GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Corona

  • #WirWerdenLaut – Schulen in der fünften Welle. Ein Offener Brief von Schülervertreter*innen

    Die Petition zum Offenen Brief könnt ihr hier unterschreiben!

    #WirWerdenLaut

    Mit der Omikron-Variante ist die fünfte Infektionswelle des Coronavirus SARS-CoV-2  angebrochen. Wir Kinder und Jugendliche erdulden die Pandemie und die mit ihr einhergehenden Einschränkungen seit fast zwei Jahren. Wir halten uns gewissenhaft an die auferlegten Maßnahmen, um uns und andere zu schützen. Doch die Situation an unseren Schulen ist nach zwei Jahren unerträglich geworden.

    Wir haben unsere Belastungsgrenze erreicht. Endlich wird die psychische und körperliche Gesundheit von uns Schüler:innen stärker thematisiert. Dieser Diskurs sollte ehrlich und öffentlich mit statt nur über uns geführt werden. Wir Schüler:innen, wie auch viele Eltern, Lehrkräfte und Wissenschaftler:innen, haben immer wieder besseren Infektionsschutz an Schulen verlangt. Forderungen wie die flächendeckende Ausstattung mit Luftfiltern, die Aussetzung der Präsenzpflicht und der angemessene Ausbau digitaler Lern- und Lehrmittel an Schulen wurden und werden wiederholt zu großen Teilen ignoriert und bisherige Lösungsansätze und Förderprogramme waren nicht ausreichend. Wir müssen davon ausgehen, dass diese fünfte Welle nicht die letzte sein wird. Dennoch fehlt weiterhin ein klares politisches Signal, dass für den Herbst 2022 und die Zeit danach Vorbereitungen getroffen werden! Anfängliche Kommunikationsfehler der Corona-Politik der Jahre 2020 und 2021 werden wiederholt, wenn nicht gar übertroffen.

    Sehr geehrte Frau Bundesministerin Stark-Watzinger,
    sehr geehrter Herr Bundesminister Lauterbach,
    sehr geehrte Frau Präsidentin der Kultusminister:innenkonferenz Prien,
    sehr geehrte Regierungspräsidien der Länder,

    Wir können Ihre aktuelle Politik, die uns alle im Stich lässt, psychisch belastet und körperlich gefährdet, nicht länger mittragen. Wir sind darauf angewiesen, dass Sie endlich Ihrer Verantwortung gerecht werden und auf unsere Forderungen eingehen. 

    Wir fordern:

    1. Einen ehrlichen und öffentlichen Diskurs mit statt über uns
    2. Bundesweite Umsetzung der vom RKI empfohlenen S3-Leitlinie
      • Luftfilter für Klassen-, Fach- und Sanitärräume in allen Schulen
      • kostenlose FFP2-Masken
      • Reduktion der Größe von Lerngruppen
      • mehr Angebote für die Notbetreuung
      • angemessene Quarantänemaßnahmen zur Vorbeugung von weiteren Infektionen
    3. PCR-Pooltestungen sowie hochwertige Schnelltests an allen Schulen
    4. Bildungspflicht statt Präsenzpflicht
      • Schüler:innen müssen mit ihren Familien selbst entscheiden können, in welcher Art der Beschulung sie sich wohler und sicherer fühlen.
      • Distanzunterricht muss eng durch pädagogisches Personal begleitet werden und Schulen müssen bei der Umsetzung aktiv und praxisnah unterstützt werden.
      • Verbesserung der technischen Ausstattung und verpflichtende, hochwertige Schulungen des pädagogischen Personals
    5. Informationen über Infektionen in Lerngruppen müssen in Echtzeit und unkompliziert an Eltern, Lehrkräfte und Schüler:innen übermittelt werden.
    6. Aufstockung des  pädagogischen und schulpsychologischenPersonals
    7. Entlastung und Ausgleich für Abschlussjahrgänge
      • Abschlussnoten, die aufgrund der Pandemie vom eigenen Leistungsstand abweichen, müssen in ihrer Gewichtung für die Berechnung des Durchschnitts berücksichtigt bzw. gestrichen werden können.
      • Reduzierung des Leistungsdrucks durch Kürzung oder Schwerpunktsetzung im Lehrplan. (Kernkompetenzen müssen trotzdem vermittelt werden.)
      • Schaffung von Möglichkeiten für Ersatzprüfungsleistungen
        Berücksichtigung individueller Lernfortschritte der Schulen durch dezentrale Prüfungsaufgaben
    8. Pandemie-Aufarbeitung für die Zukunft
      • Für die Probleme, die in der Pandemie aufgetreten oder deutlicher sichtbar geworden sind, müssen langfristige Lösungsstrategien gefunden und umgesetzt werden.

    Der aktuelle Abschlussjahrgang ist der von Corona bisher am stärksten Betroffene. Für unsere Abschlüsse sollen wir beständig Leistungen erbringen. Doch von Beständigkeit konnte in den vergangenen zwei Jahren nicht die Rede sein. Psychische und körperliche Belastungen, ein hohes Infektionsrisiko sowie die Gefahr, an Long Covid zu erkranken, stehen gleichauf mit Angst vor dem Verlust von Angehörigen und Freund:innen. Dazu kommt die Ungewissheit, wie es weitergehen soll. Das Gefühl, sich im Kreis zu drehen und der Wegfall von Aktivitäten sind zermürbend für die Psyche. Einige von uns erhalten in diesem Jahr einen  Schulabschluss, der maßgeblich über unsere Zukunft mitentscheiden wird. Dieser wird aber nicht mit jenen Abschlüssen vergleichbar sein, die unter präpandemischen Umständen erlangt wurden.

    Es ist wichtig, die Pandemie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Zu unserer Verärgerung werden jedoch nicht alle zur Verfügung stehenden Werkzeuge eingesetzt. Seitens der Politik wird weiterhin behauptet, die Schulen seien sicher. Wir erleben täglich die Situation in unseren Schulen und es stimmt mit dem Konsens der Wissenschaft überein, wenn wir sagen: Schulen sind aktuell keine sicheren Lernräume! Wir werden in überfüllte Klassenräume mit unzureichenden Infektionsschutzmaßnahmen gezwungen. Damit werden vermeidbare Infektionen mit „milden” Verläufen oder gar Todesfälle bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in Kauf genommen. Dies gilt es zu verhindern! Zudem können die Langzeitbeschwerden von Infektionen und psychischen Belastungen nicht vollends abgesehen werden. Der aktuelle Durchseuchungsplan ist unverantwortlich und unsolidarisch. 

    So kann es nicht weitergehen, #WirWerdenLaut!

    Erstunterzeichnende:

    Anjo Genow, Schulsprecher & Initiator, Otto-Nagel-Gymnasium Biesdorf, Berlin

    Johanna Börgermann, Landesschüler:innenvertreterin, Städtisches Gymnasium Löhne, NRW

    Laura Körner, Landesschüler:innenvertreterin, Ernst-Mortiz-Arndt Gymnasium Bonn, NRW

    Yves Schmolke, Integrierte Gesamtschule Heidberg, Niedersachsen

    Tobias Westphal, Schulsprecher, Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium, Berlin

    und über 100 weitere Schüler:innenvertreter:innen (siehe unten)

    sowie

    Landesschüler:innenvertretungen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz

    Anke Staar, Vorsitzende der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen

    Christian Beckmann, stellv. Vorsitzender der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen

    Reiner Schladweiler, Vorsitzender der Landeselternvertretung Rheinland-Pfalz

    Aysun Aydemir, Landesvorsitzende Föderation Türkischer Elternvereine in Nordrhein-Westfalen

    Unterstützende Wissenschaftler:innen:

    Prof. Dr. Matthias F. Schneider, Medizinische und biologische Physik, Technische Universität Dortmund

    Prof. Dr. Michael Meyer-Hermann, Abteilungsleiter am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig

    Prof. Dr. Dirk Brockmann, Physik, Humboldt Universität zu Berlin

    Dr. med. Jana Schröder, Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Stiftung Mathias-Spital

    Jun.- Prof. Dr. Aleksandra Kaurin, Juniorprofessorin für Klinische Kinder- & Jugendpsychologie, Universität Witten/Herdecke

    Univ.-Prof.in Dr. Charlotte Hanisch, Psychologie und Psychotherapie in Heilpädagogik und Rehabilitation, Universität zu Köln

    Dr. Raphael Gutzweiler, M.Sc.psych., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (VT), Universität Koblenz-Landau

    Prof. Dr. Julia Asbrand , Diplom-Psychologin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT), Humboldt-Universität zu Berlin

    Prof. Dr. Julian Schmitz, Abteilungsleiter & Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, Universität Leipzig

    Dipl. Päd. Cornelia Beeking, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeutin, Münster

    Diplom-Psychologin Marina Weisband, Co-Vorsitzende D64 und Projektleitung aula.de

    Prof. Dr. Elvira Rosert, Politikwissenschaft, Universität Hamburg

    Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz, Beauftragter des Präsidiums des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) für Kindeswohl und Kinderrechte

    Diplom-Pädagoge Bodo Krauß, Troisdorf

    Jonathan Fischer-Fels, Arzt, Journalist und Team Halo, Berlin

    Weitere Schüler:innenvertreter:innen:

    Baden Württemberg:

    Marlon Vetter & Petros Pennolidis, Schulsprecher, Theodor-Heuss-Realschule Gärtringen
    Frederik Reuter, Schulsprecher, Kolleg St. Sebastian

    Bayern:

    Matteo Baierl, Schulsprecher, Maria-Ward-Gymnasium Augsburg
    Ashkan Pirasteh & A. Rohr, Schulsprecher:innen, Gymnasium Ottobrunn

    Berlin:

    Anjo Genow, Schulsprecher, Otto-Nagel-Gymnasium
    Tobias Westphal, Schulsprecher, Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium
    Lena Kinder, Landesschüler:innenvertreter:in, Primo-Levi-Gymnasium
    Kevin R, Schulsprecher, Sartre Gymnasium
    Mohammed B, Schulsprecher, Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule
    Kai Dieck, Schulsprecher, Tagore-Gymnasium
    Djamila Bredendick, Schulsprecherin, Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule
    Ida L, Schulsprecherin, Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule
    Cedric Patrick Zoschke, Schulsprecher, Friedrich-Engels-Gymnasium
    Yujin Kim, Schulsprecherin, Gymnasium Steglitz
    M.D. Bornemann, Schulsprecher, Hans-Grade-Schule
    B. Kern, Schulsprecherin, Georg-Herwegh-Gymnasium
    Tristan Rahmich, Schulsprecher, Hans-Grade-Schule
    E. Siegendorf Schulsprecher:innen,
    F. Demuth, Schulsprecher, Paula Fürst Gemeinschaftsschule
    A. Sawenko, Schulsprecherin, BEST-Sabel Oberschule
    Aaron Otto, Schulsprecher, SchuleEins Pankow
    Tim Schiebe, Schulsprecher, Rudolf-Virchow-Oberschule
    Valentina Kraatz, Schulsprecherin, Reinhold-Burger-Oberschule
    Julina H, Schulsprecherin, Fichtenberg-Oberschule
    Arthur Winter, Schulsprecher, Anne-Frank-Gymnasium
    Tim Kleinmann, Schulsprecher, Robert-Havemann Gymnasium
    Madani Mohamed, Schulsprecher, Gustave-Eiffel-Schule
    Rosalie B, Schulsprecherin, Wilhelm von Humboldt Gemeinschaftsschule
    Shaun Winter, Schulsprecher, Ellen-Key-Schule
    Felix-Ramón Sindermann, Schulsprecher, Herder-Gymnasium
    Oda Leutner, Schulsprecherin, Evangelische Schule Berlin Zentrum
    Margarethe Tober, Schulsprecherin, Paul-Natorp-Gymnasium
    Jona Claßen, Schulsprecher, Willi-Graf-Gymnasium
    Betül Torlak, Schulsprecherin, Lessing-Gymnasium
    Bruno Meister, Greta Jung, John Paul Frankenstein, Marta Grossmann-Hensel & Oskar Schmidt, Schulsprecher:innen, John-Lennon-Gymnasium

    Bremen:

    J. Borngräber, Schulsprecherin, Gymnasium Horn
    Sünnje Bachmann, Schulsprecherin, Oberstufenzentrum Ronzelenstraße
    Carlo Buchholz, Schulsprecher, St-Johannis Schule Bremen
    Lennart John Kassuba & Kian K, Schulsprecher, Oberschule Lesum
    Amir-Alexander Nazzal, Schulsprecher, St. Johannis Schule

    Hamburg:

    Pia Willer, Schulsprecherin, Gymnasium Bornbrook
    Evangelia Papasimopoulou & Lara Heitmann, Schulsprecherin, Gymnasium Bornbrook
    D. Rahimizi, Schulsprecherin, Gymnasium Bornbrook
    H. Kaya, Schulsprecherin, Louise Weiß Gymnasium
    Raul K, Schulsprecher, Gymnasium Allermöhe
    Enna Jazvic, Schulsprecherin, Louise Weiss Gymnasium

    Hessen:

    Max Tischberger, Stadtschüler:innenvertreter, Karl-Rehbein-Schule
    Khaled T, Stadtschüler:innenvertreter, Friedrichsgymnasium Kassel
    Michel Scherbaum, Stadtschüler:innenvertreter, Engelsburg
    Junis Poos, Schulsprecher, Gesamtschule Gießen Ost
    Leyla Bayindir, Schulsprecherin, Heinrich-Schütz-Schule Kassel
    Tamara Barthelmay, Schulsprecherin, Heinrich-Schütz-Schule

    Niedersachsen:

    Lars Decker, Kreisschüler:innenvertreter, Gymnasium Warstade
    Arwed Köster, Schulsprecher, Gymnasium Warstade

    Nordrhein-Westfalen:

    Laura Körner, Landesschüler:innenvertreterin, EMA-Gymnasium
    Johanna Börgermann, Landesschüler:innenvertreterin, Städtisches Gymnasium Löhne
    Xueling Zhou, Landesschüler:innenvertreterin, Genoveva-Gymnasium
    Jasmine B, Landesschüler:innenvertreterin, Berufskolleg Geilenkirchen E-S-T
    Luisa Reichwein, Landesschüler:innenvertreterin, Gymnasium Heißen
    Pia Sophie Kogler, Landesschüler:innenvertreterin, Oberstufen-Kolleg Bielefeld
    Luca Trachte, Landesschüler:innenvertreter, Carl-Severing-Berufskolleg
    Janis Druschke, Landesschüler:innenvertreter, Europaschule Krupp Gymnasium
    Sophie Hoffmann, Kreisschüler:innenvertreterin, Ernst-Barlach-Gymnasium
    Sven Bechen, Bezirksschüler:innenvertreter, Solingen
    Theo Blaesse, Bezirksschüler:innenvertreter, Städtisches Gymnasium Martinum Emsdetten
    Ricardo Yábar Gonzáles, Bezirksschüler:innenvertreter, Gesamtschule Hennef Meiersheide
    Julia Rüthing, Stadtschüler:innenvertreterin, Gymnasium St. Michael
    Anna-Lena Jünemann, Bezirksschüler:innenvertreterin, Bertolt-Brecht-Gesamtschule Bonn
    Till Hafenrichter, Schulsprecher, Zeppelin-Gymnasium Lüdenscheid
    Julius van der Burg, Schulsprecher, Städt. Gymnasium an der Hönne
    F.Windelen, Schulsprecher, Bertolt-Brecht-Gesamtschule
    Louis Assauer,   Schulsprecher, Bertolt-Brecht-Gesamtschule
    Marco B, Schulsprecher, Städtisches Siebengebirgsgymnasium Bad Honnef
    M. Velser, Schulsprecher, Bertolt Brecht Gesamtschule
    Lars Krickow, Schulsprecher, Friedrich-Ebert-Gymnasium Bonn
    Lenja Dreßler, Schulsprecherin, Gymnasium St. Michael
    J. Weid,  Schulsprecher, Carl von Ossietzky
    L. Garcia-Tewes,  Schulsprecherin, Helmholtz-Gymnasium
    Maja S, Schulsprecherin, Gymnasium Netphen
    Alexandra Burow, Schulsprecherin, Gertrud-Bäumer-Realschule Bielefeld
    M. Schmiede, Schulsprecher, Gesamtschule Hennef Meiersheide
    Tom Kümpel,  Schulsprecher, Gesamtschule Hennef Meiersheide
    Leonie S, Schulsprecherin, Gesamtschule Siegburg
    Jakob Bungarten, Schulsprecher, Bonns fünfte Gesamtschule
    M. Uylenkate, Schulsprecherin, Bonns fünfte Gesamtschule
    Georgy Wolf, Schulsprecher, Clara-Schumann-Gymnasium Bonn
    Kira J., Schulsprecherin, Erich Kästner Gesamtschule Duisburg-Homberg
    Emma Catharina Sofie Remitz, Schulsprecherin, Gymnasium Koblenzer Straße
    L. Gül , Schulsprecherin, Nelly-Sachs-Gymnasium
    Farina Schwarze, Schulsprecherin, Hardtberg-Gymnasium
    Lea H, Schulsprecherin, Thusnelda Gymnasium
    Julius Z, Schulsprecher, Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Bonn

    Rheinland-Pfalz:

    Dominik Schmidt,  Landesschüler:innenvertreter, Bischöfliches Cusanus-Gymnasium Koblenz
    Florian Pumple, Landesschüler:innenvertreter, Martin-von-Cochem-Gymnasium
    Ertugrul Karaca, Schulsprecher, Ketteler-Kolleg Mainz

    Sachsen:

    Jannik Schwarzer, Schulsprecher & Landesschüler:innenvertreter, Gym. Markranstädt
    F. Heidecker, Schulsprecher, Gymnasium St. Augustin

    Gast aus Österreich:

    Mati Randow, Schulsprecher, Gymnasium Rahlgasse, Wien

  • Vergessene Dimensionen der (linken) Bildungspolitik in der Corona-Gesellschaftskrise

    von Armin Bernhard

    Nicht nur Corona bedroht die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, sondern auch die Einschränkungen der sozialen Kontakte, der Sichtbarkeit unter Masken, all das schränkt Kinder und Jugendliche stark ein. Diese Dimension komme auch in den Äußerungen gewerkschaftlicher und linker BildungspolitikerInnen zu kurz, kritisiert Armin Bernhard, Erziehungswissenschaftsprofessor an der Universität Duisburg-Essen. Den Beitrag findet ihr hier

  • Schulschließungen vermeiden – für mehr Chancengleichheit?

    Volcan Agar, taz-Redakteur hat seine Zweifel angesichts der Sorgen, dass die Schulschließungen soziale Ungleichheit befördern könnten. Wird da nicht wieder Bildung für Probleme verantwortlich gemacht, die tiefer in der Gesellschaft wurzeln?

    Schule in Coronazeiten:Woher kommt die Ungleichheit?

    In der Pandemie sorgen sich auf einmal alle um „benachteiligte“ Kinder. Das sagt mehr über die Besorgten als über die Situation der Schüler*innen.

    Schultafel auf der mit Kreide steht: "Corona abschaffen"

    Das Bildungssystem ist nicht die Lösung, sondern Teil des ProblemsFoto: Fleig/Eibner-Pressefoto/imago

    Es ist schon herzzerreißend, wie sehr sich das Bildungsbürgertum im zweiten Lockdown um sie sorgt: „benachteiligte“ Kinder aus „sozial schwachen“ Familien; Kinder, die durch die Schulschließungen den Anschluss beim Unterrichtsstoff verlören, weil sie kein digitales Endgerät besäßen oder ihre Eltern ihnen bei den Schulaufgaben nicht helfen könnten; Kinder, die jetzt endgültig die Chance verpassten, sozial aufzusteigen; Kinder, die man gleich selbst verliere, an die tägliche Tracht Prügel der Proleteneltern, an Computerspiele, an die Straße.

    Da ist natürlich was dran. Wer ein Proletenkind ist, für den führt der Weg zum sozialen Oben durch die Schule. Proleteneltern können ihren Kindern bestimmt weniger helfen, weil sie nicht über jenes ökonomische Kapital verfügen, das sich jederzeit in kulturelles und soziales Kapital verwandeln lässt. Es gibt gewalttätige Eltern, wobei ihre Gewalt auch irgendwoher kommt. Für ihre Kinder kann die Schule Zufluchtsort sein. Auch für Proletenkinder, die nicht geschlagen werden, wird in der Schule erfahrbar, was alles anders sein kann.

    Trotzdem verraten die Sorgen der Besorgten mehr über sie selbst als über die Situation der Proletenkinder. Die Besorgten sprechen zwar über soziale Ungleichheit und dass die Schule dieser entgegenwirken würde. Aber sie reden nicht darüber, woher diese Ungleichheit kommt. Sie wollen nicht wissen, wo genau sich der Nullpunkt des Übels befindet, weil dieser zu ihnen selbst führen, auf diese Weise ihr angenehmes Wohl mit dem betrauerten Übel verbinden würde. Weil sie aber keine schlechten Menschen sind, glauben sie fest daran, dass die Schule das Problem schon irgendwie, irgendwann, irgendwo lösen wird. Und wenn sie dann mitfühlend auf die armen Proletenkinder blicken, dann sehen sie in ihnen vor allem unvollkommene Versionen ihrer selbst.

    Ihr Bildungsfetisch führt dazu, dass der Unterschied zwischen den „benachteiligten“ und anderen Kindern als ein Problem des Mehr- oder Wenigerwissens erscheint; nicht als eines systematischer, nicht nur tolerierter, sondern gewollter und durch die Schule geförderter ökonomischer Ungleichheit. Die Überhöhung der Bildung diente vor und auch in der Coronakrise dazu, Ungleichheit zu zementieren, weil man auf die Schule zeigen kann als Ort, an dem jeder die Chance habe, sein Schicksal zu verändern.

    Als die Coronakrise begann, dachten manche, dass die Pandemie zu einem Umdenken führen könnte, weil sie offenbart, wie unvernünftig unsere Gesellschaft eingerichtet ist. Wie naiv das war, wissen wir heute. Die Fließbänder laufen trotz über 1.000 Coronatoter am Tag weiter, und auch beim Thema Bildung zeigt sich: Die Not weicht den Fetisch nicht auf, sie verhärtet ihn. Und je offener und schmerzlicher die Ungerechtigkeit zu Tage tritt, desto fanatischer beschwören die Besorgten ihren Irrglauben. Dabei wissen auch sie, dass unser Bildungssystem keine Lösung, sondern Teil des Problems ist.

  • Bildung ist Lebensmittel – auch in Pandemiezeiten! 5 Forderungen der Linken zur Bildungspolitik

    Bildung ist Lebensmittel – auch in Pandemiezeiten!

     

    Die hohen Infektionszahlen haben bundesweit erneut für einen harten Lockdown gesorgt. Er betrifft auch wieder die Schulen, tausende Lehrkräften, Millionen Schüler:innen und deren Eltern. Bund und Länder hatten eigentlich seit der ersten Welle ausreichend Zeit für einen Plan B gehabt und aus Fehlern lernen können. Eigentlich. Gelernt wurde viel zu wenig. Es ist nun schon fünf nach zwölf. Gehandelt werden muss dringend, um Schüler:innen gute Bildung trotz Corona zu ermöglichen. Die aktuelle Diskussion beschränkt sich auf die Alternativen „Schule auf“ oder „Schule zu“. Dabei ließe sich sogar in der Krise die dringend notwendige Verbesserung der Bildungsqualität und mehr Bildungsgerechtigkeit ansteuern.

    Schule muss endlich zu einem Ort der breiten und tiefen Bildung werden. Denn: Bildung ist mehr als das Abarbeiten von Lehrplänen, mehr als Kompetenztraining. Das durch die PISA-Studien angestoßene „Bulimielernen“ für Prüfungen, Abschlüsse und Schulleistungsvergleiche steht einem emanzipatorischen Verständnis von Bildung entgegen, das auf Selbstständigkeit, Mitmenschlichkeit, Vernunftfähigkeit sowie auf unabhängiges und kritisches Denken ausgerichtet ist. Junge Menschen sollen gefestigte und (selbst-)reflektierende, also mündige Bürger:innen werden. Bildung darf nicht länger auf eine Anpassungsleistung an Arbeitsmarktanforderungen reduziert werden.
    Die Coronakrise bietet die Chance, den jahrelangen Umbau der Schulbildung nach ökonomischen Prinzipien zu stoppen und darüber nachzudenken, worum es bei Bildung eigentlich gehen sollte.

    Mit einem Klick auf das Bild könnt ihr die Forderungen als PDF runterladen

    Die hohen Infektionszahlen haben bundesweit erneut für einen harten Lockdown gesorgt. Er betrifft auch wieder die Schulen, tausende Lehrkräften, Millionen Schüler:innen und deren Eltern. Bund und Länder hatten eigentlich seit der ersten Welle ausreichend Zeit für einen Plan B gehabt und aus Fehlern lernen können. Eigentlich. Gelernt wurde viel zu wenig. Es ist nun schon fünf nach zwölf. Gehandelt werden muss dringend, um Schüler:innen gute Bildung trotz Corona zu ermöglichen. Die aktuelle Diskussion beschränkt sich auf die Alternativen „Schule auf“ oder „Schule zu“. Dabei ließe sich sogar in der Krise die dringend notwendige Verbesserung der Bildungsqualität und mehr Bildungsgerechtigkeit

    1) Schule muss als Lern- und Erfahrungsraum zugänglich sein!

    Schule ist ein elementarer Lebensraum für Kinder und Jugendliche, ein wichtiger Bildungs- und Kommunikationsort. Schüler:innen müssen die Möglichkeit haben, sich in ihrer Schule in kleinen Gruppen und unter Wahrung aller Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und auszutauschen.
    Das soziale Miteinander mit den Schulfreund:innen darf auch während des Lockdowns nicht vollkommen verloren gehen. Dafür brauchen wir nicht nur Lehrer:innen, sondern auch Sozialarbeiter:innen und andere pädagogische Fachkräfte.

    2) Nehmt den Druck raus! Bildung und Lernen sind wichtiger als Prüfungen!

    Dieses Schuljahr wird definitiv kein Normales sein. Für Schüler:innen und Lehrkräfte bedeutet Corona eine enorme Belastung. Jetzt immer noch den Schwerpunkt auf Prüfungen und Leistungsbewertungen (Klausuren, etc.) zu legen, täuscht einen Regelunterricht vor, der der Ausnahmesituation in den Schulen nicht entspricht. Der hohe Prüfungsdruck gegenüber den Schüler:innen ist nicht zu rechtfertigen. Alternativen zu Prüfungen und Notenbewertungen sind jetzt notwendig. Es ist wichtig, auch in Corona-Zeiten möglichst viel zu lernen, aber es ist nicht wichtig, möglichst viel zu prüfen.

    3) Fokus auf die Schwächsten!

    Der erste Lockdown hat gezeigt, dass die sozialen Folgen von Schulschließungen beträchtlich sind. Kinder aus benachteiligten Familien gehören jetzt in den Fokus von sozialen und bildungspolitischen Maßnahmen. Ihr Recht auf Bildung und Teilhabe muss ernst genommen werden. Homeschooling verschärft die sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem dramatisch. Wer zu Hause keine optimalen Lernmöglichkeiten hat, muss in der Schule lernen können. Für Unterricht in Teilpräsenz mit der Möglichkeit der Teilnahme aus dem Homeschooling um(Hybrid-Unterricht) müssen die Internetzugänge und die digitale Ausstattung der Schulen und der Schüler:innen zügig verbessert werden. Neben der Ausstattung mit Digitaltechnik bedarf es auch einer stärkeren Betreuung durch pädagogische Fachkräfte. Denn: Pädagogik lebt von Beziehungen – zwischen Lehrenden und Lernenden. Kein digitales Lernprogramm, kein Lernen aus der Ferne kann das vollständig ersetzen. Wer zu Hause keine optimalen Lernmöglichkeiten hat, braucht besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung. Die Politiker:innen, die jetzt plötzlich das Wort der Bildungsgerechtigkeit im Mund führen, rechtfertigen damit ihren Weg des „Weiter so“ zurück in ein ungerechtes, ausschließendes und abwertendes Bildungssystems der Klassengesellschaft.

    4) Kreative Konzepte statt planloser Notbetreuung!

    Außerschulische Lernorte und das Einbinden von Kunst- und Kulturschaffenden, von Handwerker:innen und anderen Profis machen die ganze äußere Welt zu einem Lernraum. Hier können Schüler:innen viel Praxis erfahren. Außerschulische Bildungsangebote erweitern den Unterricht durch sinnlich wahrnehmbare Erfahrungen. Lernen an anderen Orten mit anderen Menschen aus der Praxis ermöglicht auch, kleinere Lerngruppen zu bilden, die sich an den Bedürfnissen der einzelnen Schüler:innen orientieren. Dadurch können auch die notwendigen Hygienevorschriften besser umgesetzt werden. Museen, Theater, Galerien, kleine Werkstätten, Planetarien, Zoos und soziale Zentren – all dies liegt derzeit brach und könnte genutzt werden. Außerschulische Lernorte können eine echte Alternative zur Notbetreuung und wochenlangem Homescholing sein.schooling sein.

    5) Beteiligung durch Runde Tische!

    Schulen und Schulgemeinschaften: Expert:innen der Praxis, Schulgemeinschaften, Lehrer:innenverbände, Elternvertrer:innen, Schülerkammern, Fachverbände, Elterninitiativen – alle können dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche in dieser Krise Rückhalt und Bestärkung finden. Sie dürfen keinen dauerhaften Schaden nehmen. Dafür sollen diese Interessengruppen mit den Behörden an Runden Tischen sinnvolle Wege diskutieren und entscheiden, die dem Recht der jungen Menschen auf Bildung und der Notwendigkeit des Gesundheitsschutzes für alle an schulischer Bildung Beteiligten Rechnung tragen. Ziel ist es, gemeinsame Lösungen zu finden, die insbesondere die Bedürfnisse der Schüler:innen in den Blick nimmt.

  • Grundschulverband zu Corona: Möglichst viel Präsenzunterricht bei möglichst viel Infektionsschutz

    Grundschulverband: Das Wohl unserer Kinder ist in Gefahr

    Der Grundschulverband wendet sich mit einer Reihe sehr unterstützenswerter Forderungen unter dem Titel „Das Wohl unserer Kinder ist in Gefahr“ an die am 5. Januar tagende Kultusministerkonferenz,

    hier nachzulesen

  • Nach Corona: Abschulung abschaffen

    – ein Beitrag von Anne Ratzki

    Schule nach Corona
    Die Selektivität aus dem Schulsystem nehmen
    Schritte zur Schule für alle

    Ein erster Schritt: Abschulen abschaffen.
    Jede Schule behält die Schüler und Schülerinnen, die sie aufgenommen hat und führt sie zu einem Abschluss.

    Die Frage, die sich viele stellen: Wird es einen Neuanfang geben nach Corona? Eine Weiterentwicklung auf dem Weg zu unserem Ziel: Eine Schule für Alle?

    Gründe dafür gibt es genug.
    Die soziale Trennung der Schüler*innen wurde in Corona-Zeiten überdeutlich. Wer keine Hilfe zuhause erhielt, wer keine digitalen Endgeräte besaß, war schnell abgehängt. Das traf Migrantenkinder ebenso wie Kinder aus armen Familien. Wie Gymnasien damit umgehen, zeigt das Hamburger Beispiel: Jede dritte Stadtteilschule (Gesamtschule) musste dort mitten in der Coronakrise neue siebte Klassen für abgeschulte Gymnasiasten einrichten!1)
    Hier wird deutlich, wie richtig die erfolgreiche Initiative der Gesamtschulstiftung in NRW gegen ein Abschulen im letzten Schuljahr war. 2)

    Aktuell lassen zwei Untersuchungen über die Wirkungen von Gesamtschulen aufhorchen:
    • Das Ansteigen guter Abschlüsse vor allen der benachteiligten Schüler*innen im Konkurrenzsystem (nur Gymnasien und Gesamtschulen) in 5 Bundesländern hat Joachim Lohmann erforscht und beschrieben. (wo ist das veröffentlicht?)
    • GGG (Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule) und Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen NRW haben erneut die Grundschulgutachten von Gesamtschul-Abiturient*innen verglichen: Nur 21% der Abiturient*innen hatten am Ende der 4.Klasse die Prognose „gymnasial geeignet“ erhalten. Bei Abiturient*innen mit Migrationshintergrund waren es sogar nur 11% , denen die Grundschullehrkräfte einen höheren Abschluss zutrauten.
    • Dieselbe Untersuchung zeigt, dass 47% der an Gymnasien abgeschulten Schüler an der Gesamtschule das Abitur erreichen.
    Die soziale Benachteiligung in der Schule beginnt bereits in der Grundschule, mit den Grundschulgutachten. Dieses sagt definitiv nichts über den tatsächlichen Schulerfolg aus, sortiert aber Schüler*innen vor allem nach der sozialen Stellung ihrer Eltern. Kinder aus armen Familien und Migrantenkinder bekommen selten eine Schulformempfehlung Gymnasium
    Das Gymnasium verstärkt die soziale Spaltung: Es ist die Weigerung, sich an den gesellschaftlichen Problemen (Flucht, Armut, Behinderung) zu beteiligen. Es verweigert sich der Inklusion und auch weitgehend der schulischen Integration von Geflüchteten. Die Gesamtschule im Konkurrenzsystem (nur Gymnasien und Gesamtschulen) ist damit für alle Probleme zuständig, das Gymnasium präsentiert sich als problemfreie Schule.
    Es sind vor allem Schüler*innen ohne häusliche Unterstützung, die oft sitzen bleiben und schließlich die Schule verlassen müssen. Schüler*innen aus besser verdienenden Familien, aus der sozialen Mittel und Oberschicht bleiben dann weitgehend unter sich. Während die Gesamtschule auch viele Kinder aus benachteiligten Familien zum Abitur führt, verstärkt das Gymnasium unter dem Vorwand der Leistungsauslese die soziale Spaltung der Gesellschaft.
    Der Kampf gegen das Abschulen vom Gymnasium ist damit auch ein Kampf gegen ein entscheidendes Instrument der sozialen Spaltung.
    Hier müssen wir ansetzen: Abschulen darf keine Option mehr sein, das Gymnasium muss alle Schüler*innen behalten, die es aufgenommen hat, und sie zu guten Abschlüssen führen. Das würde den Abstand zwischen den beiden Schulformen Gesamtschulen und Gymnasien verringern und Förderung ins Gymnasium bringen. Damit könnte eine Angleichung der heutigen Konkurrenten entstehen, bis zur gemeinsamen „Schule für Alle“.
    Handlungsvorschlag: Durch Corona wird dieses Schuljahr kein „normales“ Schuljahr. Wie schon im vorigen Schuljahr sollte auf Sitzenbleiben und Abschulen verzichtet werden. Möglichst viele integrierte Schulen, viele Personen, Verbände, Parteien und Initiativen sollten diese Forderung in allen Bundesländern erheben.
    Dies sollte dann in die Forderung übergehen, das Abschulen auf Dauer zu unterbinden. 5)

    Fundstellen:
    1) GGG Landesverband Hamburg, Pressemitteilung vom 28.Juli 2020
    2) Ingrid Wenzler: 10 Jahre Gesamtschulstiftung. In: Die Schule für alle. GGG Bund 2020/1, S. 40-41
    3) Joachim Lohmann: Die Auflösung der Haupt-und Realschule zugunsten der Gesamtschule ist ein bedeutender Reformschritt. 2020. Unveröffentl. Manuskript, Download in: ggg-web.de
    4) GGG NRW und SLV Gesamtschule: Pressemitteilung vom……: Abiturientinnen und Abiturienten an Gesamtschulen
    5) vgl. Dazu Ingrid Wenzler, 10 Jahre Gesamtschulstiftung.(s.o.):
    „Eine solche gemeinsame Stoßrichtung der sehr großen Zahl integrierter Schulformen, würde sie nicht bundesweit eine politische Kraft entfalten, das Selbstgefühl positiv beeinflussen, den Zusammenhalt der Schulen stärken, unser Gewicht nutzen? In der Gesamtschulstiftung halten wir eine solche Kampagne für einen sinnvollen nächsten gemeinsamen Schritt auf dem noch langen Weg bis zur Erreichung der einen Schule für alle Kinder.“

     

     

     

  • Veranstaltungsbericht zum Fachgespräch „Was sich nach Corona dringend ändern muss“

    Was sich nach Corona dringend ändern muss

     

    Am 28.11.20 hat der Gesprächskreis Bildungspolitik eine Online-Veranstaltung zum Thema „Was sich nach Corona dringend ändern muss“ angeboten. Es gab interessante Input-Vorträge und eine rege Diskussion. Worum es ging, könnt ihr hier nachlesen.

    Susanne Gölitzer liefert den ersten Input für die Veranstaltung. Sie leitet eine integrierte staatliche Gesamtschule mit reformpädagogischem Konzept in Frankfurt (Main) und ist als Autorin und Wissenschaftlerin tätig., Zum Zeitpunkt der Schulschließungen fehlte die nötige digitale Infrastruktur. In den ersten Wochen kamen die Schüler*innen tatsächlich immer wieder zur Schule, um dort Sachen abzuholen. Der Bedarf der Lehrkräfte, sich in Teams auszutauschen, war sehr hoch. Ihre Vorschläge: Die Räume sollten neu gestaltet werden, der Unterricht multimedialer werden, und wieso schaffen wir Noten nicht gleich ganz ab? In der Schule herrschte Frühjahrsputz-Stimmung. Den Schüler*innen wurden anfangs vor allem handlungsorientierte Aufgaben gegeben, zum Beispiel Filme zusammenschneiden, Plakate basteln oder andere kreative Aufgaben. Selbst wenn es sich bei einigen offensichtlich um Ko-Produktionen mit den Eltern handelte: Für die Schüler*innen waren das wichtige Erfahrungen. Einige Schüler*innen tauchten leider komplett ab.

    Kurz vor den Sommerferien meldeten sich dann  einige Eltern, die sich Sorgen um den verpassten Schulstoff machten. Doch die Schüler*innen hatten eher Gesprächsbedarf in Bezug auf die aktuelle Situation, als sich Sorgen um verpassten Stoff zu machen. Nicht nur in der Familie, sondern auch in der Schule als gesellschaftlich relevantem Ort wollten sie über Corona und die Folgen sprechen.

    Individualisierter, aber gemeinsamer zugleich

    Die Schere zwischen denen, die über viel kulturelles Kapital verfügen, und denen, die diese Bedingungen zuhause nicht vorfinden, ist über Corona noch größer geworden. In der Forschung sei bereits recht gut dargelegt, dass die Schule als Institution für die bürgerliche Mitte funktioniert, so Gölitzer. Es gebe aber zu viele Kinder, die das Bildungssystem verlieren würde, und das auch in einer reformpädagogischen Schule wie ihrer. Schule müsse individualisierter, aber gemeinsamer zugleich sein. Man müsse von dem Stoff-Begriff weg hin zu einer Problematisierung von Inhalten. Beispiel Rechtschreibung: Nur, wenn ich die Rechtschreibung beherrsche, habe ich die Freiheit zu entscheiden, ob ich sie auch anwenden will. Die Entwicklung der Kinder gerade in der Pubertät müsse durch einen anderen Betreuungsschlüssel sichergestellt werden. Dazu gehöre, dass in der Schule Erwachsene arbeiten, die politische Bildung immer wieder mitdenken: Für was ist das gut, und warum brauchen wir das? In welchem Zusammenhang steht das, was wir hier lernen? Dafür braucht es variable Räume und Gebäude. Ein durchschnittlicher Klassenraum ist langweilig, kahl und abstoßend. Schule muss zu einem Ort werden, an dem sich Kinder gerne aufhalten.

    Freude am Lernen lässt sich nur wecken, wenn man unterschiedliche Angebote macht und allen Kindern gerecht wird. Schule muss viel individualisierter stattfinden, ohne dabei die Gemeinschaft aus dem Blick zu verlieren. Dabei geht es nicht um immer mehr Bildung, sondern mehr Qualität in schulischer Bildung. Dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen setzen: Lehrerarbeitszeit neu berechnen, nämlich nicht nur nach Unterrichtsstunden, Schulgebäude sanieren, die Abschlussorientierung aufgeben. Die Frage ist: Wie kann man aus der Schule einen offenen Lernraum machen? Der ganze Input von Susanne Gölitzer ist hier nachzulesen.

    Schulstrukturdebatte politisch nicht gewünscht

    Martina Seifert, Schulleiterin in Duisburg-Rheinhausen, berichtet von den prekären Verhältnissen an ihrer Schule. Circa 70% der Schüler*innen kommen aus ärmeren Familien. Wissensbasierte Aufgaben werden eher im häuslichen Bereich begleitet, andere Formate in der Schule versucht umzusetzen. Die FDP-Ministerin Gebauer setze jedoch alles daran, dass in der Schule alles so bleibt wie bisher, kritisiert sie. Es könne nicht sein, dass wieder einmal die Schulen, die ohnehin schon an allen Fronten zu kämpfen haben, mit der Umsetzung der Regeln so allein gelassen werden. Die Schulstrukturdebatte zu eröffnen, konstatiert Seifert, sei nicht politisch gewünscht.

    Caro Butterwegge, Dozentin an der Uni Köln und Politikerin bei der Linken, fragt, ob die Gelder, die für eine bessere Ausstattung der Schüler*innen zur Verfügung gestellt wurden, wirklich an den Schulen ankommen und verweist auf die oft schwierige personale Situation.

    Gunhild Böth, Lehrerin und Bildungspolitikerin, pflichtet Butterwegge bei. Es gibt viele gute Ideen, aber davon kommt in den Schulen wenig an, solange Schule vor allem über die Prüfungen definiert wird. Seit es in NRW zentrale Prüfungen gibt, steht der Stoff wieder viel stärker im Vordergrund als die Art und Weise, wie er vermittelt und gelernt wird. Noten und Prüfungen sind allerdings nicht das Ziel von Schule, sondern Bildung. Die Lerngruppen müssen kleiner werden. Aber es kann nicht die Lösung sein, die eine Hälfte dann einfach nachhause zu schicken. Also brauchen die Schulen zusätzliche Räume. Die Kommunen müssen kreativ darangehen, zusätzliche Räume zu beschaffen, gerade wo so viele Kultureinrichtungen, Museen, Theater und Kneipen geschlossen sind. Um mehr Personal für die Bildung kleinerer Gruppen zu gewinnen schlägt Böth vor, Menschen aus dem sozialen und kreativen Bereich anzuwerben, die ihren Berufen unter Corona-Bedingungen häufig nicht nachgehen können und den Unterricht ergänzen und abwechslungsreicher gestalten könnten. Es gehe nicht darum, Corona zu organisieren, sondern Unterricht und Bildung unter Corona zu organisieren! Die Rückkehr zum Frontalunterricht als Folge von Digitalisierung kritisiert Böth. Der Leistungsdruck könne nur abgebaut werden, wenn Noten endlich abgeschafft werden. Nicht messen und bewerten macht Schule aus, sondern Bildung. Für die Linke hat Böth ihre Forderungen ausgearbeitet.

    Erhard Schoppengerd, ebenfalls Schulleiter in Duisburg, fordert, dass endlich definiert wird, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Bildung sprechen. Die Erfahrungen an prekären Schulen müssten ernst genommen werden. In Ausnahmesituationen wäre es möglich, sich Räume zu organisieren, aber allein in Duisburg fehlen 4000 Räume. Da seien langfristige Konzepte gefragt. Schoppengerd möchte pädagogische Freiheit, aber Schule sollte nicht mit Organisationsfragen betraut werden.

    Bildung statt Noten

    Anne Ratzki, eine langjährige Aktivistin der Gesamtschulbewegung, die lange als Lehrerin und Schulleiterin aktiv war und heute für das Institut für Teamarbeit und Schulentwicklung arbeitet, berichtet über ihre Erfahrungen bei der Betreuung einer syrischen Familie. Es sei sehr schwer gewesen, über WhatsApp Schulstoff mit den Kindern zu bearbeiten. Bis heute haben die Kinder in der Kölner Gesamtschule Holweide keine Geräte bekommen, stattdessen wurden über privates Engagement nur für einige Kinder alte Laptops besorgt. Als es in den 70ern mal ein Formaldehyd Problem gab, sei es möglich gewesen, auf alternative Räume auszuweichen. Das sollte auch jetzt versucht werden. Primärer Fokus in den Schulen bleibt aber: Das ist prüfungsrelevant, das muss gemacht werden. Die Abschlussbedingungen setzen den Rahmen, während pädagogische Fragen zurücktreten. Es geht aber um Bildung und nicht um Noten. Das ist untrennbar verbunden mit der Schulstrukturdebatte, so Ratzki.

    Susanne Gölitzer pflichtet ihr bei. Man sollte den Weg öffnen, um auch andere Menschen an die Schulen zu holen, zum Beispiel einen Förster, der den Schüler*innen beim Werkunterricht hilft. Schule muss die Freiheit haben, die Möglichkeiten auf ihre Schüler*innenschaft individuell zuzuschneiden. Darüber könnten jedoch nur die Schulen selbst entscheiden, die die Situation vor Ort kennen, und nicht die Kultusministerien.

    Annette Sudek, die mit der ministerialen Seite von Schule vertraut ist, betont, es gehe nicht nur um Methoden und Inhalte. Die Bildungspolitik müsse an die Schulstruktur, aber auch an die Schulaufsichtsbehörden ran. Das Lehrer*innenbild sei oft noch zu sehr am Einzelkämpfertum orientiert. Das wird nicht zuletzt an der Definition der Lehrerinnenarbeitszeit nach Unterrichtsstunden deutlich. Das fällt dann häufig auf die Lehrer*innen zurück, doch das Problem sind nicht die einzelnen Lehrkräfte, sondern die Strukturen.

    Utopie der einen Schule für alle

    Ilka Hoffmann, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW für den Organisationsbereich Schule und Sprecherin des Bündnisses „Eine Schule für alle“, prangert an: Bildung wird vom Abitur aus gedacht. Die Noten sind dabei Teil der Schulstruktur, denn darüber funktioniert die Selektion. Seit den 60er Jahren ist klar: Noten sind keine Leistungsrückmeldung, sondern die Zuweisung eines Ranking innerhalb von einer Lerngruppe. Der Sinn ist und war immer schon die Ausstellung von Berechtigungsscheinen, ein Punkt, an dem vieles scheitert. Vor 10 Jahren hat sie an einer integrierten Gesamtschule versucht, von den Noten wegzukommen, doch sie ist damals daran gescheitert. Der Anspruch der Inklusion ist für Hoffmann nicht vereinbar mit hierarchisch gegliederten Schulformen. Natürlich brauchen Schulen mehr Geld und mehr Personal, aber das wird das grundsätzliche Problem der Chancenungleichheit nicht lösen. Zwischenschritte seien ein veränderter Unterricht, der die Kooperation zwischen Lehrkräften stärkt, ein Weg von der schulformenbezogenen Lehrkräfteausbildung, und und und, aber das Ziel und die Utopie ist die eine Schule für alle. Ein großes Hindernis ist dabei die Angst einer maßgeblichen Schicht dieser Bevölkerung, ihre Exklusivität aufzugeben. Ilka Hoffmanns Beitrag kann man über diesen Link in Gänze lesen.

    Karl-Heinz Heinemann, Bildungsjournalist aus Köln und Koordinator des Gesprächskreises Bildungspolitik, stellt die Frage nach der Schulautonomie, die eng mit der Freiheit der Schulen verknüpft ist. Wie steht die GEW dazu, anderes Personal als ausgebildete Lehrer*innen in die Schulen zu holen? Ilka Hoffmann betont, man müsse Multiprofessionalität so organisieren, dass es ein Ganzes ergibt. An den Schulen sei man da schon recht weit, aber die Entscheider*innen hängen hinterher. Schulautonomie werde oft als neoliberales New Management Modell hingestellt. Schulen melden aber zurück, dass sie diese Flexibilität brauchen. Auch die Lehrerarbeitszeit steht auf der Prioritätenliste weit oben: und muss neu definiert werden. Was wird als Aufgabe von Lehrkräften angesehen? Häufig sei das, was erwartet wird, nicht in einer Woche zu leisten. Lehrkräfte definieren sich schon lange nicht mehr nur über ihre Unterrichtszeit.

    Lehrer*innenbildung neu ausrichten

    Erhard Schoppengerd stellt heraus: Die zentrale Forderung muss die der einen Schule für alle sein. Es gebe leider gesellschaftliche Gruppen, die kein Interesse daran haben, Schule zu verändern. Zur Schulautonomie sagt der Schulleiter: Ja, die ist sinnvoll. Nur: Wenn die eine Schule ein Ruderboot ist, aber die andere ein Motorboot, bringt ihnen Autonomie wenig. Auf der materiellen Ebene muss Gleichbehandlung da sein, um Autonomie zu gewährleisten. Das aber bedeutet, dass Ungleiches von der Politik auch ungleich behandelt wird und prekäre Schulen besonders stark gefördert werden.

    Martina Seifert pflichtet ihm bei. Alle Kinder bräuchten gute Schulen. Es sei doch bekannt, wie Lernen funktioniert, und zwar nicht so, wie es im Lehrplan steht. Kinder bräuchten fachübergreifendes Lernen und Schulen, die die Bedürfnisse aller erfüllen können. Dann käme man aber nicht darum herum, bestimmte Schulen stärker auszustatten als andere. Das berühre wiederum Fragen, die nicht vom Kapitalismus zu trennen sind. Seifert sagt, die Grundfragen dieser Gesellschaft könne man nicht allein über die Schulen lösen. Welche Kompetenzen seien da denn aktuell gefragt? Urteilskompetenz nicht so sehr wie wissensbasierte Abfragen. Eine Schule für alle müsste vollkommen anders organisiert werden, doch die Lehrer*innenbildung ist darauf nicht ausgerichtet.

    Es wird auch darauf verwiesen, wie Corona die bestehende soziale Ungleichheit noch weiter verschärft. Beispiel Internetverbindung: Viele Kinder und Jugendliche haben kein Internet zuhause und müssen zum Lernen in Einkaufszentren mit kostenlosem W-Lan ausweichen.

    Susanne Gölitzer sieht in der Schulstrukturdebatte nicht den richtigen Weg zur Chancengleichheit.  Sie berichtet von negativen Erfahrungen, die sie an einer Gesamtschule gemacht habe. Auch die Schulinspektion in Hessen bestätigt, dass die Gesamtschule nicht außerordentlich gut abschneiden. Wichtiger als die Schulform sei es, dass die Schulen Bildung von guter Qualität anbieten. Erst dann sollte man die Schulstrukturdebatte führen, was es wesentlich leichter machen würde, Eltern zu überzeugen.

    Pandemie als Anlass, neu über Schule nachzudenken

    Rosi Hein, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildungspolitik der Linken, zitiert Pisa-Koordinator Andreas Schleicher: „Es darf nicht darum gehen, jetzt zurück in die Schulen von gestern zu gehen. Wir müssen in die Schulen von morgen.“ Sie versteht darunter nicht dasselbse wie Schleicher, aber grundsätzlich stimmt, dass man nicht einfach ein Zurück zu den Zuständen vor Corona fordern könne. Die Professionalität frühkindlicher Bildung müsse endlich anerkannt werden, Arbeiten in kleinen Klassen und Lerngruppen ermöglicht werden. Hein verweist bei ausfallendem Präsenzunterricht auf die Notwendigkeit der Ausstattung mit digitalen Endgeräten. Hybride Lernformen sind nötig, um der aktuellen Krise zu begegnen. Es gibt eine ganze Reihe umsetzbarer Maßnahmen, Lösungen würden jedoch nur kurzfristig gedacht werden. Die Grundprobleme des Versagens, nämlich die Reproduktion sozialer Ungleichheit durch das Schulsystem, werden nicht in Betracht gezogen. Die Pandemie ist ein guter Anlass, um über Schule und Bildung neu nachzudenken. Aber die Chance wird bisher vertan. Die grundlegenden Defizite des Bildungssystems werden nicht angegangen. Das sieht man auch daran, dass jetzt das Heil wieder im Wechselunterricht gesucht werden muss. Es werde an alten Zöpfen festgehalten: Noten, Lernen im Gleichschritt, Orientierung an Abschlüssen. Wieso das falsch ist und was man stattdessen tun könnte, kann man hier nachlesen.

    Ilka Hoffmann erklärt, Digitalisierung sei nicht das Allheilmittel. Digitalisierung sei stets nur so gut, wie die Pädagogik, die dahinter steht. Ein langweiliges Lernangebot reicht aus, wenn das Gebäude schön ist, die Lehrer*innen einen gewissen Habitus pflegen und die Umgebung vornehmer ist. Ein Gymnasium zu besuchen heißt aber nicht gleich gute Bildung. Bildungspolitik sollte Zwischenschritte beschreiben, aber das Ziel muss sein, die hierarchische Schulstruktur zu überwinden. Das sieht sie offensichtlich anders als Susanne Gölitzer.

    Engere Verzahnung von Theorie und Praxis

    Lisa Anselm studiert soziale Arbeit und wünscht sich eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis. In der Schulsozialarbeit bemerkt sie eine starke Praxisorientierung bei gleichzeitigem Verzicht auf Theorie. Das Studium muss wissenschaftlicher werden, ohne den Bezug zur Praxis zu verlieren. Lehrer*innen sollten die Zusammenarbeit mit Menschen aus der sozialen Arbeit nicht als Konkurrenz, sondern als Chance sehen, direkter in die Familien der Schüler*innen reinzugehen. Dabei betont Anselm, dass multiprofessionelle Teams auch Betroffene einschließen müssen, die die Situationen der Schüler*innen aus eigener Erfahrung nachvollziehen können.

    Eine Lehramtsstudentin fordert die Orientierung an den „Gymnaisaleltern“ endlich aufzugeben. Die Eltern aller Kinder haben ein berechtigtes Interesse daran, dass ihr Kind gute Bildung erwerben kann, und die Priorisierung der ohnehin Priviligierten müsse endlich aufhören. Bildungspolitik sollte diejenigen in den Blick nehmen, die vom Schulsystem am stärksten benachteiligt werden. Die Lehrer*innenbildung müsse dafür kritischer werden. Nur Lehrer*innen, die selbst ein kritisches Verständnis ihres Faches haben und es in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen können, sind in der Lage, ein kritisches Bewusstsein auch an ihre Schüler*innen weiterzugeben. Auf einer bildungspolitischen Ebene sollte man den Frust der Lehrer*innen aufnehmen und die Lehrer*innenarbeitszeit zum Thema machen

    Gerd-Ulrich Franz von der GGG stimmt zu. Die Bilder in den Köpfen müssten sich ändern. Die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen denken: „Es ist eben so, dass abgeschult wird. Es ist eben so, dass nicht alle mitkommen“ müsse aufhören. Das Abschulungsverbot sieht Franz hier als ersten Schritt. Aber auch den Kompetenzbegriff könne man politisch so wenden, dass alle ihren Fähigkeiten nach zurechtkommen.

    Anne Ratzki weist darauf hin, dass die Gesamtschulstiftung das Abschulungsverbot 2021 zum Thema machen will und sieht darin einen wichtigen Schritt zur einen Schule für alle. Wichtig sei auch, auf die Grundschulgutachten zu schauen, denn da werden die Schüler*innen viel zu früh sortiert.

    Martina Seifert beklagt die Existenz der Kategorie des sonderpädagogischen Förderbedarfes. Diese gebe es nur in Deutschland und Österreich, was ein Erbe des Faschismus sei.

    Annette Sudek knüpft an das Thema der frühen Selektion im Grundschulalter an und fordert, stärker  die Schülerströme zu beobachten. Wer geht an welche Schule und warum? So könne man das Bewusstsein für die soziale Verteilung stärken.

    Schule ist Klassenkampf

    Rosi Hein stimmt in Bezug auf die Gymnasialeltern zu, diese seien nur leider stimmgewaltig und wirkmächtig. Es gehe außerdem auch um Finanzierbarkeit. Aktuell sei es so, dass der Bund keine Ganztagsschule finanzieren kann, sondern nur Horte. Auch die Schulsozialarbeit müsse, stimmt sie Anselm zu, stärker anerkannt werden. Soziale Arbeit sei keine Freizeitpädagogik, sondern Arbeit.

    Susanne Gölitzer findet, man sollte das in den Blick rücken, wovon haben alle Kinder etwas haben. Nur so könne man Bündnisse bilden und gemeinsam eine Vision davon entwickeln, warum eine veränderte Schule die richtige sei. Glückliche Kinder zu haben überzeuge ganz viele Eltern. Deshalb müsse man etwas finden, was alle Gruppen verbindet.

    Gunhild Böth fordert, man müsse immanente Kritik üben und die Ziele der Schule mit der Realität abgleichen. Über Schule mache man keine Revolution, aber ohne die Mitarbeit von Lehrkräften, die sich für die Ziele einer solidarischen Gesellschaft einsetzen, auch nicht. Schule ist und bleibt Klassenkampf, so Böth.

    Karl-Heinz Heinemann betont zum Abschluss, die eine Schule für alle sei ja keine rein sozialistische Idee. Bereits die Alliierten hätten sie schon nach Ende des zweiten Weltkrieges in Deutschland gefordert, um dem Obrigkeitsdenken der Bevölkerung entgegenzuwirken. Die Schulstrukturdebatte müsse geführt werden, aber auch eine Diskussion um die Inhalte und Methoden.  Das Problem, wie Schule anders werden könne, sei zwar heute nicht gelöst worden, aber viele relevante Punkte genannt worden, die ins Zentrum der bildungspolitischen Debatte gehören würden. Nur darüber zu reden, ob man Klassen jetzt teilen sollte oder nicht, das könne jedenfalls nicht die Lösung sein.

     

     

     

  • Welche Bedeutung hat die allgemeinbildende Schule in der Gesellschaft und welche soll sie haben? Input von Susanne Gölitzer

    Was sich nach Corona in der Schule dringend ändern muss

    Susanne Gölitzer, Schulgründerin und Autorin

    Hier klicken, um den Input herunterzuladen.

    Welche Bedeutung hat die allgemeinbildende Schule in der Gesellschaft und welche soll sie haben?

    Die Antwort auf den ersten Teil der Frage ist: Ihre Bedeutung ist sehr unterschiedlich! Sie soll Abschlüsse vergeben, selektieren, zuteilen und ermöglichen. Das gelingt ihr für die bürgerliche Mitte gut. Für die ärmeren und prekären Schichten oder Klassen gelingt das weniger gut.

    Die Antwort auf den zweiten Teil meiner Frage wäre meines Erachtens so zu beantworten: Die Schule sollte gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Entwicklung für jeden ermöglichen. Das geht nur, wenn sie ganz Unterschiedliches anbietet. Es geht nicht um ein MEHR in der Bildung, sondern um ein BESSER. Besser hieße: „individualisierter“ und „gemeinsamer“ zugleich.

    Einige Beobachtungen aus der Coronazeit können illustrieren, wie bedeutungsvoll Schule sein kann:

    Unsortierte Beobachtungen aus der Schulleiterinnenperspektive in der Coronazeit

    Nach den Schulschließungen im März 2020:

    -es kamen viele Kinder in die Schule

    -alle Lehrerinnen und Lehrer haben mindestens einmal in der Woche eine Videokonferenz gemacht

    -Einige der Schülerinnen und Schüler wurden in einer Kleingruppe in der Schule unterrichtet

    -Lehrerinnen und Lehrer hatten ein großes Bedürfnis, den Raum zu gestalten, sich in Kleingruppen miteinander zu treffen

    -Lehrkräfte suchten die Teamarbeit in Teams

    -Es war ein Bedürfnis, die Schule weiterzuentwickeln: es wurden hybridformen des Treffens entwickelt, in denen Schule weiterentwickelt werden konnte

    -Die Aufgabenformate in Moodle sollten nicht nur Ankreuzaufgaben und Arbeitsblatt-Aufgaben sein, sondern es wurden Filme gedreht, handlungsorientiert gearbeitet und gebaut und gewerkelt.

    -Einige Arbeitsergebnisse von Kindern waren umwerfend toll

    -Einige Kinder und Jugendliche sind abgetaucht

    -Viele Eltern haben Panik bekommen, weil sie glaubten, den „Stoff“ könnten Kinder gar nicht mehr aufholen

    -Der Gesprächsbedarf der Kinder und Jugendlichen in der Schule nach den Sommerferien war ungeheuer groß

    -Die Schere zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet war weiter aufgegangen (einige hatten Lernfortschritte gemacht, andere hatten alles vergessen)

    Schlussfolgerungen aus diesen Beobachtungen:
    Die Qualität von Bildung bemisst sich daran, ob Freude, Beziehung, Herausforderung, Interesse und Anschlussfähigkeit erfahrbar wird.

    -> Statt Stoff mehr Problematisierung: Was braucht man für was?

    -> Entwicklungsaufgaben statt Lernziele für alle: intensivere Personalbetreuung je jünger das Kind

    -> Sozialisierungsaufgaben  in der peergroup statt Normalitätsdruck in der Großgruppe, Klassen sind ein Auslaufmodell

    -> Reflexion und Austausch mit Erwachsenen über gesellschaftlich relevante Fragen: politische Bildung gehört jeden Tag dazu

    -> Variable Räume, variable Materialien, echte Beziehungen und echte Fragen, gemeinsame Unternehmungen

    -> Schöne Umgebung: Materialien müssen dazu anregen, dass damit gearbeitet wird, Räume müssen entsprechend gestaltet werden

    -> digitale Infrastruktur und digitale Ausstattung muss in der Schule attraktiv angeboten werden

    -> Lernstrategien und Strategien zur Regulierung von Bedürfnissen, von Ängsten und Interessen sind nur in der konkreten Beziehung, im Tun zu erwerben

    -> Fachwissen dient der Freiheit, sein Leben nach eigenen und gemeinsamen Werten zu gestalten: es ist dienend, aber zwingend

    -> Aber auch: es muss sozial und persönlich unterschiedlich gearbeitet werden mit Kindern und Jugendlichen und dies ist nur möglich, wenn nicht alle das Gleiche erhalten, sondern unterschiedliche Ansprachen erfahren

    -> Kinder und Jugendliche müssen mitentscheiden und mitgestalten dürfen: Sie erfahren sich als besonders wirksam, wenn sie wissen, warum sie etwas tun und mitbestimmen dürfen, wann sie was tun

    Zum Schluss: Anregung zum Weiterdenken

    • Für die Kinder aus gebildeten und sicheren Haushalten ist ein Lockdown kein großes Problem, sondern eher eine Chance. Für Kinder, deren Eltern nicht deutsch sprechen, nicht lesen und schreiben können, ist der Verzicht auf Schule ein Wegfall sicherer Bildung oder einer wichtigen Sozialisationsinstanz.
    • Allerdings hat mich Corona gelehrt, was bei einigen Kindern und Jugendlichen so richtig schief läuft: Sie haben keine Anschlussfähigkeit an die Bildung, die wir vermitteln, weil ihnen Voraussetzungen fehlen, um überhaupt aufzuspringen auf den Zug.
    • Deshalb meine ich, wir brauchen nicht mehr Bildung in Schule, sondern mehr Qualität in der schulischen Bildung, der sozialpädagogischen und sozialen Angebotsvielfalt und dringend eine Veränderung des Abschlussmodells: Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, Abitur. Diese Abschlüsse brauchen wir nicht. Wir brauchen mehr individualisierte und gleichwohl gemeinsame Lernerfahrungen. Es stellt sich nach Corona nicht die Frage der Schulform, sondern der Bildungsqualität.
  • Fachgespräch am 28.11.20: Was sich nach Corona dringend ändern muss

    Was sich nach Corona dringend ändern muss

    28.November, 14-17 Uhr, Online

    Anmeldung erforderlich: heinemann@rls-nrw.de
    CC BY-SA 4.0 Akbarali

    Nein, Corona ist nicht vorbei. Dennoch ist es höchste Zeit, die Erfahrungen aus dem Lockdown auszuwerten. Das ist angesichts steigender Infektionszahlen umso wichtiger. Schule hat sich als wichtiger Lernort gezeigt – aber wozu? Um Prüfungsstoff zu pauken? Um Lehrpläne abzuarbeiten? Kleinere Lerngruppe sind nötig – akut zur Verminderung der Ansteckungsgefahr – aber bieten sie nicht auch Chancen für mehr kooperatives und selbstbestimmtes  Lernen? Wie können Schulen als offene Lernorte besser organisiert werden? Mehr Personal wird benötigt – aber es gibt mal wieder viel zu wenig ausgebildete Lehrkräfte. Ist es nicht an der Zeit, Studierende, KünstlerInnen, HandwerkerInnen, KöchInnen und PhysikerInnen in die Schulen zu holen?

    Darüber wollen wir am 28.November diskutieren, mit LehrerInnen, WissenschaftlerInnen, GewerkschafterInnen und mit Euch.

    Input von

    Susanne Gölitzer, Schulleiterin und Autorin:

    Was sich nach Corona dringend ändern muss,

    Ilka Hoffmann, GEW-Vorstand, Sprecherin des Bündnisses „Eine Schule für alle“

    Neue Wege – statt weiter wie bisher

    Rosemarie Hein, GK Bildungspolitik:

    Bildung nach Corona

    Gunhild Böth, LAG Bildungspolitik der LINKEN in NRW:

    Sechs Punkte für die Schule in Corona-Zeiten

     

     

     

  • Was sich nach Corona dringend ändern muss – von Susanne Gölitzer

    Frankfurter Rundschau 08.07.202014:46

    DIE WELT NACH CORONA

    Lernlabor Deutschland – Corona zeigt, was sich an Schulen dringend ändern muss

    • vonSusanne Gölitzer

    Corona hat gezeigt, was Kindern und Jugendlichen fehlt, wenn sie nicht zur Schule gehen können. Es wurde aber auch deutlich, was getan werden kann und muss, um das Versprechen von Bildung umfassend einzulösen.

    • Rede von verpasstem Lernstoff offenbart fehlendes Vertrauen in Heranwachsende
    • Schülerinnen und Schüler hatten in der Zeit der Schulschließung während Corona die Möglichkeit, viele andere Dinge zu lernen
    • Die Schule sollte ein Ort des individuellen Lernens sein, an dem Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern berücksichtigt werden

    Wir haben es dieser Tage häufig in öffentlichen Reden gehört: Die Schülerinnen und Schüler verpassten Lernstoff. Die Kinder entwickelten Wissenslücken. Es würde zu viel ausfallen, die Schülerinnen und Schüler könnten gar nicht nachholen, was sie alles versäumt hätten. Das Zutrauen in die Schule und ihre Stoff-Vermittlungstätigkeit scheint in dieser Rede groß.

    Allerdings ist das Gegenteil der Fall: Das Vertrauen in Schule und das, was sie individuell und gesellschaftlich leistet, ist offenbar gering, wenn drei bis vier Monate verändertes Lernarrangement genügen sollten, um nachhaltige Wissenslücken bei Heranwachsenden entstehen zu lassen. Aber die Rede vom verpassten Lernstoff offenbart noch ein anderes mangelndes Vertrauen: Das Vertrauen in unsere Heranwachsenden, die in der Zeit des veränderten Lernens unter Coronabedingungen anscheinend nicht das lernen, was sie lernen sollten. Vielleicht sogar gar nichts lernen?

    Corona: Lernen zu Hause funktioniert für Schülerinnen und Schüler völlig anders als in der Schule

    Tatsächlich haben Kinder und Jugendliche in den vergangenen Monaten doch ganz wichtige Dinge lernen können. Und auch alle Lehrerinnen und Lehrer haben wichtige Erfahrungen machen können: Bereits nach wenigen Wochen der Schulschließung haben Eltern und Heranwachsende feststellen müssen, dass das Lernen zu Hause ganz anders funktioniert als das Lernen in der Schule.

    Viele Kinder und Jugendliche haben in einem Bruchteil der Zeit zu Hause das erarbeitet, wofür sie in der Schule sehr viel mehr Zeit gebraucht hätten. Ein ruhiger und aufgeräumter Arbeitsplatz zu Hause, an dem sich die älteren Schülerinnen und Schüler die Zeit selbst einteilen konnten, förderte das Lernpensum. Hatte man Lust auf Mathematik, machte man Mathe; wenn man etwas zum Kolonialismus erarbeiten sollte, tat man das in Ruhe – und machte Pause, wenn einem danach war. Zu den verabredeten Zeiten traf man sich per Video mit Lehrerinnen und Lehrern (wenn man sich traf!), und in aller Regel fanden das die Schülerinnen und Schüler gut, weil sie mal wieder die anderen sehen und erfahren konnten, was Lehrerinnen und Lehrer von den Arbeitsergebnissen hielten.

    Schule und Corona: Schülerinnen und Schüler lernten neben dem Schulstoff noch viele andere Dinge

    Sicher, in manchen Familien gab es erhebliche Schwierigkeiten mit der Orientierung und der Zeiteinteilung, mit einem ruhigen Arbeitsplatz oder der Disziplin, Aufgaben zu Ende zu bringen. Viele Eltern waren erstaunt, dass ihre Kinder nicht in der Lage sind, Aufgaben selbstständig zu erarbeiten; sie beobachteten, wie unkonzentriert und hilflos sie und ihre Kinder angesichts der schulischen Erfordernisse waren. Es fehlte diesen Kindern und Jugendlichen offenbar das, was Schule zu einem ganz wesentlichen Anteil ausmachen kann: Die Peergroup, die dafür sorgt, dass man sich orientieren kann, die Erwachsenen, die genau wissen, wie man etwas erklärt oder wo man Hilfe erhält, und ein Klassenraum, der entsprechend der Lernbedürfnisse eingerichtet und organisiert ist. Vielleicht fehlte auch der geregelte Alltag, in dem es Spiel- und Quatschpausen gibt.

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    Susanne Gölitzer ist Schulleiterin und Autorin. Sie hat mit anderen reformpädagogisch denkenden Menschen die IGS Kalbach-Riedberg gegründet.

    Unter den Bedingungen eines eingeschränkten öffentlichen Lebens und einer eingeschränkten Bewegungsfreiheit aller Familien machten Kinder und Jugendliche in dieser Zeit noch ganz andere Erfahrungen: Sie lernten die Ängste der Erwachsenen kennen und deren Uneinigkeit in Fragen gesellschaftlicher Regelungen; sie lernten viel über Viren und Erkrankungen, über Statistiken und Politik; sie lernten, dass es Situationen gibt, die keine einfachen Antworten kennen; und sie hörten viele Antworten auf die Frage, was gesellschaftlich wirklich relevant sei.

    Wenn Kinder und Jugendliche Erwachsene an ihrer Seite hatten, die ihnen geduldig erklärten, was sie selbst gerade nicht verstanden und durchmachten, die ihnen halfen, den Tag zu strukturieren und die Informationen zu ordnen, dann hatten sie Glück und konnten zu Hause weiter Matheaufgaben erledigen. Und irgendwann werden sie diese existenziellen Erfahrungen der Corona-Zeit sicher so sortieren können, dass sie diese Zeit gut einordnen können.

    Corona macht deutlich: Schule ist ein Ort der Sozialisation

    Es gibt aber auch Kinder und Jugendliche, die darauf angewiesen sind, dass genau dies in der Schule geschieht: gemeinsam Fragen stellen, gesellschaftliche Phänomene beschreiben, fachliche Fragen in einen größeren Zusammenhang einordnen, philosophische und weltanschauliche Fragen plural beantworten und vieles mehr. Die Schule ist einer der wenigen Orte, an dem Kinder und Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammentreffen. Und genau dies ist unter Corona noch einmal besonders deutlich geworden: Schule ist ein Ort der Sozialisation und der Kulturalisierung. Schülerinnen und Schüler machen hier Erfahrungen, die sehr viel mehr sind als fachliches Lernen.

    Lernen in der Schule ist zu einem hohen Anteil ein Erwerb verschiedener hochkomplexer sozialer, kultureller, persönlicher und fachlicher Fähigkeiten, die sich erst im Zusammenspiel ausbilden und zeigen. Deswegen ist Schule heute viel mehr als eine Lernanstalt. Man spricht deshalb auch von Lern- und Erwerbsprozessen, die in der Schule ihren besonderen Ort haben können. Erwerbsprozesse sind komplex und gebunden an vertrauensvolle Beziehungen. Kinder und Jugendliche brauchen zum Lernen und zum Erwachsenwerden andere Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Köchinnen und Köche, Hausverwalter, Sekretärinnen und viele andere Erwachsene. Sie brauchen eine Kultur, die Musik, Kunst, Spiel, Freizeit und Fachliches umfasst, sie brauchen einen Raum, in dem sie nicht nur Tochter und Sohn sind, sondern eine Rolle haben, die sie unterschiedlich ausfüllen können, sie brauchen andere Erwachsene, die als Rollenmodelle zur Verfügung stehen, sie brauchen Räume, in denen sie sich nicht familiär, aber dennoch vertraut bewegen und entfalten können. Sie brauchen Zeit für sich allein, auch in der Schule, sie brauchen mehr Zeit, um sich den Fragen und Anforderungen wirklich stellen zu können und Ansprechpartnerinnen und -partner, die ihnen nicht über die Schulter schauen, sondern ansprechbar sind, wenn sie es wollen.

    Genau das hat man unter Corona, weil die Schule ausgefallen ist, beobachten können: Kinder und Jugendliche brauchen Eigenzeit zum Lernen und sie brauchen das tägliche Zusammensein mit anderen Kindern und Jugendlichen. Denn gerade emotionale und soziale Kompetenzen müssen erworben werden, wenn man Meister in einer Sache werden will: Man muss Durchhaltevermögen entwickeln, in irgendeiner Weise auch fleißig sein, man muss Geduld mit sich und den anderen entwickeln, man muss seine Aufmerksamkeit fokussieren können. Auch Freude an einer Sache muss man in der Regel erst entwickeln. Manchmal scheint es einem zuzufallen, aber meistens muss man sich durch verschiedene Phasen der Motivation durcharbeiten. Positive Beziehungen zu Lehrerinnen und Lehrern oder Mitschülern und ein emotionales Erleben gehören immer als wichtige Voraussetzung zum erfolgreichen Lernen dazu. Alle Erwachsenen haben in ihrer Bildungsgeschichte die Erfahrung gemacht, dass Lehrerinnen und Lehrer ein Interesse wecken oder töten konnten, dass das eigene Interesse an einer Sache durch andere Freundinnen und Freunde erst geweckt oder wieder eingeschläfert wurde. Die Beziehungen sind gewissermaßen die Treiber für den kognitiven Lernprozess und machen ein Lernen für Kinder und Jugendliche erst bedeutsam. Etwas auswendig lernen kann jeder auch zu Hause. Wirklich verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, kann man nur in einem längeren und gemeinsamen Prozess, in dem auch die eigenen Erfahrungen aufgehoben sind.

    Kinder, die während geschlossenen Schulen wegen Corona einen Unterricht verpasst haben, der nicht bedeutungsvoll ist, haben nichts verpasst

    Die Voraussetzung für einen glückenden komplexen Lernprozess ist also nicht die lückenlose Teilnahme am Unterricht. Die Voraussetzung für einen glückenden komplexen Lernprozess ist vielmehr, dass das, was erworben werden soll, bedeutungsvoll wird für den Lerner und die Lernerin. Wenn Kinder besondere Freude an Minecraft entwickeln, eigene und fremde Welten im Computerspiel aufbauen, tun sie das nicht nur deshalb, weil sie sich selbst als besonders kompetent erleben, sie tun das auch deshalb, weil Freunde und Freundinnen ihnen Anerkennung zollen und sie sich über diese Spielwelten austauschen können.

     

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    Für die schulisch vermittelten Fragen und Gegenstände gilt etwas Ähnliches: Kinder und Jugendliche müssen sich in dem Prozess des Erwerbs immer wieder kompetent erleben und das tägliche soziale Miteinander muss positiv erlebt werden. Angst und Misserfolg sind Lernkiller. Aber auch ein Unterricht, der sich an einem mittleren Lerntempo orientiert und in dem alle zur gleichen Zeit das Gleiche machen, obgleich Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und verschiedene Lernwege haben, ist ein Lernkiller. Lernen muss für Kinder und Jugendliche einen Sinn haben, es muss bedeutungsvoll sein und es muss für jeden vorangehen. Wer unter Coronabedingungen einen Unterricht, der nicht bedeutungsvoll ist, verpasst, verpasst nichts Relevantes.

    Noch etwas ist durch Corona deutlich geworden, das wir uns bewusst machen sollten. Schule gibt in einer demokratischen Gesellschaft ein Versprechen ab: Alle Kinder – egal welcher Herkunft, egal mit welcher intellektuellen Ausstattung – dürfen in der Schule lernen und an Erwerbsprozessen teilhaben. Schule macht nicht das Versprechen, dass alle Kinder gleich erfolgreich oder überhaupt erfolgreich sein werden, sondern sie ist ein gesellschaftlicher Garant dafür, dass jedes Kind seine Chance bekommt, Rechnen, eine Sprache sprechen, selbstständig arbeiten zu lernen, aber auch Weltanschauungen zu verstehen und mit anderen zusammenzuarbeiten.

    Nach Corona: Höchste Zeit sich zu fragen, welche Art Schule Kinder und Jugendliche brauchen

    Es ist nach allen internationalen und nationalen Studien und Untersuchungen hinreichend bekannt, dass die Schulen in Deutschland das Lernen und die komplexen Erwerbsprozesse mit unterschiedlichem Erfolg begleiten und dass hier erheblicher Nachholbedarf besteht im dreigliedrigen Schulsystem. In einer Organisationsform von Schule, in der im Gleichschritt und im 45-Minuten-Takt fachliche Teil-Happen serviert werden, die Schülerinnen und Schüler aufschnappen müssen, um das Verdaute anschließend wieder von sich geben zu können, ist schon lange ein erheblicher Prozentsatz von Kindern und Jugendlichen abgehängt. Und das betrifft nicht nur jene, die aufgrund ihrer sozialen Ausgangsbedingungen keine guten Leistungen in der Schule zeigen. Das betrifft auch einen erheblichen Anteil der Gymnasialschülerinnen und -schüler, die irgendwann einmal so leistungsstark waren, dass sie den Sprung auf das Gymnasium geschafft haben, dann aber im Laufe der Zeit zwischen dem 5. und dem 13. Schuljahr „abgeschult“ und „querversetzt“ werden. Und davon gibt es eine Menge. Es ist also höchste Zeit zu fragen, welche Art Schule Kinder und Jugendliche brauchen – und welche Art Lernerfahrungen sie auf keinen Fall in der Schule verpassen sollten.

    Durch Corona ist sehr deutlich geworden, was Kindern und Jugendlichen ohne Schule fehlt und wie Schule sich verändern kann und muss, damit Lehrerinnen und Lehrer die komplexe Aufgabe der Bildung für alle besser gestalten können. Die Kinder und Jugendlichen brauchen eine kompetente Rückmeldung zu ihrem ganz individuellen Lernprozess und Arbeitsergebnis. Über Video- und Telefonkonferenzen haben Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler den Wert einer individuellen Beratung noch einmal deutlich erfahren. Viele befragten Eltern haben genau dies als wichtigstes Angebot der Schule beschrieben: die Beratungszeit auch in der Krise.

    Durch geschlossene Schulen während Corona waren Kinder motiviert und organisiert

    Schulen, die auch vor Corona schon vielfältige Formen des selbstständigen Lernens erprobt und in Projektform gearbeitet haben, konnten die Erfahrung machen, dass Kinder und Jugendliche auch ohne Notendruck zu Hause gearbeitet haben. Selbstverständlich mussten Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte gleichermaßen erst mal lernen, mit der neuen Situation des „Homeschoolings“ zurechtzukommen. Es dauerte bei den meisten Schulen etwas, bis die richtige App für Videokonferenzen gefunden und das Unterrichtsmaterial auf den Schulportalen ansprechend organisiert war. Aber die Lerngeschichten einiger Schulen erzählen Erstaunliches: Kinder und Jugendliche schrieben Tagebuch, sie machten sachhaltige Filme, teilten sich die Zeit gut ein und gaben tolle Hefte ab, sie lernten Vokabeln und trafen sich freiwillig mehrmals in der Woche mit Lehrerinnen und Lehrern. Wie gesagt, einige Schülerinnen und Schüler arbeiteten zu Hause lieber und besser für die Schule als zuvor in der Schule. Sollte man nicht genau diese Erfahrung auch für die Zukunft nutzen und Schülerinnen und Schüler häufiger fragen, wo sie arbeiten möchten, um zu einem guten Ergebnis zu kommen?

    Diese hier nur kurz umrissenen Erfahrungen passen zu den Lernkulturen einiger Schulen, die bereits vor Corona stark individualisiert gearbeitet haben. Schülerinnen und Schüler arbeiten auf verschiedenen Niveaus, ihre Eigeninitiative wird gefördert, Freiheiten werden produktiv genutzt, Zusammenarbeit ist großgeschrieben, die unterschiedlichen Felder, auf denen Schülerinnen und Schüler Leistungen zeigen können, sind nicht allein auf Mathematik, Deutsch, Englisch und Naturwissenschaften reduziert, sondern Leistung wird ganzheitlich gesehen und differenziert zurückgemeldet, Lehrkräfte haben Zeit für Beratung, die Themen des Unterrichts knüpfen an echten Problemen der Welt an, die Schule bietet verschiedene Möglichkeiten, sich zu engagieren und den Lernalltag mitzugestalten. Das sind alles Erfahrungen, die unsere Kinder und Jugendlichen auf keinen Fall versäumen sollten.

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    Fechter, Mathias/Gölitzer, Susanne: Dialog – Gemeinsam denken in einer vielstimmigen Welt. Königshausen&Neumann Würzburg, 204 Seiten, 19,80 Euro.

    Für die Gestaltung von Schule als ein Ort der Sozialisation und Kultur brauchen Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit, um sich der Schulentwicklung zu widmen. Inklusion, Vielfalt, Differenzierung, sprachliche und politische Bildung, Digitalisierung – all dies braucht die Aufmerksamkeit von Kolleginnen und Kollegen, die gemeinsam diskutieren, verhandeln, besprechen und ausprobieren müssen. Nach einer kurzen Zeit des Schocks orientierten sich auch die Lehrkräfte unter Corona an einigen Schulen neu: Sie trafen sich häufiger, um über die Weiterentwicklung der Schule zu debattieren, haben Video- und Telefonkonferenzen genutzt, um an Schulentwicklungsvorhaben weiterzuarbeiten.

    Nach Corona: Schülerinnen und Schüler müssen in den Prozess der Unterrichtsentwicklung an Schulen mit einbezogen werden

    Aus diesen positiven Entwicklungen unter Corona kann man für die Schulentwicklung in Deutschland wichtige Schlussfolgerungen ziehen: Geben wir den Lehrerinnen und Lehrern doch mehr Zeit zur Unterrichts- und Schulentwicklung und lassen wir sie überlegen und ausprobieren, welche Lernangebote zu welchen Kindern und Jugendlichen passen. Lasst uns Deutschland in ein Lernlabor verwandeln, in dem Kinder und Erwachsene wieder Lust haben, Relevantes zu lernen. Dafür müssen die Lehrerarbeitszeit und die Schulzeit neu berechnet werden.

    Schul- und Unterrichtsentwicklung ist eine der vornehmsten Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern. Schülerinnen und Schüler müssen in den Prozess der Entwicklung von Unterricht mit einbezogen werden. Auch das gehört zum Lernen dazu: Die Bedingungen, unter denen ich lernen will, sollten je nach Alter und Entwicklungsmöglichkeit eines Kindes mitbestimmt werden. Wie in einer Art Labor müssen Schülerinnen und Schüler verschiedene Wege ausprobieren und verlassen dürfen, Arbeitspartner selbst wählen und Beratung bei fachlichen und individuellen Fragen suchen können. Wie in einem Labor, müssen Lehrerinnen und Lehrer wirkungs- und bedeutungsvolle Lernsettings gemeinsam entwickeln, auswerten und weiterentwickeln dürfen. Wenn wir diese Erfahrungen der letzten Monate nicht ordentlich auswerten, verpassen wir viel mehr als ein paar Stunden Mathematik.