Über das Referendariat, die zweite Phase der Lehrer/innenausbildung in der BRD, hört man viel. Selten Erfreuliches und in der Regel möchten die, die es durchlaufen haben, später nicht mehr daran erinnert werden. Das ist schon deshalb problematisch, weil diese Haltung tiefgreifenden Veränderungen im Wege steht.
In meinem kurzen Vortrag werde ich von meinen Erfahrungen des Referendariats berichten und dabei auf strukturelle Probleme eingehen.
Zuletzt werde ich einige Punkte erläutern, die geändert werden müssten, damit das Referendariat das leisten kann, was es leisten soll: Angehenden Lehrkräfte in der Praxis des Unterrichtens auszubilden.
Caroline Heinrich, Studium der Philosophie und Germanistik in Münster und Mainz, Promotionsstipendium der Rosa Luxemburg-Stiftung, Dissertation 2004 mit der Arbeit „Grundriss zu einer Philosophie der Opfer der Geschichte“, Wien (Passagen) 2005, Referendariat 2005-2007, Vertretungskraft an einem Gymnasium 2008-2009, 2009-2010: Arbeit am Buch „Was denkt ein New Yorker, wenn er in einen Hamburger beißt?“ – Mikrophänomenologie der Macht am Beispiel des Referendariats. Wien (Passagen) 2011; 2010-2012: Lehrkraft mit Planstelle an einer IGS; 2012 Ruf auf die Juniorprofessur für Philosophie und ihre Didaktik an die Uni Paderborn, 2019 Ruf an die Uni Wien für die Professur für Philosophie in Schule und Gesellschaft, Arbeitsunfähig zwischen 2021 und 2024 (Opfer einer Körperverletzung, Krebserkrankung und Tod der Mutter etc.), seit Oktober 2024 in Wiedereingliederung an der Uni Wien.
Am 28. April 2025 fand unsere Online-Diskussion mit der Autorin und ehemaligen Lehrerin Lisa Graf statt. Im Zentrum stand die Autorin und Lehrerin Lisa Graf, die unter der Moderation von Karl-Heinz Heinemann und Martina Zilla Seifert über ihren beruflichen Werdegang und ihre Beobachtungen im deutschen Schulsystem sprach. Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und kann auf unserem YouTube-Kanal angeschaut werden.
Lisa Graf, Autorin des Buches „Abgehängt“ und Podcasterin beim SWR-Bildungspodcast „Durchgefallen“
Graf berichtete zunächst über ihren eigenen Bildungsweg, der von Brüchen, Umwegen und schließlich dem sozialen Aufstieg in den Beruf als Lehrerin geprägt ist. Sie stammt nicht aus einem bildungsfernen Milieu, hatte jedoch keine klassischen Bildungsressourcen wie Akademikereltern zur Verfügung. Durch den frühen Tod ihres Vaters musste die Familie mit noch geringeren ökonomischen Ressourcen auskommen als ohnehin schon. Obwohl sie kein Gymnasium besuchte, schaffte Lisa Graf den Weg ins Lehramt, arbeitete zunächst am Gymnasium und entschied sich später bewusst für den Wechsel an eine sogenannte Brennpunktschule. Diese Erfahrungen hat sie in ihrem Buch „Abgehängt – Wie Schule Lebenschancen verbaut“ verarbeitet, in dem sie die strukturellen Herausforderungen für Kinder aus benachteiligten Familien sowie die Rolle von Lehrkräften in diesem Kontext schildert. Das Buch wurde zum SPIEGEL-Bestseller und Lisa Graf zu einer gefragten Gesprächspartnerin zum System Schule.
Ein zentrales Thema der Diskussion war die ungleiche Verteilung von Bildungschancen in Deutschland. Graf und mehrere Teilnehmer:innen betonten, wie stark der Bildungserfolg von Kindern noch immer an die soziale Herkunft gekoppelt ist. Kinder aus Haushalten mit finanziellen, sprachlichen oder kulturellen Nachteilen starten oft mit geringeren Voraussetzungen und haben weniger Möglichkeiten, schulische Defizite zu kompensieren. Gleichzeitig fehlt es an gezielten Förderangeboten, um diesen Startnachteil systematisch auszugleichen. Oft hängt es vom Zufall und dem individuellen Engagement einzelner Lehrer:innen ab, ob zumindest versucht wird, die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen der Schülerinnen aufzufangen. Stattdessen trifft man innerhalb von Schulkollegien häufig auf eine starke Verachtung von allem, was nicht in das konformistische Bild des deutschen Musterschülers am Gymnasium zu passen scheint.
Ein weiteres Problem, das im Gespräch aufgegriffen wurde, betrifft die strukturellen Bedingungen an Schulen mit hohem Unterstützungsbedarf. Lisa Graf beschrieb eindrucksvoll, wie der Alltag an einer Brennpunktschule aussieht: überfüllte Klassen, fehlendes Fachpersonal und ein hoher Anteil an Schüler:innen mit Sprachförderbedarf oder psychischer Belastung. Lehrkräfte übernehmen dabei zahlreiche zusätzliche Rollen – sie sind vermitteln nicht nur Wissen, sondern sind auch Sozialarbeiter:innen, Dolmetscher:innen, Mediator:innen und manchmal auch Vertrauenspersonen in schwierigen Lebenssituationen. Viele Teilnehmende bestätigten diese Rollenüberforderung aus ihrer eigenen Praxis.
In diesem Zusammenhang wurde auch über den akuten Personalmangel gesprochen. Besonders an Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen sei die Personalfluktuation hoch, da viele junge Lehrer:innen nach kurzer Zeit an vermeintlich „einfachere“ Schulen wechseln. Dies führe zu einer chronischen Unterversorgung und instabilen Lernbeziehungen. Der Ruf nach multiprofessionellen Teams – also der Einbindung von Sozialpädagog:innen, Schulpsycholog:innen und Sprachmittler:innen – wurde mehrfach laut. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sich das Bild der Lehrkraft in der Gesellschaft verändern und an die neuen gesellschaftlichen Bedingungen anpassen muss. Dazu gehört neben einem politisierten Verständnis des eigenen Berufs auch die Veränderung von Rahmenbedingungen, die Etablierung von Teamstrukturen an der Schule sowie eine andere Bemessung der Arbeitszeit, die den vielfältigen Aufgaben Raum gibt, statt nur die Unterrichtsstunden zu messen.
Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung unterschiedlicher Schulformen kam zur Sprache. Die Teilnehmenden diskutierten kritisch, wie das Gymnasium weiterhin als „Normalfall“ der Schulbildung gilt, während Haupt- und Realschulen ein negatives Image tragen. Diese Abwertung beeinflusst nicht nur das Selbstbild der dort unterrichteten Schüler:innen, sondern erschwert auch die Arbeit der Lehrkräfte und senkt die gesellschaftliche Anerkennung dieser Schulformen. Lisa Graf hob hervor, wie schwer es sei, gegen diese Stigmatisierung zu arbeiten – sowohl innerhalb des Kollegiums als auch gegenüber Eltern und Öffentlichkeit. Über die Abwertungsmechanismen und die Verachtung, mit der auf Schüler:innen auf weniger angesehenen Schulen konfrontiert sind, haben wir bereits mit Stefan Wellgraf diskutiert, der eine ethnografische Studie an einer Berliner Hauptschule durchgeführt und die Internalisierung der Fremdzuschreibungen beschrieben und analysiert hat.
Ein weiteres Thema war die unzureichende Vorbereitung von Lehrkräften auf den Umgang mit Diversität und Lebensrealitäten, die nicht der eigenen Kindheit und Jugend entsprechen. Bis heute stammen die meisten Lehramtsstudierenden selbst aus der sogenannten Mittelschicht und haben kaum Kontakt zu Menschen aus anderen Milieus. Viele Teilnehmende der Diskussion kritisierten, dass in der Lehramtsausbildung kaum Inhalte zur interkulturellen Pädagogik, zu Traumapädagogik oder zum Umgang mit Armut vermittelt würden. Wenn biographische Reflexion überhaupt Teil des Lehramtsstudiums ist, dann werde diese selten mit politischen oder soziologischen Fragestellungen verbunden. So fällt es vielen Lehramtsstudierenden schwer, über die eigene Lebensrealität hinaus eine Offenheit und Sensibilität für die Probleme derjenigen zu entwickeln, die nicht so aufgewachsen sind, wie sie selbst. Die Folge sei eine erhebliche Unsicherheit im professionellen Handeln – und oft auch unbewusste Diskriminierung, da das Tragen von Jogginghose, das Hören bestimmter Musikrichtungen oder der Freizeitkonsum der Schüler:innen häufig mit Abwertungen oder der Vorstellung von „Dummheit“ verbunden wird. Und das merken Schülerinnen sehr genau – bis heute entscheiden die „feinen Unterschiede“ über Erfolg oder Misserfolg in der kapitalistischen Gesellschaft. Noch immer herrsche an Schulen ein „toxischer Begabungsbegriff“, der die Bedingungen des Lernens weitgehend ausblendet, beklagt Martina Zilla Seifert, die jahrelang eine Schule in Duisburg-Rheinausen geleitet hat.
Abschließend wurde über mögliche Lösungsansätze diskutiert. Neben der Forderung nach mehr Ressourcen – personell wie materiell – wurde auch betont, wie wichtig verbindliche Kooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern seien. Zudem wurde der Vorschlag eingebracht, Lehrkräfte stärker in die bildungspolitische Gestaltung einzubinden, etwa durch regelmäßige Praxisrückmeldungen in Gesetzgebungsprozesse. Auch die Abschaffung des Gymnasiums wurde als zentral angesehen. Als eine der wenigen Länder der Welt findet in Deutschland bis heute eine viel zu frühe Selektion statt, die bereits im Grundschulalter die beruflichen Perspektiven von Kindern weitgehend determiniert. Beispielsweise in skandinavischen Ländern, die bei PISA deutlich besser abschneiden, findet diese Selektion viel später statt. Auch ein anderes Berufsverständnis führt dazu, dass Probleme weniger oft „ausgelagert“ werden: So gibt es in beispielsweise kaum private Nachhilfeanbieter, da die Lehrerinnen und Lehrer „ihre“ Kinder selbst in der Schule in hierfür eigens eingerichteten Zeitslots fördern. In Deutschland fehlt jedoch, auch aufgrund des großen Drucks, den die Gymnasialeltern auf politische Akteure ausüben, der politische Wille, die starren Strukturen zu verändern und mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen.
Die Veranstaltung endete mit einem Dank an die Referentin und einem kurzen Ausblick auf mögliche Folgeveranstaltungen. Die Teilnehmenden zeigten sich engagiert und äußerten mehrfach den Wunsch nach weiterem Austausch. Insgesamt wurde deutlich, dass die Verbesserung von Bildungsgerechtigkeit ein komplexes und langfristiges Vorhaben ist – eines, das neben strukturellen Reformen auch Offenheit für biografische Erfahrungen und die Bereitschaft zur Selbstreflexion erfordert.
„Das Startchancen-Programm ist das größte Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, heißt es vollmundig auf der Webseite des Bundesbildungsministeriums. Bund und Länder investieren dafür zusammen rund 20 Milliarden Euro in zehn Jahren. Etwa 4.000 Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler sollen mit dem Startchancen-Programm gezielt gefördert werden. Das Startchancenprogramm soll Unterrichts- und Schulentwicklungsprozesse so verbessern, dass Benachteiligungen durch die sozioökonomischen Bedingungen von SchülerInnen aus dem Prekariat minimiert werden. Professionen und Institutionen sollen dabei eng zusammenarbeiten.
Martin Süsterhenn leitet die Katharina-Henoth-Gesamtschule in Köln-Kalk, die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler kommt aus Familien, die Transferleistungen beziehen und mit nicht-deutscher Muttersprache. Er sieht das Programm kritisch, an dem sich seine Schule beteiligt. Ihm schwebt anderes vor, was eigentlich geschehen müsste.
Martina Zilla Seifert, ehemals Schulleiterin der Green Gesamtschule in Duisburg, hat das Programm kritisch analysiert.
Am 17. September 2025 trifft sich die Bildungswelt auf dem Campus Duisburg der Universität Duisburg-Essen. Die Tagung GreensKooL bringt Lehrkräfte, Schulleitungen, Fortbildende und Wissenschaft zusammen – für einen tiefgehenden Austausch über die Tiefenstruktur Kooperativen Lernens. Freuen Sie sich auf renommierte Speaker, wegweisende Impulse und Raum für Vernetzung.
Unsere Tagung bringt Wissenschaft und Praxis zusammen, um das Kooperative Lernen als zentralen Bestandteil von Unterrichts- und Schulentwicklung weiterzuentwickeln. Wir wollen nicht nur bewährte Methoden vertiefen, sondern auch neue Impulse für nachhaltige Veränderungsprozesse setzen.
Unsere Vision
Wir möchten das volle Potenzial des Kooperativen Lernens ausschöpfen und neue Wege aufzeigen, wie es sowohl in Unterricht als auch in Schulstrukturen systematisch und wirksam genutzt werden kann.
Entwicklung eines Potenzialblicks als grundsätzliche Haltung in einem Kollegium
Evidenzbasierte kooperative Methoden zur Förderung der Lesekompetenz in der Sekundarstufe
Kognitive Aktivierung durch kooperatives Lernen? Ein empirischer Blick auf wirksame Lernprozesse
Kooperativ Lernen in Projekten: Warum und wie?
Kooperative Schulentwicklung: Wie kooperative Strukturen die Partizipation an (Grund-)Schulen stärken können
Kooperatives Lernen und Binnendifferenzierung – geht das?
Lernen in der Zone der proximalen Entwicklung: Ein Stufenmodell zur Bestimmung der Lernausgangslage und zum strukturierten Aufbau von (Selbst)Lernkompetenzen
Leader für morgen – Wie kooperative Schulkultur Führung und Selbstführung stärkt
Soziale Unterstützung durch Peer-Learning: Theorie und Praxis
Team. Tatkraft. Transformation. Schule neu denken durch Kooperation.
Kooperatives Lernen
John Hattie hat es als effektstark identifiziert, die OECD hat es indirekt in ihrem 4K-Modell aufgenommen und die Green-Gesamtschule in Duisburg, ihres Zeichens Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises Spezial, hat es in ihr didaktisch-pädagogisches Konzept integriert: das Kooperative Lernen.
Im deutschen Schulsystem genießt das Kooperative Lernen eine lange Tradition und es hat seit Corona, Digitalität und KI an Aktualität und Relevanz noch zugenommen. Aufgrund dieser Umstände musste es sich jedoch an entscheidenden Stellen transformieren und weiterentwickeln. Angelehnt an die Summer School zum Kooperativen Lernen, welche jährlich zwischen 2009 und 2016 in Münster ausgetragen wurde, möchten wir mit unserer GreensKooL eine neue Tagung zum Kooperativen Lernen ins Leben rufen. Dabei möchten wir nicht das klassische Kooperative Lernen neu aufwärmen, sondern auf die nächste Stufe heben. Sie lernen im Rahmen der Tagung die erfolgreiche Weiterentwicklung des Kooperativen Lernens kennen und werden zahlreiche neue Impulse für Ihre didaktischen Kontexte erhalten.
Wer wir sind
Zur Planung und Durchführung der Fachtagung haben sich die Green Gesamtschule (Duisburg) und das Institut für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik (Bochum) zusammengeschlossen, um das Kooperative Lernen auf die nächste Stufe zu bringen. Denn oberflächlich vermittelt oder selten eingesetzt kann es seine Wirkung auf die sozialkommunikativen Fertigkeiten und die fachlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler nicht entfalten.
Daher richten wir unseren Blick auf die Tiefenstruktur des Kooperativen Lernens und weiten seinen Gestaltungsraum über den Unterricht hinaus auf die kollegiale Zusammenarbeit sowie die Lehrkräftefortbildung aus.
Abgehängt Eine andere Klasse – wie Schule Lebenschancen verbaut Gespräch mit Lisa Graf Zeit: 28.Apr. 2025 18:00-19:30 h Zoom-Meeting https://us02web.zoom.us/j/88265918703 Die Autorin des Buches mit diesem Titel und eines Podcasts ist selbst „von unten“ gestartet. Als Gymnasiallehrerin hat sie sich an eine „Brennpunktschule“ versetzen lassen, weil sie nicht damit leben wollte, wie am Gymnasium die Welt und die Kultur der „Unterschicht“ ausgeblendet wird.
„Die meisten, die unten starten, bleiben auch dort. Und wenn es doch einmal jemand nach oben schafft, wird sein Gesicht zum Aushängeschild für eine Lüge. Die Lüge, dass es alle schaffen könnten.“
Die vielen Reformen der letzten 20 Jahre haben keine Steigerung des gemessenen Leistungsniveaus gebracht und erst recht nicht mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht. „All diese Versuche, etwas zu ändern, sind jedoch lediglich Versuche, das marode System zu kitten oder im besten Falle stellenweise umzubauen.“ Das würde nicht reichen und dadurch würde sich auch nichts ändern. Sie fordert nichts weniger als „eine Kernsanierung, einen Abriss und Neuaufbau.“
Sie nennt auch konkrete Ansätze: Eine längere gemeinsame Schulzeit und mehr Diversität, mehr Multiprofessionalität in den Lehrerzimmern, denn für Lisa Graf ist auch klar, dass Lehrkräfte allein nicht den Spagat zwischen Wissensvermittlung und Sozialarbeit leisten können.
"Abgehängt. Von Schule, Klassen und anderen Ungerechtigkeiten".
Wann? Montag, 28.4.25, 18 Uhr
Wo? Zoom
Was? Buchvorstellung und Diskussion mit Lisa Graf
Kritik des Referendariats (Arbeitstitel)
Wann? Montag, 16.5.25, 18 Uhr
Wo? Zoom
Was? Diskussion mit Prof. Caroline Heinrich (Universität Wien)
Am vergangenen Montag haben wir mit Martina Zilla Seifert über Teamarbeit diskutiert. Schulische Bildung benötigt dringend Transformation, denn der Erfolg des bundesdeutschen Bildungssystems ist allenthalben z.B. immer wieder durch erschreckende Pisaergebnisse in der Diskussion. Das mulitprofessionelle Team, so Verlautbarungen aus Wissenschaft und Bildungsadministration, verspricht mindestens Linderung und wird zu oft als DIE Intervention ausgegeben, um eine erfolgreiche Schulentwicklung in Gang zu setzen. Martina Zilla Seifert wirft in der Veranstaltung die Frage auf, wieviel Mythos mit der Wirksamkeit multiprofessioneller Teams verbunden ist und wie bisherige Arbeitsplatzbeschreibungen .B, von Sozialarbeiter- und SozialpädagogInnen dafür sorgen, dass Schulen im Unterricht noch so agieren, wie vor 100 Jahren. Dass es andere Wege der Implementierung von professionellen Lerngemeinschaften / Teamarbeit in Schule geben kann, wird am Beispiel der Green Gesamtschule Duisburg, die 2021 für ihr Teammodell den Deutschen Schulpreis spezial erhalten hat, vorgestellt und mit notwendigen Forderungen z.B. einer anderen Bemessung der Lehrer:innenarbeitszeit verbunden.
Martina Zilla Seifert ist ehemalige Schulleiterin der Green Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen, ein sogenannter „Problembezirk“, und weiß daher genau, wie das System Schule funktioniert. Unter ihrer Leitung gewannt die Schule den deutschen Schulpreis – was Martina nicht nur freut, ändert sich sich doch durch solche Preisverleihungen an den systematisch angelegten Ungerechtigkeiten herzlich wenig. Sie engagiert sich seit Jahren für eine gerechte Bildungspolitik: Nicht nur im Gesprächskreis, sondern auch in zahlreichen Bündnissen, zum Beispiel für eine „Bildungswende Jetzt“. Aktuell ist sie Lehrbeauftragte an der Ruhr Universität Bochum im Fach Bildungswissenschaften und unterrichtet angehende Lehrkräfte mit den Schwerpunkten Kooperatives Lernen und Schulen in sog. herausfordernden Lagen.
Wie kann die Lehramtsausbildung besser auf den Beruf vorbereiten?
Diskussion mit Margret Rasfeld, Gründerin von "Schule im Aufbruch"
Wann? Mittwoch, 16. April 2025 um 19:00 Uhr
Wo? Offenes Zoom-Meeting ohne Vorab-Registrierung
https://us06web.zoom.us/j/89188726916
Meeting-ID: 891 8872 6916
Im kommenden Plenumstreffen möchten wir gemeinsam mit Margret Rasfeld das Thema diskutieren „Wie kann die Lehramtsausbildung besser auf den Beruf vorbereiten?“. Als Gründerin von „Schule im Aufbruch“ setzt sie sich für einen Wandel im Bildungssystem ein. Schule im Aufbruch bietet unter anderem eine Ausbildung zur „Transformationsbegleitung“ an. Doch sollten derartige Inhalte nicht in der Lehramtsausbildung verankert sein?
Vor einigen Wochen haben wir eine Umfrage gestartet. Die Kernfrage war: „Welche Inhalte und Schwerpunkte sollten die Ausbildung prägen, um sowohl die Studienabbruchquote zu senken als auch die Gefahr von Erschöpfung und Burnout zu reduzieren?“
Wir haben zahlreiche Antworten und individuelle Rückmeldungen erhalten. Klar ist: Es muss sich etwas ändern! In der Umfrage haben 81,4 % angegeben, dass sie die Lehrkräfteausbildung schlecht oder nur teilweise auf den Berufsalltag vorbereitet habe:
Sei dabei und trage mit Deiner Expertise und Erfahrung aus dem Schulalltag zu einer Verbesserung der Lehrkräfteausbildung bei!
Mit den Ergebnissen der Umfrage und weiteren Rückmeldungen „von unten“ können wir zusammen verdeutlichen, welche Inhalte und Kompetenzen für Lehrkräfte im Beruf tatsächlich wichtig sind.
Die Politik der Gesamtschulreform. Spaltungslinien, Akteure und Koalitionen in Deutschland und Norwegen
Beltz Verlag, Weinheim, 262 Seiten, gedruckt 48 Euro, Open source als E-Book
Warum gelang es in Norwegen, flächendeckend eine zehnjährige Einheitsschule zu etablieren, während die Gesamtschule in Deutschland über den Status einer Angebotsschule zusätzlich zum fortbestehenden gegliederten Schulsystem nicht hinausgekommen ist? Katharina Sass vergleicht in ihrer historisch-politischen Arbeit den politischen Prozess um Schulreform in Norwegen mit dem in Nordrhein-Westfalen.
Sie bezieht sich vorab auf die eindeutigen wissenschaftlichen Belege, dass eine frühe Spaltung der Schullaufbahnen die Reproduktion von Ungleichheit begünstigt. Dass diese Erkenntnisse hierzulande nur ungern zur Kenntnis genommen werden, liege an der festen Verankerung der Begabungsideologie in den Köpfen selbst der ErziehungswissenschaftlerInnen und Lehrkräfte – ein Erbe des Nationalsozialismus, mit dem Norwegen als im Zweiten Weltkrieg besetztes Land weniger zu kämpfen hat.
Katharina Sass ist außerordentliche Professorin an der Universität Bergen, sie kommt aus NRW. Sie bewegt die Frage: Warum gelang es hierzulande nicht, die Gesamtschule flächendeckend einzuführen? An ihrer Universität in Bergen hat der Soziologe Stein Rokkan die Theorie der „Cleavages“, der Spaltungslinien entwickelt, um politische Prozesse und Entscheidungen zu erklären. Diesen Ansatz wendet Sass auf die Schulentwicklung an: Neben der für Marxisten dominierenden Klassenspaltung von Arm und Reich, Arbeitern und Kapitaleignern zieht sie mit Rokkan Konflikte zwischen Staat und Kirche, Stadt und Land, Zentrum und Peripherie zur Erklärung heran. Aus diesen zueinander quer verlaufenden Spaltungen müssen sich im politischen Prozess Koalitionen bilden, um wirksam zu werden. In Norwegen hatte sich eine hegemoniale Koalition aus Sozialdemokratie (Arbeiterschaft), Landbevölkerung, Frauen und Staat gebildet, in Nordrhein-Westfalen, ihr deutscher Untersuchungsgegenstand, dominierten dagegen Konservative, sprich: die CDU, im Bündnis mit den Kirchen und den Vertretern der Landbevölkerung.
Katharina Sass stellt die Schulentwicklung in beiden Ländern seit dem 19. Jahrhundert dar. In Norwegen wurde schon im 19. Jahrhundert eine allgemeine Volksschule zumindest bis zum fünften Schuljahr eingeführt. In Preußen war die Schulentwicklung zunächst vom Kulturkampf geprägt, also der Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat, immerhin kam es 1900 zur Gleichstellung der Realgymnasien mit den klassischen höheren Bildungsanstalten. Die Auseinandersetzung um die Einheitsschule und die „Arbeitsschule“ in der Weimarer Republik stellt sie dar.
In der Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg sieht sie in Norwegen eine relativ geschlossene Arbeiterbewegung um die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, die in Deutschland am Antikommunismus scheiterte. Das ist gerade für die Schulentwicklung bedeutsam, weil das gemeinsame Lernen mit dem Etikett „Einheitsschule“ versehen und mit Verdikt „Kommunismus“ belegt werden konnte. Die Spaltung in sozialdemokratische und kommunistische Bewegung macht sie am Konflikt um die Berufsverbote deutlich.
Für Sass ist bedeutsam, dass auch in NRW die Kirchen eine wichtige Rolle in der Schulpolitik spielten-So wurde das konfessionelle Schulwesen eigeführt, und die katholische Kirche wehrte sich in den sechziger Jahren gegen die Ablösung der Volksschule gegen die Grund- und Hauptschulen, weil ihr Einfluss dann im Wesentlichen auf die Grundschulen beschränkt blieb.
Auch in Norwegen gab es Konflikte um die Rolle der Kirchen, und ebenso wie bei uns mit der Einrichtung von Mittelpunktschulen, um den Ausgleich des Stadt-Land-Gefälles. Doch hier wie dort hängen die „Cleavages“, die Spaltungslinien im Rokkanschen Sinn, doch eng mit den parteipolitischen Bindungen zusammen.
In NRW, das arbeitet Sass auch mithilfe der Zeitzeugeninterviews heraus, die sie geführt hat, sind ja die Sozialdemokraten im Landtag und der Regierung durchaus nicht die Verfechter der Gesamtschule – die Partei ist darüber gespalten. Und sie suchen auch keine Bündnispartner dafür.
Ihr Fazit: In Norwegen gab es einen breiten Konsens bis in die bürgerliche Mitte, der von der Sozialdemokratie gesucht wurde. In Deutschland dagegen war die Gesamtschule Gegenstand interner Spaltungen, etwa in der SPD, nicht zu vernachlässigen sei auch der starke Antikommunismus als „Spaltpilz“.
Das Buch bietet einen guten und fast umfassenden Überblick über die Schulpolitik in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, und wer sich über das norwegische Schulsystem informieren möchte findet hier hinreichend Material. Sass ruft Kämpfe und „Spaltungslinien“ ins Gedächtnis – so die heftigen Debatten um die Koop-Schule, die die CDU vereinte, die SPD eher spaltete, um die Konfessionsschule, um konservative oder progressive Anlage der Frauenrolle. Das Buch nimmt also die politische Dimension der Kämpfe um Schulreform in den Blick.