteuern statt weitermachen.

2.      Bericht von unserer Tagung „DemokratInnen fallen nicht vom Himmel“.

3.      Material zum Thema „100 Jahre verpasste Reformen“

4.      Tagung zur Zweigliedrigkeit

5.      „Salon Bildung 2020“

6.      Verschiedenes

1.      Nach PISA: Umsteuern!
20 Jahre nach PISA hat der „social gap“ im Bildungswesen noch zugenommen, ein gutes Fünftel der Menschen verlässt die Schule ohne die basalen Fähigkeiten, an der Öffentlichkeit teilzunehmen. Wenn wir über Probleme der politischen Bildung sprechen, oder ein verkürztes Bildungsverständnis beklagen – mit den Fähigkeiten, durch Lesen sich etwas erschließen zu können und sich schriftlich und mündlich ausdrücken zu können fängt doch alles an!

Wenn jetzt gefordert wird, noch mehr zu standardisieren, zu vergleichen und zu messen – also von den unwirksamen Instrumenten einfach noch mehr anzuwenden, dann müssen wir doch dringend davor warnen und ein Umsteuern fordern. Mein Vorschlag: Eine Art Manifest: allen den Zugang zu Wissen und Mitbestimmung, Erfahrung von Autonomie und Selbstbestimmung. Die Kritik von Klaus Bullan an PISA ist ja schon mal eine Grundlage https://bildungspolitik.blog.rosalux.de/2019/12/11/pisa-ergebnisse-endlihch/. Auf unserer Lehrerbildungstagung wurden dazu sowohl von Schubarth als auch von Bittlingmeyer/Gerdes Anregungen gegeben.

Wer an einem solchen Manifest interessiert ist und daran mitwirken will möge sich melden. Dann können wir im Kreis dieser Menschen im Februar/März zusammenkommen um so etwas zu formulieren.

2.      Tagungsbericht:

Am 10. Dezember veranstaltete der Gesprächskreis im Neuen Palais in Potsdam zusammen mit dem Zentrum für Lehrerbildung der dortigen Universität und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg eine Tagung mit dem Titel „Demokrat*innen fallen nicht vom Himmel“. Zu Beginn wurde ein Filmausschnitt über die Marktschule in Bremerhaven gezeigt. Demokratie, so hier das Credo, muss gelebt werden, um gelernt zu werden. Wie die Schüler und Schülerinnen ihren Schulalltag auf demokratische Weise mitgestalten, kann man hier nochmal nachsehen: https://www.youtube.com/watch?v=9IvXQxzkY3w

Im Anschluss wies Wilfried Schubarth, Professor für Erziehungs-  und Sozialisationstheorie in Potsdam,  auf die vielfältigen Schwierigkeiten hin, die Demokratiebildung mit sich bringt: Versteht man sie als Teil des Politikunterrichts? Ist sie fächerübergreifend unter Wertebildung zu fassen? Oder sollte Demokratie, wie an der Marktschule, über Schüler*innenpartizipation als Lebensform gelernt werden? Schubarth kritisierte zudem, dass Demokratiebildung weder Teil des Selbstverständnisses angehender Lehrer*innen, noch in der Lehrer*innenbildung verankert sei. Als Ausblick verwies er auf gelungene Projekte, wie beispielsweise das Projekt Kreidestaub. Hier seine PPT-Präsentation

Uwe Bittlingmeyer und Jürgen Gerdes, Lehrende an der PH Freiburg,  warfen zunächst den Blick auf die Makroebene und präsentierte Statistiken die belegen: Soziale und gesundheitliche Probleme sind vor allem da besonders groß, wo auch die Ungleichheit besonders groß ist. Das sei, das müsse man sich bei der Entwicklung von Lösungsansätzen immer wieder klar machen, eben funktionierender Kapitalismus. Menschen, die durch soziale Ungleichheit belastet sind, sehen sich auch von der politischen Willensbildung ausgeschlossen und beteiligen sich zunehmend weniger. Die Zustimmung zur Demokratie nimmt unter jungen Menschen erschreckend ab. „Demokratiebildung“ sei daher nicht nur eine pädagogische, sondern eine soziale und politische Herausforderung.

Gerdes und Bittlingmayer verwiesen auf die Menschenrechte als Schlüsselbegriff. Demokratiebildung als Menschenrechtsbildung sei grundlegender, als auf der (nationalen) Ebene der Bürgerrechte zu verbleiben.

Hierihre PPT-Präsentation

Beide Inputs unterstrichen, dass Demokratiebildung kein eigens Schulfach sein sollte, sondern Teil der Schulkultur: demokratischer Willensbildung in der Schule und die Beteiligung der Schulgemeinde an der Öffentlichkeit.

In der Diskussion macht die ehemalige Didaktische Leiterin der Laborschule Bielefeld, Christine Biermann, auf Noten als immer noch zentrales Selektionsinstrument aufmerksam, die auch für Demokratiebildung ein Hindernis darstellen. Uwe Bittlingmayer betonte, dass Partizipation in der Schule nur dann wirklich zu Demokratiebildung beitrage, wenn die Schüler*innen auch eine realistische Chance auf das Ergebnis hätten. Immer wieder fiel das Stichwort Selbstwirksamkeitserfahrung als zentraler Bestandteil erfolgreicher Demokratiebildung. Ilka Hoffmann von der GEW betonte, dabei Schüler*innen mit besonderem Förderungsbedarf nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade benachteiligte Kinder müssten die Möglichkeit haben, ihre Rechte innerhalb einer Demokratie auch wahrzunehmen. Aus dem Publikum kam von einer Studentin die Anmerkung, auch die Lehramtsstudierenden müssten dabei stärker in den Blick genommen werden: Häufig kommen sie aus akademischen Mittelschichtsfamilien, die ihre eigenen Privilegien im Studium kaum reflektieren müssen. Insgesamt war die Diskussion lebhaft und der Austausch zwischen Wissenschaftler*innen, Studierenden und Menschen aus der Praxis hat gut funktioniert. Positiv bemerkt wurde auch, dass der Diskussion auch ein entsprechend langer Zeitraum gewährt wurde.

3.      Materialien zu einer Tagung „100 Jahre verpasste Reformen“
Auf einer Weiterbildungstagung der GEW hatte ich über die Umwertung des Reformbegriffs und die Geschichte verpasster Reformen referiert. Das Ganze ist vielleicht subjektiv, aber ich denke, es sind die wichtigen Schnittstellen benannt, an denen man das dialektische Verhältnis von gesellschaftlicher Transformation und Schulreform bzw. deren jeweiliges Versagen zeigen kann. Fast das gleiche Thema behandelt Frank Olaf Radtke in seinem Vortrag „Die Schule als gesellschaftsbildende Kraft?“ vor der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule.
Ich denke, ein Anknüpfen an den historischen Erfahrungen, an den Entwürfen aus der Reformpädagogik wie aus der Arbeiterbewegung kann uns ermutigen, die Forderung nach der „einen Schule für alle“ wieder auf die Tagesordnung zu setzen.
Wenn wir in die jüngste Vergangenheit schauen, so geht es sicher einmal um die Ökonomisierung und deren Auswirkungen, also die Unterwerfung von Schule und Bildung unter die Gesetze des neoliberalen Wirtschaftens, betrachtet werden müssten aber auch einmal die Prozesse in der Transformation in der DDR: Die „100 Blumen“ von freien Schulen und pädagogischen Alternativen, die in der kurzen Zeit eines „Interregnums“ erblühten und so viel  Kreativität freisetzten – und was aus ihnen geworden ist.
Wer kann und möchte etwas zu einer solchen Tagung beitragen? Wer möchte sie mit planen und vorbereiten? Denkbar ist ein Termin im Oktober/November. Was wir leisten können hängt von der Bereitschaft zur Mitarbeit ab.

4.      Tagung zur Zweigliedrigkeit

Während in manchen Bundesländern, wie etwa in Nordrhein-Westfalen, eine recht unübersichtliche Zahl von Schulformen vor allem im Sekundarbereich nebeneinander existiert setzt sich andernorts die Zweigliedrigkeit durch. Etwa in Hamburg, wo neben das alles überlebende Gymnasium die Stadtteilschule getreten ist – als Schulform, die jedenfalls de jure alle Abschlüsse anbietet. Ist das nun ein Fortschritt in Richtung der einen Schule für alle? Die Erfahrungen und Meinungen sind unterschiedlich. In Bremen beispielsweise wird eine solche Zweigliedrigkeit von der linken Bürgerschaftsfraktion unter bestimmten Voraussetzungen unterstützt, in Hamburg dagegen wird sie kritisiert. Deshalb hat die Ratsfaktion dort einen Entwurf für ein „inklusives Schulgesetz“ vorgelegt, einen Entwurf, der unter Inklusion nicht nur den Umgang mit Behinderten versteht. Wie kann eine linke Schulpolitik heute aussehen? Wir wollen möglichst noch in der ersten Jahreshälfte dazu eine Diskussion mit Vertreterinnen aus den linken Bürgerschafts-  und Landtagsfraktionen, mit Menschen mit schulpraktischen Erfahrungen und BildungspolitikerInnen organisieren.

 

5.      Salon Bildung
Der von Marcus Hawel und Stefan Kalmring im Studienwerk der RLS betriebe Salon Bildung hat seine Termine für 2020 veröffentlicht. Sie sind über diesen Link in unserem Blog einzusehen und Euch empfohlen.

6.      Das Material „Digitalpakt und die Folgen – was und wem soll digitale Bildung nützen“ ist erschienen. Darin haben Karl-Heinz Heinemann, Rosemarie Hein, Dan Verständig, Ralf Lankau, Thomas Höhne, Gunhild Böth und Bernd Schorb geschrieben. Über diesen Link kann es heruntergeladen und auch kostenlos als Print bestellt werden.

So, nun hoffe ich, nichts Wichtiges vergessen zu haben und wünsche Euch, sofern noch nicht geschehen, schöne Stunden unter dem Lichterbaum und uns allen ein gutes neues Jahr. Zur Vorbereitung darauf möchte ich aber noch ganz persönlich die hervorragenden dreiteiligen Essay „Saisonschluss“ von Mathias Greffrath im Deutschlandfunk empfehlen (der erste Teil ist gerade in den neuen „Blättern für deutsche und internationale Politik“ veröffentlicht.

7.      Rückmeldungen, Vorschläge, Bereitschaftserklärungen am besten an mich schicken:

heinemann@rls-nrw.de. Darüber führt der Weg auch für alle, die gern etwas in den Blog stellen möchten.
Die besten Grüße und Wünsche

von Karl-Heinz Heinemann,

auch im Namen von Rosemarie Hein und Steffen Kludt

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