GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Digitalisierung

  • Kein Mensch lernt digital – Digitalisierung und Allgemeinbildung. Von Karl-Heinz Heinemann

    Digitalisierung in der Schule und Bildung –  ist das eine Chance, Lernen zu optimieren und indiviuduelle Entfaltungsmöglichkeiten zu erschließen, oder ein Einfallstor für die Konzerne, die davon  leben, die totale Überwachung, Formierung und Formatierung von Lernprozessen, die kaum noch als Bildung zu begreifen sind? Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bereitet dazu eine Broschüre vor, darin dieser einleitende Beitrag von Karl-Heinz Heinemann

    Hier als PDF runterladen!

    Digitalisierung ist anscheinend unser Schicksal: Wir sollten möglichst schnell nicht nur auf den
    fahrenden Zug aufspringen, sondern uns auch bis zur Lok vorarbeiten: Digitalisierung first, Bedenken
    second. Auch wem das nicht passt, der/die weiß: Digitalisierung verändert nicht nur die Produktion
    und den Austausch materieller und immaterieller Güter, sondern unsere gesamte Lebensweise – die
    Kommunikation, die sozialen Beziehungen, die Aneignung und Verbreitung von Informationen und
    Wissen. Insofern ist es ziemlich überflüssig darüber zu diskutieren, ob Digitalisierung in der Schule
    etwas zu suchen habe oder nicht. Nur: in der Linken ist längst der Glaube daran zerstört, dass der
    Fortschritt von Wissenschaft und Technik, also auch die Digitalisierung, die Vergesellschaftung von
    Produktion und Lebensweise weiter voranbringt – also Fortschritt bedeutet. Wenn nun die
    Digitalisierung die Schulen und das Lernen grundlegend umwälzen soll, stößt das eher auf Skepsis als
    auf Begeisterung.

    Wie viel Informatik braucht der Mensch? Was müssen wir angesichts des Klimawandels wissen? In
    welchem Ausmaß nehmen uns Roboter die Jobs weg? Was bedeutet künstliche Intelligenz? Was
    macht unser Mensch-Sein aus? Eine Schule, die diese Fragen bewusst ausklammern würde, hätte
    ihren Bildungsauftrag verfehlt. Um sie zu erörtern, braucht man freilich keine flächendeckende
    Ausstattung mit Laptops, sondern engagierte Lehrerinnen und Lehrer und möglicherweise auch
    entsprechende Vorgaben in Lehrplänen und Schulbüchern.

    In der öffentlichen Debatte geht es darum, welche Rolle Digitalisierung in der Schule und der Bildung
    spielen sollte. Dabei sollten wir unterscheiden, dass es zum einen um die mit Digitalisierung nur
    schemenhaft beschriebenen gesellschaftlichen Prozesse geht, die Inhalt und Gegenstand von Schule
    und Lernen werden sollten, anderseits um den Einsatz digitaler Medien in Schule und Unterricht. Oft
    fokussiert sich die Debatte auf Letzteres, sowohl bei den „Freunden“ als auch den Kritikern der
    Digitalisierung: Sollen Computer in die Schule? Wenn ja, ab welchem Alter? Mit dem Digitalpakt
    haben Bundes- und Landesregierungen erst einmal eine Willensbekundung abgegeben, die
    Ausstattung mit Computern, Netzen und Software kräftig zu fördern. Völlig zu Recht steht die Frage
    im Raum: Wer bekommt das Geld, wer profitiert davon in ganz materiellem Sinne?

    Computer in die Schule? Digitalisierung als Modethema? Kaum ein Thema wird in der linken
    Bildungsdebatte so heftig und kontrovers diskutiert. Grob gesagt stehen sich zwei Lager gegenüber:
    Auf der einen Seite die BildungspolitikerInnen in den diversen Gremien. Die in der
    Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung der linken Partei zusammengeschlossenen PraktikerInnnen
    trafen sich vor einem Jahr, um über die Digitalisierung in der Bildung zu diskutieren. Sie kamen sehr
    schnell von den im Programm angekündigten inhaltlichen Themen wie „Medienkompetenz, Inhalte
    von Medienbildung“ auf die miserable Ausstattung von Schulen mit Computern, klagten über
    fehlende Lehrerfortbildung , sie freuen sich, wenn ihnen Samsung einen Klassensatz Tablets zur
    Verfügung stellt und diskutieren über die Möglichkeiten des Minicomputers „Calliope“. Sie fragen, ob
    sich die soziale Spaltung weiter vertiefen wird, weil die einen die Digitalisierung nur als
    KonsumentInnen erfahren, die anderen dagegen lernen, wie sie sich zunutze machen können.

    Auf der anderen Seite die KritikerInnen. Linke ErziehungswissenschaftlerInnen, die sich im
    Gesprächskreis Bildungspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung trafen, sahen in der Einführung digitaler
    Medien in die Schule eine weitere Fessel für emanzipatorische Bildungsprozesse: Unternehmen
    verkaufen ihre Maschinen und ihre Software, und SchülerInnen verlernen das selbständige Denken in
    Strukturen, die möglicherweise andere sind als die Algorithmen ihrer Maschinen. Digitalisierung
    steht für die Unterordnung von Bildung unter die kapitalistische Ökonomie. PISA, VERA, QUIMMS
    und wie die vielen Vergleichstests heißen, und neue, am Leitbild des Unternehmens orientierte
    Steuerungsmodelle für Schulen und Hochschulen, sind deren augenfälliger Ausdruck, ebenso wie der
    Bolognaprozess mit seinen bürokratischen Zumutungen, die, wenn sie denn wirklich ernst
    genommen und nicht von gewitzten Wissenschaftlerinnen und Studentinnen unterlaufen würden,
    die Freiheit der Wissenschaft längst erstickt hätten. Der heute in jedem Lehrplan stehende
    Kompetenzbegriff ist ihnen suspekt, da er den Einzelnen auf sich selbst als den Unternehmer seiner
    selbst zurückwerfe und den Begriff der Bildung ersetzen solle. Ihm entspricht eine instrumentelle
    Orientierung auf neue Medien und Computer, deren Einsatz derart fetischisiert wird, dass er
    unabhängig von den darin steckenden Inhalten zum Wert an sich wird. Damit einher gehe eine
    Umwertung von Autonomie, Freiheit und Verantwortung. Digitalisierung wird als Zurichtung auf die
    Bedürfnisse des Kapitals gesehen.

    Im Hintergrund lauert ein alter Streit: kann, darf Bildung auf einen Zweck ausgerichtet sein, soll
    Schule und Studium auf einen Beruf vorbereiten, oder muss sie nicht gerade befreien von den
    Fesseln einer durch ständische Fesseln und soziale Abhängigkeiten und Unterdrückung eingeengten
    Existenz? Allgemeine Bildung heißt seit Comenius: allen alles zu lehren, und auch Humboldt
    postulierte eine Bildung, die sowohl dem Tischler den Zugang zur Philosophie eröffnet als auch, auf
    der anderen Seite, dem Philosophen das Handwerk. Also „Brauchbarkeit“ versus „Allseitigkeit“? Ganz
    klar: Der Maßstab für Bildung muss sein, ob sie allen, unabhängig von der Herkunft, alle
    Möglichkeiten erschießt, sich diese Welt anzueignen, sich selbst im Gestaltungsprozess, der Arbeit
    heißt, zu verändern, Möglichkeiten zu eröffnen, die die Gesellschaft gegenwärtig der Mehrheit noch
    vorenthält: so sprachfähig zu sein, dass man am öffentlichen Diskurs teilnehmen kann, hinterfragen
    zu können, was sich im Betrieb und in den unmittelbaren Beziehungen tut ebenso wie was bei den
    Koalitionsverhandlungen oder in den Nachrichten verhandelt wird.

    „Brauchbar“ war im reaktionären Bildungsverständnis der Untertan, der die Ausbildung nur für den
    ihm vorherbestimmten Platz in der Gesellschaft bekommt und mit Gottesfurcht und Kaisertreue
    daran gehindert wurde, über seinen Tellerrand hinaus zu gucken. Mit dem Argument der
    mangelnden Brauchbarkeit mag heute mancher naive Schüler infrage stellen, wofür er
    Differentialrechnung, Goethe oder Kunstunterricht braucht. („Ich kann Gedichte interpretieren, aber
    verstehe den Mietvertrag nicht.“) Nur das als brauchbar und wichtig anzusehen, was sich aus der
    unmittelbaren Lebenswelt erschließt, wäre exkludierend und zutiefst undemokratisch, weil es
    Menschen auf ihre schon durch die Schullaufbahn vorbestimmte Rolle im Berufsleben einengt. Die
    Stromrechnung verstehen und ein Bewerbungsschreiben aufsetzen und damit gut, das wäre
    reaktionär.

    Die Auseinandersetzung mit „Digitalität“, wie etwa Schorb und Verständig schreiben, ist nützlich,
    nicht, weil man damit morgen am Computer arbeiten kann, sondern weil man einen Eindruck von
    den Veränderungen im technischen, ökonomischen und sozialen Raum bekommt, Voraussetzungen
    also für Autonomie. Bildung, auch digitale Bildung, wird nicht dadurch definiert, dass sie unnütz ist. Selbst das scheinbar zweckfreie Parlieren über Emilia Galotti, über Arnold Schönberg oder die Wiener Klassik ist ja enorm
    nützlich. Wer in der Bank nicht hinterm Schalter sitzen bleiben, sondern in die 30. Etage aufsteigen
    will, der braucht dieses Distinktionswissen mehr als das über doppelte Buchführung. Die Erwartung,
    über die schulische Allgemeinbildung und später auch über ein Studium den Zugang zu einem
    anspruchsvollen Beruf zu finden, über den man einen Platz in dieser Gesellschaft hat und der für den
    Lebensunterhalt taugt, ist nur legitim. Eine Bildungspolitik, die diesen Aspekt individuellen Nutzens
    von Bildung vernachlässigt oder verleugnet, wäre arrogant, elitär und exkludierend. Also: etwas über
    den Umgang mit Computern lernen zu wollen ist legitim. Und Schule, als ein Raum, der nicht auf
    unmittelbaren Nutzen programmiert ist und in dem ökonomische Interessen, anders als in
    kommerziellen Angeboten, nur vermittelt zum Tragen kommen, ist dafür besser geeignet als
    kommerzielle Angebote oder das alleinige Selbststudium.

    Im marxistischen Teil der Studentenbewegung der 1970er Jahre kursierte – damals übrigens nicht
    unwidersprochen – das Theorem der „Doppelqualifikation“. Man will eine berufliche Qualifikation
    erwerben und zugleich die Befähigung, die eigene Tätigkeit gesellschaftlich einzuordnen und kritisch
    hinterfragen zu können. (Dieser Ansatz war damals im MSB Spartakus deshalb umstritten, weil man
    meinte, auf den zweiten Teil verzichten zu können, und der Kampf für mehr Bafög, billiges
    Mensaessen und Wohnheimplätze sei eine korrekte Massenlinie). Damals kritisierten wir eine von
    der gesellschaftlichen und beruflichen Realität gleichermaßen abgehobene akademische Ausbildung.
    Heute hat uns diese Kritik eingeholt und überholt, weil gesellschaftliche und individuelle Interessen
    an der Ausbildung verkürzt werden auf die Verwertbarkeit im Sinne des Kapitals. Wir sollten darüber
    sprechen, wie heute eine verkürzte Berufsorientierung im Studium überwunden werden kann
    zugunsten dieser Doppelqualifikation – für den Beruf und für die Vertretung der eigenen Interessen
    an einer sinnvollen Gestaltung der Arbeit und der gesellschaftlichen Organisation.

    Vielleicht hilft die Rückbesinnung auf die polytechnische Bildung, allseitige Bildung und
    „Brauchbarkeit“ zu vermitteln. Für Karl Marx ist sie neben geistiger Bildung und körperlicher
    Erziehung die dritte Säule einer Bildung für alle: Mit der Entwicklung der großen Industrie wurden
    Naturwissenschaften und Technologien zu einem entscheidenden Hebel der gesellschaftlichen
    Umgestaltung. Für Karl Marx war deshalb „polytechnische Ausbildung, die die allgemeinen Prinzipien
    aller Produktionsprozesse vermittelt“, neben geistiger und körperlicher Erziehung wichtig. Es ging
    schon damals um die „allgemeinen Prinzipien“, die durchaus praktisch im besonderen
    Produktionsprozess angeeignet werden könnten, also nicht um platte Berufsvorbereitung.
    Gleichermaßen wichtig war ihm die praktische Anwendung – wie sie später im Realsozialismus als
    „produktive Arbeit“ der Schülerinnen und Schüler wieder auftauchte. Etwas Sinnvolles tun, den
    gesellschaftlichen Nutzen von Arbeit zu erfahren, dieser Gedanke der Verbindung von Schule und
    Leben spielte ja auch in der (bürgerlichen) Reformpädagogik eine wichtige Rolle. Und er richtet sich
    gegen die in der Pädagogik in geisteswissenschaftlicher Tradition verbreitete Verachtung von
    gegenständlicher Arbeit und der daraus resultierenden Trennung von höherer und minderer Bildung,
    wozu ja die Bildung in den „Realien“ zählte.

    Für uns heißt das: zu lernen, dass man auf Computern nicht nur spielen kann, sondern was sonst
    noch alles damit möglich ist, gehört unbedingt zur Allgemeinbildung. Die Möglichkeiten der
    Informationstechnik im Lernprozess sinnvoll einzusetzen ist gerade dort erforderlich, wo
    Bildungsdefizite aufzuarbeiten sind, etwa bei der Aneignung der deutschen Schriftsprache, im
    Fremdsprachenlernen oder in der Mathematik. Die Möglichkeiten sind vielfältig.
    Schule und Bildung dürfen nicht jedem Trend hinterherlaufen. Sie betreiben keine Berufsausbildung,
    noch nicht einmal Berufsvorbereitung im strengen Sinn, sondern Vorbereitung auf ein
    selbstbewusstes, selbstbestimmtes Leben in einer Welt und Gesellschaft, die wir heute noch nicht
    kennen und zureichend beschreiben können. Bildung bedeutet die Fähigkeit, sich von der
    Unmittelbarkeit der Anschauung distanzieren zu können, Differenz zu erkennen. Die griechische
    Polis, das Römische Reich, der Faschismus, Goethe, Shakespeare, Brecht und Böll als
    Lerngegenstände in der Schule können dazu befähigen, Probleme der Datensicherheit oder der
    Veränderung sozialer Beziehungen heute zu verstehen. Der Basic-Kurs, den ich vor 35 Jahren
    mitgemacht habe, nützt nichts mehr beim praktischen Umgang mit Internet und Windows 10, aber
    er hat mir geholfen zu verstehen, was Digitalisierung ist. Wir brauchen also nicht die Kenntnis der
    neuesten Gerätschaften und Programme, um zu verstehen, worum es bei der Digitalisierung geht
    und um künftige neue Entwicklungen einordnen zu können, sondern, wie man so schön sagt, solide
    Bildung. Und die besteht eben nicht nur aus Geisteswissenschaften, sondern ebenso aus der
    Aneignung der Grundlagen der Naturwissenschaften und aus einer polytechnischen Bildung, die
    etwas anderes ist als Berufsvorbereitung.

    Aber es geht auch darum, ob und wie sich Bildung, Schule und Lernprozesse mit der Digitalisierung
    verändern. Lernprograme ermöglichen die Individualisierung des Lernen: Jede lernt in ihrem Tempo,
    kann Lernzeiten und Lernschritte selbständig bestimmen. Über das Internet haben Schülerinnen und
    Lehrer Zugang zu unübersehbar vielen Informationen. Lernplattformen bieten einen
    Variantenreichtum, vor dem jedes „analoge“ Lernmaterial armselig erscheint. Über social media
    können sich Schülerinnen und Lehrerinnen vernetzen und über alles Mögliche (und Unmögliche)
    austauschen.

    Über Computersimulationen können naturwissenschaftliche und gesellschaftliche Versuche simuliert
    werden, die Schülerinnen in der Realität nicht durchführen könnten, und, klar, sinnliche Erfahrung
    wird durch Virtualität ersetzt. Die Rolle des Lehrers, der Lehrerin verändert sich. Sie steht nicht mehr im Mittelpunkt des Unterrichts, sondern guckt nur noch von hinten über die Schulter, oder sie überwacht alle ihre
    Schülerinnen an ihrem Rechner. Die Programme werten alles aus: wer macht wo Fortschritte und wo
    nicht? Die nächsten Lernschritte können passgenau konstruiert werden, da gibt es keine Umwege
    und Sackgassen mehr. Schöne neue Welt des individualisierten und dennoch gesteuerten Lernens?
    Für manche scheint diese Entwicklung die Erfüllung eines scheinbar antiautoritären Traums: Der
    Egalisierung des Lehrers, der Lehrerin, die ihre Führungsrolle verliert und zur Lernbegleiterin wird.
    Die Schule als Zwangsanstalt wird überflüssig, jedermann, jedefrau kann am heimischen Computer
    lernen, man kann sich auch zu freien Lerngruppen zusammenfinden, social media erleichtern das ja.
    Tatsächlich wird so die Vorstellung vom individualisierten Lernen, am Computer oder sonst wo, auf
    die Spitze getrieben und ad absurdum geführt. Aus der Individualisierung wird Vereinzelung, aus
    sozialem Lernen in einer heterogenen Gruppe wird Pauken. Dieses Horrorszenario steht den Kritikern
    der Digitalisierung in der Schule vor Augen. So wird es nicht kommen. Ivan Illich hat die Schule nicht abschaffen können, Bill Gates und Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung werden es auch nicht. Nicht nur, weil die Institution sich als hartnäckig erweist, sondern weil Lernen und Bildung immer mit Erfahrung von und mit Menschen zu tun haben.

    Gerade der Einsatz neuer Medien in der Schule erfordert starke, kundige und selbstbewusste
    Lehrerinnen und Lehrer, die wissen, was sie tun, wo sie hin wollen und was sie ihren Schülerinnen
    und Schülern zutrauen können. Die Beiträge in unserem Heft lassen sich nicht in das Schema „Bist Du für oder gegen Computer in der Schule?“ pressen. Es geht uns nicht um eindeutige, glatt gebügelte Antworten, sondern darum, Probleme zu benennen und Perspektiven für eine Bildung in Zeiten der Digitalität zu entwickeln.
    Dan Verständig stellt in seinem Aufsatz die Auseinandersetzung mit Digitalität, mit den
    gesellschaftlichen Veränderungen, Veränderungen in der Produktion, Kommunikation und im
    Konsum in den Mittelpunkt. Er versucht sich an einem kritischen Bildungsbegriff in Zeiten der
    Digitalität. Bernd Schorb entwickelt ein detailliertes Konzept einer kritischen Medienbildung, die der
    Ökonomisierung von Bildung etwas entgegensetzen soll.

    Am Beispiel der Bildungsmedien zeigt Thomas Höhne die tiefgreifenden Prozesse, die Digitalisierung
    bewirken kann: Märkte, Produktionsbedingungen und Inhalte verändern sich.
    Welchen pädagogischen Nutzen haben digitale Medien? Ralf Lankau wirf einen kritischen Blick auf
    die vorliegenden Forschungsergebnisse. Und er macht deutlich: Kritik bedeutet nicht schlichte
    Negation, sondern die kritische Auseinandersetzung, und dazu macht er konkrete Vorschläge für die
    jeweiligen Altersstufen. Fast alle Beiträge setzen sich kritisch mit dem Digitalpakt auseinander. Werden die fünf Milliarden Euro, die Bund und Länder zusammenwerfen, lediglich ein Konjunkturprogramm für die
    monopolistischen Anbieter sein? Wird der Digitalisierungshype zur Unterwerfung von Schule und
    Bildung unter die vermeintlichen Erfordernisse der Standortsicherung führen? Gunhild Böth
    entwickelt aus der Sicht einer linken Kommunalpolitikerin konkrete Handlungsmöglichkeiten.
    „Die Ängste vor neuen Technologien sind immer die Ängste von Erwachsenen“, meint Rosemarie
    Hein, die erfahrene Bildungspolitikerin. Die Kritik an digitalen Medien hat manchmal etwas
    Kulturkritisches. Rosemarie Hein erinnert an Neil Postman, der in den 70er Jahren mit dem
    Fernsehen „Das Verschwinden der Kindheit“ kommen sah. In der Digitaltechnik und der darin
    enthaltenen Möglichkeit der Interaktivität sah er damals die Rettung.
    Jede technische Entwicklung, jede wissenschaftliche Entdeckung dient heute kapitalistischer
    Verwertung und meistens auch der Herrschaftssicherung. Doch zugleich enthalten sie, wenn auch
    jeweils in unterschiedlichem Maße, Möglichkeiten der Vergesellschaftung und der Befreiung. Wäre
    dem nicht so, sähe es trübe aus.

     

     

     

  • „Angemessene Ausstattug ist Glückssache des Wohnorts“ – VBE veröffentlicht Umfrage zu Digitalisierung an Schulen

    Quelle: Wikimedia commons, Santeri Viinamäki [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
    Der Verband Bildung und Erziehung hat eine Umfrage unter 1232 Schulleitungen zum Thema Digitalisierung durchführen lassen. Nun wurden die Umfrageergebnisse veröffentlicht. In mehr als 90% der Schulen gibt es keine dienstlichen Computer für Lehrkräfte, in immerhin 15% der Schulen werden Schüler*innen angehalten, ihre eigenen Endgeräte in die Schule mitzubringen, obwohl dieses Verfahren von 91% der Schulleiter*innen als problematisch angesehen wird. Die sozioökonomischen Unterschiede zwischen den Schüler*innen spiegeln sich auch in den Geräten, die sie mitbringen können, und viele sehen die Gefahr des Mobbings, wenn nicht das neueste und „coolste“ Modell mitgebracht wird. Doch an mehr als zwei Dritteln der Schulen fehlen schuleigene Tablets oder Smartphones. „Für Kinder und Jugendliche ist es eine Glückssache des Wohnorts, ob sie eine angemessene und zeitgemäße ausgestattete Schule besuchen können. Für Lehrkräfte ist es unfassbar frustrierend, beste Bildung ermöglichen zu wollen, aber weder die Technik noch die nötige Fortbildung oder die Konzepte dafür zur Verfügung zu haben. Für eine erfolgreiche Digitalisierung der Schulen müssen Personal, Ausstattung, Fortbildungen und Medienkonzepte zusammengedacht werden“, erklärt Stefan Behlau. Dazu kommt, dass 69% der Schulleiter*innen angeben, nicht in allen Schulräumen sei eine schnelle W-LAN-Verbindung gewährleistet. Auch die Wartung der Geräte stellt ein Problem dar. Nur 62% der Schulen verfügen über IT-Fachkräfte – in den üblichen 38% müssen Wartung und Pflege von den Lehrkräften selbst geleistet werden.

    Dieser Text bezieht sich auf die Pressemitteilung des VBE. Die komplette Studie kann hier heruntergeladen werden. Eine Aufarbeitung in Grafiken findet sich hier!

  • „Digitalpakt erscheint noch nebulös“ – Pressemitteilung von Birke Bull-Bischoff (DIE LINKE)

    „Es muss einen Ruck beim Breitbandausbau und der Herstellung sicherer WLAN-Verbindungen geben“, erklärt Birke Bull-Bischoff, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, zu den heute veröffentlichten Ergebnissen der Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) „Digitalisierung an Deutschlands Schulen – Umfrage zur aktuellen Situation“. Bull-Bischoff weiter:

    „Trotz des langen Verhandelns zwischen Bund und Ländern um den Digitalpakt erscheint er noch nebulös. Es gibt zwar ein Strategiepapier der Länder, jedoch kein richtiges Konzept. Wir brauchen klare Zielvorstellungen und klare Standards, was mit welcher digitalen Ausstattung überhaupt erreicht werden soll. Im Vordergrund sollte dabei immer stehen, dass Jugendliche eine gute Medienbildung erhalten und lernen, wie sie die Kontrolle über ihre eigenen digitalen Endgeräte erhalten, sich sicher im Netz bewegen und mitgestalten können. Auch die Lehrkräfte dürfen nicht alleingelassen werden. Sie brauchen Unterstützung durch gute und praxisnahe Aus- und Weiterbildung.

    Daneben brauchen wir dauerhafte Finanzierungsstrukturen mit klaren Zeitplänen und mehr Gestaltungswillen beim Bund. Auch andere Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken und Volkshochschulen müssen miteinbezogen werden.“

    6.05.19

  • Kommunale Orientierungshilfe zum Digitalpakt Schule

    Veröffentlicht von den Bundesarbeitsgemeinschaften Kommunalpolitik und Bildungspolitik (LINKE NRW)

    Die Kommunen sind im Bildungsbereich vor allem für die Bauwerke und deren technische Ausstattung zuständig. Personell sind sie nur für die Hausmeisterin, den Sekretär, die Reinigung sowie ggf. die Schulsozialarbeit zuständig. Für die Lehrer*innen und die pädagogischen Inhalte sind ausschließlich die Länder verantwortlich.

    Um die Gelder aus dem nun beschlossenen Digitalpakt Schule kommunal, pädagogisch sinnvoll und zukunftsweisend einzusetzen, bieten wir folgende Empfehlungen für die Kommunalpolitik an:

    Dieses Geld muss bereits bei der Planung der unterschiedlichen Bau- und Gewerksabschnitte greifen: die nötige technische Infrastruktur von Beginn an mit einplanen. So könnten spätere aufwändige und teure technische Nachrüstung vermieden werden. Die Kommunen müssen dafür sorgen, dass die nötigen Anschlüsse und Geschwindigkeiten überhaupt zur Verfügung stehen. Am besten können die Kommunen diese Leistungen selber oder in Zusammenarbeit mit anderen Kommunen erbringen. Der Breitbandausbau gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge und daher in die öffentliche Hand. Da vielen Kommunen oftmals die finanzielle Bewegungsfreiheit für Investitionen fehlen, müssen die Förderprogramme so aufgelegt werden, dass ggf. der kommunale Eigenanteil entfällt.

    Die Investitionen in digitale Bildungsinfrastruktur in den Kommunen sind wichtig, um die Medienbildung nach pädagogischen Maßstäben zu gestalten, anstatt diese durch infrastrukturelle Defizite einzuschränken. Die schon vorhandene Abhängigkeit des Bildungserfolgs von Schüler*innen von sozialen Faktoren darf nicht durch die schlechte digitale Infrastruktur in den Kommunen verstärkt werden. Die Privatisierung von Bildung über Digitalisierung ist abzulehnen. Daneben braucht es dauerhafte Förderprogramme von Bund und Ländern,  keine Einmalzahlungen.

     

    In der Debatte in der Kommunalvertretung machen wir darauf aufmerksam, dass

    • Schüler*innen nur durch den Umgang mit moderner Technik mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung vertraut gemacht werden.
    • die nötigen Anschlüsse und Geschwindigkeiten überhaupt zur Verfügung stehen müssen, um wirksam Digitalisierung vorantreiben zu können.
    • höchste Datenschutzbestimmungen gelten müssen, damit Daten der Schüler*innen geschützt bleiben und weder Datenklau noch sonstiger Missbrauch von persönlichen Daten drohen.
    • die Eltern und Schüler*innen ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung haben und damit grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung ihrer personenbezogenen Daten bestimmen können.
    • moderne technische Möglichkeiten nicht gegen oder zur Kontrolle von einzelnen Personengruppen eingesetzt werden dürfen.
    • Digitalisierung eine Chance zum Abbau von Barrieren sein kann.

     

    Im Bereich des Bauwesens setzen wir uns dafür ein, dass

    • die nötige technische Infrastruktur bereits bei den Planungen der unterschiedlichen Bau- und Gewerksabschnitte berücksichtigt wird. Dabei sollen absehbare technische Entwicklungen berücksichtigt werden, damit Nachrüstungen auf einen höheren technischen Standard unproblematisch möglich sind.
    • die Energiesteuerung komplett elektronisch und bei Bedarf unter Einbeziehung von Schüler*innen erfolgen kann.
    • die durch Solarzellen auf dem Schuldach erzeugte Energie über Displays/Bildschirme in Gemeinschaftsräumen die erzeugten Kilowattstunden anzeigen.

     

    Im Bereich der Ausstattung von Schulen setzen wir uns dafür ein, dass

    • es mittels eines Schulportals jeweils für Schüler*innen, Eltern, Schulpersonal Zugänge und Plattformen gibt, damit beispielsweise Stundenpläne, Elterninformationen, Schließzeiten, Ferien und Noten (in einem nichtöffentlichen, geschützten und individuellen Bereich) dauerhaft einsehbar sind.
    • es einen soliden und modernen Grundstandard der IT-Ausstattung in allen Klassen- und Fachräumen gibt, um den Schulen bzw. Lehrkräften die Gestaltung ihres Unterrichts mit digitalen Medien überhaupt erst zu ermöglichen.
    • die IT-Ausstattung in allen Klassen- und Fachräumen kontinuierlich der Entwicklung angepasst wird.
    • die Vertretungspläne über Bildschirme in Gemeinschaftsräumen angezeigt und ständig aktualisiert werden können.
    • es in der ganzen Einrichtung WLAN gibt.
    • es einen eigenen Schulserver und eine Schul-Cloud gibt, die durch die IT-Expertise der Kommune betreut werden.
    • klassische und beliebte Brettspiele oder Bücher auch digital zur Verfügung stehen.
    • es in Schulen eine flächendeckende Ausstattung mit Beamern und – wo gewünscht – Smartboards, digitalen Mikroskopen und Messeinrichtungen etc. gibt.
    • es bei ausgewählten Inhalten Livestreams geben kann.

     

    Für die Sensibilisierung zum Thema Digitale Bildung setzen wir uns dafür ein, dass

    • der schulinterne Lehrplan eine „digitale Grundbildung“ für alle Schüler*innen vorsieht.
    • es schulpädagogische Angebote zu dem Problem „Cybermobbing“ und den „Zehn Geboten der digitalen Ethik“ gibt.
    • die Kommunikation mit Partnerschulen durch Digitalisierung verbessert werden kann.
    • es regelmäßige Schulungen zu Fragen des Datenschutzes gibt.
    • Digitalexpert*innen in die Schule eingeladen werden, um den Lehrkräften für Fragen zur Verfügung zu stehen.

     

     

     

     

     

     

  • Dossier zu Digitalisierung – Verlinkung und Kommentar von Jürgen Helmchen

    Das Thema Digitalisierung spielt nicht zuletzt seit dem Digitalpakt wieder eine stärkere Rolle in der öffentlichen Diskussion über Bildungspolitik. Die FAZ hat hierzu ein Dossier mit einigen Infografiken erstellt:

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    Von Jürgen Helmchen:

    In unserer bisherigen, auf den engeren Kreis der InteressentInnen für den GK Bildungspolitik beschränkten Dropbox, in der unterschiedliche Materialien v.a. aus der Presse eingestellt sind, kann man auch schon differenziertere Analysen finden, die über das, was jetzt in diesen Zeitungen zu lesen ist, hinausgehen. Aber vielleicht wird das ja noch differenzierter. Im Augenblick ist in der Mehrheit der publizistischen Äußerungen die Argumentation nur: die Maschinen seien „noch nicht so weit“ wie das “Gehirn”. In beiden Veröff.-Linien (FAZ; SZ) ist bisher noch nicht die Rede davon, dass „das Gehirn“ kein datensammelnder „mustererkennender“ Apparat (ein wenig davon ist in der SZ zu lesen), sondern Bewusstsein etwas Gesellschaftliches, Historisches ist. Dabei ist die Reduktion in der Problembeschreibung, nämlich das “Organ Gehirn” mit Algorithmen verarbeitenden Maschinen gleichzusetzen, schon Teil des gegenwärtigen, gesellschaftsweiten Wahrnehmungsdefizits, das eine vernünftige öffentliche Bearbeitung der mit diesen Technologien aufgeworfenen Probleme verhindert. Darin ist der “Mensch als Maschine”, diese schon sehr alte Vorstellung (LaMettrie, “L’homme machine”, 1748, oder “Frankenstein”), schon als die einzige mögliche Wahrnehmung des Menschen – entspr. dem “Gesellschaftsbild des Ingenieurs” (Hortleder 1970) – gesetzt. Wären die Menschen eine gegenwärtig für Technologie bloß noch zum Nachbauen zu komplizierte Maschine, könnten wir uns jetzt schon einsargen, denn einen derart definierten „Wettlauf“ gewinnt kein „Gehirn“. Für das wirkliche Darüber-Nachdenken brauchen wir (wieder) ein gesellschaftliches und historisches Verständnis vom Menschen. Anlass ist also gegeben, über „Erkenntnis“ nachzudenken, weil ja behauptet wird, die Maschinen würden „erkennen“ – und dabei wird absichtlich eine Verwechslung von technisch definierter Muster”erkennung” und menschlicher Erkenntnis herbeigeführt. Auch muss im gesellschaftlichen Raum die Einsicht entwickelt werden, dass dieses Nachdenken von vielen, ganz vielen gemacht werden muss – darum kommen wir nun nicht mehr herum, in allen Bildungsbereichen und auch schon auf der Entwicklungsstufe der ganz Kleinen, denn die medienindustrielle digitale Durchformatierung macht ja noch nicht einmal vor dem Kindergarten Halt, bzw. es wird ihr auch dort kein Widerstand mehr entgegengesetzt. Deshalb meine Vorstellung von einer „neuen polytechnischen Bildung“ als Bestandteil von Allgemeinbildung … Es war einmal Konsens, dass Bildung mit dem Gebrauch der Vernunft zu tun haben sollte – in den Bildungsinstitutionen muss jetzt dringend auf der Vernunft, auf (neuer) Aufklärung auf allen Ebenen und Niveaus bestanden werden – wobei die Kant’sche Formulierung dessen, was Aufklärung ist, für die Gegenwart phänomenal ins Schwarze trifft! Vernunftgebrauch aus gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus – und nicht aus maschinellen! Die Erkenntnis ist über einige Indizien schon weit hinaus, dass medienfernere Kinder die aufgeweckteren sind. Leider hört man das bis jetzt nur von den verstockten Konservativen. (Warum?) – Aber Letzteres bleibt, wie alles, noch zu diskutieren, weil sich im gesellschaftlichen Maßstab Medienaffinität (als gesellschaftlich äußere, sichtbare Form der Digitalisierung) und Klassenspezifik kompliziert überkreuzen. Die Helotisierung durch “Digitalisierung” betrifft alle gesellschaftlichen Klassen; nur können sich einige davon besser befreien als andere. Deshalb müssen Leute wie die Frau Bähr, die meinen, Schule, Lernen müsse „gamifiziert“ werden, ins Abseits gestellt werden, und es muss ihnen öffentlich entgegen getreten werden, wenn sie für eine solche Dummheit dann sich auch der historischen und auch reformpädagogischen Binsenweisheit bedienen, dass Lernen (auch) beim Spielen (aber bei welchem?) erfolgt. Sichtbar wird auch in den jetzt in den Zeitungsmedien begonnenen Debatte, aber auch teilweise in den anderen, auch wissenschaftlichen Formaten zu diesen Entwicklungen, dass die (internationale) Postmoderne fast überall einen Antihumanismus (s.o., also u.a. “Gehirn-Maschine”) implementiert hat, der auch dort zum Mainstream geworden ist, wo Leute meinen, sie wären „kritisch“ oder aufmerksam (politisch gesprochen also z.B. bei den Grünen, aber auch vielfach in der Linken).

  • Die Grenzen des digitalen Unterrichts

    Eine Studie der Universität Helsinki stellt die Digitalisierung des Schulunterrichts infrage. Lernergebnisse werden demnach durch den Einsatz digitaler Medien nicht zwangsläufig besser, schwächere Schüler könnten davon sogar überfordert werden und weiter zurückbleiben.

    Ein Beitrag im DLF von Carsten Schmiester – hier der Link:

    Die Grenzen des digitalen Unterrichts

  • Zu den Auswüchsen der Digitalisierung – Verweis auf einen Artikel im ND

    Das Neue Deutschland hat einen Artikel zur Digitalisierung des Schulwesens veröffentlicht. Hier klicken: Tom und Jerry zähmen