Anstelle der Frage, was Bildung sei, möchte ich fragen, welcher Bildungsbegriff geeignet sein könnte, Heteronomisierungen der Pädagogik entgegenzutreten. Damit weise ich dem Bildungsbegriff die Funktion zu, Eigenart und Eigenwert des Pädagogischen affirmativ zu bestimmen, um andere (z.B. ökonomische, religiöse, ästhetische, politische und gesundheitliche) Normen, Prinzipien und Leistungserwartungen abweisen bzw. herabstufen zu können (Hodgson/Vlieghe/Zamojski 2017). Hiermit ist gemeint, dass die Pädagogik sehr wohl externe Wertsetzungen zur Kenntnis zu nehmen und sich sich darauf einzustellen habe, niemals aber zulassen dürfe, dass die eigenen Prinzipien und Normen dadurch ersetzt oder korrumpiert werden, wie das bspw. in den Problembegriffen der Psychologisierung, Therapeutisierung, Ökonomisierung oder Politisierung der Bildung angezeigt wird. Dass ich dabei auch die Politisierung in die Heteronomisierungsformen einreihe, distanziert diese Überlegungen auf den ersten Blick von jeder ‚linken‘ Bildungstheorie. Ich möchte aber zu einem zweiten Blick einladen, der sichtbar macht, dass die Autonomie des Pädagogischen (auch gegenüber dem Politischen) als solche emanzipatorisch ist (Krönig 2020).

Erst die Unterscheidung von Bildung von Erziehung, Lernen, Entwicklung, Ausbildung, Kompetenz, Halbbildung oder Anpassung ergibt einen Bildungsbegriff. Bildung ist also nicht schon ein Gegenstand, der im zweiten Schritt von anderen Gegenständen und Sachverhalten unterschieden werden könnte. Als Begriff ist Bildung die Einheit der Unterscheidung zweier Begriffe und je nachdem, welcher Begriff zur Abgrenzung herangezogen wird, erhalten wir erst einen bestimmten Bildungsbegriff. Gleichwohl muss man sich mit der Kontingenz dieser Unterscheidungsentscheidung nicht begnügen. Schließlich ist es denkbar, einen Begriff zu bilden, der jede dieser Unterscheidungen ineins leistet. Ein entsprechend leistungsfähiger Bildungsbegriff, der eine Autonomie des Pädagogogischen prinzipiell begründen und situativ verteidigen kann, darf sich nicht auf die Wirkung emphatischer Formeln verlassen, nach denen Bildung „mehr“ sei als Ausbildung oder Kompetenz oder „kritischer“ als Lernen.

Der leistungsfähigste Bildungsbegriff scheint der Begriff der transformatorischen Bildung (Kokemohr 2007; Koller 2011) zu sein. Diese gibt genau an, in welcher Weise sich Bildungsprozesse von Lernprozessen unterscheiden (ist also die Einheit der Unterscheidung von Bildung und Lernen) und findet hierin genau den Punkt, von dem aus sämtliche der anderen Bildungsbegriffe abgleitet werde können. Kokemohr schlägt vor,

„Bildung als Prozess aufzufassen und als Prozess der Be- oder Verarbeitung solcher Erfahrungen zu untersuchen, die der Subsumtion unter Figuren eines gegebenen Welt- und Selbstentwurfs widerstehen (…). Widerständige Erfahrungen können in Texten, Bildern oder anderen Formen auftreten. Von Bildung zu sprechen sehe ich dann als gerechtfertigt an, wenn der Prozess der Be- oder Verarbeitung subsumtionsresistenter Erfahrung eine Veränderung von Grundlegenden Figuren meines je gegebenen Welt- und Selbstentwurfs einschließt. Weil aber stets nahe liegt, dass eingelebte Figuren durch Abdunkelung, Abwehr, Negation, Diffamierung oder Umdeutung textuell-symbolischer oder bildhaft-imaginärer Einbrüche aufrecht erhalten werden, ist mit diesem Bildungsbegriff vorausgesetzt, dass nicht jede subsumtionsresistente Erfahrung in einen Bildungsprozess mündet“

(Kokemohr 2007, 21).

Transformatorische Bildung hebt sich von Lernen ab, ist nicht planbar, didaktisierbar, förderbar, messbar oder fungibel und kann nicht verdinglicht, geschweige denn kommodifiziert werden. Was allerdings fehlt, ist eine Didaktik, sind Ideen von Curricula und noch mehr von Bildungsinstitutionen, die sich an transformatorischen Bildungsprozessen ausrichten, es sich also zum Ziel setzen, diese unwahrscheinlichen Ereignisse wahrscheinlicher zu machen. Dieser scheinbar rein pädagogische und eben nicht-politische Begriff fordert demnach radikale politische Konsequenzen…

 

Hodgson, Naomi/Vlieghe, Joris/Zamojski, Piotr (2017): Manifesto for a Post-Critical Pedagogy. Earth (Milky Way): punctum books.

Kokemohr, Rainer (2007): Bildung als Welt- und Selbstentwurf im Anspruch des Fremden. Eine theoretisch-empirische Annäherung an eine Bildungsprozesstheorie, In: Koller, H.-C./Marotzki, W./Sanders, O. (Hrsg.): Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung. Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Bielefeld: transcript, S. 13-68.

Koller, Hans-Christoph (2011): Bildung anders denken. Eine Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Stuttgart: Kohlhammer. Krönig, Franz Kasper (2020): Auswege aus dem Macht-Äther. Post-kritische Friedenspädagogik als Beispiel autonomer Kindheitspädagogik. neue praxis, 2020, S. 481-491.

Ein Gedanke zu “Der transformatorische Bildungsbegriff als post-kritischer und eben dadurch emanzipatorischer Bildungsbegriff. Von Franz Kasper Krönig”

  • Lieber Franz-Kasper,
    Danke für Deinen Beitrag. Wir sind uns einig, dass Bildung ein Prozess ist, der reflexiv ist, d.h. man wird nicht gebildet, sondern man bildet sich selbst. Dass Bildung in der offenen, veränderungsbereiten Auseinandersetzung mit der Umwelt und den Beziehungen entsteht. Aber wie kann dieser Prozess ablaufen? Welche Bedingungen sind dafür gut, welche hinderlich? Und wie steht es mit den Institutionen, in denen das angeblich stattfinden soll, also Kindergarten, Schule, Hochschule? Um das zu untersuchen kann zum Beispiel Psychologie und Soziologie sehr nützlich sein. Da ist es mir nicht so wichtig, die Pädagogik als eigenständige Disziplin gegen benachbarte Sozialwissenschaften abzugrenzen. Wir haben in meiner Studienzeit, sorry, in den Endsechziger- und Anfang-Siebziger Jahren den kritischen Blick der Sozialwissenschaften, auch der Kritischen Theorie und der Psychoanalyse, auf die geisteswissenschaftliche Pädagogik als sehr hilfreich empfunden, mit der angehende LehrerInnen nun wirklich nichts anfangen konnten, die sie wieder etwas auf den Teppich geholt hatten.

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