GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Demokratiebildung und „Neutralität“

  • 23.3.26: „Ist Pädagogik neutral? Bildung und Erziehung im Spannungsfeld von Postdemokratie und Demokratiebildung“ mit Dr. Katarina Schneider-Bertan (Uni Köln)

    „Ist Pädagogik neutral? Bildung und Erziehung im Spannungsfeld von Postdemokratie und Demokratiebildung“

    mit Dr. Katarina Schneider-Bertan (Uni Köln)

     

    Wann? Montag, 23.3.26, 18 Uhr
    Wo? per Zoom https://us02web.zoom.us/j/88224289388

    Seit vielen Jahrzehnten bereits wird die Krise liberaler Demokratie beklagt, was sich heute vor allem mit der Diagnose des Postdemokratischen verbindet. Dabei spielt einerseits der Neoliberalismus als Wirtschaftsform und Ideologie eine zentrale Rolle, andererseits die zunehmend antidemokratischen und rechtspopulistischen Bestrebungen. Vor diesem Hintergrund geht es sowohl um die Frage, welche Auswirkungen postdemokratische Entwicklungen auf Bildung und Erziehung haben als auch darum zu fragen, welche Rolle Bildung und Erziehung spielen können und sollten, um jenen antidemokratischen Kräften entgegenzuwirken. Die These ist, Pädagogik ist politisch, ergo niemals neutral! Dafür wird vor allem der Ansatz kritischer Pädagogik herangezogen, der durch seine sehr breite diskursive Begründung, seine schul- und bildungspolitische Relevanz als auch seine radikal-demokratische Grundlegung der Pädagogik großes Potenzial birgt, auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren.

    Gerade vor diesem Hintergrund geraten auch zentrale Bezugspunkte politischer Bildung wie der Beutelsbacher Konsens erneut in den Fokus, insbesondere in der gegenwärtig intensiv geführten Debatte um politische Neutralität von Schule und Lehrpersonen. Zu fragen ist dabei, ob und inwiefern der häufig normativ aufgeladene Neutralitätsanspruch selbst Teil jener postdemokratischen Verschiebungen ist und welche Konsequenzen sich daraus für eine differenzoffene, diskriminierungskritische, emanzipative und machtsensible Pädagogik in Theorie und Praxis ergeben.

    Dr.’in Katarina Schneider-Bertan ist Erziehungswissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Internationale Beziehungen  der Universität zu Köln. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Radical Democracy & Education, Critical Global Citizenship Education und Critical Pedagogy. 2024 erschien ihre Dissertation „Kritische Pädagogik im 21. Jahrhundert. Zur Aktualität von Henry A. Giroux‘ Critical Pedagogy“ im transcript-Verlag.

     

     

  • „Siegburger Konsens“ verabschiedet – gegen Menschenfeindlichkeit und demokratiefeindliche Ideologien

    Deutliches Zeichen gegen Populismus und Autoritarismus: Lehrkräfte aller Schulen im nordrhein-westfälischen Siegburg haben gemeinsam den sogenannten „Siegburger Konsens“ verabschiedet – ein Bekenntnis zu Grundgesetz und Rechtstaatlichkeit, gegen Menschenfeindlichkeit und demokratiefeindliche Ideologien. Formuliert wird ein pädagogischer Anspruch, der über den klassischen Beutelsbacher Konsens hinausgeht.

    Der verabschiedete Konsens sei ein „starkes gemeinsames Zeichen“ der Schulen, so heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung der Stadt Siegburg. Ausgangspunkt ist der Befund, dass„wachsende Angriffe auf unsere freiheitlichen Werte“ die Demokratie in Deutschland bedrohen. Die Lehrkräfte bekennen sich in dem Papier „zur aktiven Förderung einer demokratischen, offenen und vielfältigen Gesellschaft“. Politische Bildung, so die zentrale Botschaft, dürfe nicht mit Neutralität gegenüber Verfassungsfeinden verwechselt werden.

    Der Siegburger Konsens stützt sich ausdrücklich auf die „verfassungsmäßigen Pflichten von Beamten und Beschäftigten im Öffentlichen Dienst“. Wörtlich heißt es: „Demokratiebildung bedeutet nicht politische Neutralität gegenüber demokratiefeindlichen oder menschenverachtenden Positionen – im Gegenteil.“ Schulen müssten Orte sein, „an denen Menschenwürde, Grundrechte und demokratische Prinzipien geschützt und aktiv verteidigt werden“.

    Vier Leitlinien geben die Richtung vor. Im Wortlaut:

    1. „Keine Duldung von Menschenfeindlichkeit: Extremismus, Rassismus, Antisemitismus oder andere Formen der Diskriminierung haben an Schulen keinen Platz.
    2. Stärkung mündiger Schüler: Kinder und Jugendliche sollen demokratische Prozesse verstehen, kritisch denken und Verantwortung übernehmen.
    3. Förderung von Respekt und Vielfalt: Schulen bekennen sich zu einer offenen Gesellschaft, die auf den Werten des Grundgesetzes basiert.
    4. Haltung zeigen im Schulalltag: Lehrkräfte sollen demokratische Werte aktiv vorleben und in Unterricht und Schulkultur verankern.”

    Der bekannte Beutelsbacher Konsens bleibt dabei ausdrücklich bestehen. Die Übereinkunft, Ergebnis einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg zusammen mit Politikdidaktikern im Jahr 1976, bildet seitdem die Grundlage politischer Bildung.

    Er formuliert drei Grundprinzipien. Erstens gilt das Überwältigungsverbot. Danach ist es nicht erlaubt, Schülerinnen und Schüler „mit welchen Mitteln auch immer im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln“ oder sie an der „Gewinnung eines selbständigen Urteils“ zu hindern. Zweitens gilt das Kontroversitätsgebot. „Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen.“ Werden unterschiedliche Standpunkte nicht dargestellt, Optionen unterschlagen oder Alternativen nicht erörtert, sei der Weg zur Indoktrination beschritten. Drittens sollen Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und ihre eigene Interessenlage zu analysieren sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen.

    „Demokratiebildung bedeutet nicht politische Neutralität gegenüber demokratiefeindlichen oder menschenverachtenden Positionen – im Gegenteil”

    Die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführte AfD versucht immer wieder, Lehrkräfte mit Verweis auf den Beutelsbacher Konsens einzuschüchtern – und Kritik an ihren völkischen und migrantenfeindlichen Positionen als „Indoktrination“ zu diskreditieren.

    „Demokratiebildung bedeutet nicht politische Neutralität gegenüber demokratiefeindlichen oder menschenverachtenden Positionen – im Gegenteil”, so heißt es deshalb nun im Siegburger Konsens. „Schulen müssen Orte sein, an denen Menschenwürde, Grundrechte und demokratische Prinzipien geschützt und aktiv verteidigt werden.”

    Lehrkräfte seien vielmehr verpflichtet, „demokratieschädlichen Aussagen und Handlungen entschieden zu widersprechen und ihnen keinen Raum zu bieten“. Ziel sei es, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich „als verantwortungsvolle und couragierte Bürgerinnen und Bürger in die Gesellschaft einzubringen“. Politische Bildung solle ihnen helfen, „eigene Positionen zu entwickeln und für ihre Rechte einzustehen – stets auf Basis der Menschenrechte und des Grundgesetzes“.

    Entstanden ist der Konsens im Rahmen der sogenannten „BildungsWerkstadt“, einer Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer aller Siegburger Schulen. Zuletzt kamen rund 400 Teilnehmende im Gymnasium Alleestraße zusammen. Ziel der Fortbildung ist es, Pädagoginnen und Pädagogen „Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie ihren Arbeitsalltag in Zeiten des rapiden technischen und gesellschaftlichen Wandels erfolgreich bestreiten“. Genannt werden ausdrücklich die Herausforderungen durch Digitalisierung, Migration, Pandemie und politischen Extremismus – Entwicklungen, die „massiv Einfluss nehmen auf den Bildungsbereich“. News4teachers

  • Brandmauer Schule: AfD, Schule, Böhmermann, Beutelsbacher Konsens

    Gestern (19.9.) ein sehenswertes „Magazin Royale“ von Jan Böhmermann zur Aufgabe der Schule, die Grundrechte zu verteidigen und den Verschen der AfD, dem mit Denunziation und Einschüchterung entgegen zu wirken. Die „Krautreporter“ haben dazu die Recherche geliefert.

  • Weiterführende Literatur zum Projekt „Schulpolitik der AfD“ und Tipps für die Schulpraxis

    Wir haben kürzlich mit Line Saur und Moritz Gawert über die Schulpolitik der AfD diskutiert. Einen Bericht zur Veranstaltung findet ihr hier. Auf Wunsch der Teilnehmenden stellen wir nun eine Liste mit vertiefender Literatur zur Verfügung und danken dafür den beiden Mitarbeitenden des Projekts.

    Für aktuelle Infos zum Projekt SAHe der Uni Augsburg:

    https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philsoz/fakultat/paed-vergleichende-bildungsforschung/projekte/#PublikationenSAHe

    Herausgeberschaften:

    Matthes, Eva & Nikolai, Rita (Eds.). (2024). Bildung und Erziehung 77 (4): Themenheft „Rechtspopulismus und Schule“. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

    Zeitschriftenbeiträge:

    Gawert, Moritz, Saur, Line, & Nikolai, Rita (2025). Schulsport als Politikum?! – Eine inhaltsanalytische Auswertung parteipolitischer Dokumente der AfD. sportunterricht: Monatsschrift zur Wissenschaft und Praxis des Sports mit Lernhilfen, 74(1), 4-8. https://doi.org/10.30426/SU-2025-01-1 

    Gawert, Moritz & Saur, Line (2024). Die Analyse von schulpolitischen Positionen rechtspopulistischer Akteur*innen in Sozialen Medien – ein methodischer Vorschlag. Bildung und Erziehung, 77(4), 467-482. https://doi.org/10.7788/buer-2024-770406 

    Nikolai, Rita & Feldengut, Celine (2024). Rechte Christ*innen und Schule: schulpolitische Positionen in den Debatten um den Bildungsplan in Baden-Württemberg und ihre Anschlussfähigkeit an rechtspopulistische Narrative. Bildung und Erziehung, 77(4), 451-466. https://doi.org/10.7788/buer-2024-770405 

    Nikolai, Rita & Matthes, Eva (2024). Rechtspopulismus und Schule – Einleitung zum Themenheft. Bildung und Erziehung, 77(4), 395-400. https://doi.org/10.7788/buer-2024-770401 

    Nikolai, Rita, Gawert, Moritz, & Saur, Line (2024). The Alternative for Germany and its school policy positions. On Education: Journal for Research and Debate, 7(20). https://doi.org/10.17899/on_ed.2024.20.5 2 

    Weiter Veröffentlichungen zur Diskussion: 

    Unter dem Link findet sich eine Handreichung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, in der unter anderem der Umgang mit dem Beutelsbacher Konsens in Schule und Unterricht thematisiert wird: 

    Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (2020): Positioniert euch! Was politische Bildung darf. Eine Handreichung für Schule und Unterricht. [Link: https://li.hamburg.de/resource/blob/658218/79d931806d0e88aae9a4171acb05d231/positioniert-euch-data.pdf]. 

    Zu diesem Thema gibt es auch ein Interview mit Prof. Dr. Michael Wrase in der Zeitschrift Bildung und Erziehung: 

    Forum. Interview mit Prof. Dr. Michael Wrase. In: Bildung und Erziehung, Band 77, Ausgabe 4, S. 483-488. [Link: https://www.vr-elibrary.de/doi/10.7788/buer-2024-770407]. 

    Hier noch ein Beitrag zum Thema Sexualpädagogik und rechte Politik: 

    Sina Maren Mayer (2024): Kindliche Sexualität als „vage Bedrohung“. Sexualpädagogik zwischen Aufklärung und Positionierung. In: Bildung und Erziehung, Band 77, Ausgabe 4, S. 418-433. [Link: https://www.vr-elibrary.de/doi/10.7788/buer-2024-770403]. 

  • Veranstaltungsbericht: Schulpolitik im Bundestagswahlkampf

     Schulpolitik im Bundestagswahlkampf

    Diskussion mit Line Saur und Moritz Gawert 

    Bildung ist ein zentrales Feld politischer Einflussnahme. Das wissen alle Parteien, und auch die AfD nutzt dieses politische Feld, um Themen zu setzen, Diskurse zu beeinflussen und Lehrkräfte einzuschüchtern. Mittlerweile ist die AfD in 15 von 16 Landtagen vertreten und nutzt ihre parlamentarische Macht, um rechte Ideen und Vorstellungen zu normalisieren und letztlich bildungspolitisch wirken zu können. Welche Strategien die AfD dabei nutzt und welche Themen besonders relevant sind, untersuchen Line Saur und Moritz Gawert an der Uni Augsburg in einem neuen Projekt.

    Der Rechtsruck in der Bildungspolitik ist kein ausschließlich deutsches Phänomen. Das machten die beiden ReferentInnen deutlich,  die  an einem dreijährigen DFG-finanzierten Projekt arbeiten.  Auch international gewinnen rechte Kräfte an Bedeutung, zuletzt in den USA, wo Konservative und Evangelikale schon lange das Feld der Schulpolitik nutzen, um Ängste zu schüren oder in ihren Augen problematische Bücher – wie das „Tagebuch der Anne Frank“ – aus den Schulbibliotheken zu entfernen, beispielsweise in Florida. Dabei spielt der Prozess des „democratic backsliding“ eine Rolle, bei dem demokratische Institutionen von antidemokratischen Akteur:innen ausgenutzt werden, um diese von innen zu schwächen. In Deutschland ist beispielsweise bei der konstituierenden Sitzung im Thüringer Landtag deutlich geworden, wie gefährlich die Macht rechter Parteien wie der AfD sein kann, auch ohne, dass diese Regierungsverantwortung tragen, wenn Prozesse, die bisher „immer einfach funktioniert“ haben, von der AfD plötzlich infrage gestellt werden.

    Ein zentrales Ziel der AfD ist die Beeinflussung von Lehrplänen, um ihre ideologische Agenda durchzusetzen. Zudem setzt sie Lehrkräfte gezielt unter Druck, indem sie den Begriff der „Neutralität“ instrumentalisiert und Meldeportale schafft, um angebliche politische Voreingenommenheit an Schulen zu denunzieren. Auch auf struktureller Ebene versucht die AfD, Bildungsinstitutionen zu durchdringen, etwa durch Klagen, um in Gremien der Landeszentralen für politische Bildung aufgenommen zu werden und ihre Themen in der politischen Bildung unterbringen zu können.

    Im Projekt der Uni Augsburg wird die AfD als extrem rechte und populistische Partei eingeordnet, deren Politik an reale strukturelle Probleme im Bildungssystem anknüpft, diese jedoch stark emotionalisiert und verzerrt darstellt. Ihr Rechtspopulismus fungiert als Brücke zwischen der rechten Mitte und der extremen Rechten. Die Partei nutzt rhetorische „Tricks“, die bereits Theodor W. Adorno in seiner Schrift „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ analysierte. Auch Leo Löwenthal hat die Strategie der Rechten früh erkannt: Sie dockt an systemimmanente Probleme unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung an, ohne die realen Widersprüche zu benennen oder konstruktive Lösungen anzubieten. Löwenthal schreibt über die Gefühle, an die Populist:innen andocken: „Diese Gefühle können weder als willkürlich noch als gekünstelt ignoriert werden, sie sind grundlegend für die moderne Gesellschaft. Mißtrauen, Abhängigkeit, Ausgeschlossensein und Enttäuschung vermischen sich zu einem Grundzustand des modernen Lebens: der Malaise, des Unbehagens.“ (Löwenthal (2021): Falsche Propheten, S. 37). Deshalb bringt es wenig, der AfD nur positive Erzählungen entgegenzusetzen, ohne die realen gesellschaftlichen Probleme ernst zu nehmen und echte politische Lösungen anzubieten. Ein realpolitisches Beispiel dafür ist die PISA-Studie, welche komplexe Probleme des deutschen Schulsystems aufzeigt, von der AfD aber genutzt wird, um nationalistische Erzählungen zu stärken und unterkomplexe Lösungen zu empfehlen. Für die AfD ist die Migrationspolitik die Wurzel allen Übels, auch in der Bildung, weshalb sie mit Slogans wie „Migration ruiniert unsere Schulen!“ Wahlkampf macht.

    Ein besonders wichtiges Mobilisierungsinstrument der AfD ist die Schule als Ort der ideologischen Auseinandersetzung, als vermeintlicher Ort linker Hegemonie und Umerziehung. Dabei setzt die AfD auf eine stark emotionalisierte Darstellung pädagogischer Inhalte, die Ängste schürt und Feindbilder schafft. Besonders in den sozialen Medien hat die AfD eine hohe Reichweite und inszeniert sich über Plattformen wie Facebook, TikTok und YouTube gezielt als Stimme gegen eine vermeintliche „Indoktrination“ an Schulen.

    Ein zentrales Feindbild ist die Sexualpädagogik. Die AfD lehnt Sexualaufklärung in Kita und Grundschule ab und spricht in diesem Zusammenhang von „Frühsexualisierung“ – ein Begriff, der pädagogisch nicht fundiert, sondern ein rechter Kampfbegriff ist. Die Partei konstruiert ein Bedrohungsszenario, in dem Kinder vermeintlich sexuellen Einflüssen ausgesetzt und in ihrer Identität verunsichert werden sollen. Sie propagiert ein heteronormatives Familienbild, in dem nur die traditionelle Familie aus Vater, Mutter und Kind als erstrebenswert gilt. In aktuellen rechten Erziehungsratgebern ist beispielsweise bei einer Aktivistin der rechtsextremen Identitären Bewegung nachzulesen, wie die aktuell gehypte Bindungstheorie genutzt wird, um die Bedeutung der Bindung zur Mutter zu betonen und so ein traditionelles Familienmodell zu propagieren. Zugleich stellt die AfD das Recht auf Abtreibung infrage und lehnt auch in diesem Bereich Aufklärung im Bildungssektor ab. Die AfD arbeitet dabei eng mit religiös-konservativen Gruppen zusammen. Moderne Forschung betont entgegen der politischen Forderungen der AfD, dass Kinder von Geburt an sexuelle Wesen sind und eine entwicklungsadäquate Aufklärung notwendig ist, um Körperbewusstsein, emotionale Kompetenz und soziale Interaktion zu fördern. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden von der AfD populistisch verkürzt, um bildungspolitische Stimmung zu machen: So wurde beispielsweise in Berlin eine Kampgange gestartet, in der die Forderung, kindlicher Sexualität Raum zu geben, wörtlich genommen und ein Angstszenario vor angeblichen „Masturbationsräumen“ in Kitas erschaffen wurde. Auch, wenn solche Räume von niemandem gefordert wurden, verändern solche Fake News den Diskurs.

    Ein weiteres strategisches Instrument der AfD ist die Forderung nach politischer Neutralität in der Schule, die sie mit dem Beutelsbacher Konsens begründet. Tatsächlich wird der Begriff der „Neutralität“ dort jedoch nicht verwendet. Vielmehr wird dort ein auf Kontroversität angelegter Unterricht gefordert. Lehrkräfte sind dazu angehalten, Themen, die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, auch in der Schule zu diskutieren. Dabei sollen Lehrkräfte durchaus selbst Position beziehen, sie dürfen jedoch ihre Schüler:innen damit nicht überwältigen,. Dennoch sind viele Lehrkräfte verunsichert, weil sie dem Missverständnis der Neutralität aufsitzen.Die AfD nutzt das Schlagwort der politischen Neutralität, um Lehrkräfte weiter einzuschüchtern. Beispielsweise wurde in Hamburg eine Online-Meldeplattform eingerichtet, auf der vermeintliche Verstöße gegen das „schulische Neutralitätsgebot“ gemeldet werden sollten. Aktionen wie diese tragen zur Verunsicherung unter Lehrkräften bei.

    In der Schulpolitik werden Migration und Multikulturalismus als Bedrohung für „unsere Kinder“ dargestellt. Die Partei setzt gezielt auf affektive Ansprache, indem sie Eltern und Großeltern adressiert und Bilder von einer vermeintlich „importierten Verrohung“ zeichnet, die „unsere Kinder“ gefährden würde. Die tatsächlichen Ungerechtigkeiten des Schulsystems lässt die AfD dabei außer Acht: Während sie einerseits Chancengleichheit im Bildungssystem betont, setzt sie gleichzeitig auf ein biologistisches Begabungsverständnis, das soziale Faktoren weitgehend ausblendet. Sie fordert schulische Teilhabe durch Maßnahmen wie kostenlose Mittagessen oder Schulkleidung, verschärft jedoch durch ihren Fokus auf Leistung bestehende Ungleichheiten. Zudem beruft sie sich auf den deutschen Idealismus und die Bildungsideale Humboldts, verfälscht sie jedoch, um ihre kulturhistorischen Bezüge zu legitimieren und ihre nationalistische Erzählung von Deutschland als Kulturnation zu stützen.

  • „Muss Schule neutral sein?“ Die Folien zum Vortrag zum Nachlesen

    Hier klicken, um die Folien runterzuladen!

    Der Begriff der Neutralität in der (politischen) Bildung avanciert seit einigen Jahren zu einem Kampfbegriff. Rechtsaußenparteien wie die AfD profilieren sich mit der Forderung, politische Bildung müsse politisch neutral sein und berufen sich dabei u.a. auf den „Beutelsbacher Konsens“. Mittels der Einrichtung von Melde- bzw. Denunziationsplattformen haben AfD-Fraktionen und Abgeordnete in den verschiedenen Bundesländern den Versuch unternommen, Lehrkräfte, die sich kritisch mit Rassismus und Rechtsextremismus auseinandersetzen, massiv einzuschüchtern. Somit entstand an den Schulen, aber auch im außerschulischen Bereich, ein Klima der Verängstigung und Beunruhigung.

    Auch wenn die Neutralitätskontroverse zunächst von Rechtsaußenparteien wie der AfD angestoßen wurde, so entwickelte die Debatte in den letzten Jahren eine eigene Dynamik. Auch staatliche Behörden und Ministerien fordern bei der Vergabe öffentlicher Gelder eine Neutralität der Förderempfänger:innen. Die aktuelle Diskussion um die Aberkennung von Gemeinnützigkeit von Vereinen dreht sich auch um die Frage nach deren „geistigen Offenheit“. Wir haben mit Prof. Bettina Lösch und Prof. Gudrun Hentges darüber diskutiert,  inwiefern es tatsächlich ein „Neutralitätsgebot“ gibt und wie es sein kann ausgerechnet diejenigen in ihrer Bildungsarbeit eingeschränkt werden, die sich eigentlich gegen Diskriminierung, gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen Ungleichwertigkeitsideologien und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen und zugleich für eine gesellschaftliche Demokratisierung eintreten.

     

     

  • Schüler:innenvertretungen der Ostländer warnen vor Rechtsextremismus

    Wir teilen hier das gemeinsame Statement der Landesschüler:innenvertretungen der Ostländer:

    Rechtsextremismus ist ein aktuell steigendes Problem der Gesellschaft, bei dem wir feststellen müssen, dass es keinen Halt vor den Toren der Schulen macht. Völkische Narrative, antisemitische Verschwörungstheorien und extremistisches Gedankengut treten auch im Raum Schule immer häufiger zu Tage und treffen dabei auf eine Schulgemeinschaft, die personell, materiell und vom Wissen her schlecht vorbereitet ist.

    Tische und Wände, welche mit Hakenkreuzen versehen sind, Klassen- oder Jahrgangsgruppen gefüllt mit verfassungsfeindlichen Symbolen oder auch offen gezeigte Hitlergrüße im Schulumfeld sind an manchen Stellen keine Randphänomene mehr. Selbstverständlich kann man nicht bei jedem Auftreten solcher Aktionen von Jugendlichen sofort auf eine tief verankerte rechte Gesinnung schließen. Klar ist aber, dass die Hemmschwelle an vielen Stellen sinkt, das Bewusstsein für die Bedeutung solcher Taten wird geringer und die Bereitschaft, verfassungsfeindliche Aussagen als legitime Meinungsäußerung einzustufen, höher.

    Für uns ist klar, dass Deutschland aufgrund seiner Vergangenheit nicht nur eine besonders große Verantwortung für das “nie wieder” trägt, sondern eben auch einen konkreten historischen Hintergrund besitzt, den man beim Kampf gegen verfassungsfeindliche Gesinnungen nutzen muss und sollte. Durch das Einbeziehen von konkreten geschichtlichen Beispielen können so abstrakte gesellschaftliche Entwicklungen greifbarer dargestellt und durch das entsprechende Bewusstsein dafür ein wirksamer Schutz aufgebaut werden. Offensichtlich ist aber auch, dass die Taten vom Nazi-Deutschland immer weiter in der Vergangenheit liegen und die jungen Menschen dadurch immer weniger direkten Bezug zu der Zeit spüren. Gespräche mit Zeitzeugen werden immer seltener und auch in den Familien liegen mittlerweile mehrere Generationen zwischen der Kriegsgeneration und der heutigen Gen Z.

    Folglich muss auch an dieser Stelle die Institution Schule ein ausreichend großes Wissen über die Vergangenheit sicherstellen. Erreicht werden kann das durch eine Stärkung des Geschichtsunterrichts.

    Wir müssen aber auch feststellen, dass moderner Rechtsextremismus mittlerweile in anderen, meist verschleierten Formen auftritt. Besonders im digitalen Raum beeinflussen Algorithmen, teils durch KI generierte Fake News und breitgefächerte Propaganda, immer stärker die Meinungsbildung der Gesellschaft. Besonders junge Menschen, welche nicht den Umgang mit modernen Informationsquellen erlernen, sind dafür anfällig, über das Netz zu radikalisieren und Grundprinzipien einer Demokratie zu hinterfragen.

    Umso wichtiger ist es, in der Schule den Umgang mit diesen Medien zu lehren und gleichzeitig über die Methoden der modernen Rechte aufzuklären. Auch sollten die Fächer wie Politik oder Sozialkunde ausgebaut und im Wahlpflichtbereich attraktiver gemacht werden. Auch in der Sekundarstufe II müssen entsprechende Fächer angeboten und gefördert werden.

    Dabei sollte im Unterricht fächerübergreifend der demokratische Streit, eine fundierte politische Urteils- und Meinungsbildung sowie ein wertschätzendes Miteinander erlernt werden. Lehrkräfte sollen dabei die Rolle von Mentoren einnehmen, welche die richtigen Methoden an die Hand geben, bei der Informationsbeschaffung unterstützen und für einen gerechten Diskurs sorgen. Dadurch soll in der Schule ein Umfeld entstehen, in dem offen und quellenkritisch diskutiert werden kann. Dafür sollten Pädagogen entsprechend ausreichend weitergebildet und ausgestattet werden. Auch sollten Fortbildungsmöglichkeiten für den Umgang mit rechtem Gedankengut und Radikalisierungen bei Lernenden angeboten werden, sodass das Personal mit dem aktuellen Problem nicht allein und unvorbereitet gelassen werden.

    Außerdem sollten Projekte gefördert werden, die die Vorteile einer pluralistischen Gesellschaft hervorheben und interkulturellen und internationalen Austausch (Auslandsschulpartnerschaften) als Ziel haben. Auch müssen mittelbare Faktoren, welche eine Extremisierung begünstigen, erkannt und abgeschafft werden. Dazu zählt die Schaffung einer flächendeckenden Chancengerechtigkeit, der Ausbau von Resilienzen innerhalb der Schülerschaft und die Verringerung von Einsamkeitserfahrungen bei jungen Menschen.

  • GEW: Kritik an Förderpolitik des Bundesprogramms „Demokratie leben!“

    In einem offenen Brief an Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fordern Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft mehr Geld für die Bekämpfung von Antisemitismus, Antifeminismus, Rassismus und Rechtsextremismus.

    In einem offenen Brief an Ministerin Giffey, den auch die GEW unterschrieben hat, fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Unterstützerinnen und Unterstützer aus der Zivilgesellschaft deutlich mehr Geld für die Bekämpfung von Antifeminismus, Sexismus, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus sowie von Angriffen auf Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung. Mit der Umstrukturierung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ ab 2020 fehlten diese Ressourcen und mit ihnen auch eine geschlechterreflektierende Perspektive auf Rechtsextremismusprävention, erklärte Dissens – Institut für Bildung und Forschung. Das Institut ist unter anderem durch die Absage von zwei Modellprojektanträgen nach eigenen Angaben selbst „sehr akut bedroht“ und kann ab 2020 kein Personal mehr finanzieren, um die Weiterentwicklung und bundesweite Implementierung von Bildungskonzepten fortzuführen.

    In dem offenen Brief heißt es: „Nach dem Anschlag von Halle muss klar sein, dass zu den Themen Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus erst recht in die Expertise der zivilgesellschaftlichen Träger, Projekte und Netzwerke investiert werden muss. Dies gilt ebenso für Träger, die zu weiteren, mit diesen Themen verbundenen Ideologien wie Antiziganismus, Islam- und Muslimfeindlichkeit oder Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit arbeiten.“ Umso unverständlicher sei es, dass nun viele Träger von Modellprojekten ihre Arbeit einstellen oder zumindest massiv einschränken müssten. „Was wir brauchen, ist eine Aufstockung der Mittel auf mindestens 200 Millionen Euro“, fordern die mehr als 400 Unterstützerinnen und Unterstützer, zu denen auch die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe gehört.

    „Ansätze der geschlechterreflektierten Pädagogik haben großes Potenzial für die Prävention von Sexismus, Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus.“

     

    Dissens veröffentlichte zudem eine eigene Stellungnahme mit dem Titel Geschlecht ist kein Gedöns! und bittet um Unterstützung. „Geschlecht muss im zentralen bildungsbezogenen Antidiskriminierungs- und Rechtsextremismuspräventionsprogramm des Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) als wichtige Kategorie explizit berücksichtigt werden“, fordert das auf Spenden und Bundesmittel angewiesene Institut. Rechte Angriffe richteten sich massiv gegen Gleichstellungspolitik, Feministinnen und Feministen sowie Selbstbestimmungsrechte von Frauen und Mädchen. Traditionelle Geschlechterbilder würden in der extremen Rechten zudem bewusst eingesetzt, um Aktivitäten rechter Aktivistinnen zu verharmlosen und als weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. „Ansätze der geschlechterreflektierten Pädagogik haben großes Potenzial für die Prävention von Sexismus, Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus“, schlussfolgert Dissens.

     

    https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/offener-brief-zur-aktuellen-foerderpolitik-des-bundesprogramms-demokratie-leben/