Zur Kritik der empirischen Bildungsforschung
Mit Prof. Rita Casale
Videomitschnitt des Vortrags vom 22. Juni:
https://youtu.be/yqiM4FZCBmg?si=XUwWlcmcCe68Gr4P Power-Point: Kritik_Emp_Bildungsforschung
Rita Casale betont zu Beginn, dass sie nicht die empirische Bildungsforschung als solche kritisiert. Ihre Kritik richtet sich gegen eine bestimmte Form empirischer Bildungsforschung, die Theorie und Empirie voneinander trennt und empirische Verfahren zum alleinigen Maßstab wissenschaftlicher Erkenntnis erhebt. Ihr Ausgangspunkt ist dabei ausdrücklich erkenntnis- und gesellschaftstheoretisch, nicht geisteswissenschaftlich.
- Historische Einordnung: Die empirische Bildungsforschung als Modernisierungsprojekt
Casale zeichnet die Entwicklung seit den 1960er Jahren nach. Nach ihrer Darstellung wurde die geisteswissenschaftliche Pädagogik damals durch eine sozialwissenschaftlich orientierte Bildungsforschung ersetzt. Als zentrale Figur nennt sie Ralf Dahrendorf, der Bildungspolitik, Bildungsplanung und empirische Forschung eng miteinander verknüpfte. Die neue Bildungsforschung versprach, durch überprüfbare Daten die Grundlage für politische Steuerung und Reformen zu liefern. Gleichzeitig wurde nach Casales Auffassung die traditionelle Frage nach Sinn, Zweck und normativen Grundlagen von Bildung zurückgedrängt. Forschung wurde zunehmend mit empirischer Untersuchung gleichgesetzt.
- Die problematische Trennung von Theorie und Empirie
Ein zentraler Kritikpunkt Casales ist die seit den 1960er Jahren etablierte Arbeitsteilung:
Theorie sei für Normen und Werte zuständig.
Empirie sei für Forschung und Erkenntnis zuständig.
Diese Trennung hält sie für eine Sackgasse. Sie argumentiert, dass jede Forschung bereits theoretische Vorannahmen enthält. Begriffe wie „Bildung“, „Kompetenz“, „Leistung“ oder „Bildungsminimum“ seien nicht einfach gegeben, sondern theoretisch konstruiert. Die empirische Bildungsforschung tue jedoch häufig so, als würde sie eine objektiv vorhandene „Erziehungswirklichkeit“ lediglich messen.
- Kritik an einem verkürzten Wissenschaftsverständnis
Casale kritisiert ein Wissenschaftsverständnis, das Forschung nahezu ausschließlich mit Messung und empirischen Verfahren identifiziert. Dadurch werde nur untersucht, was sich operationalisieren und messen lässt. Fragen nach den Voraussetzungen, Zielen und normativen Grundlagen von Bildung würden dagegen ausgeblendet. Als Beispiel nennt sie das Konzept des „Bildungsminimums“. Die empirische Forschung könne messen, ob ein Bildungsminimum erreicht werde. Sie könne abernicht beantworten, worin dieses Bildungsminimum eigentlich bestehen soll und nach welchen gesellschaftlichen oder politischen Kriterien es festgelegt wird.
- Kritik an PISA und der Bildungssteuerung
Casale setzt sich mit der Entwicklung seit PISA auseinander. Sie erkennt an, dass inzwischen auch Vertreter der empirischen Bildungsforschung selbst kritische Bilanzen ziehen. Dennoch sieht sie ein Grundproblem fortbestehen: Die empirische Bildungsforschung legitimiere ihre Bedeutung weiterhin vor allem durch ihren Nutzen für Bildungsplanung und Bildungspolitik. Dadurch werde Bildungspolitik eng an Messbarkeit, Standards und Steuerungswissen gekoppelt. Die Frage, wie Bildung sein sollte, trete gegenüber der Frage zurück, wie bestehende Prozesse gemessen und optimiert werden können.
- Theorie als mehr als Verallgemeinerung von Daten
Besonders wichtig ist Casale die Verteidigung eines starken Theoriebegriffs. Theorie sei nicht bloß die Verallgemeinerung empirischer Befunde. Gute Theorie müsse in der Lage sein, über das unmittelbar Gegebene hinauszugehen, bestehende Verhältnisse infrage zu stellen und neue Möglichkeiten zu denken. Sie verweist dabei mehrfach auf Theodor W. Adorno und dessen Verständnis von Theorie als kritischer Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse.
Casales Hauptthese lautet: Bildungsforschung darf Theorie und Empirie nicht gegeneinander ausspielen. Forschung müsse die theoretischen Voraussetzungen ihrer Begriffe offenlegen und reflektieren. Es gebe keine „reine“ Erziehungswirklichkeit, die einfach gemessen werden könne. Bildungs- und Erziehungsprozesse seien immer schon durch Begriffe, Kategorien und gesellschaftliche Annahmen strukturiert. Deshalb plädiert sie für eine Bildungsforschung, die empirische Untersuchungen mit gesellschaftstheoretischer und erkenntnistheoretischer Reflexion verbindet. Nur so könne Bildung nicht nur beschrieben, sondern auch kritisch und emanzipatorisch gedacht werden. Casale kritisiert also nicht die Empirie als solche, sondern die Vorstellung, Bildung lasse sich allein durch Messung und empirische Verfahren verstehen; sie fordert eineBildungsforschung, die Theorie, Normativität und Gesellschaftskritik wieder systematisch mit empirischer Forschung verbindet.

Prof. Dr. Rita Casale studierte Philosophie und Geschichte in Bari, Paris und Freiburg im Breisgau und lehrt aktuell an der Uni Wuppertal im Bereich Allgemeine Erziehungswissenschaft/Theorie der Bildung. Forschungsschwerpunkte ihrer Arbeit sind Bildungs- und Erziehungsphilosophie, pädagogische Historiographie, feministische Theorie sowie modernes politisches und pädagogisches Denken. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Arbeiten zur zeitgenössischen Philosophie und arbeitet derzeit an einer Geschichte des Bildungsbegriffs nach 1945.
