Der Begriff Bildung ist zurzeit in der Debatte, weil vielfach unscharf benutzt und insofern bedarf er einer dringenden Klärung. Dass eine Ausschärfung und Klärung des Begriffes im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs nicht angestrebt und vielfach nicht zu beobachten ist, liegt m.E. daran, dass mit der Klärung des Begriffes das real existierende Schulsystem mit seiner Kompetenzorientierung in voneinander getrennten Fächern, das auf Messen und Vergleichen in Form von Ziffernnoten und in Gebäuden, die baugleich mit Psychiatrien und Gefängnissen organisiert ist, sofort auf den Prüfstand gestellt werden müsste.
Wird der Begriff Bildung verwendet, verbirgt sich hinter ihm vielfach eine diffuse Vorstellung von Lernen, Wissen, Anwenden. Diese Begriffe gehen in der Diskussion immer wieder munter durcheinander.

Bildung ist dagegen so zu definieren, dass abzuleiten ist, wie sich die Institutionen, die einen Bildungsauftrag haben, organisieren müssen und welche inhaltlichen Schwerpunkte in diesem Kontext zu legen sind. Ich verweise hier noch einmal ausdrücklich auf das von Rosie vielfach eingebrachte Zitat (Inge von Wangenheim „Genosse Jemand und die Klassik“). Alle Schulgesetze benennen die individuelle Förderung als oberstes Ziel und Schulen, die Kinder hinter „individualisierte“ Arbeitsblätter auf 3 ! verschiedenen Niveaustufen „tackern“, gelten als fortschrittlich. Dass Lernen nur in Kooperation erfolgen und nur dann überhaupt Bildungsreichtum entstehen kann, wird einfach nicht verstanden.

Wenn ich meine eigene Bildungsbiographie betrachte, begann sie im Alter von 24 Jahren. Ich war mitten im Studium und bekam mein erstes Kind. Bis zu diesem Zeitpunkt waren viele Dinge, die ich lernte, abstrakt, ohne Bezug zum Leben, von Angst des Versagens geprägt. Ich ging nie gerne zur Schule – sie hatte nichts mit mir zu tun – abgesehen davon, dass die dort vorherrschenden vermittelten Inhalte die Inhalte der Herrschenden waren und keinen Widerspruch duldeten.

Im Studium erlebte ich Gemeinschaft, Solidarität, Kooperation im MSB Spartakus. Ein Bundeskongressmotto aus der damaligen Zeit – „Gemeinsam leben, studieren und kämpfen“ – ist m.E. auch aus heutiger Sicht, hat man die Befeuerung der Bildung im Blick, unglaublich modern, weil in ihm ein für die Bildung so wichtiger Dreiklang aufgerufen wird: es geht um Wissen (studieren), es geht um Emotionen und Gemeinschaft (Leben) und darum, Wissen anzuwenden und einzugreifen, um selbstwirksam zu werden (Kämpfen). Alle drei Elemente sind in einer tieferen Struktur dann besonders wirksam, wenn der Mensch vollständig entflammt ist – wenn alle Sinne angesprochen werden – auch die ästhetischen. Und so spielte auch die Musik in meiner Studienzeit eine wichtige Rolle – es wurde gesungen, getanzt und gelacht. Wir machten die Universitäten zu einem Ort, an dem wir uns umfassend bilden konnten – die Suche nach den dazu passenden Lehrenden inbegriffen! Unvergessen die Pressefeste der entsprechenden Organisationen, die Musik, Diskussion und internationale Gerichte anboten. Auch dort fand Bildung statt.
Warum sollte das mit Schule nicht möglich sein!

Die Tochter, mit der ich lebte, führte unmittelbar zu der Erfahrung, dass die sog. Frauenfrage in keiner Weise mehr abstrakter Teil eines Arbeitsplanes war, sondern mich tatsächlich betraf – ich begann zu lesen – ein wesentlicher Teil für Bildung. Das Lesen führte dazu, dass ich in der Auseinandersetzung mit der Literatur den Reichtum meiner eigenen Gedanken mehr und mehr entdeckte und diese ausschärfte. In Schulen wird viel zu wenig gelesen – es gibt gute Bausteine, die das gemeinschaftliche Lesen und Sprechen z.B. über Literatur erlebbar machen (Reziprokes Lesen!). Schulische Bildung muss also an der Lebensrealität der SchülerInnen ansetzen. Werden LehrerInnen gefragt, was sie über das Leben ihrer SchülerInnen „wissen“, dann gibt es dazu vielfach keine Antworten. Wenn ich an schulische Bildung denke, dann heißt das für mich übersetzt, dass in keinem Fall alle alles lernen, wissen, erfahren und ausprobieren müssen – manche wollen sich eher musisch bilden, andere lieben die Sprachen, manche die Naturwissenschaften, die Mathematik, manche von allem etwas und alle haben sicherlich unterschiedliche Interessen zu unterschiedlichen Zeiten. Gemeinsam haben alle, dass sie sich nach Gemeinschaft sehnen. Will man die Kreativität, das emotionale Erkenntnisinteresse, die der Treibstoff für einen gelungenen Bildungsprozess sind, lernen/erfahrbar machen, dann muss das Angebot vielfältig und anregungsreich sein. Die wichtigen Fragen unserer Zeit in Schule bearbeiten lernen – sie auch als Denkanstalten zu nutzen, braucht ein kluges Zusammenführen der „Fächer“. Dafür braucht es Zeit, gut ausgebildete LehrerInnen, die empörungsbereit sind, anregende Aufgabenstellungen (deren Umsetzung / Lösung sind die Voraussetzung dafür, dass Wissen erworben werden muss – Wissen ist kein Selbstzweck!) und Räume / Gebäude und vor allem die Möglichkeit des gemeinsamen Tuns – die Solidarität mit anderen. Bildung erwirbt man vor allem in einem interdisziplinären Prozess, in dem Ambiguitätstoleranz eingeübt werden muss. Das bedeutet aber eben auch, dass der eigene Standpunkt entwickelt werden muss, vor dessen Hintergrund mir Verständnis, eine Kompromissbereitschaft abverlangt werden kann. So gestaltete Lernprozesse münden nur dann in Bildungsprozesse, wenn sich an die Erarbeitung von Aufgabenstellungen gemeinsame Umsetzungsoptionen entwickeln. Zur Verdeutlichung: Die Recherche und Erarbeitung der Tatsache, warum Straßennamen immer noch historisch fragwürdig überformt sind, muss also in die Aktion zur Umbenennung der Straßen münden.

Schulen sind also m.E. meilenweit von Bildungseinrichtungen entfernt und weil vor allem SchülerInnen dies merken, nehmen deren Widerstände zu. Diese führen aber lediglich dazu, dass Schulen mehr und mehr zu Züchtigungsanstalten (es wäre spannend die steigenden Atteste zur sonderpädagogischen „Förderung“ und Ordnungsmaßnahmen zu untersuchen) verkommen, in denen es um nichts anderes geht als darum, dass alles so bleibt wie es ist.

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