GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Lehrkräfteausbildung

  • Lehrerbildungsmanifest des Bildungsrats von unten

     

    Genau ein Jahr nach dem heftig umstrittenen Gutachten der SWK zum Umgang mit dem Lehrkräftemangel –  hat der „Bildungsrat von unten“seine Empfehlungen zum Umgang mit dem Lehrkräftemangel und den SWK-Empfehlungen veröffentlicht. An diesem haben ein Jahr lang viele Lehrkräfte, Gewerkschafter*innen, Bildungspolitiker*innen und -forscher*innen mitgewirkt.
    Hier findet Ihr es als Manifest in der Kurzfassung:
    https://bildungsrat.org/wp-content/uploads/2024/01/Bildungsrat-Manifest-von-unten-Kurzfassung.pdf?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=aktuelles-zum-sommer-vom-bildungsrat-von-unten-9

    Und hier in der Langfassung:
    https://bildungsrat.org/wp-content/uploads/2024/01/Bildungsrat-Manifest-von-unten-30-01-2024.pdf?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=aktuelles-zum-sommer-vom-bildungsrat-von-unten-9

  • Schleichers Kritik an der Schule – oder an den Lehrkräften?

    „Lehrerinnen und Lehrer brauchen Freiräume, eigene Ideen zu entwickeln und kreative
    Unterrichtskonzepte zu erproben. Sie brauchen Gelegenheiten für den Austausch und für
    die gemeinsame Arbeit im Team. Nichts ist schlimmer als diese Kultur in Deutschland, dass
    man die Tür zum Klassenzimmer zumacht – und den Lehrer dort einfach nur alleinlässt.
    Und vor allem: Lehrkräft e brauchen, so ungewohnt es für viele in Deutschland klingt, auch
    Zeit für anderes, als immer nur zu unterrichten.“

    sagt OECD-Bildungsorganisator Andreas Schleicher in einem Interview in der Stuttgarter Zeitung vom 19. Januar 2024. In Deutschland hätten die Lehrer und Lehrerinnen zu wenig Gelegenheit, das zu tun, wofür sie den Beruf ergriffen haben, nämlich „jungen Menschen zu helfen, ihren Weg zu finden“. Sie brauchen mehr Freiräume, müssen anderes tun können als nur zu unterrichten. Darin sieht Schleicher den Weg, mehr Menschen für diesen Beruf zu gewinnen, und weniger in Gehaltssteigerungen. Dem kann ich nur zustimmen. Nicht so die Lehrerverbände, GEW und VBE. Sie sehen darin den Vorwurf  „mangelnde(r) Innovations- und Teamfähigkeit sowie unzureichende(r) Eigeninitiative“, so Maike Finnern in ihrer Pressemitteilung. Mag sein, dass Maike Finnern nachziehen wollte, nachdem der VBE harsche Kritik geübt hatte.

    Schleicher übt völlig zu Recht Kritik am deutschen Schulsystem, an der systemisch vorgegebenen Art der Lehrkräftetätigkeit. Man könnte so weit gehen und es den Lehrkräften als persönliches Versagen vorwerfen, dass sie sich in den vorgegebenen Rahmen einfügen und nicht einfach das tun, worin sie – und Schleicher – ihren Beruf sehen. Das tut Schleicher aber explizit nicht. Bedauerlich, dass die Verbände der Lehrkräfte nicht dessen Kritik am Schulsystem aufgreifen und daran mitwirken, ein anderes Verständnis der Arbeit zu entwickeln, was sowohl den Schüerinnen und Schülern als auch den Erwartungen angehender Lehrkräfte besser gerecht wird, im Sinne Schleichers.

    Karl-Heinz Heinemann, das ist meine persönliche Meinung.

  • Lehrkräftearbeit und -ausbildung in Skandinavien, Japan und Singapur, Video des Vortrags und Ergebnisse

    Video

    Lehrkräftearbeit und -ausbildung in Skandinavien, Japan und Singapur

    mit Alexander Brand (Lehrer, Bildungsjournalist und Bildungsreisender)

    Hier das Video von der Veranstaltung

    Und hier die Folien des Vortrags

    Nicht nur die Ausbildung der Lehrkräfte steht in der Kritik. Ihre Arbeit muss anders organisiert und auch anders bewertet werden, weil ihre Arbeit vielfältiger geworden ist. Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, Professorenkinder und Kinder aus Familien, in denen nicht oder nur wenig gelesen wird, Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Beeinträchtigungen sollen miteinander und voneinander lernen.

    Eigentlich sind sich alle einig: Darauf sind die Absolventen eines Lehramtsstudiums bisher unzureichend vorbereitet, ganz zu schweigen von denen, die als Quer- und SeiteneinsteigerInnen ohne entsprechendes Studium in die Schule kommen. Und die Arbeit in einem Mittelschichtgymnasium und einer „Brennpunktschule“ stellt auch andere Anforderungen.

    Endlich wird über die Reform des Lehreraus- und -fortbildung diskutiert. Aber vielleicht können wir dabei von anderen Ländern lernen? Alexander Brand hat sich die Lehrerbildung in skandinavischen Ländern, in Japan und Singapur angesehen, also in Ländern die als PISA-Vorbilder gelten. Wir wollen seine Erfahrungen kennenlernen und prüfen: Was können wir lernen – im Positiven wie im Negativen? Wir wollen nicht andere Länder kopieren, sondern die Erfahrungen kritisch bewerten. Welches Verständnis von Bildung, von Schule und Lernen gilt in diesen Ländern? Und welches bei uns?

    Die Diskussion

    In der Diskussion ging es darum, was wir von den Ländern lernen können, die Alexander besucht hat. Und er ging noch auf die Frage nach Estland ein, das Land, das ja auch gute PISA-Noten hat und für seine Fortschritte in der Digitalisierung gelobt wird. Er empfindet die Situation paradox: Der Unterricht verläuft noch sehr traditionell, geprägt von der sowjetischen Vergangenheit, der Focus in der Grundschule liegt auf der Vermittlung der Basiskompetenzen.
    Vieles von dem, was Alexander aus den anderen Ländern berichtete, haben wir auch hierzulande, doch nur an einzelnen Schulen, Leuchttürmen. Doch die strahlen nicht in die Breite: Die Schulpreisschulen, die Laborschule, die Montessori-Schule in Potsdam, einige Gesamtschulen arbeiten schon seit Jahrzehnten in Lehrerteams und in heterogenen Schülerinnengruppen, nur: Davon findet man nichts in den anderen Schulen. Gemeinsame Unterrichtsplanung und gemeinsames Unterrichten – das habe sie bei vielen Privatschulen in Brandenburg gesehen, berichtet Gerrit Große, die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion in Brandenburg. Warum nicht in den öffentlichen Schulen? Weil die veränderte Unterrichtspraxis nicht den Weg in Gesetze, Erlasse und Verfügungen findet, meinen Martina Seifert und Gunhild Böth. Man könne nicht, wie Andreas Schleicher von der OECD, die Verantwortung auf die Lehrkräfte abwälzen.
    Die Schulen brauchen nicht nur mehr Autonomie, auch, um den unterschiedlichen Bedingungen ihrer Klientel gerecht zu werden, sie brauchen auch Unterstützung. Sonst sind die Anforderungen, eigene Lehrpläne zu entwickeln, nur eine zusätzliche Belastung der sie nicht gerecht werden können – und wollen.
    Die Strukturen des selektiven Schulsystems sorgen dafür, dass mögliche innovative Impulse verpuffen, die es an Studienseminaren und von Fachleitern durchaus gebe. Im Alltags setzt sich rasch der alte Trott durch. Um das zu ändern sind nicht nur andere didaktische Konzepte wie das kooperative Arbeiten nötig, sondern eine andere Haltung zum Lehrerberuf und vor allem: Kooperation, Unterstützung der Schülerinnen, Arbeit mit den Eltern, all das muss anerkannter Teil der Arbeitszeit von Lehrkräften sein. Sie brauche Zeit, Unterstützung von administrativen und technischen Kräften, und sie brauchen Arbeitsplätze in der Schule, die auch kooperatives Arbeiten herausfordern.
    Nicht alles ist vorbildlich in den von ihm besuchten Ländern, räumt Alexander ein. In Singapur zum Beispiel ist das Schulsystem hoch selektiv, der Leistungsdruck ist hoch, die Eltern puschen mit Nachhilfekursen, wenn sie das Geld haben. Das Ziel ist Effizienz, nicht Ermächtigung.
    Auf den Fotos, der Brand präsentierte, seien ja durchaus noch die lehrerzentrierten Busreihen zu sehen, bemerken Teilnehmende. Ja, aber wichtig seien die Tiefenstrukturen: Werden die Schülerinnen herausgefordert, kreativ etwa in Mathe eigene Lösungswege zu suchen und zu begründen, bekommen sie individuelle Hilfen?
    Es gab noch viele Anregungen in der Debatte. Festzuhalten ist, dass es nirgendwo sonst noch eine zweiphasige Ausbildung gibt, überall ist Praxis und universitäre Ausbildung integriert – und übrigens dann auch kürzer als hierzulande.
    Fazit: ein spannender Vortrag, interessante Einblicke, die auch manches Vorurteil, etwa über den Unterricht in Japan und Singapur korrigieren konnten, viele Anregungen für die schulpolitische Debatte hierzulande.
    Alexander Brand hat übrigens diese Reise selbst organisiert, was nicht einfach war, weiler nach seiner Ausbildung als Lehrer die Erfahrungen anderer kennen lernen wollte.
    Alexander Brand hat einen Blog, auf dem er seine Erfahrungen darstellt, und er schreibt für das deutsche Schulportal, da kann man auch einiges von ihm nachlesen.

    Ergebnisse:

    Was konnten wir auf der Suche nach Alternativen lernen?
    1. Die Zusammenarbeit im Team ist konstitutiv für die Unterrichtsentwicklung. Das ist andernorts schon Teil der Ausbildung.
    2. Dafür müssen die Bedingungen geschaffen werden, und zwar
    a. räumlich: Lehrkräfte brauchen feste und gut ausgestattete Arbeitsplätze in der Schule, und vor allem
    b. zeitlich: Die Arbeitszeit darf nicht nach Unterrichtsstunden berechnet werden. Die Zusammenarbeit im Team, die regelmäßige Fortbildung und die individuelle Arbeit mit SchülerInnen gehören zur Arbeitszeit und müssen entsprechend berücksichtig werden.
    3. Die regelmäßige Fortbildung besteht nicht aus isolierten Vorträgen und Seminaren, sondern in der kontinuierlichen und gemeinsamen Arbeit an der Verbesserung des Unterrichts.
    4. In der Ausbildung gehören Praxis und Theorie zusammen. Wir brauchen die einphasige Lehrkräfteausbildung mit Beteiligung von Ausbildungsschulen und MentorInnen aus den Lehrerkollegien.
    5. Viele gute Ansätze wie in den besuchten Ländern gibt es auch hierzulande. Damit sie in der Fläche wirksam werden müssen sie in Gesetzen, Verordnungen und Erlassen verankert werden.

    Vieles von dem, was Alexander aus den anderen Ländern berichtete, haben wir auch hierzulande, doch nur an einzelnen Schulen, Leuchttürmen. Doch die strahlen nicht in die Breite: Die Schulpreisschulen, die Laborschule, die Montessori-Schule in Potsdam, einige Gesamtschulen arbeiten schon seit Jahrzehnten in Lehrerteams und in heterogenen Schülerinnengruppen, nur: Davon findet man nichts in den anderen Schulen. Gemeinsame Unterrichtsplanung und gemeinsames Unterrichten – das habe sie bei vielen Privatschulen in Brandenburg gesehen, berichtet Gerrit Große, die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion in Brandenburg. Warum nicht in den öffentlichen Schulen? Weil die veränderte Unterrichtspraxis nicht den Weg in Gesetze, Erlasse und Verfügungen findet, meinen Martina Seifert und Gunhild Böth. Man könne nicht, wie Andreas Schleicher von der OECD, die Verantwortung auf die Lehrkräfte abwälzen.
    Die Schulen brauchen nicht nur mehr Autonomie, auch, um den unterschiedlichen Bedingungen ihrer Klientel gerecht zu werden, sie brauchen auch Unterstützung. Sonst sind die Anforderungen, eigene Lehrpläne zu entwickeln, nur eine zusätzliche Belastung der sie nicht gerecht werden können – und wollen.
    Die Strukturen des selektiven Schulsystems sorgen dafür, dass mögliche innovative Impulse verpuffen, die es an Studienseminaren und von Fachleitern durchaus gebe. Im Alltags setzt sich rasch der alte Trott durch. Um das zu ändern sind nicht nur andere didaktische Konzepte wie das kooperative Arbeiten nötig, sondern eine andere Haltung zum Lehrerberuf und vor allem: Kooperation, Unterstützung der Schülerinnen, Arbeit mit den Eltern, all das muss anerkannter Teil der Arbeitszeit von Lehrkräften sein. Sie brauche Zeit, Unterstützung von administrativen und technischen Kräften, und sie brauchen Arbeitsplätze in der Schule, die auch kooperatives Arbeiten herausfordern.
    Nicht alles ist vorbildlich in den von ihm besuchten Ländern, räumt Alexander ein. In Singapur zum Beispiel ist das Schulsystem hoch selektiv, der Leistungsdruck ist hoch, die Eltern puschen mit Nachhilfekursen, wenn sie das Geld haben. Das Ziel ist Effizienz, nicht Ermächtigung.
    Auf den Fotos, der Brand präsentierte, seien ja durchaus noch die lehrerzentrierten Busreihen zu sehen, bemerken Teilnehmende. Ja, aber wichtig seien die Tiefenstrukturen: Werden die Schülerinnen herausgefordert, kreativ etwa in Mathe eigene Lösungswege zu suchen und zu begründen, bekommen sie individuelle Hilfen?
    Es gab noch viele Anregungen in der Debatte. Festzuhalten ist, dass es nirgendwo sonst noch eine zweiphasige Ausbildung gibt, überall ist Praxis und universitäre Ausbildung integriert – und übrigens dann auch kürzer als hierzulande.
    Fazit: ein spannender Vortrag, interessante Einblicke, die auch manches Vorurteil, etwa über den Unterricht in Japan und Singapur korrigieren konnten, viele Anregungen für die schulpolitische Debatte hierzulande.
    Alexander Brand hat übrigens diese Reise selbst organisiert, was nicht einfach war, weiler nach seiner Ausbildung als Lehrer die Erfahrungen anderer kennen lernen wollte.
    Alexander Brand hat einen Blog, auf dem er seine Erfahrungen darstellt, und er schreibt für das deutsche Schulportal, da kann man auch einiges von ihm nachlesen.

    https://alexanderbrand.de/

  • taz-Interview mit Philipp Dehne zu PISA und SWK-Gutachten

    „Mischung aus Motivation und Überlastung“

    Die schlechten Arbeitsbedingungen an deutschen Schulen schrecken Lehrkräfte ab, sagt der Bildungsaktivist Philipp Dehne. Für besseren Unterricht brauche es ein Umdenken
    Philipp Dehne, 39, ist ausgebildeter Lehrer und Bildungsaktivist. Unter anderem engagiert er sich beim „Bildungsrat von unten“ und bei der Initiative „Schule muss anders“. Dehne war einer der Initiatoren des bundesweiten Bildungsprotestes am 23. September 2023.

    INTERVIEW RALF PAULI


    taz: Herr Dehne, die Pisa-Studie hat dem deutschen Bildungssystem gerade ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Die Politik erklärt den Leistungsabfall vor allem mit der Pandemie und der gestiegenen Heterogenität in den Klassen. Stimmen Sie zu?
    Philipp Dehne: Ich finde es falsch und gefährlich, wenn die Politik die Ergebnisse jetzt auf die Pandemie und den hohen Anteil an Schü­le­r:in­nen mit Migrationshintergrund abwälzt. Diese Analyse greift viel zu kurz. Vor allem, weil sich die Probleme im Bildungsbereich ja schon länger deutlich zeigen. Die zementierte Ungleichheit, der krasse Personalmangel, das veraltete Schulsystem.
    Sie haben selbst mehrere Jahre als Lehrer in Berlin-Kreuzberg und -Neukölln gearbeitet. Wie haben Sie die Arbeitsbedingungen erlebt?
    Als Mischung zwischen krasser Motivation und Überlastung. Die Kreuzberger Schule, an der ich vor allem gearbeitet habe, war stark armutsbelastet. Das Grundgefühl war: Ich sehe, dass viele meiner Schü­le­r:in­nen hier oder da dringend mehr Unterstützung bräuchten. Doch dafür reicht die Zeit einfach nicht – obwohl ich schon mehr arbeite. Das ist echt frustrierend. Diese Erfahrung machen aber viele Lehrkräfte.
    Dazu kommen die gestiegenen Erwartungen an Lehrkräfte – Stichwort Nahostkonflikt. Können die Schulen das alles leisten?
    Ich finde es wichtig, dass gesellschaftliche Konflikte und Krisen in der Schule behandelt werden. Viele Lehrkräfte sehen auch die Notwendigkeit, über den Nahost-Konflikt, über das Auseinanderdriften der Gesellschaft, über die Klimakrise zu reden. Nur sollen sie diese Themen on top machen, neben dem Stoff und den ganzen Verwaltungsaufgaben. Eigentlich brauchen wir ein Umdenken im Bildungssystem, das diesen lebensweltlichen Fragen dauerhaft mehr Zeit einräumt, nicht bloß dann, wenn Krisen gerade stark in den Medien sind.
    Die Bil­dungs­mi­nis­te­r:in­nen prüfen gerade neue Ideen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK), um den Unterricht langfristig sicherzustellen. Unter anderem soll ein Ein-Fach-Master eingeführt, das Referendariat verkürzt und Assistenzlehrkräfte besser ausgebildet werden. Was halten Sie von den Vorschlägen?
    Im SWK-Gutachten stehen viele gute Ansätze. Etwa, dass die Kultusministerkonferenz endlich ihre Bedarfsprognosen verbessern oder Theorie und Praxis in der Lehramtsausbildung besser verzahnen muss. Auch die Ein-Fach-Lehrkräfte können bestimmt helfen, mehr Personen für den Job in der Schule zu motivieren. Ein verkürztes Referendariat erschließt sich mir hingegen nicht. Gerade weil die Praxis im Studium zu kurz kommt.
    Die SWK beklagt, dass die Lehrerausbildung in Deutschland mit durchschnittlich 6,5 Jahren zu lange dauert.
    Die Frage ist doch eher, ob das Lehramtsstudium gut auf den Beruf vorbereitet. Und da sagen immer wieder Studierende, dass es das nicht tut, auch weil es zu weit von der Schulrealität weg ist und die Verzahnung von Theorie und Praxis zu oft nicht gelingt. Bevor man pauschal die Dauer der Lehrerausbildung kürzt, sollte man erst bei der Qualität und den Studienbedingungen ansetzen.
    Der „Bildungsrat von unten“, in dem Sie sich engagieren, bezeichnet das SWK-Gutachten insgesamt als „praxisfern und mit blinden Flecken“. Was fehlt Ihnen?
    Das SWK-Gutachten liest sich so, als ob ein höherer Anteil an akademischem Input die Lösung für die Probleme und Herausforderungen bei der Lehrkräftebildung wäre. Das bezweifle ich. Mir fehlt die Erfahrung aus der Schulpraxis. Der Arbeitsalltag an Schulen muss stärker berücksichtigt werden.
    Haben Sie ein Beispiel dafür?
    Die SWK analysiert unter anderem, dass zu wenige junge Menschen heute auf Lehramt studieren, und schlägt deshalb vor, verschiedene Gruppen zielgerecht anzusprechen. Das Augenmerk liegt also auf der Werbekampagne. Man könnte aber auch sagen: Wir verbessern die Arbeitsbedingungen an Schulen. Wenn der Beruf attraktiv ist, ist das die beste Werbung. Dazu aber kein Wort.
    Manche Vorschläge sind aber auch sinnvoll, oder? Etwa, dass sich alle Leh­re­r:in­nen 30 Stunden im Jahr fortbilden müssen.
    Den Vorstoß begrüßen wir im Prinzip. Aber auch er verkennt die Situation an Schulen. Wir haben Kolleg:innen, die aufgrund der Personalsituation total überlastet sind. Dazu kommt, dass viele Fortbildungen kaum einen Mehrwert haben. Ich höre immer wieder von Lehrkräften, dass ihnen die Angebote für ihren konkreten Schulalltag wenig bringen.
    Kann es sein, dass Sie schlecht auf die SWK zu sprechen sind? Die Notmaßnahmen, die das Gremium im Januar gegen den Personalmangel empfahl, bezeichneten Sie damals als „Schlag ins Gesicht“ für die Lehrkräfte.
    (lacht) Zu dem Urteil stehe ich. Schließlich liefen viele der Maßnahmen auf Mehrarbeit der Lehrkräfte hinaus, in einer Situation, in der die Belastung durch den Mangel eh von Jahr zu Jahr steigt. Gegen die SWK habe ich nichts. Wir wollen aber ins Gespräch gehen über ihre und über unsere Perspektiven. Kommende Woche trifft sich der Bildungsrat von unten auch mit dem SWK-Vorsitzenden, um sich auszutauschen.
    Was die SWK vorschlägt, ist das eine. Was die Bil­dungs­mi­nis­te­r:in­nen umsetzen, steht auf einem anderen Blatt. Was würden Sie sich wünschen?
    Ende Januar werden wir vom Bildungsrat konkrete Vorschläge machen. Generell fordern wir mehr Verbindlichkeit bei der Umsetzung von gemeinsamen Zielen, zum Beispiel über einen Staatsvertrag. Für die Lehramtsausbildung etwa gibt es bis heute keine klaren Regeln, wie viele Lehrkräfte jedes Bundesland ausbilden muss. Ein zweiter Wunsch wäre, dass wir über die Stundentafel reden. An vielen Schulen fallen jeden Tag Stunden aus. Trotzdem tun wir so, als könnten wir die heilige Stundentafel aufrechterhalten. Da müssen wir uns ehrlich machen und überlegen, wie man die vorhandenen Ressourcen besser aufteilen kann.
    Und die 100 Milliarden Sondervermögen, die Gewerkschaften, SPD und Linke fordern?
    Die braucht es! Wir brauchen aber auch das Bewusstsein, wie viel Deutschland anteilig in Bildung investiert. Wenn wir uns da an Ländern orientieren, die bei Pisa besser abschneiden, müssen wir ordentlich drauflegen. 50 Milliarden pro Jahr, wenn wir so viel ausgeben wie Dänemark. Wenn wir zu Norwegen aufschließen wollen, müssten wir jedes Jahr sogar 120 Milliarden Euro mehr ausgeben.

     

    https://taz.de/Archiv-Suche/!5976170&s=dehne&SuchRahmen=Print/

  • „Praxisfern und mit blinden Flecken“ – Bildungsrat von unten zum SWK-Lehrkräfte-Gutachten

    Bildungsrat von unten!

    Hallo Karl-Heinz,
    lange wurde auf das Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) gewartet … vorgestern wurde es nun der KMK und der Presse vorgestellt. WIr haben vor dem Hintergrund der Debatten, die wir in den letzten Monaten innerhalb des Bildungsrat von unten! geführt haben, als Koordinierungskreis eine erste Bewertung der Vorschläge und des Gesamtansatzes vorgenommen. Am 12.12. wird das SWK-Gutachten in einem sog. „SWK-Talk“ der Öffentlichkeit vorgestellt und am 21.12. haben wir im Bildungsrat die Möglichkeit, mit Prof. Dr. Köller als dem Vorsitzenden der SWK die Vorschläge zu diskutieren (siehe unten). Unser eigenes „alternatives Gutachten“ werden wir Ende Januar 2024 vorlegen. Bis dahin alles Gute und einen geruhsamen Jahresausklang …
    Herzliche Grüße vom Koordinierungsteam Mark, Bob, Susanne & Philipp

    Unsere Stellungnahme zum SWK-Gutachten:

    „Praxisfern und mit blinden Flecken!“

    Der Koordinierungskreis des Bildungsrats von unten! hat kurzfristig eine erste, vorläufige Stellungnahme zum SWK-Gutachten veröffentlicht. Die SWK hat ihr Gutachten am 8.12.2023 vorgestellt und dabei stark auf die universitäre Perspektive und Bedarfslage fokussiert. Der Bildungsrat von unten! kommt zu einer differenzierten Bewertung, sieht jedoch vor allem eine hohe Praxisferne und eine Reihe blinder Flecken. [Stellungnahme vom 10.12.2023].

    Diskussion SWK-Gutachten mit Vorsitzenden Prof. Dr. Köller

    Es ist uns gelungen, den (Co-) Vorsitzenden der SWK, Herrn Prof. Dr. Köller, für eine Diskussion zum SWK-Gutachten zu gewinnen. Wer sich auf die Debatte vorbereiten will, kann die Zusammenfassung der 155 Seiten lesen. Auch unsere erste, vorläufige Stellungnahme zum Gutachten (siehe oben) wird zur Lektüre empfohlen. Die Diskussion findet digital als Zoom-Sitzung statt und ist offen (d.h. ohne Registrierung) zugänglich:

    Diskussion mit Prof. Dr. Köller (Vorsitzender)
    zum SWK-Gutachten
    Donnerstag, 21. Dezember 2023 um 18:00h

    https://eu02web.zoom-x.de/j/66603952302?pwd=TjlNaE83WTlHUXREaGt2bmc4RkZ2UT09

    Der weitere Zeitplan des Bildungsrats von unten!

    • 21.12.2023 18:00 Uhr Plenum mit dem Co-Vorsitzenden der SWK, Prof. Dr. Köller, zu den konkreten Vorschlägen aus dem Gutachten und erste Bewertung durch Bildungsrat
    • November/ Dezember 2023: Erarbeitung der Stellungnahme in Cluster und Redaktionsgruppe
    • Januar 2024 Abschließendes Plenum Finalisierung und Veröffentlichung Stellungnahme Bildungsrat von unten
    • Februar 2024 Plenum zur politischen Bewertung der Situation und der weiteren Perspektive
    Mark Rackles & Bob Blume & Susanne Posselt & Philipp Dehne
  • GEW begrüßt SWK-Gutachten zur Lehrkräftegewinnung und -bildung

    Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat das neue Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Lehrkräftegewinnung und Lehrkräftebildung begrüßt und Bund und Länder aufgefordert, rasch die Weichen für die Stärkung und Reform der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern zu ergreifen. Hier die Zusammenfassung des Gutachtens SWK-2023_Gutachten_Lehrkraeftebildung_Zusammenfassung

    und die GEW-Stellungnahme.

    20231212 GEW zu SWK-Gutachten

     

  • Ausschreibung: Studie zum Stand der Lehrerinnenbildung

    Die Rosa-Luxemburg-Stiftung schreibt eine kleine Studie zum Thema Lehrkräftebildung aus. In dieser soll die aktuelle Lehramtsausbildung (insbesondere die universitäre Phase) analysiert und folgende Fragen beantwortet werden: Wie sieht die in der KMK verabredete Struktur der Lehramtsausbildung (Verhältnis Fachwissenschaft/Bildungswissenschaft, Methodik/Didaktik, Psychologie und Praxis) aus? Werden gesellscjaftlich relevante Fragen, Veränfderungen in der Gesellschaft und in der SchülerInnenschaft in der Ausbildung berücksichtigt?Gibt es ggf. internationale Beispiele?

    Abschließen soll die Studie mit konkreten Handlungsempfehlungen: WER (Bund und/oder Länder) sollte künftig stärker in der Verantwortung für die Lehrkräftebildung genommen werden? WIE müsste eine Lehramtsausbildung aussehen, die den gesellschaftlichen Herausforderungen entspricht und junge Menschen gut für ihren Job als Lehrer*in vorbereitet? WELCHE Vorschläge relevanter bildungspolitischer Akteure (KMK, Politik, GEW etc.) existieren? Was bedarf es, um mehr junge Menschen für das Lehramt zu gewinnen und sie auch erfolgreich zu einem Abschluss zu führen? Gibt es erfolgreiche Modellprojekte (in Deutschland oder Skandinavien)?

    Die Bewerbung mit einer Skizze der Studie soll bis zum 31.10.2023 erfolgen, ein Entwurf soll bis zum 15.12.2023 vorliegen.

    Für die Erstellung der Studien sind 5.000,- € (brutto) vorgesehen.

    Die Unterlagen für die Ausschreibung findet Ihr hier.