GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Wie sieht die Schule der Zukunft aus?

  • „Aller Übel Anfang ist der Unterricht“

    … das ist für viele von uns nichts Neues. Neu ist aber, dass diese Erkenntnis sich nun im Zentralorgan seriöser konservativer Tagespresse, in der FAZ wiederfindet. Dort wird über das „Schulwunder von Wutöschingen“ berichtet, einer Schule im Schwarzwald, in der es keine Noten gibt, in der selbstorganisiertes und kooperativbes Lernen und Erfahren im Mittelpunkt steht. Wer die FAZ regelmäßig liest wird nicht glauben, dass das aus der Feder der für Bildungspolitik zutändiger Redakteurin stammt. Tut es auch nicht, es wurde von einer Wirtschaftsredakteurin, Lisa Becker, geschrieben.

    Lernen der Zukunft

    Das Schulwunder von Wutöschingen

    In einer kleinen Gemeinde im Schwarzwald findet man die wahrscheinlich innovativste öffentliche Schule Deutschlands. Hier wirft ein Direktor mit seinem Kollegium die gängigen Vorstellungen von Unterricht über den Haufen.

     

    Von LISA BECKER

    Stefan Ruppaner ist ein Mann der kurzen Wege. Der Besuch steht für den nächsten Tag an; die Anfrage dazu war umgehend und mit zwei Sätzen akzeptiert worden. Nun ein Anruf: „Sind Sie heute Abend schon in Wutöschingen? Möchten Sie zu unserem Bläserorchesterkonzert kommen?“ Ein freundliches Willkommen in der Aula. Dann verlässt Ruppaner den Raum, kommt mit dem Orchester wieder hinein, nimmt seinen blauen E-Bass und spielt mit. Früher sei er Musiker im Hauptberuf gewesen und Lehrer im Nebenberuf, erzählt der Leiter der Alemannenschule nach dem Konzert. Heute ist es umgekehrt. Mit seiner Band „Popcorn“ tritt er weiterhin regelmäßig auf.

    Nach dem Konzert steht man bei Glühwein und Kinderpunsch zusammen; die Stimmung ist entspannt. „Ich bin schon sehr zufrieden mit dieser Schule“, sagt eine Mutter. Ihre Kinder gingen richtig gerne dorthin; der Tochter seien die Sommerferien sogar zu lang. „Meine Tochter würde am liebsten in der Schule einziehen“, erzählt eine andere. Und was ist das Besondere? „Jedes Kind wird gesehen und motiviert.“

    Anschließend, bei Bier,  Wein  und Wasser im Landgasthof „Ochsen“, erzählt Ruppaner vom Umbau der Schule, deren Leitung er vor etwa zehn Jahren übernommen hat. „Eine sterbende Hauptschule“ sei sie gewesen, der die Schließung drohte. Mit im „Ochsen“ dabei: eine Abordnung von der deutschen Schule in Kairo, zwei Lehrerinnen und ein Lehrer. Man hat von dem außergewöhnlichen Konzept der Gemeinschaftsschule erfahren und will sich das genauer anschauen. Ständig empfängt man in Wutöschingen Besuch. „Montag ist Besuchstag“, sagt Ruppaner. Vor allem Schulen und Gemeinden informieren sich über das mit dem angesehenen Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Konzept.

    „Aller Übel Anfang ist der Unterricht“

    Wie radikal Ruppaner und seine Kollegen Schule verändert haben, muss man freilich erst einmal verkraften. Das klingt nach Revolution, einer friedlichen natürlich, auch wenn Ruppaner nicht an markigen Worten spart. Für das, was er in der 7000-Einwohner- Gemeinde angestellt hat, in einer staatlichen Schule zumal, die eher im Brennpunkt liegt, braucht man sehr viel Willen und Durchhaltevermögen. Denn die Vorbehalte waren riesig und sind noch nicht ganz verschwunden. Geholfen haben auch eine gute Vernetzung – Ruppaner ist seit 28 Jahren im Gemeinderat – und Ehrgeiz. Der energiegeladene Mittsechziger mit den wachen, freundlichen Augen verhehlt nicht, wie es ihm gefällt, dass seine Schule inzwischen in der obersten Liga mitspielt, von Kultusministerinnen und anderen Politikern als Vorzeigeschule empfohlen.

    „Aller Übel Anfang ist der Unterricht“, lautet einer dieser markigen Sätze Ruppaners, die man erst mal verdauen muss; vielen Lehrkräften dürfte er sauer aufstoßen. Oder: Bevor er in eineinhalb Jahren in Rente gehe, müsse er „noch viele Strukturen zerschlagen“. Ruppaner will unbedingt verhindern, dass die Schule dann zu dem Unterricht zurückkehrt, der an deutschen Schulen dominierend ist.

    Im Visier hat er zum Beispiel die Unterteilung in Fächer, die es auch an der Alemannenschule noch gibt. Die würde Ruppaner gerne auflösen. Vieles andere haben er und seine Kollegen schon zu Grabe getragen. Es gibt keine Klassen und keine Klassenzimmer mehr. Es gibt keine 45-Minuten-Schulstunden. Es werden keine Klassenarbeiten für alle zu festen Zeiten geschrieben.

    „Lernpartner“ statt Schüler

    Gehörig verändert hat sich die Tätigkeit der Lehrkräfte, die hier meistens „Lernbegleiter“ sind. Wenn sie an die Schule kommen, müssen sie vieles lernen, was sie in der Lehramtsausbildung nicht gelernt haben. Es geht wenig um Stoffvermittlung und viel darum, sich für die Kinder und Jugendlichen zu interessieren, sie zu beraten und zu motivieren. Nicht allen, auch das wird klar, gefällt diese Tätigkeitsbeschreibung. Streng genommen gibt es auch keine Schüler mehr, sondern „Lernpartner“. Ein solcher, Finn aus der siebten Jahrgangsstufe, steht an einem Stehtisch auf dem „Marktplatz“. Dort darf laut gesprochen werden, anders als in den „Lernateliers“, wo jedes Kind seinen festen Platz in einer jahrgangsgemischten Gruppe hat. Finn schaltet sein  iPad  an, das er wie alle anderen ständig mit sich trägt.

    Seine Lernbegleiterin hat ihm zu Beginn des Schuljahres die Fächer freigeschaltet, die er in der siebten Jahrgangsstufe lernt. „Ich will heute Deutsch lernen“, sagt er. Entschieden hat er das selbst. „Später ist noch Mathe-Input.“ Input sei ein bisschen wie klassischer Unterricht, sagt Finn. „Die Lernbegleiter erklären Stoff.“ Die Input-Stunden – Finn hat jeweils eine in der Woche in Mathe, Deutsch und Englisch – haben einen festen Platz in seinem Lernplan.

    Insgesamt ist dort aber wenig festgelegt. Finn entscheidet weitgehend frei, was er wann lernt. Zum Ende des Schuljahrs muss er allerdings alle Themen auf einem gewissen Mindestniveau bearbeitet haben.

    Selbständigkeit und Verantwortung übernehmen für sich selbst und andere: Das möchten Ruppaner und seine Mitstreiter in den Schülern fördern. Am wichtigsten ist ihm aber: „Sie sollen gerne in die Schule kommen und ein gutes Leben haben.“ Man nimmt ihm das ab. Als er die Leitung der Schule übernahm, habe er selbst nicht geglaubt, dass fast alle Schüler weitgehend selbstbestimmt lernen können, schon gar nicht die eigenen. In einer Doku erfuhr er von einer Schule, in der freies Lernen praktiziert wurde. Das faszinierte ihn. Er machte sich mit Kollegen auf den Weg, sie begannen mit der 5. Klasse. Nach drei, vier Jahren sei schon viel verändert gewesen.

    Selbst organisiertes Lernen

    „Man muss den Kindern die Gelegenheit geben, etwas zu lernen“, ist ein weiterer Satz von Ruppaner, der sitzt. Im üblichen lehrerzentrierten Unterricht sehe es von außen so aus, als lernten alle gut, das sei aber bei Weitem nicht so. „Wenn einige es nicht verstanden haben, geht die ganze Klasse trotzdem weiter. Bei uns wird hingegen nachgelernt.“ Wer auf die Eigenständigkeit der Schüler setze, müsse freilich aushalten, dass sie auch mal nichts lernten.

    „Wir hatten eine Chill-out-Lounge eingerichtet für die, die lieber chillen als lernen wollten, auch damit sie die anderen nicht störten“, erzählt Ruppaner. „Zu Beginn war sie voll, nach zwei Wochen aber leer.“

    Pauline, ebenfalls siebte Jahrgangsstufe, war schon um 7.25 Uhr in der Schule, Orchesterprobe. Dann hat sie einen Deutsch-Input besucht. „Ich halte mich an den Input- Plan“, sagt sie. Klar lerne sie freiwillig. „Meistens lerne ich mit meiner Schwester und einer Freundin auf dem Marktplatz“, erzählt sie. „Wir erklären uns den Stoff gegenseitig.“ Beim Gang durch die luftig-hellen Schulgebäude sieht man einige Schüler alleine auf Stühlen, Sofas, Sesseln oder Sitzkissen sitzen. Meistens trifft man sie allerdings in Grüppchen an. Der Mensch lernt offensichtlich gerne in Gesellschaft.

    Einmal in der Woche geht Pauline, wie ihre Mitschüler, zum Coaching mit ihrer Lernbegleiterin. Es dauert 15 bis 20 Minuten. Sie schauen gemeinsam, was Pauline gelernt hat und wie sie weitermachen könnte. „Und welche Gelingensnachweise ich schreiben könnte“, erzählt Pauline. Wann sie diese Tests absolviert, entscheidet sie selbst. „Man korrigiert auch selbst“, erklärt sie. Um zu bestehen, müsse man eine hohe Punktzahl erreichen. Zweimal kann ein Gelingensnachweis wiederholt werden.

    „Wir decken den Tisch. Essen müssen die Schüler selbst“

    Ruppaner erklärt das Konzept der Schule gerne am Beispiel einer Mahlzeit: „Wir decken den Tisch. Essen müssen die Schüler selbst.“ Wichtig sind auch die Tischmanieren – es gibt viele Regeln an der Alemannenschule, man könnte auch sagen: Anreize. Wer sich anständig verhält, pünktlich ist, Termine einhält, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft übernimmt, bekommt mehr Rechte, darf zum Beispiel auf dem Marktplatz lernen und nicht nur an seinem festen Platz im Lernatelier. Man kann aufsteigen, vom Neustarter, zum Starter, zum Durchstarter, zum Lernprofi. Den erreichten Status möchte man halten oder verbessern. Ganz wichtig ist: Man steigt nicht wegen besonders guter Schulleistungen auf, sondern wegen sozialer Kompetenzen, auf Neudeutsch „social skills“.

    Das SoL, selbst organisierte Lernen, ist jedoch nur einer der beiden Flügel der „Schmetterlingspädagogik“, die an der Alemannenschule praktiziert wird. Der andere Flügel ist das LdE: Lernen durch Erleben. Dieses findet nachmittags statt und in Gruppen. Dafür meldet man sich über sein Tablet an. Finn hat schon „Glück“ gewählt und „Ernährung und Verdauung“. Ganz besonders hat ihm gefallen, als sie im Wald nach Tierspuren gesucht haben.

    Ohne die starke Digitalisierung der Schule wäre dieses Konzept nicht möglich, sagt Ruppaner. Wenn das WLAN mal nicht funktioniere, was dreimal im Jahr der Fall sei, dann sei das „wirklich schlimm“. Jedes Kind hat für zwölf Euro im Monat einen Tabletcomputer,

    der alle drei Jahre ausgetauscht wird. Wer sich das nicht leisten kann, wird vom Förderverein unterstützt. Schulbücher gibt es an der Alemannenschule nicht mehr, dafür umfangreiche Lernmaterialien auf den iPads. Das selbst organisierte Lernen funktioniere nur, wenn diese hervorragend konzipiert seien. Erstellt werden sie von der gemeinnützigen Genossenschaft Materialnetzwerk eG, in der sich etwa 60 Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz austauschen. Ihr Sitz: Wutöschingen. Der Vorstandsvorsitzende: Stefan Ruppaner.

    Datenschutz? Kein Problem

    Erstellt werden Open-Source-Materialien, sie können frei bearbeitet und weiterverbreitet werden. Von 200 Euro an im Jahr kann jede beliebige Schule eine Lizenz erwerben und die Materialien an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Die Alemannenschule habe früher 50 000 bis 60 000 Euro im Jahr für Schulbücher ausgegeben, sagt Ruppaner. Jetzt wende man vielleicht 500 Euro im Jahr für Lernmaterial auf.

    Datenschutz sei an der Schule kein Problem, sagt Ruppaner. Man arbeitet in einer Open- Source-Umgebung mit dem Namen DiLer, die an der Schule mitentwickelt wurde und die auch andere Schulen kostenlos nutzen können. „Sie funktioniert seit zehn Jahren fehlerfrei.“ Wer ansonsten Schwierigkeiten mit der Technik hat, wendet sich an einen iPad-Assistenten; das sind Schüler, die dafür ausgebildet wurden. Die nächste Stufe ist der Lernbegleiter im Medialab der Schule. Wenn das Problem dort nicht gelöst werden kann, kümmert sich die Gemeinde.

    Nach zwei Tagen Hospitanz hat den Lehrer aus Kairo besonders beeindruckt, wie viel Zeit die Lehrkräfte für ihre Schüler haben. „Sie können wirklich eine Beziehung aufbauen.“ Auf einem Rundgang durch die modern und gemütlich eingerichteten Schulgebäude mit unterschiedlichen Räumen, Nischen und Sitzgelegenheiten grüßt Ruppaner ständig Schüler, kennt alle mit Namen. Er klatscht ab, stellt eine Frage; die Kinder freuen sich offensichtlich, ihn zu sehen.

    „Wir machen es nicht wegen der Schulleistungen“,

    Einige der Besucherschulen sind dabei, das pädagogische Konzept der Schule zu übernehmen. Andere hätten Bedenken, weil sie in alten Gebäuden untergebracht seien, erzählt Ruppaner. Man habe aber auch ganz klein angefangen, Tische auseinandergestellt und jedem Schüler einen eigenen Arbeitsplatz eingerichtet, mit einer Holzkiste auf jedem Tisch für die Ordner. 20 Euro für jedes Kind habe das gekostet und ein paar Jahre funktioniert. Dann kam der Erfolg, Anmeldungen und Schülerzahlen stiegen; heute sind es rund 900. Man bekam den schönen Neubau.

    Und wie hält man es mit Noten? Verpflichtend sind sie von der achten Klasse an, vorher kann man die Testergebnisse in Noten umrechnen lassen. Ruppaner schaltet sein iPad ein. „Kennen Sie Vera?“ Vera steht für „VERgleichsArbeiten“, die in Mathe, Deutsch und Fremdsprachen in allen Bundesländern durchgeführt werden. Der Schulleiter zeigt Schaubilder: Die Leistungen der Alemannenschüler liegen deutlich über dem Durchschnitt. Im vergangenen Schuljahr hat man den ersten Abiturjahrgang entlassen, mit der Durchschnittsnote 1,7. Der Durchschnitt in Baden-Württemberg betrug 2,2. „Wir machen es nicht wegen der Schulleistungen“, sagt hingegen Ruppaner. Und auch: „Gute Leistungen sind wichtig, damit wir machen können, was wir machen wollen.“ Die guten Noten bringen öffentliche Anerkennung, sie halten ihm und seinem Team den Rücken frei – damit sie Schule weiter über den Haufen werfen können.

     

  • Netzwerk fürSchulreformen – vielversprechend, aber auch nichtssagend

    Uns erreichte eine Einladung eienes Netzwerks für Schulreformen, die wir hier wiedergeben. Die Absichten klingen ja gut, aber leider ist es uns nicht gelungen herauszufinden, wer dieses netzwerk trägt. Vielleicht lohnt es sich ja, bei  der Eröffnungsveranstaltung dabei zu sein.

    „Damit endlich alle an einem Strang ziehen können, möchte das Netzwerk für Schulreformen bundesweit einen Raum für Diskussionen und Austausch mit anderen motivierten Schulreformer*innen bieten. Ziel ist es, möglichst viele Perspektiven auf das Thema Schule einzubeziehen und Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam neue Lehr- und Lernformen wagen wollen. So werden auch soziale Gerechtigkeit, Antidiskriminierung und psychische Gesundheit bei unseren Netzwerktreffen Thema sein. Weitere Themen finden Sie auf unserer Website. Dabei geht es nicht darum, die eine Lösung anzubieten, sondern im gemeinsamen Austausch mit Schüler*innen, Eltern, Professor*innen, Studierenden, Politiker*innen, Organisationen und Initiativen konkrete Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Die Ergebnisse dieses Beteiligungsprozesses werden danach auf unserer Website zur Verfügung gestellt, um weitere Vernetzung und letztlich die Schulreform zu ermöglichen.

    Welche Probleme könnten wir schon morgen angehen? Wie kann eine noch bessere Zusammenarbeit gelingen und wie kann Gemeinschaft in der Schule gestärkt werden? Was würden Sie gerne anders machen?

     

    Das erste Kennenlerntreffen findet am 22.11.2022 um 18:00 Uhr per Zoom statt.

    Mehr Themen, Treffen und Infos  unter:

    https://www.netzwerkfuerschulreformen.de/.

    Unter “Sei dabei!” finden Sie  ein Anmeldeformular, um den Zoomlink zu erhalten.

    Wir freuen uns auf Sie!

    Das Orga-Team Netzwerk für Schulreformen

  • Über die Schule der Zukunft – Veranstaltungsbericht zur Diskussion mit Matthias Greffrath am 5.11.21

    Was hätte man anders machen können, um Kinder und Jugendliche einigermaßen glimpflich durch die Lock-down-Zeit zu bringen? Statt jedem Kind 300€ für technische Geräte zur Verfügung zu stellen, wäre es sinnvoller gewesen, die 4,3 Milliarden in zusätzliche Lehrkräfte zu investieren, meint Mathias Greffrath, Autor, Soziologe und Essayist. Er stellte uns am 5. November in Berlin seine Vision von der Schule der Zukunft vor.

    40.000 Lehramtsstudierende hätten mit jeweils 1500€ in die Schulen geschickt werden können, um kleine, nomadische Gruppen zu unterrichten und so Ansteckungen zu verhindern. Zwar wurde dieser Vorschlag in ähnlicher Form auch diskutiert, aber letztlich ist wenig passiert. Spanien dagegen, so Greffrath, habe zwei Milliarden Euro genutzt, um mehr Personal an Schulen zu holen – aber Deutschland sei eben ein „Hardware-Land“. Statt im Stillstand zu verharren, müsse das System aber in Bewegung kommen. Es gäbe bereits Schulen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Greffrath nennt als Beispiel eine Montessori-Schule, verweist aber darauf, dass es diese Schulen nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten in Deutschland gibt. Verändert hat sich dennoch wenig. Warum ist das so?

    Dringlicher als Lernstandsrückmeldungen sei es zu untersuchen, was die Schulen anders machen, die gut funktionieren, meint Greffrath. Liegt es an der Auswahl der Schulleitungen, liegt es an der Auswahl der Lehrkräfte? Und warum strahlen diese Leuchtturmschulen nicht so weit, dass sie andere anstecken? Liegt es an der fehlenden Autonomie der Schule? Statt auf Pädagogik setze die Politik zurzeit eher auf Digitalisierung als Wunderwaffe. Der Umgang der Lehrkräfte mit den Kindern und Jugendlichen steht weniger im Fokus der Diskussion. Greffrath zufolge müsste hier jedoch angesetzt werden.

    Die großen Tech-Konzerne haben längst das Potenzial dieses neu entstehenden Marktes erkannt. Ob Computer und Tablets für Schulen oder Lernsoftwares – das Heil werde zurzeit in der Digitalisierung gesucht, während pädagogische Fragen aus dem Blick geraten. In den USA werde seit der Pandemie bereits darüber diskutiert, ob Klassenzimmer – also physische Schulgebäude, wenn man den Gedanken weiterführt – überhaupt noch nötig sind. Digitalisierung werde als non-plus-ultra des Humanismus verkauft, was Greffrath als Modernisierungspopulismus bezeichnet. Die CDU schlägt beispielsweise in einem Positionspapier vor, den Lehrkräftemangel durch die digitale Schule zu bekämpfen. Betitelt wird das zynischerweise als „Humboldt für alle“. Die alte meritokratische Lüge werde damit aufrechterhalten, von der selbst die FDP mittlerweile verstanden habe, dass sie eine Lüge ist.

    Was also tun? Eine wirkliche Revolution der Schule brauche einen neuen Gott, so Greffrath. Falls Sie nun beim Lesen einen Schreck bekommen haben: Es geht Greffrath keineswegs um ein Zurück zur Religion. Doch die Funktion der Religion, eine gemeinsame Erzählung zu bieten, zu sagen, woher man komme und wohin man will, sei verschwunden, ohne adäquat ersetzt worden zu sein. Greffrath bezieht sich hier auf ein Buch von Neil Postman mit dem Titel „Keine Götter mehr: Das Ende der Erziehung“. Trotz der Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte und der Öffnung bestimmter Bildungswege auch für Nicht-Akademikerkinder, blieben die großen Chancen bisher ungenutzt. Die Funktion der Schule, zu sortieren, habe zu einem Dauerkonflikt und einer Konkurrenz unter den Eltern geführt. Die Familie könne die Aufgabe, Werte zu vermitteln, immer weniger leisten. Deshalb komme dem Erziehungsauftrag der Schule eine so große Bedeutung zu. Doch damit seien die Schulen derzeit überfordert. Viele Lehrkräfte seien auch nicht bereit, dies als ihre Aufgabe anzusehen. Doch dort, wo der Einfluss der Schule endet, beginnt der Einfluss der „Hero-Society“, also die Privatisierung dessen, was die Familie nicht mehr leistet und die Schule nicht leisten kann.

    Wertevermittlung wird sozusagen „outgesourced“. Parallel werden Privatschulen wichtiger, und wer das Geld hat, schickt sein Kind eben auf eine Privatschule. Die Tendenz zur Privatisierung hebe jedoch die Funktion der Schule als Öffentlichkeit auf. Dann bleibt jedes Milieu in seiner eigenen Blase, der Sinn von Schule werde damit ad absurdum geführt. Die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen der Epoche des Anthropozän – Klimawandel und Vollautomatisierung vieler Industriezweige sind nur zwei Beispiele von vielen – zeigen jedoch, wie dringend unsere Gesellschaft eine gute Schule braucht. Doch wie muss diese Schule aussehen? Welche Themen sind dafür wichtig?

    Ein Fach Nachhaltigkeit mit zwei Wochenstunden wird dafür jedenfalls nicht ausreichen. Wir brauchen mehr Grundfertigkeiten, mehr Wissen, auch mehr technisches Wissen, aber vor allem muss die öffentliche Schule zu einem Ort werden, an dem es um die Fragen geht, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Die Schule sollte mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten ausstatten, das wahrzunehmen, was nicht zu bezahlen ist oder nicht kommerzialisiert werden sollte. Wir sollten mit Hoffnung in die schwierige Zukunft blicken und von sozialen Bewegungen wie Fridays for Future lernen, die Revolution im Kleinen zu beginnen.

    Diskutiert wurde darüber, wie sinnvoll es ist, auf die Kraft von individuellen Schulen und Lehrkräften zu setzen, solange die Verhältnisse so ungerecht sind, wie sie sind. Auch mit mehr Autonomie und motivierten Lehrkräften hat eine Schule in Köln-Kalk, ein sogenannter „Problemstadtteil“, mit viel mehr Widrigkeiten zu kämpfen als eine Schule in Köln-Lindenthal, einem wohlhabenderen Stadtteil. Es könne bei gesellschaftlichen und bildungspolitischen Veränderungen nicht darum gehen, nur auf den guten Willen einzelner Menschen zu setzen. Der Wunsch nach Autonomie sei gerade aus der Perspektive bereits strukturell privilegierter Schulen verständlich, doch mehr Autonomie in Zeiten des Mangels zementiere die bestehende Ungleichheit. Dem Schulleiter*innen in prekären Vierteln fehle nicht die Motivation, sondern oft die materiellen Ressourcen, und auch die Auswahl der Lehrkräfte gestaltet sich schwieriger, wenn Lehrkräfte lieber an Schulen arbeiten, an denen der Unterricht vermeintlich leichter ist. Eine weitere Gefahr sei das Erstarken der Privatschulen, denen man gute Schulen entgegensetzen müsse. Die Pandemie habe gezeigt, was für eine wichtige soziale Funktion die Schule nicht nur als Lern-, sondern als Lebensort erfüllt. Autonomie sei zwar wichtig, darf aber nicht, wie an den Hochschulen, zu einer elitären Exzellenz-Initiative führen, denn mehr Autonomie kann auch ein Einfallstor für die Ökonomisierung der öffentlichen Schulen sein.  Der Wettbewerb der Schulen untereinander kann nicht das Ziel sein, und auch keine bürokratische Überwachung von der Schulbehörde festgelegter Parameter für gelingende Schulen. Greffrath betont dagegen die Gestaltungsmacht einzelner Schulleitungen – aber warum dann eigentlich nicht die ganze Schule demokratisieren?

    Auch die Idee eines verpflichtenden sozialen Jahres wurde kritisch beleuchtet. Greffrath verweist darauf, dass der Übergang von der Schule in das gesellschaftliche Leben so sinnvoller und gleichberechtigter organisiert werden könne, als wenn nur diejenigen, die es sich leisten können, nach dem Abitur ein Jahr in Australien verbringen. Natürlich müsse ein solches Jahr gut bezahlt werden. Dagegengehalten wurde aus dem Publikum, dass ein solches soziales Jahr auch eine Form des „out-sourcing“ darstellt. Statt auf die isolierte Wirkung eines Jahres in der Arbeitswelt zu setzen, müssten vielmehr soziale Fähigkeiten, demokratisiertes Lernen sowie die Vermittlung einer gesellschaftskritischen Perspektive in der Organisation des Schulsystems stärker in den Blick genommen werden. Einig war man sich darin, dass die Kooperation der Schulen mit gesellschaftlichen Akteur*innen – ob das nun der Handwerksbetrieb im Ort, das Jugendzentrum, das Krankenhaus oder die lokale Gärtnerei ist – verstärkt werden muss.

    Doch nicht nur die Öffentlichkeit müsse in die Schulen geholt werden – die Schule als öffentlicher Ort müsse eben auch als öffentliche Verantwortung betrachtet werden. Wie geht es denn den Kindern und Jugendlichen, die die Schule nicht mit einem erfolgreichen Abschluss verlassen? Auch dafür müsse die Gesellschaft die Verantwortung tragen. Ein ehemaliger Schulleiter betont, wir seien viel zu sehr daran gewöhnt, dass Leute „rausfallen“, einfach auf dem Weg „verloren“ gehen. Die ungerechten Verhältnisse in unserer Gesellschaft und der fehlende Wille zur politischen Veränderung seien kein Wunder, wenn bereits in der Schule Kinder und Jugendliche dazu erzogen werden, dass es eben immer ein paar „Verlierer*innen“ geben wird. Eine der Aufgaben emanzipatorischer Bildungspolitik besteht deshalb in der Erinnerung daran, dass gesellschaftliche Verhältnisse keine Naturgesetze abbilden, sondern veränderbar sind.

  • Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Veranstaltung des GK am 5.11.21 – Jetzt noch anmelden!

    Wie sieht die Schule der Zukunft aus?

    Darüber wollen wir mit euch diskutieren!

    Am 5. November um 18 Uhr veranstaltet unser GK Bildungspolitik eine Diskussionsrunde mit Matthias Greffrath zur Frage, wie die Schule der Zukunft aussehen sollte. Er hat dazu im Deutschlandfunk einen Essay veröffentlicht, den ihr hier findet und der viele Facetten dessen abdeckt, was wir für die Entwicklung eines linken Bildungsbegriffs brauchen.

     

    Die Veranstaltung findet sowohl per Zoom als auch in Berlin in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Straße der Pariser Kommune 8a statt. Wer sich anmelden möchte, kann einfach eine Mail schreiben an gk.bildungspolitik@rosalux.de

     

     

  • Was die Schule der Zukunft leisten sollte

    Ein Essay von Matthias Greffrath, DLF, 27.6.2021, Essay und Diskurs

    Es braucht eine Schule, die Leidenschaft und Engagement zündet, um notwendige Veränderungen zu gestalten.

    Wie so oft bei Matthias Greffrath ein gr0ßer Rundumschlag, der aber m.E. sehr gut die Aufgabe von Schule und Bildung heute bestimmt, ein Plädoyer für die öffentliche Schule als Integrationsagentur, und die Gestaltung des Anthropozän als leitende Bildungsidee.