Hier finden Sie vom Gesprächskreis Bildungspolitik herausgegebene oder in Auftrag gegebenen Publikationen.
Ökonomisierung
2020: Ökonomisierung schulischer Bildung. Analysen und Alternativen. Eine Studie von Tim Engartner
Es ist hinlänglich bekannt, dass ökonomische Begründungs-, Entscheidungs- und Handlungslogiken im hiesigen Schulwesen Platz gegriffen haben. Aber längst beschränkt sich die Ökonomisierung schulischer Bildung nicht mehr auf das Sponsoring von Schulfesten durch Unternehmen oder den bundesweit anhaltenden Boom von Privatschulen. Nahezu unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit wartet inzwischen eine Vielzahl unternehmensnaher Stiftungen mit Lehrerfort- und -weiterbildungen auf, die mit den Angeboten von Hochschulen, Ministerien und ihnen nachgeordneten Einrichtungen konkurrieren. Wenigstens zwei Dutzend Schulbuchverlage, Stiftungen und Verbände – darunter der Bundesverband deutscher Banken, der Verband der Chemischen Industrie, aber auch die Wissensfabrik als Zusammenschluss von mehr als 140 Unternehmen – halten Weiterbildungsmöglichkeiten vor. Ausgehöhlt wird das staatliche Schulsystem überdies durch den wachsenden „Bildungsmarkt“ der Nachhilfeinstitute, deren Wirkmächtigkeit sich daran ablesen lässt, dass inzwischen jedes vierte schulpflichtige Kind Nachhilfe erhält. Die vorliegende Studie zeigt, dass der Aufstieg dieser außerschulischen Lernorte einerseits in dem Versagen des staatlichen Schulsystems begründet liegt, andererseits aber auch mit den ausgesprochen vielfältigen Angebotsstrukturen der Institute zu erklären ist.
Ferner belegt die Studie, dass Bund und Länder den Digitalkonzernen mit dem 2019 verabschiedeten „DigitalPakt Schule“ ausgesprochen lukrative Absatzmärkte geschaffen haben. Es wird deutlich, dass Google, Apple, Microsoft und Samsung vergleichsweise wenig Widerstände auf dem Weg in die Klassenzimmer zu überwinden hatten, während zum Beispiel der von Amazon angebotene „Kindle Storyteller Kids“-Schreibwettbewerb in einigen Bundesländern verboten wurde. Es kann nachgewiesen werden, dass die Digitalisierung der Schulen bislang eher von ökonomischen Interessen als von pädagogischen Konzepten geprägt ist, weshalb abzuwarten bleibt, ob das milliardenschwere Programm Lehrenden und Lernenden das Lehren und Lernen wirklich erleichtern wird.
Anhand ausgewählter bildungspolitischer Diskurse zeigt die Studie, dass die Debatte um „Schulzeitverkürzung “ nach den Vorgaben des achtjährigen Gymnasiums (G8), die Expansion ökonomischer Bildung in den Stundentafeln und die curriculare Aufwertung der auf Arbeitsmarktrelevanz zielenden Berufsorientierung als Ausdruck der Ökonomisierungstendenzen im Schulsystem zu deuten sind. Zwar kann die Frage, wie es ausgerechnet im Land der Dichter*innen und Denker*innen zu einer derart radikalen Abkehr von Allgemeinbildungsansprüchen kommen konnte, nach wie vor nicht erschöpfend beantwortet werden. Es wird jedoch deutlich, dass der Epochenbruch in unserem Bildungsverständnis seinen Ausgangspunkt in der flächendeckenden Einführung zentraler Schulleistungsvergleiche wie PISA, IGLU und TIMSS findet.
Wie nicht nur die beiden Interviews mit einer Schulleiterin und einem Schulleiter in dieser Publikation zeigen, unterliegt das Schulsystem auch deshalb immer häufiger dem Primat der Ökonomie, weil Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch die gesellschaftliche Erwartungshaltung darin gebremst werden, sich um ihrer selbst willen zu bilden. So zeigt die vorliegende Untersuchung anhand von 59 geforderten und teilweise neu eingeführten Unterrichtsfächern, dass Schul-, Bildungs- und Kultusministerien inzwischen Anwendbarkeit, Verwertbarkeit und Arbeitsmarktkompatibilität von Bildung vielfach zum Maßstab schulischer Lehr- und Lernprozesse erklärt haben. Inwieweit Privatschulen, Nachhilfeinstitute und digitale Bildungsangebote die gesellschaftliche Spaltung vertiefen und verfestigen, wird im Einklang mit verschiedenen empirisch fundierten Erkenntnissen aufgezeigt.
Die Studie beleuchtet insofern nicht nur Gesetzmäßigkeiten und Glaubensbekenntnisse, die der Ökonomisierung schulischer Bildung hierzulande den Weg geebnet haben, sondern analysiert zugleich deren Ursachen, wie zum Beispiel die chronische Unterfinanzierung des Schulsystems, die ihren Niederschlag in baufälligen Schulgebäuden ebenso findet wie in dem grassierenden Mangel an (professionell ausgebildeten) Lehrkräften. Die Gefahren, die uns daraus erwachsen, dass wir Bildung mit individuellen Preisen statt mit gesellschaftlichen Werten belegen, sind vielfältig. Einigen dieser Gefahren – wie etwa denen, die mit der Unterfinanzierung des staatlichen Schulsystems sowie mit der Digitalisierung schulischer Bildung durch Google & Co. verbunden sind – wird in der vorliegenden Studie nachgegangen, wobei die Kritik am Status quo – sofern möglich – mit Positivbeispielen konstruktiv gewendet wird und schließlich in acht schulpolitischen Forderungen kulminiert.
2019: Mehrwert Bildung? Ökonomisierung im Feld der Schule. Eine Studie von Thomas Höhne
Die „Privatisierung der Welt“ – so lautet der Titel eines Buchs (Huffschmid 2004), in dem die globalen Ausmaße politischer Deregulierung und die umfassende kapitalistische Expansion und „Landnahme“ (Dörre 2009) deutlich gemacht werden. Dies betrifft nicht nur einzelne nationalstaatliche Sektoren wie Gesundheit, Rente oder Arbeitsmarktpolitik, sondern zunehmend auch den Bildungsbereich (ebd.: 140–175). Die Privatisierung öffentlicher Güter stellt zugleich eine globale Enteignung dar, die sich in der Umverteilung von öffentlichem hin zu privatem Kapital widerspiegelt. Weltweit befindet sich öffentliches Vermögen gegenüber privatem Kapital auf dem Rückzug. […]
Auch im Bildungsbereich werden ähnliche Tendenzen beobachtet, für die Begriffe wie „Global Education Industry “ (Verger et al. 2016), „bildungsindustrieller Komplex“ (Münch 2018) oder „Ökonomisierung“ (Höhne 2015; Radtke 2009) stehen. Mit dem Ökonomisierungsbegriff werden zunächst zwei zentrale Aspekte in den Vordergrund gerückt: Zum einen der Aspekt der Expansion ökonomischer (Tausch-)Logiken in nichtökonomische Bereiche der Gesellschaft und zum anderen die damit einhergehende Veränderung des Werts eines öffentlichen Guts – seien es Gesundheit, Wasser, Wohnen, Arbeit oder eben auch Bildung.
Digitalisierung
2019: Digitalpakt und die Folgen. Was und wem soll digitale Bildung nützen? Herausgegeben von Karl-Heinz Heinemann
Der Digitalpakt zwischen Bund und Ländern sieht 5,5 Milliarden Euro für die Ausstattung von Schulen in den nächsten fünf Jahren vor. Wollte man wirklich jeden Schüler, jede Schülerin mit einem Tablet oder Laptop ausstatten, die Schulen total vernetzen und eine Infrastruktur mit Clouds aufbauen, so wird selbst dieses Geld nicht reichen. Und vor allem: Wissen die Lehrerinnen und Lehrer überhaupt, was sie damit anfangen können?
Die Beiträge der vorliegenden Broschüre lassen sich nicht in das Schema „Bist du für oder gegen Computer in der Schule?“ pressen. Es geht uns nicht um eindeutige, glatt gebügelte Antworten, sondern darum, Probleme zu benennen und Perspektiven für eine Bildung in Zeiten der Digitalisierung zu entwickeln.
In der Auseinandersetzung um den Einsatz von Computern in den Schulen tun sich alte Gegensätze auf. Auf der einen Seite stehen die Kritikerinnen, die in der Digitalisierung eine Strategie der In-Wert-Setzung des öffentlichen Guts Bildung sehen. Sie befürchten, dass Konzerne, die an der Ausstattung verdienen, damit mehr Einfluss auf die Inhalte nehmen und allein daran interessiert sind, die Kids schon mal auf ihre computerisierten Arbeitsplätze vorzubereiten. Wenn etwas gelernt werden soll, was im Beruf nützlich ist, dann diene es lediglich der Anpassung an bestehende Verhältnisse und habe nichts mit Bildung zu tun, die eher zweckfrei sein sollte. Auf der anderen Seite stehen die Pragmatikerinnen, die argumentieren, dass die Schule nur dann die Chancen für Benachteiligte verbessert, wenn sie auf einen qualifizierten Beruf und einen hochwertigen, sicheren Arbeitsplatz vorbereitet.
Schule und die Corona-Pandemie
2020: Schule in Zeiten der Pandemie – Vom Homeschooling zum Re-Schooling. Eine Online-Publikation von Thomas Gesterkamp
Millionen Eltern, überwiegend Mütter, wurden in der Corona-Krise über Nacht zu Heimlehrerinnen. Die Schließung der Schulen führte zu einem Boom virtueller und oft improvisierter Angebote im Homeschooling. Doch die Möglichkeiten digitalisierter Bildung sind begrenzt. Zudem verstärkt sie die soziale Spaltung: In den Wohnungen benachteiligter Familien ist meist zu wenig Platz zum Lernen, es fehlten die technische Ausstattung und das „kulturelle Kapital“. Engagierte Lehrkräfte erhalten die Verbindung zu Schülerinnen und Schülern mit vielfältigen Mitteln aufrecht. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Prüfungstermine oder die Abarbeitung von Lehrplänen, sondern die Förderung von Lernbereitschaft und Motivation.


