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Veranstaltungsdokumentation: Kiez – Kita – Klasse. Soziale Ungleichheiten im Bildungsverlauf mit Prof. Marcel Helbig

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Veranstaltungsbericht

Hier findet ihr das Video zum Vortrag sowie die Folien zum Nachlesen!

Marcel Helbig beschreibt soziale Bildungsungleichheit als einen Prozess, der bereits vor der Einschulung beginnt und sich durch Bewertungen, Übergangsentscheidungen und den Zugang zu Abschlüssen fortsetzt. Seine zentrale Aussage lautet: Eine Förderung der Kompetenzen allein reicht nicht aus, um gleiche Bildungschancen herzustellen. Auch bei vergleichbaren Fähigkeiten unterscheiden sich die Bildungswege von Kindern je nach sozialer Herkunft erheblich.

Die Untersuchung und ihre Aussagekraft

Die vorgestellte Studie verbindet Daten verschiedener Startkohorten des Nationalen Bildungspanels. Damit untersucht sie Bildungsabschnitte von der frühen Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Es handelt sich jedoch nicht um dieselben Personen, die durchgehend von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren begleitet wurden.

Die soziale Herkunft wird anhand von Armut, elterlicher Bildung und beruflichem Status der Eltern erfasst. Für die Darstellung werden diese Merkmale zu unteren, mittleren und höheren sozialen Schichten zusammengefasst. Helbig betont, dass soziale Herkunft für die untersuchten Bildungsungleichheiten insgesamt bedeutsamer ist als der Migrationshintergrund. Die Zuwanderung der Jahre 2015 und 2016 sowie aus der Ukraine ist in den betrachteten Kohorten nicht enthalten. Aussagen zum Migrationshintergrund gelten deshalb ausdrücklich nur für die untersuchten Gruppen.

Frühe Unterschiede in der Kompetenzentwicklung

Bereits bei Dreijährigen zeigen sich soziale Unterschiede im Wortschatz. Auch mathematische und naturwissenschaftliche Vorläuferkompetenzen unterscheiden sich bei den ersten Messungen im Alter von vier beziehungsweise fünf Jahren. Bis zum Schuleintritt vergrößern sich diese Abstände.

Während der Schulzeit bleiben die relativen Kompetenzunterschiede zwischen den sozialen Schichten dagegen weitgehend konstant. Die Kinder lernen hinzu, doch der Abstand zwischen den Gruppen verändert sich wenig. Helbig bewertet diesen Befund aus zwei Perspektiven: Einerseits gelingt es der Schule nicht, die vorhandenen Unterschiede abzubauen. Andererseits verhindert sie offenbar, dass diese trotz weiterhin ungleicher familiärer Lernbedingungen noch größer werden.

Als Beispiel nennt er die mathematischen Kompetenzen am Ende der vierten Klasse: 37 Prozent der Kinder aus höheren sozialen Schichten gehören zum leistungsstärksten Viertel, gegenüber zwölf Prozent aus unteren Schichten. Damit bestehen deutliche soziale Unterschiede, zugleich gibt es auch unter benachteiligten Kindern eine relevante Gruppe besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler.

Die von ihm angesprochenen Rückgänge der PISA-Leistungen ordnet Helbig in frühere Entwicklungen ein. Verschlechterungen seien bereits in der Grundschule erkennbar gewesen. Ursachen dürften deshalb nicht ausschließlich in der weiterführenden Schule gesucht werden. Zugleich verweist er auf einen erneuten Anstieg der Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft, für dessen besondere Stärke im internationalen Vergleich ihm überzeugende Erklärungen fehlten.

Ungleicher Zugang zur frühkindlichen Bildung

Kinder aus höheren sozialen Schichten besuchen früher eine Kita. Kinder aus unteren Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund sind dagegen seltener beziehungsweise später in der Kindertagesbetreuung vertreten. Besonders bedeutsam ist dabei die Bildung der Eltern.

Helbig warnt davor, die geringere Nutzung durch Familien mit Migrationshintergrund vorschnell auf kulturelle Präferenzen zurückzuführen. Eine ergänzend herangezogene Studie zeige, dass der Betreuungsbedarf deutlich über der tatsächlichen Nutzung liege. Würden die Bedarfe gedeckt, wären die Besuchsquoten ungefähr vergleichbar. Dies spreche für Schwierigkeiten beim Zugang zu einem Kitaplatz.

Damit verbringen ausgerechnet diejenigen Kinder besonders wenig Zeit in frühkindlichen Einrichtungen, die nach den von Helbig angeführten Studien besonders stark davon profitieren könnten. Ein früher Kitabesuch könne gerade bei diesen Gruppen die Kompetenzentwicklung und spätere Bildungswege verbessern.

Benotung und Gymnasialempfehlungen

Soziale Ungleichheit zeigt sich nach Helbig auch dann, wenn Kinder vergleichbare Kompetenzen besitzen. Für Deutsch nennt er am Ende der vierten Klasse eine Wahrscheinlichkeit von 59 Prozent für Kinder aus unteren und 69 Prozent für Kinder aus höheren Schichten, mindestens die Note zwei zu erhalten – bei gleichen gemessenen Kompetenzen. In Mathematik sei der Unterschied noch größer. Diese Bewertungsunterschiede hängen vor allem mit der Bildung und dem beruflichen Status der Eltern zusammen. Armut zeige an dieser Stelle keinen entsprechenden eigenständigen Einfluss.

Auch bei der Gymnasialempfehlung bleiben Unterschiede bestehen: Selbst bei gleichen Kompetenzen und gleichen Deutsch- und Mathematiknoten beträgt der Abstand zwischen höheren und unteren Schichten fast 15 Prozentpunkte. Liegt eine Gymnasialempfehlung vor, wechseln Kinder aus höheren Schichten zudem häufiger tatsächlich auf das Gymnasium. Eltern mit niedrigeren Bildungsabschlüssen nehmen diese Möglichkeit seltener wahr.

 

Wie Bewertungsunterschiede entstehen können

Helbig unterscheidet zwischen ungleichen und ungerechten Bewertungen. Noten berücksichtigen neben gemessenen Kompetenzen auch Anstrengung, Mitarbeit, Hausaufgaben und Vorbereitung. Daher sei eine unterschiedliche Benotung nicht automatisch ein Beleg für ungerechtes Handeln.

Allerdings verweist er auf einen engen Zusammenhang zwischen sozial ungleichen Noten und den Einschätzungen der Lehrkräfte zur Begabung und Anstrengungsbereitschaft der Kinder. Er deutet dies eher als Ergebnis subjektiver Wahrnehmungen denn als bewusste Diskriminierung. Als mögliche Erklärung nennt er eine größere Übereinstimmung zwischen den Erwartungen der Lehrkräfte und der Ausdrucksweise oder den Arbeitsweisen von Kindern aus höheren sozialen Schichten.

Ein weiteres Problem sieht Helbig bei Aufgaben, deren Bearbeitung stark von elterlicher Unterstützung abhängt, etwa Buchvorstellungen und Referaten in der Grundschule. Hier könnten familiäre Ressourcen in die Leistungsbewertung einfließen. Dieses Beispiel kennzeichnet er als persönliche Beobachtung und als bislang wenig untersuchten Bereich.

Weitere Bildungswege und Schulabschlüsse

Nach dem Übergang auf das Gymnasium bleiben die sozialen Unterschiede bis zur zehnten Klasse relativ stabil. Anschließend nutzen insbesondere Jugendliche aus mittleren Schichten alternative Wege in die gymnasiale Oberstufe, etwa über Gesamtschulen oder berufliche Gymnasien.

Dadurch verringern sich zunächst die Unterschiede beim Zugang zur Oberstufe. Diese Jugendlichen erreichen jedoch seltener die Hochschulzugangsberechtigung als Jugendliche aus höheren Schichten. Ein erheblicher Teil des anfänglichen Aufholens geht dadurch wieder verloren.

Bei den Schulabschlüssen bleiben deutliche Unterschiede bestehen. In der untersuchten Kohorte erreichen 28 Prozent der Kinder aus unteren Schichten höchstens einen Hauptschulabschluss, gegenüber acht Prozent aus höheren Schichten. Auch bei gleichen gemessenen Kompetenzen besteht für sozial benachteiligte Kinder ein höheres Risiko, keinen höheren Abschluss zu erwerben. Ebenso bleibt der Zugang zur Hochschulreife bei vergleichbaren Kompetenzen sozial ungleich.

Für Helbig stellen diese Befunde die Vorstellung infrage, dass Bildungsabschlüsse allein nach Fähigkeiten und Leistungen vergeben werden.

 

Die Bedeutung des Migrationshintergrunds

Für die untersuchten Gruppen berichtet Helbig auch bei gleicher sozialer Lage von niedrigeren Kompetenzwerten bei Kindern mit Migrationshintergrund, besonders beim deutschen Wortschatz. Bei anderen Kompetenzmaßen seien die Unterschiede geringer.

Eine zusätzliche Benachteiligung durch Lehrkräfte bei der Benotung lasse sich unter Berücksichtigung der Vergleichsmerkmale dagegen nicht feststellen. Bei vergleichbarer sozialer Lage, gleichen Kompetenzen und gleichen Noten würden Kinder mit Migrationshintergrund sogar häufiger eine Gymnasialempfehlung erhalten. Eine solche Empfehlung werde von ihren Familien auch häufiger umgesetzt.

Benachteiligungen sieht Helbig insbesondere beim Zugang zur Kita sowie beim Einstieg in eine Ausbildung für Jugendliche ohne Hochschulreife. Unter denjenigen mit Hochschulreife sei dagegen die Neigung zur Aufnahme eines Studiums höher.

Bildungspolitische Folgerungen

Helbig hält frühe Förderung, insbesondere Sprachförderung vor der Einschulung, für einen richtigen Ansatz. Er hält eine allgemeine Pflicht zum Besuch einer frühkindlichen Einrichtung für ältere Vorschulkinder für sinnvoller als ein Verfahren aus Sprachtests und anschließender Verpflichtung einzelner Kinder. Bei diesem Verfahren befürchtet er einen hohen bürokratischen Aufwand und sieht offene Fragen bei der Durchsetzung.

Seine übergeordnete Kritik richtet sich gegen die starke Konzentration der bildungspolitischen Debatte auf Kompetenzen. Sie verdecke die strukturellen Bedingungen, unter denen Kinder Zugang zu Schulformen und Abschlüssen erhalten. Solange bei gleichen Kompetenzen unterschiedliche Noten, Empfehlungen und Bildungsentscheidungen entstehen, könne Kompetenzförderung allein soziale Bildungsungleichheit nicht beseitigen. Deshalb müssten neben der frühen Förderung auch schulische Bewertungspraktiken und die sozialen Mechanismen an Bildungsübergängen in den Mittelpunkt rücken.