GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Friedensbildung und Militarisierung

  • Neuer Termin: 26.10.26, 18 Uhr: Daniel Hornuff: Krieg als Lifestyle? Ein Plädoyer gegen die Medienoffensive der Bundeswehr

    Krieg als Lifestyle?

    Ein Plädoyer gegen die Medienoffensive der Bundeswehr

    Mit dem Autor Daniel Hornuff

     

    Wann? 26.10.26, 18-19:30 Uhr 

    Wo? Online, per Zoom: https://us02web.zoom.us/j/84739900051

    Deutschland soll kriegstüchtig werden. Und was macht die Bundeswehr? Sie rekrutiert mithilfe von Blockbuster-Ästhetik, Bildwelten der Gaming-Industrie und Armee-Influencern: Die Zeitenwende wird als Lifestyle-Event mit Adventure-Feeling inszeniert. Daniel Hornuff nimmt Anstoß an der jüngsten Medienoffensive der Bundeswehr. Er entfaltet ein politisches Plädoyer und fordert ein gesetzliches Werbeverbot für die Bundeswehr. Denn die Art und Weise, wie sich das Militär in einer Demokratie präsentiert, ist mit grundlegenden Fragen verknüpft: Was wird als Sicherheitspolitik verstanden? Welche Vorstellungen von Verteidigung und Wehrhaftigkeit zirkulieren? Und was bedeuten uns die Interessen junger Menschen?

    Daniel Hornuff, geb. 1981, ist Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung an der Kunsthochschule der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Kultur-, Kunst- und Designwissenschaften. Er stellt sein gerade erscheinendes Bich vor.

     

    Eine Veranstaltung des Gesprächskreises Bildungspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Rosa-Lux-Gesprächskreises Sülz-Klettenberg (Köln)

     

  • Solidarität mit den Schulstreiks gegen Wehrpflicht

    Der Gesprächskreis Bildungspolitik solidarisiert sich mit den bundesweiten Schüler:innenprotesten gegen die Wehrpflicht:

    Am 5. Dezember hat die Bundesregierung im Bundestag gegen unseren Willen über unsere Zukunft entschieden. und hat erste Schritte hin zur Wiedereinführung der Wehrpflicht beschlossen: verpflichtende Fragebögen für junge Männer ab jetzt, verpflichtende Musterung ab Juli 2027. Die Mehrheit der Jugendlichen lehnt die Wehrpflicht ab. Bis jetzt waren schon über 55.000 Schüler*innen dagegen auf der Straße und haben die Schule bestreikt. Für die Wehrpflicht gab es keine einzige Demo. Damit haben wir in ganz Deutschland deutlich gemacht:

    Wir machen da nicht mit!

    Die Bundeswehr will an unseren Schulen werben.

    Wir wollen Friedensbildung!

     

    Rheinmetall will, dass die Aktien weiter steigen.

    Wir wollen Geld für Bildung und Soziales!

     

    Merz will, dass die Bundeswehr die größte Armee Europas wird.

    Wir wollen Frieden!

     

    Pistorius will, dass wir kriegstüchtig werden.

    Wir wollen eine Zukunft!

     

  • Online-Diskussion am 19.1.26: Friedensbildung – Konflikte verstehen und Probleme lösen: Klassenrat in der Primus-Schule Berg Fidel – Geist in Münster. Mit Dr. Reinhard Stähling

    Konflikte verstehen und Probleme lösen:

    Klassenrat in der Primus-Schule Berg Fidel – Geist in Münster

    Wann? Montag, 19.1.26 von 18-20:00 Uhr
    
    Wo? online per Zoom 
    https://us02web.zoom.us/j/88911089079
    

    Hilfreich für friedliche Lösungen bei mehr oder weniger gewaltsamen Konflikten ist, die andere Seite zu verstehen. Dies können wir in der Schule, besonders im Klassenrat lernen.

    Klassenrat als ein Kreis, in dem wir uns gegenseitig verstehen lernen? Das ist in der neueren Literatur über Klassenrat ungewöhnlich. Dort verbindet man ihn meist mit „Aushandeln“, „Abstimmung“ und „Mitbestimmung“ im Rahmen von „Demokratielernen“, aber nicht mit „lästigen“ Problemen. Das Verstehen und Lösen von Problemen mit Hilfe der Gruppe hat jedoch eine wertvolle Tradition in der Pädagogik, die u.a. auf der Individualpsychologie Alfred Adlers basiert.

    Wie wir diesen verstehenden Klassenrat machen, möchte ich in dieser Veranstaltung zeigen. In der Schule im Brennpunkt Berg Fidel einigten wir uns mit den Eltern schon in den 1990er-Jahren: Wir schauen bei Problemen nicht weg. In jeder Klasse gibt es wöchentlich eine Stunde Klassenrat, um über Streit, Probleme und Gefühle zu sprechen und einander verstehen zu lernen.

    In dieser Veranstaltung wird die solidarische Arbeit der inklusiven Primus-Schule Berg Fidel – Geist (Jg. 1-10) vorgestellt und die Bedeutung des Klassenrats erläutert.

    Hier klicken für eine Leseprobe zum Buch „Praxis Klassenrat“!

     

     

    Dr. Reinhard Stähling, geb. 1956, ist ehemaliger Schulleiter der Primus-Schule Berg Fidel – Geist in Münster, individualpsychologischer Berater, Autor pädagogischer Bücher und Fortbildungsleiter. 

    Kontakt: 01752943162 und ggs-bergfidel@gmx.de

  • Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung – Veranstaltungsdokumentation

     

    Unsere Oline-Veranstaltung am 27. Oktober – „Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung“ – war trotz des deprimierenden Themas recht ermutigend. Nicht nur wegen der 50 Teilnehmenden, sondern auch, weil die Referentin und der Referent – Martina Schmerr von der GEW und Lutz van Dijk  langjähriger Aktivist für Frieden und Menschenrechte, er lebt heute in Kapstadt – Möglichkeiten der Friedensbildung zeigen konnten. Sie ermutigten: auch und gerade gegen den aktuellen Mainstream kann man etwas verändern. Die Idee, gemeinsam zu erklären, dass man bei der Kriegsertüchtigung nicht mitmachen werde, fand breite Resonanz, über die Differenzen in der Einschätzung der Kriege in der Ukraine und im Gaza hinweg.

    Hier eine Videodokumentation. Wir haben aus Datenschutzgründen nur  zwei Diskutanten in die Dokumentation aufnehmen können, von dneen wir die Genehmigung dazu hatten. Dass dem Video ein Logo der RLS NRW unterlegt ist bitten wir zu entschuldigen.

    Und hier eine Zusammenfassung:

    „Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung“
    Mit Martina Schmerr, GEW-Hauptvorstand, und Lutz van Dijk, Autor und Friedensaktivist
    In der Online- Veranstaltung „Friedensbildung in Zeiten der Kriegsvorbereitung“ diskutierten 50 Teilnehmende, wie Friedensbildung unter Bedingungen gelingen könne, in denen staatliche Politik, öffentliche Rhetorik und gesellschaftliche Wahrnehmungen zunehmend von militärischen Logiken geprägt seien. Bereits zu Beginn betonten die Teilnehmenden, dass bewusst von Friedensbildung gesprochen wurde. Der Begriff Erziehung sei vermieden worden, da dieser eine einseitige Form der Einflussnahme suggeriere. Friedensbildung müsse sich hingegen an demokratischen Prinzipien orientieren: Sie solle kritisches Denken ermöglichen, Gewissensbildung stärken, moralische Urteilsfähigkeit fördern und jungen Menschen helfen, komplexe globale Zusammenhänge zu verstehen.
    Lutz van Dijk erinnerte an die Friedensbewegung in den 1980er-Jahren in Westdeutschland. Hunderttausende waren auf den Straßen, um gegen atomare Aufrüstung und für Abrüstungskonzepte zu demonstrieren. Friedenspädagogik sei an Universitäten und Schulen präsent gewesen; Medien und Zivilgesellschaft hätten intensiv über Krieg, Frieden, Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung debattiert. Diese Zeit sei durch ein breites Bewusstsein dafür geprägt gewesen, dass Frieden aktiv gestaltet und verteidigt werden müsse — nicht militärisch, sondern gesellschaftlich und politisch.
    Im Kontrast dazu sei heute ein tiefgreifender Paradigmenwechsel zu beobachten. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sei eine „Zeitenwende“ ausgerufen worden, die nicht nur finanzielle Aufrüstung, sondern auch eine veränderte Sprache und Grundhaltung in Politik und Medien mit sich gebracht habe. Begriffe wie „Kriegstüchtigkeit“, „Verteidigungsfähigkeit“ oder „robuste Sicherheitspolitik“ seien in den Mainstream gerückt. Friedenspolitische Positionen würden dagegen häufig marginalisiert oder als naiv dargestellt. Die Diskutierenden betonten, dass dieser Wandel nicht nur sicherheitspolitisch relevant sei, sondern auch Auswirkungen auf Bildungsdiskurse, gesellschaftliche Emotionalität und die Legitimität von Friedenspositionen habe.
    Martina Schmerr stellte die wachsende Präsenz der Bundeswehr im Bildungsbereich dar. Jugendoffiziere suchen regelmäßig Schulen auf, gestalten Unterrichtseinheiten, die Bundeswehr ist auf Bildungsmessen vertreten und betreibt digitale Marketingkampagnen. In mehreren Bundesländern bestehen Kooperationsvereinbarungen zwischen Bildungsministerien und Bundeswehr, die sicherheitspolitische Bildung in der Schule strukturell verankerten. Dies sei insbesondere deshalb kritisch zu betrachten, weil junge Menschen gezielt angesprochen würden, zum Teil noch Minderjährige. Die Gefahr bestehe, dass die Perspektive der Bundeswehr als quasi „offizielle“ Sicht erscheine, während zivilgesellschaftliche Friedensperspektiven strukturell weniger präsent seien.
    Demgegenüber stellten die Referent*innen das Konzept einer umfassenden Friedensbildung. Diese sei nicht bloß die Abwesenheit von Gewalt, sondern ein aktiver pädagogischer Prozess. Friedensbildung umfasse u. a.:
    • Konflikt- und Kommunikationskompetenz
    • Demokratie- und Menschenrechtsbildung
    • Medien- und Desinformationskritik
    • Empathie, Perspektivübernahme und Gewaltprävention
    • kritische Auseinandersetzung mit Macht, Interessen und globalen Ungleichheiten
    Betont wurde, dass Friedensbildung strukturelle Verankerung benötige — in Lehrplänen, Schulprogrammen, Ausbildungsinstitutionen für Lehrkräfte und in der wissenschaftlichen Begleitung. Einzelne engagierte Lehrkräfte seien zwar wichtig, könnten jedoch strukturelle Defizite nicht ausgleichen. Als positive Beispiele wurden u. a. die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg und einzelne Modellschulen genannt, in denen Friedensbildung curricular verankert war und multiprofessionelle Kooperationen bestanden.
    Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass friedenspädagogische Aktivitäten seit Beginn des Ukraine-Krieges vielerorts zurückgegangen seien. Lehrkräfte hätten teilweise Hemmungen, friedenspolitische Fragen anzusprechen, aus Sorge, als „realitätsfern“, „unsachlich“ oder „ideologisch“ zu gelten. Dies mache es umso notwendiger, Räume für kontroverse, differenzierte und reflektierte Diskussionen zu schaffen.
    Die Veranstaltung machte zudem deutlich, dass Friedensbildung historisch und politisch stets umkämpft war. Pazifistische Haltungen seien nicht neu — sie hätten tief in der europäischen Geistes- und Sozialgeschichte verwurzelt gelegen, von religiösen Traditionen über die Arbeiterbewegung bis hin zur UN-Menschenrechtsbildung. Heute stünden solche Positionen jedoch unter Rechtfertigungsdruck. Lutz van Dijk erinnerte die Teilnehmenden daran, dass gesellschaftliche Veränderungen häufig von Minderheiten ausgegangen seien. Eine demokratische Kultur benötigt Menschen, die Gegenpositionen aushielten und alternative Wege aufzeigten.
    Besondere Verantwortung wurde den Gewerkschaften zugeschrieben, insbesondere der GEW. Sie sei historisch friedenspolitisch positioniert und müsse angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen erneut klar Stellung beziehen. Friedensbildung müsse als demokratische Kernaufgabe verstanden und verteidigt werden.
    In der Friedensbewegung gebe es ja unterschiedliche Einschätzungen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine – ein Hindernis für wirksame Aktionen. Aber vielleicht könne man sich darauf verständigen, dass wir Kriegsvorbereitung ablehnen – vielleicht brauchen wir einen Aufruf zur Verweigerung der Kriegstüchtigkeit? Darüber sollte weiter diskutiert werden.
    Abschließend wurde betont, dass Friedensbildung mit anderen gesellschaftlichen Zukunftsthemen zusammengedacht werden müsse — Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, globales Lernen. Junge Menschen engagierten sich heute stark für Klima- und Demokratiethemen. Frieden werde nicht nur als Abwesenheit von Krieg verstanden, sondern als gerechte, nachhaltige und solidarische Weltordnung. Die Veranstaltung endete mit einem Appell, Friedensbildung mutig, selbstbewusst und beharrlich weiterzuentwickeln — auch gegen politische Widerstände — und Schulen als Orte zu stärken, an denen demokratische Streitkultur und konstruktive Konfliktlösungen eingeübt würden.

  • Veranstaltungsbericht: „Erziehung zur Kriegstüchtigkeit“ mit Thomas Gesterkamp

    Erziehung zur Kriegstüchtigkeit

    Thomas Gesterkamp beschäftigte sich mit der zunehmenden Militarisierung des Bildungssystems und dem wachsenden Einfluss der Bundeswehr auf Schulen in Deutschland. Im Fokus stand die Frage, ob Schulen Jugendliche eher auf „Kriegstüchtigkeit“ oder auf demokratische Handlungsfähigkeit vorbereiten sollten. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs, der sogenannten „Zeitenwende“ und der Personalprobleme der Bundeswehr wurde kritisch diskutiert, wie weit die militärische Präsenz in Schulen gehen darf.

    Ein zentraler Kritikpunkt ist die verstärkte Werbung der Bundeswehr an Schulen. Im Jahr 2023 besuchten Soldaten über 5.500 Schulen und erreichten dabei rund 120.000 Schüler und Schülerinnen. Die Bundeswehr argumentiert, dass sie lediglich sachliche Informationen über Karrieremöglichkeiten und ihre Aufgaben vermittelt. Gesterkamp und einige Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer sehen darin aber die Absicht, SchülerInnen für den Dienst an der Waffe zu gewinnen und die jungen Menschen einseitig zu beeinflussen. Diese Kritik richtet sich insbesondere an die rhetorisch geschulten Jugendoffiziere der Bundeswehr, die oft ohne eine Gegenstimme von Pazifistinnen oder Kriegsdienstverweigerern auftreten.

    Dadurch, so die Kritiker, wird der Beutelsbacher Konsens verletzt, der die Möglichkeit zur kontroversen Diskussion in der politischen Bildung vorsieht.
    Ein besonders krasses Beispiel ist das neue bayerische Gesetz zur Förderung der Bundeswehr, das im August 2024 in Kraft trat. Es verpflichtet Schulen, Jugendoffiziere einzuladen, ohne eine gegensätzliche Perspektive sicherzustellen. Kritiker vergleichen dies mit dem früheren Wehrkundeunterricht in der DDR und sehen darin eine gezielte Militarisierung des Bildungssystems. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und andere Organisationen haben Klagen gegen dieses Gesetz eingereicht, da sie es als unvereinbar mit demokratischen Bildungsstandards betrachten.

    Die Veranstaltung beleuchtete auch die breitere gesellschaftliche Militarisierung. Die Sprache hat sich zunehmend militarisiert, mit Begriffen wie „Kriegstüchtigkeit“, „Heldenmut“ und „Zweifrontenkrieg“, die wieder verstärkt in Medien und Politik verwendet werden. Zudem wird von einer „Heimatfront“ gesprochen, die darauf abzielt, die Bevölkerung mental auf Krieg vorzubereiten. Dazu gehören auch staatliche Appelle zur Vorratshaltung von Lebensmitteln, Pläne für Nato-Transporte durch Deutschland und Überlegungen zur Nutzung von Kellern als Schutzräume.

    Ein weiterer Schwerpunkt war die umfassende Werbestrategie der Bundeswehr, die jährlich 35 Millionen Euro kostet. Mit Plakaten, Kino-Spots und Präsenz auf Berufsorientierungsmessen wirbt sie gezielt um junge Menschen, oft mit Versprechen wie kostenlosen Führerscheinen, Abenteuern und Karrieremöglichkeiten. Kritiker betonen, dass dies vor allem Jugendliche aus weniger privilegierten sozialen Schichten anspricht, die solche Angebote als Chance sehen. Diese Strategie sei besonders problematisch, da sie soziale Ungleichheiten verstärke und junge Menschen einseitig in Richtung Militär lenke.

    Gleichzeitig gibt es eine Bewegung gegen diese Entwicklung. LehrerInnen, Gewerkschaften wie die GEW und Friedensorganisationen setzen sich für eine stärkere Friedenserziehung ein. Sie fordern, dass Schulen Schülern die Möglichkeit geben müssen, sich kritisch mit Militarisierung, Krieg und Demokratie auseinanderzusetzen. Die GEW bietet dazu Materialien und pädagogische Unterstützung an. Es wird auch betont, dass die Lehrkräftebildung verstärkt auf solche Themen eingehen sollte, um Pädagogen und Pädagoginnen besser auf den Umgang mit einseitiger Beeinflussung durch die Bundeswehr vorzubereiten.

    Einige RednerInnen betonten die historische Rolle der Friedensbewegung in Schulen und äußerten die Hoffnung, dass diese Tradition wiederbelebt wird. Schulen sollten Orte der kritischen Reflexion bleiben und keine Plattformen für einseitige Militärwerbung werden. Die Diskussion endete mit der Warnung, dass die Militarisierung der Gesellschaft weiter zunehmen könnte, wenn keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Dies sei nicht nur eine Herausforderung für Schulen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft, die sich entscheiden müsse, ob sie Krieg oder Frieden als Normalität in der Bildung vermittelt.

     

  • Online-Diskussion am 13. Januar 2025 mit Thomas Gesterkamp: Erziehung zur „Kriegstüchtigkeit“

    Thomas Gesterkamp:

    Erziehung zur „Kriegstüchtigkeit“

     

    Montag, 13. Januar 2025, 18:00-19:30 Uhr Die Bundeswehr hat Personalprobleme. Mit den wachsenden Aufgaben, die nach der „Zeitenwende“ auf sie zukommen, braucht sie noch mehr Personal.

    Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hatte im Februar 2022 gerade erst begonnen, da forderte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), Schulen sollten vermehrt Jugendoffiziere der Bundeswehr einladen, um Kindern den Krieg und die deutsche Sicherheitspolitik zu erläutern. Im Mai dieses Jahres legte sie nach: Schulen sollten Kinder auf einen möglichen Kriegsfall vorbereiten, Zivilschutzübungen einführen und ein „unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr“ entwickeln.

    Wie arbeiten Kultusministerien, Schulen und Bundeswehr zusammen? Wie können Lehrkräfte und Schulen mit diesen Anforderungen umgehen, wenn sie ihrem Auftrag der Friedenserziehung und der Kontroversität gerecht werden wollen?

    Welche Aufgaben stellen sich den Schulen tatsächlich angesichts der Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine und aus anderen Kriegsgebieten?

     

  • Hans-Jochen Gamm: Friedenserziehung in der spätbürgerlichen Gesellschaft

    In „Schule und Nation“, der Zeitschrift des Schwelmer Kreises, Heft 1/1972, fand ich diesen Aufsatz von Hans Jochen Gamm zur Friedenserziehung. In Bezug auf die fortgesetzte Unterstützung der USA in ihrem Vietnam-Krieg schrieb er damals:

    In dieser Unterlassung ware auch ein Trauma unserer faschistischen Vergangenheit zu erkennen:Wegen eigener früherer Verbrechen werden jetzige Verbrechen toleriert. Der Schatten der Komplizenschaft mit den USA gegenüber Volkern der dritten Welt ist erst aufzulösen, wenn die politische Weisheit akzeptiert ist, daß das vornehmste Recht eines Freundes darin besteht, dem anderen die unbequemsten und hartesten Wahrheiten zuzumuten und ihn damit zu zwingen, sein Verhalten zu andern.Die Rolle der politischen Musterschülerschaft dagegen ist friedensbedrohend.

    Bemerkenswert ist auch, wie Gamm die Friedensfrage damit verknüft, dass die Gerwalt, die in der Demokratie vom Volke ausgehen soll, von diesem Voplk auch wieder rückholbar sein muss. Und dass das Grundübel der Friedlosigkeit die Klassenspaltung ist.

    Gamm_Friedenserziehung1971sw30062024

  • Kriegstüchtig oder friedensfähig? Vortrag von Heinz Klippert

    Videomitschnitt und Folien

    „Wir müssen kriegstüchtig werden» fordert Verteidigungsminister Boris Pistorius. Mit der russischen Aggression in der Ukraine und den Massakern und Bombardements im Nahen Osten ist Krieg wieder spürbar nahe gerückt. Von Schulen und Lehrkräften erwarten Bildungspolitiker*innen, dass sie zur Kriegsertüchtigung beitragen. Politiker*innen, die Militäreinsätze infrage stellen und Waffenpausen oder gar Verhandlungen fordern, gelten als Weicheier und «Lumpenpazifisten». Erklärte «Feinde» verstehen zu wollen, die NATO-Politik kritisch zu hinterfragen und/oder realpolitisch für einen flexiblen Interessenausgleich einzutreten ist derzeit weithin tabu“.

    Heinz Klippert, bekannt für seine Methodentrainings und Konzepte zur Unterrichtsentzwicklung, hat sich in seinem Buch „Frieden? Sichern!“ mit dem aktuellen Kriegsgeschehen, vor allem in der Ukraine, auseinandergesetzt, und mit der medialen Widerspiegelung. Er tritt für einen „reflektierten Pazifismus“ ein und kritisiertt den bellizistischen Grundton, der in der Öffebtlochkeit das Eintreten fürFrieden und Entsopannung abgelöst hat.  Das macht er in einer öffentlichen Veranstaltung unseres Gesprächskreises am 20. Juni im Kölner DGB-Haus, zusammen mit der GEW in Köln, dem Kölner Friedensbildungswerk, mit Pax Christi und der DFG/VK. Hier zeigen wir den Videomitschnitt seines Vortrags, hier die Power-Point zum Vortrag dazu (die auch im Videomitschnitt zu sehen sind).

  • Kriegsfähig in der Schule?

    Schulen sollen ein „unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr“ entwickeln und Schüler auf den Kriegsfall vorbereiten. Das fordert Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und schlägt konkrete Maßnahmen vor. Das schien bisher kaum vorstellbar, dass eine Bundesbildungsministerin sich mit einer solchen Intervention an die Öffentlichkeit traut.

    Heinz Klippert, bekannt als Methodentrainer, dem viele gern unterstellen, dass ihm die Inhalte ziemlich schnuppe seien, die mit seinen Methoden an die Schülerin gebracht werden, hat uns seine Stellungnahme zu dieser Intervention der Bildungsministerin zugeschickt, in der er auf sein neues Buch zum Thema: Frieden?Sichern! hinweist.

     

     

     

     

     

     

    Dr. Heinz Klippert

     

    Friedensbildung tut Not!

    Wenn Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger am 18. März 2024 forderte, dass in den Schulklassen mehr über Kriege, Bundeswehr und Zivilschutzmaßnahmen geredet werden sollte, dann ist diese geistige Zeitenwende zutiefst alarmierend. Was ist denn der Sinn und Zweck dieser mentalen und emotionalen Kriegsvorbereitung in den Schulen und Klassenzimmern? Wollen und müssen wir hierzulande tatsächlich „kriegstüchtig“ werden und nun auch noch die Schuljugend in diese Kriegsertüchtigung einbinden?

     

    Kinder brauchen Friedensphantasie

    Vor dieser drohenden Militarisierung der schulischen Bildungsarbeit kann ich nur vehement warnen.  Jeder Historiker, Soziologe und Psychologe weiß, dass ein derartiger Mentalitätswandel den Nährboden für neuerliche Waffenverehrung, Waffengänge und Feindseligkeiten bildet. Das alles hatten wir in unserer Geschichte nun wahrlich zur Genüge. Was Europa stattdessen braucht, ist Frieden!! Und deshalb sollten unsere Schulen und Lehrkräfte die Kinder und Jugendlichen ganz vorrangig dazu befähigen, kriegsskeptisch zu werden und begründete Friedensliebe und Friedensphantasie zu entwickeln und sich mit guten Argumenten der aktuellen Kriegslogik und dem damit verbundenen „Spiel mit dem Feuer“ entgegenzustellen. Denn  Frieden ist möglich – auch in der Ukraine und in Gaza!!  Nur muss endlich damit begonnen werden, den Frieden vorzubereiten, bestehende Interessengegensätze zu analysieren und anzuerkennen, vertretbare Kompromisse zu suchen, verlorengegangenes Vertrauen wiederaufzubauen und das fatale Gut-Böse-Denken in unserer Gesellschaft zu überwinden (vgl. das angeführte Buch). Die Schule kann und muss diese auf Versöhnung, Entspannung und Völkerverständigung gerichtete Denkweise fördern und entsprechende politische und ethische Reflexionen anstoßen.

     

    Entspannungspolitik ist alternativlos!

    Nötig ist diese Friedensorientierung deshalb, weil sich nur so die Faszination des Militärischen eindämmen lässt. Wenn man derzeit nämlich Politikern, Militärs, Leitartiklern, Fernsehkommentatoren und sonstigen Meinungsmachern in unserer Gesellschaft zuhört, drängt sich der Eindruck auf, dass Aufrüstung und Waffengänge gleichsam alternativlos sind. Mit großer Verve wird für Aufrüstung, Waffenlieferungen, politische Konfrontation und militärische Eskalation plädiert.  Diplomatie, Verhandlungen und andere deeskalierende und vertrauensbildende Maßnahmen werden bedauerlicherweise kaum noch in Betracht gezogen. Dieser Verengung des Blickwinkels muss Schule unbedingt entgegenwirken und alles dafür tun, dass die landläufigen Aufrüstungs- und Kriegsbegründungen hinterfragt, Vorurteile und Dämonisierungsversuche entlarvt, Gut-Böse-Szenarien problematisiert, Informationsvielfalt gesichert und kontroverse Debatten und Meinungsbildungsprozesse eröffnet werden, die deutlich machen, dass Kriege mit allen Mitteln zu verhindern und internationale Konflikte möglichst früh, flexibel und seriös zu deeskalieren sind.  Dieser „reflektierte Pazifismus“ hilft, der mentalen und emotionalen Abrüstung in den Köpfen der Menschen Schub zu verleihen und gewaltfreie Verfahren der Friedenssicherung ins Bewusstsein zu heben (vgl. das angeführte Buch). Das gilt für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit; das gilt aber auch für Politiker/innen und Medienschaffende, Parteien und Parlamente. Im Fokus der Friedenssicherung muss deshalb vorrangig der Entspannungs-, Abrüstungs- und Versöhnungsgedanke stehen. Denn den Frieden herbeibomben zu wollen, hat historisch noch selten funktioniert. Diese Notwendigkeit der Kriegsvermeidung muss in Schule und Unterricht eindringlich bewusst gemacht werden.

     

    Ein zorniger Blick auf die Kriegsfolgen

    Was Schülerinnen und Schüler vor allem erkennen müssen,  das sind die verheerenden materiellen und humanitären Folgen, die Kriegshandlungen in aller Regel mit sich bringen. Dazu nur einige Beispiele: Besonders dramatische Opferzahlen gab es im ersten Weltkrieg (9 Millionen Tote), im zweiten Weltkrieg (70 Millionen Tote) oder im Vietnam-Krieg (5 Millionen Tote). Hinzu kamen gigantische  Gebäude-, Natur- und Infrastrukturschäden, die jahrzehntelange Wiederaufbaumaßnahmen nach sich zogen. Ein Irrsinn, der auch in unserem „aufgeklärten Zeitalter“ seine Fortsetzung findet. Schaut man beispielsweise auf den aktuellen Ukraine-Krieg, so gibt es dort nach zwei Jahren mehrere hunderttausend tote Soldaten und Zivilisten, Sachschäden im Umfang von 500 bis 1000 Milliarden US-Dollar (geschätzte Wiederaufbaukosten) sowie ca. 5 bis 6 Millionen Flüchtlinge, die über die westlichen Nachbarländer verstreut leben – 1,2 Millionen davon in Deutschland. Noch schlimmer sieht diese Schreckensbilanz aus, wenn man sich z.B. die Folgen der nach 9/11 von den USA entfachten Anti-Terror-Kriege und Bürgerkriege in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen und Somalia vor Augen führt. In Summe gab es dort vier bis sechs Millionen Tote und 38 Millionen Flüchtlinge, die zum großen Teil in die Nachbarländer, zum Teil aber auch nach Europa geflüchtet sind. Und der Gipfel des Ganzen: Die verbliebene Bevölkerung lebt heute durchweg schlechter, unsicherer, traumatisierter und unfreier als vorher. Zurückgeblieben sind verbrannte Erde, Leid, Entsetzen und politische Destabilisierung, Jedes rechtzeitige Verhandeln wäre humaner gewesen!

     

    Wo bleiben die anderen Krisenherde?

    Eine weitere Schattenseite der skizzierten Kriegstreiberei ist die, dass das in Waffen und Wiederaufbauhilfen fließende Geld natürlich an anderen Stellen fehlt. Das gilt aktuell sowohl für die hochbrisanten internationalen Großbaustellen Klimakrise, Umweltkrise, Ernährungskrise, Energiekrise, Flüchtlingskrise und Wachstumskrise als auch für innerdeutsche Brennpunkte wie das marode Bildungs- und Sozialwesen, die kaputtgesparten Krankenhäuser und Altenheime, die wachsende Altersarmut und die dringend modernisierungsbedürftige Infrastruktur (Brücken, Straßen, Bahnlinien etc.). Solange der Primat der Aufrüstung und internationalen Spaltung und Blockbildung bestehen bleibt, wird es um die Lösung dieser Problemlagen schlecht bestellt sein. Auch das sollte in den Bildungseinrichtungen in den Blick gebracht werden. Wirksam anzugehen sind die genannten internationalen Problemlagen nämlich nur dann, wenn die unterschiedlichsten Groß- und Mittelmächte konstruktiv zusammenarbeiten und ihre Ressourcen so bündeln, dass wirksame Abhilfe geschaffen werden kann. Kostspielige Aufrüstungsmaßnahmen, zerstörerische Kriege und sonstige geopolitische und militärische Reibungsverluste stehen dieser konzertierten Problembewältigung diametral entgegen.

     

    Konsequenzen für den Bildungsbereich

    Aus alledem ergibt sich für die politische und ethische Bildungsarbeit in Schulen, Universitäten, Akademien und sonstigen Einrichtungen der Erwachsenenbildung die Verpflichtung, das menschliche „Kriegs-Gen“ dadurch zu zähmen, dass für ein Mehr an begründeter Kriegsskepsis, Friedensphantasie und Konfliktregelungskompetenz gesorgt wird. „Begründet“ heißt hierbei, dass auf differenzierte Informationen, Reflexionen, Perspektivenwechsel, Debatten und sonstige Formen der tiefgreifenden Meinungsbildung in Sachen Krieg und Frieden gesetzt werden sollte, damit das Meinungsmanagement kriegsaffiner Scharfmacher in Politik, Medien, Parlamenten, Zivilgesellschaft und militärischen Kreisen nicht vorschnell verfängt. Wie diese „Mündigkeit“ in Sachen Krieg und Frieden aufgebaut und ein korrespondierender „reflektierter Pazifismus“ grundgelegt werden kann, wird im angeführten Buch mittels vielfältiger Reflexionsanstöße und kontrastreicher Materialien gezeigt.  Wohlgemerkt: Kriege sind nie alternativlos! Alternativlos sollte allein das Bemühen um Frieden, gewaltfreie Konfliktlösungen, Vertrauensbildung und umfassende Entspannungspolitik sein! Das ist eine der Kernbotschaften des Buches. Der Bildungsbereich kann und muss zu dieser friedensethischen Reflexions- und Klärungsarbeit beitragen und die nötige Kriegsskepsis entwickeln helfen.

     

     

    Zur Vertiefung

    Heinz Klippert: Frieden sichern! Anleitung zur Belebung pazifistischen Denkens. Westend Verlag. 336 Seiten. 24 Euro.