GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Bildungsverständnis(se)

  • Inklusion mit Bildungsstaatsvertrag durchsetzen!

    Es sei ein Verstoß gegen die Menschenrechte, dass das Recht auf inklusive Bildung bei uns in der BRD nur unzureichend umgesetzt wird. Die Bundesrepublik ist dazu zwar nach der Behindertenrechtskonvention verpflichtet, aber ein Hindernis bei der Umsetzung ist, dass die Länder für die Schulen zuständig sind, während die Umsetzung der Konvention den Bund bindet. Brigitte Schumann, die unermüdliche Kämpferin für Inklusion, schlägt vor, zusammen mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte, mit einem Staatsvertrag die Lücke zu schließen. Lest ihren Beitrag hier.

  • „Aller Übel Anfang ist der Unterricht“

    … das ist für viele von uns nichts Neues. Neu ist aber, dass diese Erkenntnis sich nun im Zentralorgan seriöser konservativer Tagespresse, in der FAZ wiederfindet. Dort wird über das „Schulwunder von Wutöschingen“ berichtet, einer Schule im Schwarzwald, in der es keine Noten gibt, in der selbstorganisiertes und kooperativbes Lernen und Erfahren im Mittelpunkt steht. Wer die FAZ regelmäßig liest wird nicht glauben, dass das aus der Feder der für Bildungspolitik zutändiger Redakteurin stammt. Tut es auch nicht, es wurde von einer Wirtschaftsredakteurin, Lisa Becker, geschrieben.

    Lernen der Zukunft

    Das Schulwunder von Wutöschingen

    In einer kleinen Gemeinde im Schwarzwald findet man die wahrscheinlich innovativste öffentliche Schule Deutschlands. Hier wirft ein Direktor mit seinem Kollegium die gängigen Vorstellungen von Unterricht über den Haufen.

     

    Von LISA BECKER

    Stefan Ruppaner ist ein Mann der kurzen Wege. Der Besuch steht für den nächsten Tag an; die Anfrage dazu war umgehend und mit zwei Sätzen akzeptiert worden. Nun ein Anruf: „Sind Sie heute Abend schon in Wutöschingen? Möchten Sie zu unserem Bläserorchesterkonzert kommen?“ Ein freundliches Willkommen in der Aula. Dann verlässt Ruppaner den Raum, kommt mit dem Orchester wieder hinein, nimmt seinen blauen E-Bass und spielt mit. Früher sei er Musiker im Hauptberuf gewesen und Lehrer im Nebenberuf, erzählt der Leiter der Alemannenschule nach dem Konzert. Heute ist es umgekehrt. Mit seiner Band „Popcorn“ tritt er weiterhin regelmäßig auf.

    Nach dem Konzert steht man bei Glühwein und Kinderpunsch zusammen; die Stimmung ist entspannt. „Ich bin schon sehr zufrieden mit dieser Schule“, sagt eine Mutter. Ihre Kinder gingen richtig gerne dorthin; der Tochter seien die Sommerferien sogar zu lang. „Meine Tochter würde am liebsten in der Schule einziehen“, erzählt eine andere. Und was ist das Besondere? „Jedes Kind wird gesehen und motiviert.“

    Anschließend, bei Bier,  Wein  und Wasser im Landgasthof „Ochsen“, erzählt Ruppaner vom Umbau der Schule, deren Leitung er vor etwa zehn Jahren übernommen hat. „Eine sterbende Hauptschule“ sei sie gewesen, der die Schließung drohte. Mit im „Ochsen“ dabei: eine Abordnung von der deutschen Schule in Kairo, zwei Lehrerinnen und ein Lehrer. Man hat von dem außergewöhnlichen Konzept der Gemeinschaftsschule erfahren und will sich das genauer anschauen. Ständig empfängt man in Wutöschingen Besuch. „Montag ist Besuchstag“, sagt Ruppaner. Vor allem Schulen und Gemeinden informieren sich über das mit dem angesehenen Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Konzept.

    „Aller Übel Anfang ist der Unterricht“

    Wie radikal Ruppaner und seine Kollegen Schule verändert haben, muss man freilich erst einmal verkraften. Das klingt nach Revolution, einer friedlichen natürlich, auch wenn Ruppaner nicht an markigen Worten spart. Für das, was er in der 7000-Einwohner- Gemeinde angestellt hat, in einer staatlichen Schule zumal, die eher im Brennpunkt liegt, braucht man sehr viel Willen und Durchhaltevermögen. Denn die Vorbehalte waren riesig und sind noch nicht ganz verschwunden. Geholfen haben auch eine gute Vernetzung – Ruppaner ist seit 28 Jahren im Gemeinderat – und Ehrgeiz. Der energiegeladene Mittsechziger mit den wachen, freundlichen Augen verhehlt nicht, wie es ihm gefällt, dass seine Schule inzwischen in der obersten Liga mitspielt, von Kultusministerinnen und anderen Politikern als Vorzeigeschule empfohlen.

    „Aller Übel Anfang ist der Unterricht“, lautet einer dieser markigen Sätze Ruppaners, die man erst mal verdauen muss; vielen Lehrkräften dürfte er sauer aufstoßen. Oder: Bevor er in eineinhalb Jahren in Rente gehe, müsse er „noch viele Strukturen zerschlagen“. Ruppaner will unbedingt verhindern, dass die Schule dann zu dem Unterricht zurückkehrt, der an deutschen Schulen dominierend ist.

    Im Visier hat er zum Beispiel die Unterteilung in Fächer, die es auch an der Alemannenschule noch gibt. Die würde Ruppaner gerne auflösen. Vieles andere haben er und seine Kollegen schon zu Grabe getragen. Es gibt keine Klassen und keine Klassenzimmer mehr. Es gibt keine 45-Minuten-Schulstunden. Es werden keine Klassenarbeiten für alle zu festen Zeiten geschrieben.

    „Lernpartner“ statt Schüler

    Gehörig verändert hat sich die Tätigkeit der Lehrkräfte, die hier meistens „Lernbegleiter“ sind. Wenn sie an die Schule kommen, müssen sie vieles lernen, was sie in der Lehramtsausbildung nicht gelernt haben. Es geht wenig um Stoffvermittlung und viel darum, sich für die Kinder und Jugendlichen zu interessieren, sie zu beraten und zu motivieren. Nicht allen, auch das wird klar, gefällt diese Tätigkeitsbeschreibung. Streng genommen gibt es auch keine Schüler mehr, sondern „Lernpartner“. Ein solcher, Finn aus der siebten Jahrgangsstufe, steht an einem Stehtisch auf dem „Marktplatz“. Dort darf laut gesprochen werden, anders als in den „Lernateliers“, wo jedes Kind seinen festen Platz in einer jahrgangsgemischten Gruppe hat. Finn schaltet sein  iPad  an, das er wie alle anderen ständig mit sich trägt.

    Seine Lernbegleiterin hat ihm zu Beginn des Schuljahres die Fächer freigeschaltet, die er in der siebten Jahrgangsstufe lernt. „Ich will heute Deutsch lernen“, sagt er. Entschieden hat er das selbst. „Später ist noch Mathe-Input.“ Input sei ein bisschen wie klassischer Unterricht, sagt Finn. „Die Lernbegleiter erklären Stoff.“ Die Input-Stunden – Finn hat jeweils eine in der Woche in Mathe, Deutsch und Englisch – haben einen festen Platz in seinem Lernplan.

    Insgesamt ist dort aber wenig festgelegt. Finn entscheidet weitgehend frei, was er wann lernt. Zum Ende des Schuljahrs muss er allerdings alle Themen auf einem gewissen Mindestniveau bearbeitet haben.

    Selbständigkeit und Verantwortung übernehmen für sich selbst und andere: Das möchten Ruppaner und seine Mitstreiter in den Schülern fördern. Am wichtigsten ist ihm aber: „Sie sollen gerne in die Schule kommen und ein gutes Leben haben.“ Man nimmt ihm das ab. Als er die Leitung der Schule übernahm, habe er selbst nicht geglaubt, dass fast alle Schüler weitgehend selbstbestimmt lernen können, schon gar nicht die eigenen. In einer Doku erfuhr er von einer Schule, in der freies Lernen praktiziert wurde. Das faszinierte ihn. Er machte sich mit Kollegen auf den Weg, sie begannen mit der 5. Klasse. Nach drei, vier Jahren sei schon viel verändert gewesen.

    Selbst organisiertes Lernen

    „Man muss den Kindern die Gelegenheit geben, etwas zu lernen“, ist ein weiterer Satz von Ruppaner, der sitzt. Im üblichen lehrerzentrierten Unterricht sehe es von außen so aus, als lernten alle gut, das sei aber bei Weitem nicht so. „Wenn einige es nicht verstanden haben, geht die ganze Klasse trotzdem weiter. Bei uns wird hingegen nachgelernt.“ Wer auf die Eigenständigkeit der Schüler setze, müsse freilich aushalten, dass sie auch mal nichts lernten.

    „Wir hatten eine Chill-out-Lounge eingerichtet für die, die lieber chillen als lernen wollten, auch damit sie die anderen nicht störten“, erzählt Ruppaner. „Zu Beginn war sie voll, nach zwei Wochen aber leer.“

    Pauline, ebenfalls siebte Jahrgangsstufe, war schon um 7.25 Uhr in der Schule, Orchesterprobe. Dann hat sie einen Deutsch-Input besucht. „Ich halte mich an den Input- Plan“, sagt sie. Klar lerne sie freiwillig. „Meistens lerne ich mit meiner Schwester und einer Freundin auf dem Marktplatz“, erzählt sie. „Wir erklären uns den Stoff gegenseitig.“ Beim Gang durch die luftig-hellen Schulgebäude sieht man einige Schüler alleine auf Stühlen, Sofas, Sesseln oder Sitzkissen sitzen. Meistens trifft man sie allerdings in Grüppchen an. Der Mensch lernt offensichtlich gerne in Gesellschaft.

    Einmal in der Woche geht Pauline, wie ihre Mitschüler, zum Coaching mit ihrer Lernbegleiterin. Es dauert 15 bis 20 Minuten. Sie schauen gemeinsam, was Pauline gelernt hat und wie sie weitermachen könnte. „Und welche Gelingensnachweise ich schreiben könnte“, erzählt Pauline. Wann sie diese Tests absolviert, entscheidet sie selbst. „Man korrigiert auch selbst“, erklärt sie. Um zu bestehen, müsse man eine hohe Punktzahl erreichen. Zweimal kann ein Gelingensnachweis wiederholt werden.

    „Wir decken den Tisch. Essen müssen die Schüler selbst“

    Ruppaner erklärt das Konzept der Schule gerne am Beispiel einer Mahlzeit: „Wir decken den Tisch. Essen müssen die Schüler selbst.“ Wichtig sind auch die Tischmanieren – es gibt viele Regeln an der Alemannenschule, man könnte auch sagen: Anreize. Wer sich anständig verhält, pünktlich ist, Termine einhält, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft übernimmt, bekommt mehr Rechte, darf zum Beispiel auf dem Marktplatz lernen und nicht nur an seinem festen Platz im Lernatelier. Man kann aufsteigen, vom Neustarter, zum Starter, zum Durchstarter, zum Lernprofi. Den erreichten Status möchte man halten oder verbessern. Ganz wichtig ist: Man steigt nicht wegen besonders guter Schulleistungen auf, sondern wegen sozialer Kompetenzen, auf Neudeutsch „social skills“.

    Das SoL, selbst organisierte Lernen, ist jedoch nur einer der beiden Flügel der „Schmetterlingspädagogik“, die an der Alemannenschule praktiziert wird. Der andere Flügel ist das LdE: Lernen durch Erleben. Dieses findet nachmittags statt und in Gruppen. Dafür meldet man sich über sein Tablet an. Finn hat schon „Glück“ gewählt und „Ernährung und Verdauung“. Ganz besonders hat ihm gefallen, als sie im Wald nach Tierspuren gesucht haben.

    Ohne die starke Digitalisierung der Schule wäre dieses Konzept nicht möglich, sagt Ruppaner. Wenn das WLAN mal nicht funktioniere, was dreimal im Jahr der Fall sei, dann sei das „wirklich schlimm“. Jedes Kind hat für zwölf Euro im Monat einen Tabletcomputer,

    der alle drei Jahre ausgetauscht wird. Wer sich das nicht leisten kann, wird vom Förderverein unterstützt. Schulbücher gibt es an der Alemannenschule nicht mehr, dafür umfangreiche Lernmaterialien auf den iPads. Das selbst organisierte Lernen funktioniere nur, wenn diese hervorragend konzipiert seien. Erstellt werden sie von der gemeinnützigen Genossenschaft Materialnetzwerk eG, in der sich etwa 60 Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz austauschen. Ihr Sitz: Wutöschingen. Der Vorstandsvorsitzende: Stefan Ruppaner.

    Datenschutz? Kein Problem

    Erstellt werden Open-Source-Materialien, sie können frei bearbeitet und weiterverbreitet werden. Von 200 Euro an im Jahr kann jede beliebige Schule eine Lizenz erwerben und die Materialien an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Die Alemannenschule habe früher 50 000 bis 60 000 Euro im Jahr für Schulbücher ausgegeben, sagt Ruppaner. Jetzt wende man vielleicht 500 Euro im Jahr für Lernmaterial auf.

    Datenschutz sei an der Schule kein Problem, sagt Ruppaner. Man arbeitet in einer Open- Source-Umgebung mit dem Namen DiLer, die an der Schule mitentwickelt wurde und die auch andere Schulen kostenlos nutzen können. „Sie funktioniert seit zehn Jahren fehlerfrei.“ Wer ansonsten Schwierigkeiten mit der Technik hat, wendet sich an einen iPad-Assistenten; das sind Schüler, die dafür ausgebildet wurden. Die nächste Stufe ist der Lernbegleiter im Medialab der Schule. Wenn das Problem dort nicht gelöst werden kann, kümmert sich die Gemeinde.

    Nach zwei Tagen Hospitanz hat den Lehrer aus Kairo besonders beeindruckt, wie viel Zeit die Lehrkräfte für ihre Schüler haben. „Sie können wirklich eine Beziehung aufbauen.“ Auf einem Rundgang durch die modern und gemütlich eingerichteten Schulgebäude mit unterschiedlichen Räumen, Nischen und Sitzgelegenheiten grüßt Ruppaner ständig Schüler, kennt alle mit Namen. Er klatscht ab, stellt eine Frage; die Kinder freuen sich offensichtlich, ihn zu sehen.

    „Wir machen es nicht wegen der Schulleistungen“,

    Einige der Besucherschulen sind dabei, das pädagogische Konzept der Schule zu übernehmen. Andere hätten Bedenken, weil sie in alten Gebäuden untergebracht seien, erzählt Ruppaner. Man habe aber auch ganz klein angefangen, Tische auseinandergestellt und jedem Schüler einen eigenen Arbeitsplatz eingerichtet, mit einer Holzkiste auf jedem Tisch für die Ordner. 20 Euro für jedes Kind habe das gekostet und ein paar Jahre funktioniert. Dann kam der Erfolg, Anmeldungen und Schülerzahlen stiegen; heute sind es rund 900. Man bekam den schönen Neubau.

    Und wie hält man es mit Noten? Verpflichtend sind sie von der achten Klasse an, vorher kann man die Testergebnisse in Noten umrechnen lassen. Ruppaner schaltet sein iPad ein. „Kennen Sie Vera?“ Vera steht für „VERgleichsArbeiten“, die in Mathe, Deutsch und Fremdsprachen in allen Bundesländern durchgeführt werden. Der Schulleiter zeigt Schaubilder: Die Leistungen der Alemannenschüler liegen deutlich über dem Durchschnitt. Im vergangenen Schuljahr hat man den ersten Abiturjahrgang entlassen, mit der Durchschnittsnote 1,7. Der Durchschnitt in Baden-Württemberg betrug 2,2. „Wir machen es nicht wegen der Schulleistungen“, sagt hingegen Ruppaner. Und auch: „Gute Leistungen sind wichtig, damit wir machen können, was wir machen wollen.“ Die guten Noten bringen öffentliche Anerkennung, sie halten ihm und seinem Team den Rücken frei – damit sie Schule weiter über den Haufen werfen können.

     

  • Greffrath: „Dienstjahr“ in der Schulzeit als Polytechnischer Unterricht

    Ein obligatorisches Praktisches Jahr als Teil der Schulzeit – durchaus bezahlt, aber mit einer nützlichen Tätigkeit: das könnte dem gesellschaftlichen Zusammenhalt nützen, und den jungen Menschen „gesellschaftliche Lernprozesse, Erweiterungen des sozialen und politischen Horizonts“ bringen, meint Mathias Greffrath  in seinem Radio-Essay „Zeitenwende – eine Inspektion“, hier der zweite Teil „gesellschaftlicher Zusammenhalt“, im DLF am 26.12.2022 gelaufen, hier in der Mediathek (auch als Manuskript). Greffrath spricht dabei von „polytechnischer Bildung“. Ich finde, ein durchausdiskussionswürdiger Voschlag.

  • Veranstaltungshinweis 21.1.23: Entschleiern – Verstehen – Initiieren – Eingreifen.  Zur Bedeutung des Materialismuskonzepts für die Pädagogik heute. Tagung des AK Kritische Pädagogik

    Einladung zur 40. Arbeitstagung des AK Kritische Pädagogik der Rosa Luxemburg Stiftung 

     

    Entschleiern – Verstehen – Initiieren – Eingreifen. 

    Zur Bedeutung des Materialismuskonzepts für die Pädagogik heute 

    Samstag, den 21.1.2023, 9:30-17:00 Uhr an der Universität Duisburg-Essen, Universitätsstr. 2, 45141 Essen

    Anmeldung: ak-kritische-paedagogik@rosalux.org

    Pädagogik, die nicht im Modus eines „naiven politischen Systembezug“ (Hans-Jochen Gamm) verharren möchte, ist einerseits auf die Reflexion der gesellschaftlichen Funktion von Erzie-hung und Bildung verwiesen sowie auf die Entlarvung ideologischer Konzepte, die von Seiten der Herrschenden lanciert werden. Andererseits gilt es einen pädagogischen Gedankengang zu entwickeln, der trotz der Übermacht der Verhältnisse Handlungsoptionen im Horizont der Entfremdung andenkt und seine Hoffnung auf die Anbahnung individueller und kollektiver Emanzipationsprozesse legt, die zu einer umwälzenden Praxis führen können. Die kritisch-materialistische Pädagogik bietet hierzu ein umfangreiches Arsenal an Theorieelementen, Analysen und Entwürfen, die sowohl hinsichtlich der Theorieentwicklung als auch in verschie-denen pädagogischen Handlungskontexten aufschlussreiche Erkenntnisse ermöglichen. 

    Die Tagung stellt Anfragen an das Erklärungspotenzial und die Aktualität materialistischer-humanstischen Pädagogik, wie sie von einem ihrer Begründer und zentralen Vertreter, dem vor rund 10 Jahren verstorbenen Hans-Jochen Gamm in den 1970er Jahren ff. systematisch ausgearbeitet und dargelegt wurde. 

    Die Tagung richtet sich explizit auch an Studierende und Nachwuchswissenschaftler/innen sowie an Praktiker/innen. 

    Eine Teilnahmegebühr wird nicht erhoben.Weitere Informationen erhalten Sie/erhaltet ihr nach Anmeldung. Zur Anmeldung und für weitere Informationen senden Sie/sendet bitte eine E-Mail an ak-kritische-paedagogik@rosalux.de. 

    Zum Arbeitskreis Kritische Pädagogik 

    Der Arbeitskreis Kritische Pädagogik der Rosa-Luxemburg-Stiftung versteht sich als offenes Forum für den Austausch über grundlegende pädagogische Fragestellungen aus gesellschafts-kritischer Perspektive. Sein Anliegen ist es, Erziehungswissenschaftler*innen, pädagogische Praktiker*innen sowie alle weiteren, an pädagogischen Fragen Interessierten miteinander ins Gespräch zu bringen, um Ansatz- und Entwicklungsmöglichkeiten für eine emanzipatorische Pädagogik in Theorie und Praxis unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen aus-zuloten. Im Fokus seiner Arbeit stehen aktuelle Tendenzen im Feld der Erziehung und Bildung, die vor dem Hintergrund ihrer historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit theoretisch in den Blick genommen und hinsichtlich ihrer praktischen Implikationen diskutiert werden. 

    Der AK trifft sich in der Regel an wechselnden Orten, sowohl in Präsenz als auch digital. Für weitere Informationen sowie Anmeldungen zu den Tagungen wenden Sie sich/wendet Euch an uns via AK-Kritische-Paedagogik@rosalux.org. 

    Solidarische Grüße 

    Lukas Eble und Simon Kunert

     

    Tagungsprogramm 

    Grundlagen materialistischer Pädagogik 

    Zum Materialismuskonzept in der Erziehungs- und Bildungswissenschaft im Anschluss an Hans-Jochen Gamm (Lukas Eble) 

    Zum Archiv kritisch-materialistischer Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen 

    Ausgewählte Aspekte materialistischer Pädagogik 

    „Parteinahme für die klassenmäßig Benachteiligten“. Aktualität und Reichweite materialistischer Erkenntnisinstrumente im Anwendungsbereich pädagogischer Wirklichkeit. Ein Diskurs mit Hans-Jochen Gamm (Dr. Dominik Novkovic) 

    „Impulse kritisch-materialistischer Pädagogik für die Lehrer:innenbildung“ (Anne Gräf) 

    Grundriss einer Pädagogik der Ent-fremdung im „Horizont der Entfremdung“. Eingriffe in eine widersprüchliche Praxis (Stefan Schuster) 

    „Standhalten im Dasein“ – pädagogische Implikationen im Anschluss an Hans-Jochen Gamm (Dr. Alf Hellinger) 

    Abschlussdiskussion: Impulse und Perspektiven (Dr. Marco Steffen) 

     

  • Anderes Lernen hilft gegen Lehrkräftemangel!

    „Ich träume von einer Schule ohne Fächer, ohne Noten, ohne Stundenraster, wo Kinder von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang lernen können – auch indem sie an einem Auto schrauben, Theater spielen oder im Garten arbeiten.“ Sagt unsere Freundin Martina Seifert, lange Schulleiterin in Duisburg-Rheinhausen, deren Schule nun Gesamtschule ist und mit dem Deutschen Schulpreis geadelt wurde. Träumen ist schön, aber was haben diese Träume mit der Realität zu tun? Da fehlen gerade Lehrkräfte, 40 000, und diese Lücke lässt sich nicht von heute auf Morgen schließen, sondern frühestens in fünf, sechs Jahren. Aber auch nur, wenn es genügend Studienplätze für das Lehramt gibt, wenn Studiengänge auf den Lehrerberuf und nicht auf die Fachwissenschaftlerin zugeschnitten werden, und wenn der Lehrberuf hierzulande so attraktiv wird wie beispielsweise in Finnland.

    Studienplätze zu schaffen, die dem gesellschaftlichen Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern entsprechen, kann man nicht den Hochschulen überlassen, dazu ist politische Steuerung nötig, ganz Mutige sprechen von Planung.

    Die Ausbildung der Lehrkräfte ist ein besonderes Kapitel.   Wenn an die Stelle der bisherigen Fachwissenschaft, plus ein wenig Pädagogik als Ideengeschichte und vielleicht noch ein bisschen Fachdidaktik eine „Bildungswissenschaft“ tritt, die aber, anders als die Bezeichnung suggeriert, gar keinen Begriff von Bildung hat, von den Zielen von Lernen, von Persönlichkeit und deren Entwicklung, dann hilft das auch nicht weiter. Die Trennung von wissenschaftlichem Studium an den Hochschulen und schulpraktischer Ausbildung im Referendariat zementiert die Trennung von Theorie und Praxis – mit fatalen Folgen. Nötig ist die Wiederbelebung der einphasigen Lehrkräfteausbildung.

    Wie kann der Lehrerberuf attraktiver werden? A13 für alle, das ist trivial, aber unabdingbar, und zwar sofort. 40 Prozent der Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit. Das lässt sich nicht durch mehr Geld ändern – darauf verzichten sie ja, sondern nur durch bessere Arbeitsbedingungen: Entlastung von Verwaltungsarbeiten durch Verwaltungskräfte, bessere Arbeitsorganisation durch Teamarbeit, Berücksichtigung der Arbeit neben dem Unterricht in der Arbeitszeit, Arbeitsplätze, die auf Kooperation und Teamarbeit angelegt sind.

    Quer- und Seiteneinsteigerinnen sind oft besser als ihr Ruf: Sie bringen Lebenserfahrung und Handlungswissen mit, sie haben oft schon selbst erfahren, wie man in der realen Welt seinen Platz im Leben finden kann und sind von daher oft gute Vorbilder. Klar – oft fehlt ihnen das pädagogische Handwerkszeug. Studierende kommen an die Schule, um Lücken im Personal zu füllen: Auch das ist sinnvoll, wenn es angeleitet wird – Schülerinnen und Schüler haben etwas davon, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten, und die Studierenden sammeln erste Berufserfahrungen, die sie, wenn es gut organisiert ist, auch im Studium auswerten können. Aber da sind wir schon wieder beim Träumen. Auch wenn das in relativ kurzer Zeit machbar wäre.

    Wir schlagen vor, an einem anderen Punkt anzusetzen: Ist es nicht höchste Zeit darüber nachzudenken, wie gelernt wird und wie Schulen organisiert sind? Damit meine ich nicht, was gegenwärtig hoch im Schwange ist, man könnte die Kids doch zuhause vor den Rechner setzen, das wäre doch zeitgemäßes, individualisiertes Lernen, das spart nicht nur Personal, sondern auch Schulräume. Manches lässt sich so vielleicht lernen, Vokabeln, Grammatik, Rechnen, aber sicher nicht Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit. Man kann auch Fachleute für Vorträge in die Schule holen, die sprechen dann vor 80 Schülern, in der Oberstufe. Wir denken in die umgekehrte Richtung: Mehr miteinander und voneinander lernen. In Gruppen, die gemeinsam Aufgaben lösen, die das vielleicht auch außerhalb der Schule tun, die dafür die Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen. Da kann eine Lehrerin, eine Assistentin auch mal an einem Vormittag mehreren Gruppen hintereinander helfen, oder vielleicht kommen auch mal Kinder eine ganze Zeit lang aus, ohne dass ihnen dabei jemand über die Schulter guckt.  Warum glauben wir nicht (mehr) daran, dass junge Menschen sich gern Aufgaben stellen, Anstrengungen auf sich nehmen, wenn sie dafür ein Ziel vor Augen haben, nicht nur die Note im Zeugnis? Eine solche Schule, von der Martina träumt, wäre eine Entlastung für Lehrerinnen und Lehrer. Mehr Lehrerinnen fordern, bessere Bezahlung ist eine Sache, die andere: bessere Arbeitsbedingungen und eine andere Auffassung von Schule, in der nicht nur im Stundentakt und in der Jahrgangsklasse gelernt wird. Ich glaube, an der Green-Gesamtschule – wie an vielen anderen Reformprojekten – gibt es dafür schon Beispiele.

    Karl-Heinz Heinemann

     

  • Gemeinsam lernen – gegen soziale Spaltung und Lehrkräftemangel!

    Kann man den Lehrkräftemangel durch mehr Internet-Lernen beheben? Manche scheinen darin eine kurzfristige Lösungsmöglichkeit zu sehen. Wir denken: das ist der falsche Weg. Seht dazu den Kommentar von Karl-Heinz Heinemann. Wir brauchen mehr gemeinsames Lernen. Beispiele dafür gibt es an der Green-Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen. Die nun pensionierte Schulleiterin Martina Seifert stellt sie vor.

    „Wer den Aufstieg ermöglicht, schafft das Tal nicht ab!“ (zitiert nach Klaus Klemm) – Interventionen einer Schule, die sich dem Kampf um Bildungsgerechtigkeit verschrieben hat.

     

    Die Green Gesamtschule (vormals Gesamtschule Körnerplatz) ging am 12.08.2015 als Sekundarschule Rheinhausen an den Start. Der Schulgründungsprozess war mit der Kritik der Schule an der für sie bestimmten Schulform vom ersten Tag an eng verknüpft. Die Gründung als Sekundarschule empfanden wir als „bildungsungerecht“.

    Zum Hintergrund: Im Juli 2011 vereinbarten die politischen Akteur*innen des Düsseldorfer Landtages den sog. Schulkonsens, der in NRW eine weitere, integrierte Schulform – die Sekundarschule ohne Oberstufe – auf den Weg brachte und gleichzeitig verabredete, das selektive Gymnasium unangetastet zu lassen. Dies geschah zudem zu einem Zeitpunkt, als der Skandal, dass die Bundessrepublik im Vergleich mit anderen Ländern schwere Versäumnisse in der Frage der Inklusion zu verantworten hatte, deutlich wurde. Die Frage, wie eine Schulform Gymnasium, der es noch nicht einmal gelingt, sog. Hauptschüler*innen zu integrieren, sich der Vielfalt widmen sollte, wurde ignoriert und beiseite geschoben.

    Für uns war von Anfang an klar, dass die Frage nach Bildungsgerechtigkeit ganz eng mit der Diskussion um die Schulstrukturdebatte verbunden ist. Wir starteten mit 120 Schüler*innen, von denen grob 40 bei uns „sein wollten“, weil sie vorher schon keine Chance sahen, von einer der anderen Schulen im Viertel aufgenommen zu werden. Der Rest der Schüler*innen wurde von den anderen Schulen abgelehnt. In Steinwurfnähe befinden sich 2 Gymnasien und zwei Gesamtschulen – die Sekundarschule war damit die einzige Schule im Stadtteil ohne eigene Oberstufe und fand, das war für uns keine Überraschung, bei Schüler*innen und Eltern keine Akzeptanz. Dass die Schulform mindestens im großstädtischen Raum nicht funktionieren kann, zeigte dann auch eine Studie 2016,  die von Marc Mulia u.a. von der Universität Bochum  vorgelegte Studien. https://www.rosalux.de/publikation/id/9131/auf-dem-weg-zu-einer-schule-fuer-alle?cHash=a8dfe4342ffcbe0d0a36d23d8725432a.

    Für die Schule kam erschwerend dazu, dass der amtierende Oberbürgermeister der Stadt Sören Link als schulpolitischer Sprecher der SPD  diesen Schulkonsens maßgeblich verhandelte. Und so startete die Stadt Duisburg voller Zuversicht die Offensive, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, in dem man das Ziel ausrief, alle Haupt- und Realschulen in Sekundarschulen umzuwandeln. Dieser Prozess ist gestoppt und aus den drei Sekundarschulen in Duisburg sind nur noch 2 übrig geblieben.

    Die Sekundarschule Rheinhausen wurde von Anfang an als „Restschule“ wahrgenommen. Dies hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Selbstkonzepte der SchülerInnen,  die zu uns kamen. Sie hatten kein Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit, denn vielfach hatten sie schon in der Grundschule keine gute Schulerfahrung gemacht – sie bekamen dort bereits den Schulformstempel –  und auch kein Vertrauen zu uns. Im Stadtteil mussten sie sich immer wieder gegen Anfeindungen – vielfach auch rassistischen – zur Wehr setzen, denn von Anfang an war es uns ein Herzensanliegen, Interkulturalität in den Fokus unserer Arbeit zu nehmen, ein Ansatz, der in einer gespaltenen Gesellschaft nicht auf ungeteiltes Lob stößt.

    Die Startbedingungen waren also mehr schlecht und zeigten sich auch in der Zusammensetzung des Kollegiums: 2017 bestand das Kollegium zur Hälfte aus Kolleg*innen im Seiteneinstieg, mit der entsprechend niedrigen Bezahlung und einem vergleichsweise geringen Erfahrungsschatz in Bezug auf Unterricht und die bildungspolitische Begleitung von Schüler*innen. In einer Anhörung im Düsseldorfer Landtag im Oktober 2019, zu der ich als Expertin geladen war, habe ich die These gewagt, es gäbe in ganz NRW keine „billigere“ Schule als die Sekundarschule Rheinhausen.

    Im letzten August wurde dann die Sekundarschule Rheinhausen in eine Gesamtschule umgewandelt. Dieser Schritt ist auf der Oberfläche ein wichtiger Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit, weil in einem Stadtteil Duisburgs nun das Zweisäulenmodell umgesetzt wurde. Dies ist ein Kompromiss, denn von „Einer Schule für alle“ sind wir meilenweit entfernt und können auch nicht die Augen davor verschließen, dass Schulen, je nachdem in welcher Stadt – oder in welchem Stadtviertel sie liegen, ganz divergierende Bedingungen mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Bildungschancen der Schüler*innen durch die sachliche oder personelle Ausstattung aufweisen.

    Die Entscheidung, die Schule umzuwandeln wurde getroffen, weil wichtige Akteur*innen in der Stadt das Potential der Schule erkannten, die einen wichtigen, integrativen Beitrag in Rheinhausen leistet.

    Seit dem Schuljahr 2015/2016 arbeiten wir mit lokalen Akteur*innen mit dem Ziel,  Lernangebote zu erweitern und die starre Anordnung schulischen Lernens aufzubrechen, zusammen. Die Schule ist bis einschließlich Jahrgangsstufe 11 aufgebaut und beheimatet zur Zeit 1080 Schüler*innen, darunter viele Kinder und Jugendliche mit Migrations- und Fluchterfahrung, manche gehören der Volksgruppe der Sinti oder Roma an. Viele Familien leiden unter schlechten und engen Wohnverhältnissen, Armut und Rassismus.

    Die Situation der Schule und die Zusammensetzung der Schüler*innenschaft bilden den Hintergrund für den transformativen Anspruch der Schule, der herkömmliche Lernkonzepte sprengt – und sprengen muss. Hier werden Kooperation und ganzheitliches Lernen im sozialen Raum der Schule zusammengedacht, um die Selektionsmechanismen von Bildung und Schule zumindest teilweise zu durchbrechen. Wir sehen die Kreativität, die Lernfreude und -bereitschaft der Schüler*innen, sind interessiert an ihren Lebensbedingen und neugierig auf ihren kulturellen Background. In Projekten, dem Kooperativen Lernen (https://www.gesamtschule-koernerplatz.de/unsere-schule/im-ueberblick/konzepte/unser-schulkonzept-kooperatives-lernen/) , dem implementierten Projekttag (https://www.gesamtschule-koernerplatz.de/?s=Eida) und den Theater- und Musikprojekten der Schule (https://www.gesamtschule-koernerplatz.de/?s=Bahtalo) verpflichten wir uns zum demokratischen Diskurs, zur Ambiguitätstoleranz.

    Die Umsetzung dieses Konzeptes erreichen wir durch eine in der Schule vollständig implementierte Kooperationskultur, die sich sowohl im Unterricht, als auch in der Lehrer*innenschaft und in der Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partner*innen zeigt. Die Schule ist in den Gliederungen der Zivilgesellschaft ebenso vernetzt wie im politischen und universitären Raum und hat im Rahmen von 2 Bewerbungen für den Deutschen Schulpreis herausragende Rückmeldungen bekommen. Beide Bewerbungen und alle Unterlagen dazu sind auf der Homepage der Schule https://www.gesamtschule-koernerplatz.de/ unter „Unsere Schule – im Überblick – Bewerbung um den Deutschen Schulpreis zu finden“. Im Jahr 2018-2018 verfehlten wir knapp die Gruppe der  förderungswürdigen 20 Schulen und im Mai 2021 wurde der Schule der Deutsche Schulpreis Spezial in der Kategorie „Zusammenarbeit in Teams stärken“ durch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier verliehen. So kritisch wir die Verlagerung des Diskurses über Schul- und Unterrichtsqualität in den Einflussbereich von Stiftungen (https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/einfluss-von-stiftungen-genau-hinsehen/) betrachten, ist es dennoch bemerkenswert, dass eine Schule wie die Green Gesamtschule diesen Preis gewonnen hat, weil wir uns in unserer Wahrnehmung deutlich von anderen Schulen dadurch unterscheiden, dass wir die Organisationsformen von Schule (Fächer, Noten, Selektion) ganz grundsätzlich in Frage stellen und in Teilbereichen in unserer Praxis ganz erheblich gegen den Strich gebürstet sind.  In den Bewerbungsverfahren trafen wir auf eine nicht geringe Anzahl von Bildungswisenschaftler*innen und Kolleg*innen aus der Bildungsadministration, die die sich für Veränderungen im Bildungsbereich einsetzen. Dies betrifft die Entwicklung von Unterricht gleichermaßen wie die notwendigen Veränderungen der Lehrer*innenbildung und der Lehrer*innenarbeitszeit. Die Rekontextualisierung der Erkenntnisse aus dem Umfeld des Deutschen Schulpreises in Bezug auf Erlasse, Verfügungen und Gesetze bleibt allerdings eine Leerstelle, die dringend geschlossen werden muss.

    Unser Erfolg als Schule liegt zu einem erheblichen Teil in einem klugen Konzept, die Kooperation der LehrerInnen zu organisieren.

    (https://www.gesamtschule-koernerplatz.de/wp-content/uploads/2020/12/20_12_19-%C3%9Cberarbeitung-Team-Modell.pdf). Dieses Konzept ist wirkliche kein Hexenwerk und u.E. leicht in Schulen umzusetzen – auch außerhalb von NRW – und so haben wir dem Ministerium für Schule und Bildung NRW  selbstbewusst angeboten, dieses Modell vorzustellen. Diesem Modell liegt die Überzeugung und Erfahrung zugrunde, dass die herausfordernde Arbeit an der Green Gesamtschule nur im Diskurs zu leisten ist. Dies gilt u.E. für alle Schule, stellen sie sich den gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Veränderung der Lehrer*innenarbeitszeit ist eine unmittelbare Konsequenz, die aus unseren Erfahrungen gezogen werden müsste. Wir sind gespannt ob unser Schulministerium auf uns zukommt.

    Schauen wir uns die Interventionen der Schule an, Bildungschancen zu erhöhen, Bldungsungerechtigkeit zu begegnen, zeigt sich auch bei den Schulen rund um den Deutschen Schulpreis kein einheitliches Bild dazu, wie Schulen mithelfen können, die soziale Spaltung zu verringern, diese zu thematisieren und ihre Konzepte auf notwendige Transformationen umzustellen. Schulen mit Lernbüros (vielfach arbeiten hier SchülerInnen mit Arbeitsblättern auf drei Niveaustufen (sic – Dreigliedrigkeit ohne Strukturen der Ko-konstruktion kognitive Kompetenzen ab, eine Beobachtung, die wir vor dem Hintergrund unserer Überlegungen mehr als problematisch finden) sind ebenso preiswürdig wie Schulen, die einem umfänglichen kooperativen Ansatz fahren. Hier wird es sich zeigen, welche Konzepte als tragfähige Antwort gesehen werden, Schüler*innen zu bilden. Wird Schule nicht genutzt, um das Denken in seiner ganzen Breite zu trainieren und die Horizonte zu weiten, werden Schüler*innen auch nicht mit den wesentlichen Fragen unserer Zeit konfrontiert. Gesellschaftlich zentrale Themen wie Armut, Ökologie, Geschlechterdiversität oder Krieg werden gar nicht oder selten ganzheitlich behandelt und zerfasern im herkömmlichen Unterricht in kompetenzorientierte Bausteine, die vielfach bei den SchülerInnen erwünschte Antworten produzieren, ohne, dass es uns durchgängig gelingt, an die Werthaltungen, Gedanken und Gefühle der SchülerInnen zu gelangen. Selten sehe ich Unterricht, in denen Lehrer*innen und Schüler*innen empört sind. So fällt es auch uns in der herrschenden Schulstruktur schwer, neue Perspektiven zu entwickeln, die doch so zentral wären angesichts der existenzbedrohenden Herausforderungen, denen die Menschheit aktuell gegenübersteht. Und so fällt es eben auch schwer, die SchülerInnen für gesellschaftliche Partizipation zu gewinnen, die doch so notwendig dafür ist, dass wir gemeinsam dem Tal – die fundamentale Spaltung unserer Gesellschaft – begegnen können.  Insofern sind wir uns in der Schule bewusst, dass wir Schüler*innen zu einer nicht geringen Zahl aus Armut herausbrechen und mittels Bildung vor Armut bewahren – nicht mehr aber auch nicht weniger. Über Bildung / Schulen grundsätzliche, gesellschaftliche Veränderungen zu realisieren, gehört m.E. in den Bereich der Mythenbildung, Menschen dafür aber zu gewinnen sich in den gesellschaftlichen Diskurs einzumischen, gesellschaftliche Realität zu verändern,  dazu können Schulen einen wichtigen Beitrag leisten – insofern sind wir realistisch und versuchen das Unmögliche weiter!

    Martina Seifert

     

     

     

  • Schule muss anders – eine tolle Initiative in Berlin

    Mehr Lehrkräfte ausbilden, Schulen sanieren und mehr Schulplätze schaffen, und mehr Zeit und Personal für Inklusion und Beziehungsarbeit sind die zentralen Forderungen dieser Basisinitiative in Berlin – ein Beispiel auch für andere Bundesländer.

    Hier ihr Forderungskatalog

  • Reinhard Stähling: Der Mythos der anregungsarmen Schule

    Der Mythos der anregungsarmen Schule

    Es braucht Konzepte für das Unterrichten im sozialen Brennpunkt – nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Barbara Wenders und Reinhard Stähling unterrichten an der Primus-Schule in Münster und haben ein Buch über das Modellprojekt geschrieben

    Interview: Thomas Gesterkamp

    Wie sieht das Umfeld der Schule aus, an der Sie unterrichten?

    Barbara Wenders: Unsere Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt, wir benutzen diesen umstrittenen Begriff bewusst. Sie ist die einzige Schule in dem von Hochhäusern geprägten Ortsteil Berg Fidel im Süden von Münster, einer ansonsten sehr bürgerlich geprägten Stadt. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die hier wohnen, sind vom Leben nicht verwöhnt. Sie haben es in vielerlei Hinsicht schwer, sind unsicher im Gebrauch der deutschen Sprache. Ihre Eltern haben Geldprobleme, sind arbeitslos oder alleinerziehend. Viele Kinder und Jugendliche sind zudem durch Fluchterfahrungen traumatisiert. Aber alle haben ihre persönliche Geschichte und Kultur, und dies versuchen wir konstruktiv beim gemeinsamen Lernen zu nutzen. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Kind morgens behütet und mit einem Frühstück versehen zur Schule kommt oder ob es wegen beengter Wohnverhältnisse nicht gut schlafen konnte, weil es zu laut war. Wir versuchen, die Stärken der Schülerinnen und Schüler zu sehen und das Lernen so zu organisieren, dass es für alle Kinder, die in diesem Stadtteil wohnen, zu Erfolgen führt.

    Ihre Schule ist ein Modellversuch des Landes Nordrhein-Westfalen. Ursprünglich war sie eine reine Grundschule für die ersten vier Jahrgangsklassen. Wie haben Sie es geschafft durchzusetzen, dass die Schülerinnen und Schüler dort nun zehn Jahre lang zusammen unterrichtet werden können?

    Reinhard Stähling: 2010 hat unsere Schulkonferenz einen Antrag gestellt, die Grundschule bis zum Schulabschluss zu verlängern. Dieser Bruch nach Klasse vier war immer eine Barriere, die wir endlich überwinden wollten. Eine aktive Elterninitiative hat dann richtig Druck gemacht. 2012 kam ein Film über unsere inklusive Schule in die Kinos, im gleichen Jahr haben wir ein Buch herausgebracht und einen Kongress veranstaltet. 300 Interessierte aus ganz Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland kamen nach Münster und unterstützten uns, es war eine Aufbruchstimmung. Das Ministerium fand dies bemerkenswert und wollte dann eine komplett neue Schulform gründen. Primus heißt Primar- und Sekundarstufen in einer Schule unter einer Leitung, seither unterrichten wir bis zum zehnten Jahrgang.

    Welche Bildungserfolge haben Sie durch das längere gemeinsame Lernen erreicht?

    Stähling: Dass wir die Kinder über so viele Jahre zusammen in einem solidarischen Geiste unterstützen und ihre eigenen Potenziale wecken, statt sie in verschiedenen Schulformen getrennt zu unterrichten, zeigt Wirkung. Unsere Zehntklässler übertrafen bisher fast alle die ihnen gestellten Bildungsprognosen, sie erreichten höhere Abschlüsse, als man ihnen zugetraut hatte.

    Die Coronakrise hatte und hat drastische Auswirkungen auf die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen. Schulschließungen und Distanzunterricht führten dazu, dass ohnehin Benachteiligte weiter abgehängt wurden. Welche Erfahrungen haben Sie als Lehrende in der Pandemie gemacht?

    Stähling: Brennpunktstadtteile haben überall eine mehrfach höhere Inzidenz als die bürgerlichen Viertel. Wer in engen Wohnverhältnissen lebt, steckt sich einfach schneller an. Einige unserer Kinder mussten mehrmals hintereinander in Quarantäne, weil Verwandte infiziert wurden. Den Armen ist nur geholfen, wenn die Pandemie eingedämmt wird.

    Wenders: Dass es um die Bildungschancen vieler Kinder und Jugendlicher nicht gut steht in Deutschland, wird durch die Folgen von Corona besonders deutlich. Unser Kollegium hat einen Kaltstart in Sachen Digitalisierung hingelegt, und damit waren wir ziemlich erfolgreich. Wenn auch nicht alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden konnten, trotz Telefonaten und Hausbesuchen: Der größte Teil hat sich nicht vergessen gefühlt.

    Die immer wieder verlängerten Lockdowns machten die »feinen Unterschiede«, wie sie der französische Soziologe Pierre Bourdieu genannt hat, zwischen verschiedenen Milieus sichtbar. Was können Sie gegen die wachsende soziale Ungleichheit an den Schulen tun?

    Wenders: Wir können die »feinen Unterschiede« nicht wegzaubern. Die gibt es, und genau deshalb finde ich, Schule muss solidarisch sein. Es bringt nichts, als Lehrerin Vergleiche anzustellen oder zu jammern, dass die Kinder immer schwieriger werden. Das stimmt ja auch gar nicht. Jedes Kind ist, wie es ist, und hat das Recht, an der Stelle weiterzulernen, wo es steht.

    Stähling: Wir haben von Beginn an versucht, die Ausbreitung des Virus zu reduzieren. Das gelang, indem wir die Kinder nur in ihren Klassengruppen ließen und nicht mit anderen Klassen mischten. Auch andere übergreifende Arbeitsgemeinschaften und Angebote haben wir ersetzt durch die Arbeit nur in der Klasse. Wenn sich dann dort eine Infektion zeigte, waren die anderen Klassen kaum betroffen. Die Schule musste nicht geschlossen werden. Als Nebeneffekt wuchs die Klassengemeinschaft stärker zusammen und unterstützte sich.

    Schulen in Brennpunktvierteln werden als »anregungsarm« bezeichnet. Was kritisieren Sie an dieser Zuschreibung?

    Stähling: Wer Worte wie bildungsfern und anregungsarm benutzt, muss sich fragen lassen, ob er jemals in einem Brennpunkt ernsthaft mit den Kindern, Jugendlichen und Familien gesprochen hat. Wer kein eigenes Kinderzimmer hat, keinen Internet-Anschluss oder Computer, kein gesundes Essen kauft, nicht schwimmen kann, sich keine Busfahrkarte leisten kann oder nicht Deutsch spricht, macht das nicht, weil er zu wenig Anregungen dazu bekommt. Das zu behaupten ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen dort. Sie leben schlicht in Armut und können sich nichts leisten. Wenn die Schule keine gesunde Bio-Mahlzeit oder keine guten Buntstifte bereithält, wer soll es bezahlen? Wenn die Schule nicht das Schwimmen beibringt, wer dann? Etliche Eltern wollen die staatliche Unterstützung für das Mittagessen in der Schule beantragen, aber selbst wenn sie von Sozialarbeitern unterstützt werden, dauert die Bearbeitung der Anträge häufig so lange, dass das Geld nicht rechtzeitig eintrifft.

    Ihre pädagogischen Konzepte beruhen auf Ideen des brasilianischen Lehrers Paulo Freire, der für Lateinamerika eine »Pädagogik der Unterdrückten« entwickelt hat. Was ist das Besondere an diesem Ansatz?

    Stähling: Freire ist vor allem bekannt für seine erfolgreichen Alphabetisierungskampagnen. Die Lösung von sozialen Problemen wurde damit verbunden, die Schriftsprache zu lernen. Freire hat sich gegen die »kulturelle Invasion« der ehemaligen Kolonialherren gewandt. Von ihm können wir lernen, die Menschen mit ihren Fragen und Problemen wirklich ernst zu nehmen. Wer als geflüchtete Familie in Armut lebt und wessen Vorfahren vielleicht Opfer des Kolonialismus sind, kommt in unsere Schulen, um dort einen verlässlichen und sicheren Rahmen vorzufinden: keine Gewalt, kein Hunger, keine Krankheit, sondern Hilfe und Bildung für die Kinder.

    Was sind die »verborgenen Stärken« von benachteiligten Kindern und Jugendlichen, die Sie wecken wollen?

    Wenders: Die Kinder im Brennpunkt sind stark in der gemeinsamen Erfahrung, dass ihnen nichts geschenkt wird. Sie halten in der Regel zusammen. Sie tragen kulturelle Schätze in sich. Einige können auch wütend und verweigernd sein, wenn diese Schätze nicht geachtet und respektiert werden. Zum Beispiel die Muttersprache, die sie sprechen, oder die Musik, die sie hören. Oder Rituale und Religionen, die sie mitbringen. Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob man sie ernst nimmt oder nur so tut als ob – und hinterher schlecht über sie spricht. Die pädagogische Arbeit hier macht sehr viel Spaß, dieser hört allerdings auf, wenn keine öffentliche Unterstützung erfolgt. Ungleiches muss ungleich behandelt werden, nur das ist gerecht.

    Wie kommen Ihre praxisorientierten Konzepte in wissenschaftlichen Fachkreisen an? Gibt es da Differenzen?

    Stähling: Das überholte Paradigma des »anregungsarmen Lernmilieus« in einer Brennpunktschule wird in der Forschung inzwischen hinterfragt. Man spricht in Fachkreisen stattdessen von »erwartungswidrig guten Schulen«. Das bedeutet ja, dass man etwas überraschend Neues entdeckt hat. Indem wir dies anders bewerten, ändern sich auch die Versuche der Problemlösung.

    Ihre Arbeit ist mittlerweile bundesweit bekannt. Sind Sie zum Vorbild geworden, werden die Ideen anderswo aufgegriffen?

    Stähling: Wir werden viel angefragt von Schulen, die einen neuen Aufbruch wagen wollen. Unsere Besucher kommen aus ganz Deutschland und auch aus den Nachbarländern. Wir stehen im ständigen Kontakt mit anderen Schulen, von denen wir lernen können.

    Wenn Sie die gesellschaftliche Utopie eines künftigen Bildungssystems entwerfen, das benachteiligte Kinder und Jugendliche nicht mehr ausgrenzt, sondern fördert und integriert: Welche Vorschläge und Forderungen richten Sie an die Politik?

    Stähling: In jedem sozialen Brennpunkt eine Schule von der ersten bis zur zehnten Klasse, eine durchgehende Schule vom Anfang bis zum Abschluss unter einer Leitung. Eine Schule ohne Brüche, die nicht aussondert …

    Wenders: … sondern mit allen Kindern des wohnortnahen Umfeldes solidarisch verbunden ist.

    Reinhard Stähling/Barbara Wenders: Worin unsere Stärke besteht. Eine inklusive Modellschule im sozialen Brennpunkt. Psychosozial-Verlag, 520 S., br., 54,90 €.

    Bundesausgabe vom Sa, 05.02.2022 – Seite 19

  • Was ist Bildung? Von Karl-Heinz Heinemann

    Karl-Heinz Heinemann: Was ist Bildung?
    Und welche Bildung wollen wir? Linke? Emanzipatorische? Kritische? Ich bin ehrlich gesagt ratlos, habe darüber so viel gelesen und geschrieben, so unterschiedliche Konjunkturen des Begriffs erlebt, dass ich mir nicht anmaße, dazu eine gültige Antwort geben zu können. Und diese ganzen Attribute sind sinnlos: Bildung kann nur kritisch sein und Emanzipation zum Ziel haben. Und wenn es keine rechte Bildung gibt, kann es auch keine linke geben, zumal das Ergebnis eines Bildungsprozesses offen sein muss.

    Wir brauchen einen Bildungsbegriff, nicht, um die sich darauf beziehende Disziplin von anderen Wissenschaften abzugrenzen. Sondern wir brauchen einen Begriff, um die Eigenständigkeit von Bildung gegen neoliberale Unterwerfungspolitik  zu behaupten, um Reformangebote kritisieren und einordnen und um selbst auch ein Ziel von Bildungspolitik entwickeln zu können.

    Was wir nicht wollen ist Bildung als Distinktionsmerkmal. Womit wir Probleme haben ist Bildung als Selektions- und Zuteilungsinstrument. Doch diese Funktion aufzuheben ließe sich nur über eine Veränderung von Arbeit, Beschäftigung und gesellschaftlicher Hierarchisierung erreichen. Die Bindung von Schulabschluss und beruflicher Position müsste aufgelöst werden (was längst im Gange ist – der taxifahrende Historiker) und die Institutionen – vor allem Schule und Hochschule – durch ein System permanenter Bildung, durch ein flexibles System freier Bildung ersetzt werden. (Siehe dazu Alex Demirovic: Bildung und Gesellschaftliche Arbeitsteilung, in: Luxemburg 2/21, S. 78-80) Also: Alternativen zur Schule und Hochschule, das würde auch die Kritik an diesen Institutionen aufgreifen und dem alten Ruf nach Abschaffung der Schule eine reale Perspektive geben. Real aber erst im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Veränderung von Arbeiten und Wirtschaften. Gegenwärtig ist es völlig legitim, wenn institutionelle Bildung, der Erwerb nicht nur von Abschlüssen, sondern auch von Kenntnissen und Fähigkeiten instrumentell, als Weg zu einer attraktiveren beruflichen Position gesehen wird. Ein linkes Bildungskonzept muss das berücksichtigen.

    Zu einer Zeit, als in der Alt-BRD und der 68er-Bewegung „Bildung“ als ein Begriff aus der Mottenkiste der geisteswissenschaftlichen Pädagogik in Verruf war, sprachen wir von Doppelqualifikation: Wir eignen uns Kenntnisse und Fähigkeiten an, die wir einerseits für eine sinnvolle und auskömmliche Position im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess benötigen, mit denen wir andererseits aber in der Lage sind, unsere eigene Tätigkeit im Rahmen des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses hinterfragen zu können. Diese Fähigkeiten wird man dann erwerben (wollen), wenn man auch die Möglichkeit hat, sie einzusetzen – also, einerseits eine sinnvolle Arbeit zu finden und andererseits auch Möglichkeiten ergreifen kann, sich einzumischen, auch dort, wo man eigentlich nicht gefragt ist.  Kann das die Schule?

    Bildung braucht einerseits Distanz und die Fähigkeit zur Distanzierung, also Dinge kritisch zu betrachten, auch eigene Standpunkte infrage zu stellen, über das eigene Blickfeld hinaus gesellschaftliche und globale Probleme zu sehen und anderseits Nähe, also die Bereitschaft, sich einzumischen. Damit sind wir bei den Klafkischen Schlüsselproblemen: Umwelt, Frieden soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte. Oder, zugespitzt wie bei Matthias Greffrath: Was brauchen wir im Anthropozän?

    Kann man das in einer tendenziell „totalen Institution“ wie der Schule lernen, in der alles und alle nur nach von außen gesetzten Regeln agieren? Wohl kaum. Schule neu denken: ein sozialer Ort, der nicht in den Schuhkartons klassischer Schularchitektur stattfindet. In dem nicht nur Lehrerinnen, sondern auch andere Menschen, die Wissen, Erfahrungen und Engagement vermitteln können, Schülerinnen helfen, sich Ziele zu setzen, sich Aufgaben zu stellen und sie auch zu lösen, egal, ob in oder außerhalb der Schule, vielleicht auch mal am Bildschirm.

  • Bildung – Annäherung an einen Begriff. Ein Vorschlag der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Bildung der LINKEN NRW

    Einleitung
    Im ersten Schritt soll mit ein paar Hinweisen ausgeschlossen werden, was nicht mit
    Bildung gemeint ist. Bildung ist nicht mit Bildungsabschlüssen zu verwechseln, ist
    nicht Ausbildung und auch mehr als Qualifikation. Bildung ist auch nicht die Haltung
    eines feinsinnig Gebildeten, der seine Innerlichkeit pflegt, kein Kanon des
    hochkulturellen Wissens oder ein festumrissener Bestand von Kulturgütern, aber
    auch kein Quiz-Wissen und nicht nur auf Fakten bezogen. Bildung geht nicht ohne
    Wissen, aber es gibt ein Wissen ohne Bildung. Bildung ist aber auch nicht nur
    Persönlichkeitsentwicklung von Individuen. Vielmehr geht es um die allseitige
    Entwicklung des Menschen.
    Zweitens: Bildung ist an die Idee der Bildsamkeit des Menschen gebunden. Der
    Mensch besitzt die Fähigkeit, sich zu bilden und sich so zur Welt und sich selbst, zu
    seinen Erfahrungen in den ihn mitbestimmenden gesellschaftlichen Verhältnissen
    lernend zu verhalten. Er bildet sich selbst und wird nicht gebildet. Bildung bezieht
    sich darauf, dass der Mensch durch Natur und durch Sozialisation nicht festgelegt ist,
    weil ihm selbstverantwortliches, vernünftiges Handeln möglich ist. Bildung ist daher
    als Selbstgestaltung des Lebens in reflektierender und erkenntnissuchender Weise
    zu verstehen. Dabei wird auch Reflexion des eigenen Handelns ermöglicht.
    Welches Verständnis von Bildung hat die Partei „Die Linke?
    Diese knappen und allgemeinen Voraussetzungen beachtend, vertritt die Partei „Die
    Linke“ einen Bildungsbegriff, der der Tradition von Bildung in ihrer
    jahrhundertelangen Geschichte folgt: Bildung ist keine Anpassung, sondern schließt
    geistigen Widerstand ein. Ein solches Widerstandspotenzial wird durch Elemente der
    Selbstreflexion, der Kritik und der Selbstbestimmung hervorgebracht. Bildung ist also
    ein Vorgang der intellektuellen Selbstermächtigung des Menschen und stellt eine
    wertende und parteiliche Kategorie dar, die auf eine Welt- und Selbstveränderung
    nach Maßstäben der Vernunft und Humanität abzielt, die von keiner Gesellschaft
    ausgelöscht werden kann. Bildung ist der Wille zum Wissen und zur Wahrheit sowie
    der Mut, leidenschaftlich für Vernunft und vernünftige gesellschaftliche Verhältnisse
    einzutreten, die selbstverständlich dazugehören.
    Unser Bildungsbegriff folgt einem kritisch-materialistischen Verständnis von Bildung,
    die auf der Grundlage der konkreten gesellschaftlichen Erfahrungen der Individuen
    und ihrer Lebensweise in der Gesellschaft beruht. Weil Bildung sich materialistisch
    versteht, fragt sie nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen und Bedingungen
    für Bildung, aber auch ihren Blockaden.
    Bildung ist damit nie abgeschlossen, sondern vor dem Hintergrund veränderter
    gesellschaftlicher Zwänge und Notwendigkeiten stets neu zu bestimmen. Bildung ist
    keine ausschließlich individuelle Gestaltung des Welt- und Selbstverständnisses des
    Einzelnen. Daher kritisiert Bildung solche Verhältnisse, die Menschen vereinnahmen
    wollen oder von einer naturwüchsig wirkenden Macht des Faktischen ausgehen.
    Bildung ist von daher kritisch.
    Eine solche kritische Bildung nimmt Kritik ernst, versteht sie als Prinzip, alles kritisch
    zu hinterfragen. Damit ist auch das Eintreten für Wahrheit und Vernunft gemeint. Vor
    allem Herrschaftskritik ist gemeint, die die Defizite, Ungerechtigkeiten und
    Unstimmigkeiten zwischen Anspruch und Realität aufzeigt. Sie erhebt Einspruch
    gegen gesellschaftliche Zwänge, macht sie bewusst und lässt Möglichkeiten für eine
    andere Welt und Gesellschaft erkennen, für die sie dann auch eintritt.
    Das Ziel einer kritischen Bildung ist die Realisierung von individueller und kollektiver
    Mündigkeit. Mündigkeit bezieht sich damit auf das Individuum und seinen
    Sozialisationsprozess ebenso wie auf die Gesellschaft und ihre Fähigkeit,
    grundlegende Herausforderungen produktiv bewältigen und damit menschliche
    Lebensverhältnisse schaffen zu können. Individuelle Mündigkeit ist ohne
    gemeinschaftliche Anteile nicht realisierbar. Ebenso kann kollektive Mündigkeit ohne
    das Einwirken individueller Prozesse nicht erreicht werden. Mit kollektiver Mündigkeit
    ist die Fähigkeit gemeint, sich den ökonomisch-gesellschaftlichen
    Entwicklungstendenzen nicht willenlos zu fügen, sondern sie mit politischer
    Entschlusskraft selbstbestimmt im Interesse am Menschen und in einer Allianz mit
    den Naturverhältnissen zu gestalten. Mündigkeit als zentrales Ziel kritischer Bildung
    verdeutlicht, dass Bildung nicht neutral sein kann. Dabei vergewissert sie sich auch
    stets selbst, dass sie ihrem Anspruch sozial-moralischer Verbindlichkeit nachkommt.
    Neben dem zentralen Begriff der Mündigkeit ist „Emanzipation“ als individuelle und
    kollektive Fähigkeit ein Ziel. Hier geht es um die Frage, ob der Einzelne seine
    Biografie selbst mitgestalten kann oder wie Vereinnahmung, Fremdbestimmung und
    sozio-kulturelle Abhängigkeiten überwunden werden können. Emanzipation ist dabei
    ebenso wie Mündigkeit nicht nur individuell verkürzt zu denken, sondern auch als
    kollektives Gefüge mit dem Ziel befreiender Identitätsbildung. Sie kann und wird
    ausschließlich von selbstbestimmt denkenden und handelnden Subjekten vollzogen,
    die allein in der Lage sind, sich selbst zu befreien und zu bemächtigen und
    Fremdbestimmung zurückzudrängen.
    Bei dem Bemühen um Emanzipation als individuelles und soziales Projekt sollte nicht
    nur Selbstverfügung, Selbst- und Mitgestaltung und Humanität mitgedacht werden.
    Kritische Bildung wirkt daher auch einer Entsolidarisierungstendenz in einer von
    neoliberaler Ideologie geprägten Gesellschaft, die von sozialer Kälte,
    Ellenbogenmentalität und mit der Aushöhlung human-solidarischer Umgangsformen
    geprägt ist, entgegen. Vielmehr erschließt ein solches Bildungsverständnis die
    gemeinschaftlich–solidarische Subjektwerdung des Menschen.
    Ein solchermaßen kritisch sich verstehender Bildungsbegriff reflektiert aber auch die
    eigenen Selbstbilder. So besteht die Möglichkeit, einer idealisierenden Überhöhung
    zu entgehen und sich ein reflektierendes Instrumentarium anzueignen, das die
    Widersprüchlichkeiten und die eigenen Verstrickungen in die jeweils spezifischen
    hegemonialen Strukturen selbst bewusst macht.
    Bezugstext: Gernod Röken: Kritische Bildung – eine unverzichtbare Notwendigkeit oder eine
    Tautologie? Einführung in Grundlagen einer solchermaßen bestimmten Ausrichtung des
    Pädagogikunterrichts. Erschienen in: Püttmann, Carsten (Hrsg.): Bildung. Konzepte und
    Unterrichtsbeispiele zur Einführung in einen pädagogischen Grundbegriff, Didactica Nova, Band 29,
    Hohengehren 2019, Schneider Verlag, S. 158 – 196, Literaturangaben u. Kennzeichnung der Zitate
    dort)