Unsere Oline-Veranstaltung am 27. Oktober – „Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung“ – war trotz des deprimierenden Themas recht ermutigend. Nicht nur wegen der 50 Teilnehmenden, sondern auch, weil die Referentin und der Referent – Martina Schmerr von der GEW und Lutz van Dijk  langjähriger Aktivist für Frieden und Menschenrechte, er lebt heute in Kapstadt – Möglichkeiten der Friedensbildung zeigen konnten. Sie ermutigten: auch und gerade gegen den aktuellen Mainstream kann man etwas verändern. Die Idee, gemeinsam zu erklären, dass man bei der Kriegsertüchtigung nicht mitmachen werde, fand breite Resonanz, über die Differenzen in der Einschätzung der Kriege in der Ukraine und im Gaza hinweg.

Hier eine Videodokumentation. Wir haben aus Datenschutzgründen nur  zwei Diskutanten in die Dokumentation aufnehmen können, von dneen wir die Genehmigung dazu hatten. Dass dem Video ein Logo der RLS NRW unterlegt ist bitten wir zu entschuldigen.

Und hier eine Zusammenfassung:

„Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung“
Mit Martina Schmerr, GEW-Hauptvorstand, und Lutz van Dijk, Autor und Friedensaktivist
In der Online- Veranstaltung „Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung“ diskutierten 50 Teilnehmende, wie Friedensbildung unter Bedingungen gelingen könne, in denen staatliche Politik, öffentliche Rhetorik und gesellschaftliche Wahrnehmungen zunehmend von militärischen Logiken geprägt seien. Bereits zu Beginn betonten die Teilnehmenden, dass bewusst von Friedensbildung gesprochen wurde. Der Begriff Erziehung sei vermieden worden, da dieser eine einseitige Form der Einflussnahme suggeriere. Friedensbildung müsse sich hingegen an demokratischen Prinzipien orientieren: Sie solle kritisches Denken ermöglichen, Gewissensbildung stärken, moralische Urteilsfähigkeit fördern und jungen Menschen helfen, komplexe globale Zusammenhänge zu verstehen.
Lutz van Dijk erinnerte an die Friedensbewegung in den 1980er-Jahren in Westdeutschland. Hunderttausende waren auf den Straßen, um gegen atomare Aufrüstung und für Abrüstungskonzepte zu demonstrieren. Friedenspädagogik sei an Universitäten und Schulen präsent gewesen; Medien und Zivilgesellschaft hätten intensiv über Krieg, Frieden, Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung debattiert. Diese Zeit sei durch ein breites Bewusstsein dafür geprägt gewesen, dass Frieden aktiv gestaltet und verteidigt werden müsse — nicht militärisch, sondern gesellschaftlich und politisch.
Im Kontrast dazu sei heute ein tiefgreifender Paradigmenwechsel zu beobachten. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sei eine „Zeitenwende“ ausgerufen worden, die nicht nur finanzielle Aufrüstung, sondern auch eine veränderte Sprache und Grundhaltung in Politik und Medien mit sich gebracht habe. Begriffe wie „Kriegstüchtigkeit“, „Verteidigungsfähigkeit“ oder „robuste Sicherheitspolitik“ seien in den Mainstream gerückt. Friedenspolitische Positionen würden dagegen häufig marginalisiert oder als naiv dargestellt. Die Diskutierenden betonten, dass dieser Wandel nicht nur sicherheitspolitisch relevant sei, sondern auch Auswirkungen auf Bildungsdiskurse, gesellschaftliche Emotionalität und die Legitimität von Friedenspositionen habe.
Martina Schmerr stellte die wachsende Präsenz der Bundeswehr im Bildungsbereich dar. Jugendoffiziere suchen regelmäßig Schulen auf, gestalten Unterrichtseinheiten, die Bundeswehr ist auf Bildungsmessen vertreten und betreibt digitale Marketingkampagnen. In mehreren Bundesländern bestehen Kooperationsvereinbarungen zwischen Bildungsministerien und Bundeswehr, die sicherheitspolitische Bildung in der Schule strukturell verankerten. Dies sei insbesondere deshalb kritisch zu betrachten, weil junge Menschen gezielt angesprochen würden, zum Teil noch Minderjährige. Die Gefahr bestehe, dass die Perspektive der Bundeswehr als quasi „offizielle“ Sicht erscheine, während zivilgesellschaftliche Friedensperspektiven strukturell weniger präsent seien.
Demgegenüber stellten die Referent*innen das Konzept einer umfassenden Friedensbildung. Diese sei nicht bloß die Abwesenheit von Gewalt, sondern ein aktiver pädagogischer Prozess. Friedensbildung umfasse u. a.:
• Konflikt- und Kommunikationskompetenz
• Demokratie- und Menschenrechtsbildung
• Medien- und Desinformationskritik
• Empathie, Perspektivübernahme und Gewaltprävention
• kritische Auseinandersetzung mit Macht, Interessen und globalen Ungleichheiten
Betont wurde, dass Friedensbildung strukturelle Verankerung benötige — in Lehrplänen, Schulprogrammen, Ausbildungsinstitutionen für Lehrkräfte und in der wissenschaftlichen Begleitung. Einzelne engagierte Lehrkräfte seien zwar wichtig, könnten jedoch strukturelle Defizite nicht ausgleichen. Als positive Beispiele wurden u. a. die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg und einzelne Modellschulen genannt, in denen Friedensbildung curricular verankert war und multiprofessionelle Kooperationen bestanden.
Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass friedenspädagogische Aktivitäten seit Beginn des Ukraine-Krieges vielerorts zurückgegangen seien. Lehrkräfte hätten teilweise Hemmungen, friedenspolitische Fragen anzusprechen, aus Sorge, als „realitätsfern“, „unsachlich“ oder „ideologisch“ zu gelten. Dies mache es umso notwendiger, Räume für kontroverse, differenzierte und reflektierte Diskussionen zu schaffen.
Die Veranstaltung machte zudem deutlich, dass Friedensbildung historisch und politisch stets umkämpft war. Pazifistische Haltungen seien nicht neu — sie hätten tief in der europäischen Geistes- und Sozialgeschichte verwurzelt gelegen, von religiösen Traditionen über die Arbeiterbewegung bis hin zur UN-Menschenrechtsbildung. Heute stünden solche Positionen jedoch unter Rechtfertigungsdruck. Lutz van Dijk erinnerte die Teilnehmenden daran, dass gesellschaftliche Veränderungen häufig von Minderheiten ausgegangen seien. Eine demokratische Kultur benötigt Menschen, die Gegenpositionen aushielten und alternative Wege aufzeigten.
Besondere Verantwortung wurde den Gewerkschaften zugeschrieben, insbesondere der GEW. Sie sei historisch friedenspolitisch positioniert und müsse angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen erneut klar Stellung beziehen. Friedensbildung müsse als demokratische Kernaufgabe verstanden und verteidigt werden.
In der Friedensbewegung gebe es ja unterschiedliche Einschätzungen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine – ein Hindernis für wirksame Aktionen. Aber vielleicht könne man sich darauf verständigen, dass wir Kriegsvorbereitung ablehnen – vielleicht brauchen wir einen Aufruf zur Verweigerung der Kriegstüchtigkeit? Darüber sollte weiter diskutiert werden.
Abschließend wurde betont, dass Friedensbildung mit anderen gesellschaftlichen Zukunftsthemen zusammengedacht werden müsse — Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, globales Lernen. Junge Menschen engagierten sich heute stark für Klima- und Demokratiethemen. Frieden werde nicht nur als Abwesenheit von Krieg verstanden, sondern als gerechte, nachhaltige und solidarische Weltordnung. Die Veranstaltung endete mit einem Appell, Friedensbildung mutig, selbstbewusst und beharrlich weiterzuentwickeln — auch gegen politische Widerstände — und Schulen als Orte zu stärken, an denen demokratische Streitkultur und konstruktive Konfliktlösungen eingeübt würden.

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