GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Inklusion

  • Schule in der Migrationsgesellschaft: Sprachförderung durch kooperatives Lernen

    ein Beispiel aus der Green-Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen

    Sprachförderung durch kooperatives Lernen

    An der Green Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen findet kooperatives Lernen in jeder Unterrichtsstunde statt. Das heißt: Alle Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung und unterstützen sich gegenseitig. Dabei sind viele von ihnen erst vor Kurzem nach Deutschland migriert. Mit einem multiprofessionellen Team, das eng zusammenarbeitet, und einer durchgängigen kooperativen Lernkultur ebnet die Schule zugewanderten Jugendlichen den weiteren Weg.

  • Inklusion mit Bildungsstaatsvertrag durchsetzen!

    Es sei ein Verstoß gegen die Menschenrechte, dass das Recht auf inklusive Bildung bei uns in der BRD nur unzureichend umgesetzt wird. Die Bundesrepublik ist dazu zwar nach der Behindertenrechtskonvention verpflichtet, aber ein Hindernis bei der Umsetzung ist, dass die Länder für die Schulen zuständig sind, während die Umsetzung der Konvention den Bund bindet. Brigitte Schumann, die unermüdliche Kämpferin für Inklusion, schlägt vor, zusammen mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte, mit einem Staatsvertrag die Lücke zu schließen. Lest ihren Beitrag hier.

  • Veranstaltungshinweis 13.12.: Multiprofessionelle Teams als Meilenstein in der Schulentwicklung

    Wir möchten euch auf eine spannende Veranstaltung hinweisen, organisiert von Katrin Schäfgen, Referentin für Bildungspolitik in der Rosa-Luxemburg-Stiftung:

    Multiprofessionelle Teams als Meilenstein in der Schulentwicklung

    Den Lern- und Arbeitsort Schule weiterentwickeln – Podiumsdiskussion mit Gästen aus Politik, Praxis, Gewerkschaft und Wissenschaft

    13.12.22, 18-21 Uhr

    Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Großer Saal, Straße der Pariser Kommune 8A, 10243 Berlin

    Viel ist in letzter Zeit von der Etablierung multiprofessioneller Teams an Schulen die Rede, insbesondere im Kontext von Inklusion und Ganztagsausbau, vielfach aber auch als Antwort auf den dramatischen Lehrkräftemangel. Tatsächlich aber sind multiprofessionelle Teams viel mehr als das: Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen, Gesundheitsfachkräfte, Ergo- und Lerntherapeut*innen, Verwaltungskräfte, technisches Personal – sie alle bringen ganz eigene Kompetenzen und Perspektiven mit an den Lern- und Arbeitsort Schule und verändern diesen damit fundamental. Im Zentrum einer multiprofessionell agierenden Schule steht dabei ein ganzheitlicherer Blick auf die Kinder und Jugendlichen mit ihren individuellen Bedürfnissen und Problemlagen.

    Politisch, aber auch aus Schulentwicklungsperspektive stellen sich damit völlig neue Fragen: Welche Berufsgruppen braucht es an Schulen? Welche zeitlichen, welche finanziellen Ressourcen müssen bereitgestellt werden, damit Teamarbeit in multiprofessionellen Teams gelingen kann? Wie wird sichergestellt, dass Lehrkräfte und weiteres Personal an Schulen gut und auf Augenhöhe miteinander arbeiten? An welche Erfahrungen kann dabei angeknüpft werden und welche Fallstricke müssen bei der Einführung beachtet werden? Und nicht zuletzt: Wie profitieren Schüler*innen und das Schulpersonal von diesen Entwicklungen?

    Diese und weitere Fragen möchten wir mit Ihnen diskutieren. Dazu haben wir Gäste aus Politik, Praxis, Gewerkschaft und Wissenschaft eingeladen:

    • Franziska Brychcy (Bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin)
    • Nicole Freke (Primarstufenleiterin an der Laborschule Bielefeld)
    • Doreen Siebernik (Mitglied des GEW-Hauptvorstands, zuständig für Jugendhilfe und Sozialarbeit)
    • Katja Tillmann (TU Dortmund, Mitarbeiterin im Projekt Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte)
    • Moderation: NN

    Um miteinander ins Gespräch zu kommen laden wir Sie im Anschluss an die Diskussion zu einem kleinen get together mit Brezeln und Getränken ein.

    Zur Planung von Raumgröße und Getränken bitten wir um Anmeldung. Die Veranstaltung wird aufgezeichnet und anschließend veröffentlicht.

     

  • Schule muss anders – eine tolle Initiative in Berlin

    Mehr Lehrkräfte ausbilden, Schulen sanieren und mehr Schulplätze schaffen, und mehr Zeit und Personal für Inklusion und Beziehungsarbeit sind die zentralen Forderungen dieser Basisinitiative in Berlin – ein Beispiel auch für andere Bundesländer.

    Hier ihr Forderungskatalog

  • El-Mafaalani: Kluge Analyse bleibt ohne Konsequenzen

    Kluge Analyse bleibt ohne Konsequenzen

    Eine Rezension von Karl-Heinz Heinemann

    Aladin El-Mafaalani hat in seinem schon viel zitierten Buch „Mythos Bildung- Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“ den Erkenntnisstand in Sachen Bildungsungerechtigkeit und Chancengleichheit pointiert und gut lesbar zusammengefasst. Bildung als Mythos, das bezieht er darauf, dass Bildung als vermeintliche Lösung aller möglichen gesellschaftlichen Probleme herhalten muss, vor allem das der wachsenden sozialen Spaltung, der ungerechten Verteilung von Lebenschancen und Einkommen. Der Autor, zuvor Ministerialbeamter im nordrhein-westfälischen Integrationsministerium hat in Osnabrück einen Lehrstuhl für „Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft“, und diese Perspektive – Migration und Integration – durchzieht auch seine Arbeit.

    Zunächst bietet er drei mögliche Definitionen von Bildung an: Bildung als Humankapital, als Fitness für den Arbeitsmarkt, dann: Persönlichkeitsbildung, die Aneignung der Welt und die Bildung des Selbst, also ein klassisch-humanistisches Verständnis, ein pädagogisches Idealbild, und schließlich Bildung als Habitus, als klassenspezifische Prägung, im Anschluss an Bourdieu. Und dieses Verständnis, das nicht normativ ist, sondern soziologisch-beschreibend, prägt seine Darstellung des Themas.

    Fragt sich, ob man die so nebeneinanderstellen kann: das neoliberal-ökonomische Verständnis und das humanistische sind ja explizit normativ: Der Mensch soll sich am Ende seines Bildungsprozesses als Unternehmer seiner selbst verstehen und/oder als autonomes, verständiges Individuum, was sich ja durchaus auch verknüpfen lässt, wenn man es will. Während die Ausprägung eines Habitus das Resultat des Milieus, des klassenspezifischen Charakters der Institution Schule, des milieugeprägten Verhaltens der Lehrkräfte etc ist, das nur implizit angestrebte Ergebnis eines Sozialisationsprozesses.

    Bildungssprache als Teil des Habitus

    Er führt die bekannten Befunde zur ungleichen Verteilung von Bildungsabschlüssen nach sozialer Herkunft an. Das Schulsystem mit seinen Selektionsmechanismen ist für ihn ebenso wichtig wie das milieubedingte Verhalten der Familien und Eltern. Wie kann das im Sinne von mehr Chancengleichheit verändert werden? Sicher, indem Lehrkräfte dafür sensibilisiert werden, indem mehr Lehrkräfte etwa aus Migrantenfamilien gewonnen werden. Aber was bedeutet das für Inhalte und Sprache von Schule und Lernen? Muss jetzt die Bildungssprache „geschleift“ werden, oder müssen sich die Unterschichtkinder anpassen? Ist die Bildungssprache schon mal schlecht, weil milieumäßig verseucht? Das bleibt unbeantwortet.

    Der Habitus der Unterschichtfamilien ist geprägt von Mangelverwaltung – auf kurzzeitigen, messbaren Erfolg ausgerichtet, auf Risikovermeidung, also in der Schule auf Noten und Abschlüsse, die privilegierten Kinder dagegen lernen, den Überfluss zu managen, sie können sich Risiken, Umwege und Irrtümer leisten, weil sie aus einer Position der Sicherheit agieren können – sie leisten sich das Auslandsjahr, das zwar ihre Schulzeit verlängert, ihnen später auf mancherlei Ebenen auch Gewinn einbringen wird.

    Bedenkenswert, was El-Malaafani daraus lernt: Offene Lernarrangements, wie sie die fortschrittliche, mittelschichtsorientierte Pädagogik bevorzugt, führen bei Unterschichtkindern zu Unsicherheit. Sie setzt voraus, was gerade von den unterprivilegierten Kindern erst in der Schule gelernt werden müsste. Was übrigens nicht grundsätzlich gegen offene Lernarrangements spricht, sondern daraufhin weist, dass die Voraussetzungen dafür und die diesbezüglichen Erwartungen der Kinder schichtspezifisch ungleich sind.

    Sehr plausibel stellt El-Mafaalani die Paradoxien der Bildungsexpansion dar: Die rasante Abwertung der „minderen“ Bildungsgänge, aber auch des Abiturs, das nurmehr Voraussetzung, aber nicht die Garantie gehobenen Status ist – da gewinnen nun die habituellen Merkmale noch größere Bedeutung. Während das in Abschlüssen messbare Bildungsniveau in der Gesamtbevölkerung zunimmt, nimmt das Leistungsniveau in den Bildungseinrichtungen offenbar ab: Eine Hauptschule mit nur mehr 5 Prozent der Population hat halt keine „Leistungsträger“ mehr, und ein Gymnasium, das die Mehrheit der Kinder besucht, ist im Leistungsniveau sicher heterogener als das die Höhere Lehranstalt etwa der sechziger Jahre.

    Eine gute Schule rettet nicht das Quartier

    Am Beispiel der Dortmunder Nordstadt macht El-Mafaalani anschaulich, dass ein besseres Bildungsangebot und heftige sozialarbeiterische Bemühungen letztlich einen Stadtteil nicht retten können, dessen Sozialstruktur durch Unterschichtmilieu geprägt ist: Dann schaffen zwar mehr Kinder aus diesem Milieu einen Aufstieg durch Bildung, aber mit der Folge, dass sie dann wegziehen. Wodurch dann ein reales Qualitätsmerkmal eines solchen Viertels gerade zerstört wird – der Zusammenhalt von Nachbarschaften und Familien. Wenn die Infrastruktur des Quartiers nicht insgesamt aufgewertet wird, kann auch Bildung daran nichts ändern. Freilich sind die Erwartungen an eine funktionierende Infrastruktur unterschiedlich – für die einen wäre ein Theater wichtig, für die anderen öffentliche Treffpunkte. Nur: Wird das Quartier aufgewertet, dann steigen die Mieten, es wird gentrifiziert – und das wollen die dort Ansässigen auch nicht. Ein Dilemma, das El-Mafaalani überzeugend beschreibt – der Ausweg kann nur politisch gefunden werden – dadurch, dass die Schere zwischen Arm und Reich in dieser Gesellschaft kleiner wird, also: Umverteilung von oben nach unten, oder, was dem Autor fernliegt – eine soziale Transformation, wie auch immer.

    Und damit kommen wir zum fundamentalen Schwachpunkt des Buches: der fehlenden Perspektive. Da hat er für das Bildungssystem nur drei Punkte anzubieten: Den Ausbau der Ganztagseinrichtungen, von der Kita bis zur Schule, multiprofessionelle Teams in den Schulen, mit Sozialarbeitern, Psychologen, die Lehrkräfte entlastendem Personal, damit die Lehrerinnen sich auf ihr Kerngeschäft, den Unterricht konzentrieren können. Lehrerarbeit, und das ist schon der dritte Punkt, soll sich durch eine Reform der Lehrerausbildung verbessern – die soll praxisnäher sein, das ist aber auch schon alles. Schon hier ist es recht mager: Muss nicht die Lehrerarbeit insgesamt anders organisiert werden, also mit Arbeitsplätzen in der Schule und Verlagerung der meisten Arbeit an diesen Arbeitsplatz? Und umgekehrt, die Ganztagsschule auch Lernorte außerhalb der Schule einbeziehen? Muss Lehrerausbildung nicht auf die Stärkung der Lehrerpersönlichkeit zielen, nicht nur auf die Befähigung zum Unterrichten und Diagnostizieren, sondern auf die Fähigkeit, Beziehungen zu den Kindern und Jugendlichen aufzubauen? Und sollten angehende Lehrerinnen nicht ein Bild davon gewinnen, wofür und in welche Gesellschaft sie ihre Kinder bilden und erziehen – also brauchen sozialwissenschaftliche Grundbindung.

    Was ist mit der Schulstruktur?

    Und nun, was ihm von linken Kritikern zu Recht vorgeworfen wird: Was ist mit der Schulstruktur? Nach allem, was er über mehr als 200 Seiten zuvor geschrieben hat kann es doch nur die Konsequenz geben, dass das gegliederte, hierarchische Schulsystem nicht taugt, um Chancengleichheit nur ansatzweise zu realisieren. Doch da bleibt der gelernte Ministerialbeamte  bei dem, was gegenwärtig machbar erscheint: Also bestenfalls die Zweigliedrigkeit. Das heilige deutsche Gymnasium bleibt unangetastet, selbst die Idee, man könne doch das Gymnasium zu einer Schule für alle machen weist er zurück.

    Vor einigen Jahren scheiterte in Hamburg das Volksbegehren für die sechsjährige Grundschule. Aktuell wäre die eine Schule für alle kaum durchsetzbar, das ist richtig. Aber die Idee der Einheitsschule, die nun schon eine lange Tradition – als Idee zumindest – in Deutschland hat, taucht bei ihm gar nicht erst auf. Unrealistisch.

    Die Zweigliedrigkeit definiert er nicht: Wenn schon nach Übergangsformen gesucht wird, dann müsste man doch sprechen über: Abschulungsverbot, alle Abschlüsse an allen Schulformen, Oberstufen auch an der zweiten, nicht-gymnasialen Schulform.

    Wir müssen aufpassen, dass wir nicht unseren Frust über die politische Lage, in der die eine Schule für alle, unter welchem Namen auch immer, nicht durchsetzbar erscheint, bei El-Mafaalani als dem Überbringer der schlechten Botschaft abladen. Aber manchmal verlangt der Beruf des Wissenschaftlers, der Wissenschaftlerin auch, dass man für notwendig Erkanntes auch vertritt, wenn es gerade nicht auf der Agenda der Herrschenden steht. Man muss nicht so hoch greifen und an Galilei erinnern. Aber ein bisschen mehr Rückgrat, das könnte man doch erwarten, oder?

  • Weiße Salbe von Bildungswissenschaftler El-Mafaalani

    Ein Beitrag von Brigitte Schumann

    In Ihrem Kommentar „Der inakzeptable Umgang der Bildungswissenschaft mit der Schulstruktur“ habe sie versucht, „ihren langehegten Zorn gegenüber der Bildungswissenschaft, die ihre Verantwortung nicht wahrnimmt, auszudrücken, schreibt Brigitte Schumann. Sie setzt sich darin u.a. mit dem gerade gehypten Osnabrücker Bildungswissenschaftler El-Mafaalani auseinander, der in seinem Buch „Mythos Bildung“  zwar die Bildungsungerechtigkeit thematisiert, die Frage der Schulstruktur aber als unrealistisch umgeht, Brigittes Kommentar ist sehr lesenswert.

     

  • „Das verweigerte Recht auf inklusive Bildung“ von Dr. Brigitte Schumann

    Brigitte Schumann ist ehemalige Deutsch- und Englischlehrerin und arbeitet heute als Publizistin zu bildungspolitischen Themen mit dem Schwerpunkt Inklusion. Schumann zeigt in ihrem Beitrag auf, wie die Bildungspolitik in Deutschland, insbesondere die Doppelstruktur zwischen „Regel-“ und „Sonderschulen“, das Recht auf Inklusion unterläuft und kritisiert die Rolle, die dabei der Sonderpädagogik zukommen soll. Ferner demonstriert sie, wie der Begriff Inklusion so verfälscht wird, bis sich teilweise inhaltliche Widersprüche  zu den Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention ergeben.

    Der Beitrag wurde veröffentlicht in der Schriftenreihe „Eine für alle – Die inklusive Schule für die Demokratie“, herausgegeben von einem Bündnis aus GEW, GGG, Aktion Humane Schule, NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“ und dem Verein „Politik gegen Aussonderung“.

     

    Hier kann man den gesamten Beitrag herunterladen:

  • Inklusion – kein Thema (mehr) für die Linken? Von Rosemarie Hein

    Nachdenkliches und (hoffentlich) Anregendes nach dem Ausfall des Workshops zur Inklusion auf
    der RLS Konferenz: „Bitte warten – Sie werden platziert. Neue Ungleichheiten in der Bildung“.

    Der Workshop hatte das Thema „Vom Menschenrecht zum Streitobjekt: Über die bildungspolitische
    Verfälschung und Diskreditierung des Rechts auf inklusive Bildung“. Dafür hat sich nur ein
    Konferenzteilnehmer interessiert. Hat die Linke das Ziel, inklusive Bildung durchzusetzen, angesichts des maximalen gesellschaftlichen Gegenwinds schon aufgegeben – so vielleicht wie Klaus Klemm das Gymnasium für derzeit nicht antastbar und darum ein zweigliedriges Schulsystem für das gegenwärtig einzig Erzielbare hält?
    Gibt es innerhalb der Linken selbst Zweifel ob der Möglichkeit zu einer wirklich inklusiven Bildung zu
    kommen? Ist vielleicht sogar innerhalb des linken Diskurses Uneinigkeit über Ziel und Weg? Ich bin
    mir sicher, dass es auch unter links denkenden Menschen Skepsis über die Sinnhaftigkeit oder
    wenigstens die Umsetzbarkeit inklusiver Bildung gibt. Darum will ich die Sache einmal von verschiedenen Seiten beleuchten und auch darüber reden, warum inklusiver Bildung so viel Ablehnung entgegengebracht wird. Doch auch um Wege soll es gehen.

    1. Die Debatte um inklusive Bildung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einer sehr realen und gegenwärtigen Gesellschaft.

    Ich bin überzeugt: Inklusive Bildung ist vollständig nur in einer inklusiven Gesellschaft möglich.
    Das betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Es betrifft gesundheitliche Fragen ebenso wie soziale.
    Fragen des Arbeitsmarktes ebenso wie der Freizeit. Fragen der Demokratie und Teilhabe ebenso wie
    der Familie, der Mobilität, des Wohnens und so fort… Wenn wir heute über die Forderung nach
    Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention diskutieren, dann ist freilich die ganze Gesellschaft
    gemeint. Kein Bereich, keine noch so kleine Nische kann ausgespart bleiben.
    Dabei ist die Sache schon ziemlich schizophren: einerseits wird anerkannt, dass Menschen mit
    Behinderungen und Beeinträchtigungen die gleichen Rechte haben (müssen) wie alle „anderen“
    Menschen auch, aber wenn es konkret wird, kommen die Vorbehalte. Sie sind finanzieller,
    materieller oder mentaler Natur, und manchmal erwachsen sie einfach aus festgefügten Vorurteilen.
    Da sich dieser Beitrag aber vor allem um inklusive Bildung drehen soll, will ich mich auch weitgehend
    darauf beschränken – andere gesellschaftliche Bereiche werden sowieso dauernd berührt.

    Woher kommt eigentlich die Skepsis?

    Dazu zunächst zu den vielen vielleicht bekannten Definitionen ein etwas anderer Erklärungsversuch: Was ist Integration, was Inklusion? Die Vorstellung von Integration geht davon aus, dass es vorgegebene oder empfundene, in jedem Fall akzeptierte gesellschaftlich akzeptierte Normen gibt, an die Menschen, die diese nicht erfüllen
    (wollen oder können), mit mehr oder weniger Druck, Forderung oder Hilfen herangeführt werden
    sollen. Die Normen selbst werden nicht infrage gestellt. Am leichtesten und am aktuellsten
    nachvollziehbar ist das in der Debatte um die Integration von Geflüchteten oder Zugewanderten.
    Hier wird nicht nur erwartet, dass Zugewanderte die Rechtsnormen des aufnehmenden Landes
    respektieren und einhalten, sondern auch alle anderen Gepflogenheiten, Traditionen und die Kultur.
    Die sollen sie nicht nur kennen und respektieren, sondern sich anpassen, ihre eigenen kulturellen
    Bedürfnisse und Traditionen hintenanstellen. Natürlich müssen sie auch die Sprache beherrschen.

    Was sinnvoll ist, wenn man sich, aus einem anderen Kulturkreis kommend, in Deutschland
    zurechtfinden will. Dies alles wird zum Maßstab für erwartete Anpassung, die dann mit Akzeptanz
    „belohnt“ wird. – Das nennt man Integration. Mal ganz abgesehen davon dass dieser Ansatz für eine Gesellschaft absurd ist, die durch Migration entstanden ist, und in einer Welt, in der auch angesichts weltweiter Globalisierung Migration ein Normalfall sein wird: Schon bei dieser Beschreibung wird klar, wie unsinnig die Forderung nach
    Integration für Menschen mit Behinderungen ist. Sie hätten sich nach der „Normalgesellschaft“ zu
    richten, nicht diese hätte sich auf sie einzustellen. Sie gehörten zu dieser „Normalgesellschaft“ nicht
    dazu. Der inklusive Ansatz ist ein anderer. Er verzichtet auf vorgegebene Normen, orientiert sich an der
    besten individuellen Entwicklung für jede und jeden. Oder besser: die gleiche Teilhabemöglichkeit
    aller ist selbst Norm in einer inklusiven Gesellschaft. Wenn nun Inklusion mit der Betrachtungsweise von Integration betrieben wird, also der Einpassung in vorgegebene gesellschaftliche Normen und Strukturen der sogenannten Normalgesellschaft, kann Inklusion nicht gelingen. Nicht in der Gesellschaft, auch nicht in der Bildung.

    2. Inklusive Bildung steht im Widerspruch zu einem segregierenden Bildungssystem.

    Wenn man inklusive Bildung mit den Instrumenten und Zielen von Integration betreibt, muss sie
    scheitern. Bei dem eben beschriebenen Herangehen an inklusive Bildungsprozesse wird schnell
    davon gesprochen, wer warum wo „nicht inkludierbar“ ist. Das betrifft mal Kinder mit „originellem
    Verhalten“, mal mit geistigen Beeinträchtigungen, mal mit Sinnesbeeinträchtigungen… Schulen oder
    Verwaltungen sind dann bestenfalls stolz darauf, wenn sie viele „Inklusionskinder“ haben. Das ist ihre
    Legitimation dafür, dass sie die Sache ernst nehmen. Aber „Inklusionskinder“ gibt es nicht oder es sind alle. Niemand muss „inkludiert“ werden – wohin denn auch? In diesem Sprachgebrauch zeigt sich, dass der tiefere Sinn von inklusiver Bildung noch gar nicht für alle verständlich ist. Daran müssen wir arbeiten. Möglicherweise gibt es schon eine ganze Menge Erfahrungen, aber niemand hat ein Rezept. Es stellt sich mir die Frage, ob die Gesellschaft mit dieser Forderung nach Inklusion nicht selbst noch überfordert ist. Dass Menschen unterschiedlich sind, ist schon sehr lange im gesellschaftlichen Bewusstsein. Doch bis vor gar nicht allzu langer Zeit war das eher die Begründung für eine segregierende Gesellschaft, in der jeder und jedem ein Platz zugewiesen war („Sie werden platziert“), und der ein segregierendes Schulsystem entsprach. So sah es auch der preußische Beamte und Aufseher über die Volksschule, Ludolph von Beckedorff, im 19. Jahrhundert:
    „Es gibt nun einmal verschiedene Stände und Berufe in der menschlichen Gesellschaft; sie sind
    rechtmäßig, sie sind unentbehrlich. Allen zugleich kann kein einzelner angehören, für einen muß er
    sich entscheiden. Wann soll denn der Zeitpunkt eintreten, wo diese Entscheidung gefaßt und also der
    besondere Bildungs- und Vorbereitungsweg betreten wird? Irgend einmal muß dies doch geschehen,
    und je später, desto schlimmer. Je länger der Jugend die Verschiedenheit der menschlichen
    Verhältnisse verheimlicht wird, als eine desto größere Last muß sie hinterher erscheinen; ja eben
    dieser lange Traum und Wahn einer allgemeinen Gleichheit wird nicht bloß die nachfolgende
    Ungleichheit um so drückender machen, sondern auch die früher Gleichen und Vereinten um so
    schroffer trennen und um so feindseliger gegen einander stellen“ Ludolph von Beckendorf. Zitiert
    nach: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart, Juventa-Verlag, 1998 S. 49/50)
    Die Schule war also Zuteilungsinstrument für gesellschaftliche Teilhabe und Aufstieg. Und das ist sie
    bis heute. Die Unterschiedlichkeit von Menschen wurde nicht nur zum „Zuteilungsmaßstab“ für
    Bildung und Teilhabe, die Schule stellte diese Unterschiedlichkeit auch wieder her. Auch das ist bis
    heute so. Diese Unterschiedlichkeit ist vor allem sozial bestimmt. Die Unterschiede beim
    Bildungszugang und Bildungserfolg folgen dem nach und folgen daraus.

    Der Grundsatz: Jede/r ist etwas Besonderes, Einzigartiges und alle sind gleich viel wert, ist erst in den
    vergangenen Jahrzehnten ins gesellschaftliche Bewusstsein gelangt, auch wenn man bei den
    Humanisten der Aufklärung und den damals begründeten humanistischen Bildungsansätzen
    Ähnliches schon finden kann. Doch, so gern wir (Linken) es anders hätten, dieses nun in fast jeder
    bildungspolitischen Sonntagsrede wiederholte Postulat ist erst der Einstieg in die Gleichheitsdebatte,
    es ist noch nicht in gesellschaftliches Handeln umgesetzt. Nicht einmal ansatzweise. Darum vollzieht
    sich die Diskussion um Inklusion und die Versuche, inklusive Bildung zu etablieren, vor genau diesem
    so wenig inklusionsfreundlichen Hintergrund. Und es geht um Privilegien! Um Bildungsprivilegien und die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Ausstiegs oder Verbleibs in der eigenen „angestammten“ Schicht. Darum musste der Volksentscheid zur Primarschule in Hamburg scheitern, weil es nicht gelungen ist, diese Bildungsprivilegien wenigstens in der Argumentation zu brechen oder wenigstens infrage zu stellen. Und es ist noch
    schlimmer: Mit dem Slogan „Wir wollen lernen!“, einem eigentlich recht eingängigen und
    erstrebenswertem Ziel, wurden von den Konservativen selbst diejenigen ins Boot geholt, die von den
    Bildungsprivilegien gar nichts haben, die vielmehr von der Primarschule profitiert hätten. Aber lernen
    wollten sie doch auch und wenn die neue Schule (Primarschule) das dem Anschein nach nicht
    garantieren kann, stimmt man lieber gegen jede Veränderung.

    Inklusive Bildung muss im Zusammenhang gedacht werden mit den Maßstäben für soziale
    Gerechtigkeit und mit den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung. Aber Fragen der sozialen
    Gerechtigkeit sind ebenso zu wenig Gegenstand der Inklusionsdebatte wie Fragen der Nachhaltigkeit
    von Bildung. Indem Bildung für nachhaltige Entwicklung vor allem aus ökologischen und
    globalisierungskritischen Blickwinkeln betrachtet wird, gerät der Ansatz für gleiche und nachhaltige
    Bildungsteilhabe aus dem Blick.

    In den Zielen für Nachhaltige Entwicklung wird als Ziel 4 die Forderung formuliert: „Bis 2030 für alle
    Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sowie Möglichkeiten zum
    lebenslangen Lernen sicherstellen“ (Deutsche UNESCO-Kommission. Internetpräsenz. Bildung)
    Bildung für nachhaltige Entwicklung erfordert nach meiner Überzeugung, dass Bildung selbst
    nachhaltig ist, das heißt, so gestaltet ist, dass sie zu einem selbstständigen Leben und einer
    selbstbewussten Teilhabe an der Gesellschaft befähigt.
    Ganz ähnlich wie die Bildungsziele der Nachhaltigkeitsstrategie formuliert sind, werden sie auch in
    der UN-Konvention betrachtet: Artikel 24: Bildung (Auszüge)

    „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewähr leisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem.“

    Diese Formulierung stammt, wie man leicht sehen kann aus der ersten und bis
    heute amtlichen deutschen Übersetzung, in der Inklusion noch mit Integration verwechselt wurde.
    Sie ist heute noch so auf der Internetseite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zu finden.
    Nur in der Schattenübersetzung des NETZWERK ARTIKEL 3 e.V. wird dieser wie auch andere
    Übersetzungsfehler korrigiert. Auf der Seite der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung ist
    diese Fassung seit dem 01.01.2017 (!) nachzulesen. Unter anderem werden dort im Artikel 24 folgende Forderungen erhoben: Inklusive Bildung hat das Ziel, „Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen“

    Es soll sichergestellt werden, dass „Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung
    vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht
    aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom
    Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden“. Vielmehr sollen sie einen
    gleichberechtigten Zugang haben. Es sollen „angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des
    Einzelnen getroffen werden“. Sie sollen „innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung“ erhalten. Dazu gehören auch „wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen“. Zur Umsetzung von Inklusion gehören ebenso „geeignete Maßnahmen zur Einstellung von Lehrkräften, einschließlich solcher mit Behinderungen, die in Gebärdensprache oder Brailleschrift ausgebildet sind, und zur Schulung von Fachkräften sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auf allen Ebenen des Bildungswesens“. Und schließlich soll sichergestellt werden, dass „Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner tertiärer Bildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben.“8 Zu
    diesem Zweck sollen „angemessene Vorkehrungen“ getroffen werden.

    Wenn man diese Forderungen zehn Jahre nach Inkrafttreten der Konvention liest – und die
    Konvention hat für Deutschland Rechtskraft – und dann die Realitäten betrachtet, wird deutlich, wie
    weit wir von Inklusiver Bildung und von einer inklusiven Gesellschaft entfernt sind.
    Dennoch birgt der Umgang mit der UN-Konvention ein Problem: Die Konvention ist aus dem
    Blickwinkel der Menschen mit Behinderungen geschrieben. Sie nimmt die soziale Dimension nicht in
    den Blick. Zwar gilt: Die Umsetzung der Maßstäbe der UN-Konvention ist für alle gut. Aber man kann die
    nötigen gesellschaftlichen Veränderungen auch auf Menschen mit Behinderungen begrenzen.
    Die Folge: soziale Zusammenhänge werden nicht mit betrachtet. Aus einer solchen Beschränkung
    erklären sich auch nicht wenige Umsetzungsprobleme für Menschen mit Behinderungen.
    Es geht um einen weiten Inklusionsbegriff, der alle Menschen einschließt, Jede und Jeden:
    „Allen Menschen, unabhängig von ihrer sozialen Situation, dem Geschlecht, ihrer ethnischen
    Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Religion und ihren Fähigkeiten, das Recht auf volle gesellschaftliche
    Teilhabe zu gewährleisten, das ist Sinn und Ziel von Inklusion.“

    „Gleich welcher sozialen, kulturellen oder regionalen Herkunft, gleich, welchen Beruf die Eltern
    haben, gleich welchen Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung, gleich, welche Interessen und
    Neigungen jemand hat, ob er oder sie schneller lernt oder mehr Zeit braucht, mit oder ohne
    Handicap – alle haben die gleichen Rechte, in dieser Gesellschaft zu leben und die eigene
    Persönlichkeit voll entfalten zu können.“ Tatsache ist aber immer noch: Die Bereitschaft zu inklusiver Bildung nimmt mit steigenden Bildungsstufen ab.

    Im Bereich der frühkindlichen Bildung gibt es bereits eine große Akzeptanz und auch Praxis
    integrativer und inklusiver Betreuungsformen. In der Schule ist das schwieriger. Hier nehmen die Praxis und die Bereitschaft, sich auf inklusive Bildung einzulassen, mit der Bildungsstufe ab. Seit 10 Jahren wird inklusive Bildung als Ziel postuliert, aber in der allgemeinbildenden Schule wird sie gerade an die Wand gefahren. Das geschieht vor
    allem dadurch, dass administrative Vorgaben und Maßnahmen ohne entsprechende sächliche und
    personelle Untersetzung die Entwicklung guter inklusiver Schulen mehr behindern als ermöglichen.
    In der beruflichen Bildung findet Inklusion so gut wie gar nicht statt. Ausgleich erhalten Jugendliche
    mit Behinderungen nur über Sondermaßnahmen. Das aber ist keine inklusive Berufsausbildung. Es
    befasst sich auch kaum jemand damit, wie das gehen kann. An den Hochschulen sind die Barrieren des Zuganges vielfältig und hartnäckig. Sie drücken sich aus in restriktiven Zugangsvoraussetzungen oder bei der Bereitstellung von Hilfsmitteln. In der Weiterbildung wird Inklusion kaum diskutiert, möglicherweise aber mehr praktiziert, als
    bekannt ist. Da sind vor allem Weiterbildungsträger außerhalb der beruflichen Weiterbildung
    durchaus interessiert und engagiert.

    Ich will das mit wenigen Beispielen illustrieren:

    1. Schule: Wenn Kommunen schulen sanieren oder neu bauen sind die zugrunde gelegten
    Raumkonzepte selten an inklusiven Maßstäben ausgerichtet. Der rollstuhlgerechte Zugang – im
    Idealfall bis zum Obergeschoss, wird inzwischen durchaus beachtet. Aber was ist mit flexiblen
    Raumkonzepten für unterschiedliche Lernsituationen? Was ist mit Schalldämmung? Was ist mit
    Räumen für Therapie und Beratung? Oft werden die Raumkonzepte noch an den Erfordernissen
    eines segregierenden Schulsystems mit allgemeinen und Fachunterrichtsräumen ausgerichtet.
    Schulküchen sind meistens nicht vorgesehen.Dabei gibt es Ideen von Architekten, die sich an den Anforderungen für inklusive Bildung auch im
    Schulbau orientiert haben.
    2. Hochschule: Vor einigen Jahren wurde in einer Universitätsstadt ein neues Lehrgebäude gebaut,
    das nicht in allen Ebenen barrierefrei war. Es war einfach nicht im Blick der Bauleute.
    Oder: Immatrikulationen von Studierenden mit Sinnesbeeinträchtigungen wurden abgelehnt, weil
    man meinte, die technische Hilfsmittel nicht bereitstellen zu können.
    3. Berufsberatung/Berufsausbildung: Trotz eines guten Abiturs erhielt eine Abiturientin mit
    Glasknochenkrankheit vom Berufsberater eine Empfehlung zu einem vermeintlich kompatiblen
    Lehrberuf (Uhrmacherin). Nicht, dass das kein ehrbarer und anspruchsvoller Beruf ist, aber eben
    etwas anderes als ein Studium zum Beispiel der Germanistik. Man traute ihr das einfach nicht zu.
    Oder: Junge Menschen, die an einer Förderschule oder an einer anderen Schule aufgrund ihres
    Förderbedarfes keinen Schulabschluss erhalten haben, werden in Werkstätten für Menschen mit
    Behinderung verwiesen, obwohl sie dort keine anerkannte Ausbildung machen können. Der Weg in
    eine vollwertige Berufsausbildung bleibt ihnen verwehrt, weil entsprechende Berufsausbildungen
    (zum Beispiel theoriegemindert) nicht zur Verfügung stehen.
    4. Umgang mit Leistungsdefiziten in begrenzten Teilbereichen: Z.B.: Lese-Rechtschreib-Schwäche. In
    den meisten Bundesländern werden derartige Benachteiligungen nur bis zu bestimmten Schuljahren
    (Hauptschulabschluss oder mittlerer Schulabschluss) anerkannt und in Bewertungen ausgeglichen.
    Nur in Bayern ist die Berücksichtigung bis zum Abitur möglich! Also haben es diese jungen Menschen
    in allen anderen Bundesländern deutlich schwerer, ein Abitur zu machen, obwohl sie dazu durchaus
    in der Lage sind.

    3. Es gibt enorme gesellschaftliche (und bildungspolitische) Vorbehalte, Defizite und Missverständnisse für die Umsetzung inklusiver Bildung

    Es gibt immer noch große Vorbehalte in der Gesellschaft: Menschen sind nun mal unterschiedlich, was stimmt. Darum brauchen sie unterschiedliche Schulen und Bildungswege. Es könne nicht jede/r das Gleiche lernen… Für manche Menschen vor allem aus den sogenannten besseren Kreisen ist es gar ein Horror, dass Hauptschüler*innen mit ihren Altersgefährt*innen vom Gymnasium in der Freizeit Kontakte pflegen. Das ist Standesdünkel in
    reinster Form. Herr von Beckedorff lässt grüßen.

    Da sind die Ängste der Eltern: Sie befürchten, wenn Kinder mit so unterschiedlichen Voraussatzungen gemeinsam lernen sollen, werden die Leistungsstarken gebremst (und natürlich das eigene Kind). Eltern von Kindern mit Behinderung oder Beeinträchtigung haben Angst, dass ihr behindertes Kind nicht genügend gefördert wird, wenn es mit Kindern ohne Beeinträchtigung lernen soll.
    Und für alles sind immer Beispiele parat, wo gemeinsames Lernen gescheitert ist.

    Da sind die Sorgen der Lehrkräfte: So an der Regelschule. Man kann nicht für jedes Kind eine besondere Vorbereitung machen, hört man oft in den Debatten. Die Sorge ist auch, wenn man sich an den Lernschwächeren orientiert, würde das Niveau der ganzen Klasse sinken. Viele meinen so viele unterschiedliche
    Behinderungsarten in einer Klasse nicht beherrschen zu können. Auch weil die Klassen zu groß seien,
    um sich jedem Kind widmen zu können. Oder in der Förderschule. Die dort arbeitenden, meistens hochmotivierten Lehrkräfte meinen, Kinder mit Benachteiligungen bekommen nicht genügend Aufmerksamkeit in der Regelschule. Dort sind die meisten Lehrkräfte für „besondere“ Kinder nicht ausreichend ausgebildet. Na und die Lehrkräfte an Gymnasien sehen Inklusion meistens gar nicht als ihre Aufgabe an und wenn doch, dann nur in wenigen ausgewählten „Fällen“.

    Und dann gibt es noch einige Missverständnisse:

    1. Inklusion wird immer noch nur aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung gedacht.
    Dass sie alle Lernenden betrifft, ist gar nicht im Bewusstsein. Soziale Benachteiligungen zum
    Beispiel bleiben bei den meisten Debatten außen vor als seien sie kein Problem inklusiver
    Bildung. Dabei ist die hohe Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft ein
    deutlicher Ausweis von Benachteiligung und Ausgrenzung.
    2. Die Heterogenität von Lerngruppen wird nicht als Chance begriffen, sondern als zusätzliche
    Last. Doch das Gegenteil ist richtig. Ich erinnere mich an ein Beispiel aus den frühen 90er
    Jahren in einem großen bayrischen Unternehmen. Dort wurde in der Berufsausbildung Wert
    darauf gelegt, dass Azubis mit unterschiedlichen Schulabschlüssen an einer gemeinsamen
    Aufgabe in der Ausbildung arbeiten. Im Team. Sie sollten die gestellte Aufgabe gemeinsam
    lösen und alle haben dabei gelernt. Sie taten es erfolgreich.
    3. Ein weiteres Missverständnis: Bei inklusiver Bildung geht es gar nicht darum, dass alle
    Dasselbe lernen und schon gar nicht zur selben Zeit und nicht unbedingt in der gleichen Zeit.
    Es geht um individuelle bestmögliche Förderung und nicht um Zielgleichheit oder von
    vornherein eingerechnete und angestrebte Zieldifferenz. Die Forderung nach Zielgleichheit
    oder Zieldifferenz folgt den vorgegebenen Normen, an die man sich anzupassen hat. Die
    Konsequenz im Denken ist dann: Wenn Kinder der „Norm“ nicht entsprechen, müssen sie auf
    eine besondere Schule gehen oder können mindestens bestimmte Abschlüsse nicht
    erreichen. Hier entsteht ein Teufelskreis.
    4. Als Unsitte würde ich bezeichnen, dass heute jede Bildungsstufe an den
    Erwartungshaltungen der nachfolgenden gemessen wird. Die Kita soll auf die Grundschule
    vorbereiten, die Grundschule auf das Gymnasium oder eine andere Regelschule. Das Gymnasium aufs Studium und die andere Regelschule auf eine Berufsausbildung. Die nachfolgende Bildungsstufe bestimmt dann immer, was von der vorhergehenden erwartet wird. Der Druck (auch Erfolgsdruck) wird nach untern verlagert.
    5. Dem entspricht das Lernen mit der Abschlussperspektive im Kopf. Das äußert sich in einem
    Zertifizierungswahn von Vergleichsarbeiten, die ein Ranking bewirken – ob man es will oder
    nicht. Auch die Debatte um das Zentralabitur ist Ausdruck dieses Denkens in festgefügten
    Normen und Abschlüsse. Bulimie-Lernen ist nur eine Folge.
    6. Ein weiterer Grund, warum Inklusion es so schwer hat: In einem gegliederten Schulsystem
    wird die Aufgabe von Inklusion vor allem der Hauptschule oder den anderen
    Regelschulformen neben dem Gymnasium aufgetragen. Dort aber kommen so ziemlich alle
    Benachteiligungsformen zusammen. Das heißt die Aufgabe ist dort doppelt schwer, weil
    Heterogenität nur eingeschränkt entstehen kann.
    7. Und schließlich sei als Missverständnis im heutigen Bildungsverständnis genannt, dass
    Bildungsprozesse zunehmend sogenannten Wirtschaftlichkeitskriterien unterworfen wird.
    Aber Bildung ist nun einmal keine Ware. Sie ist nicht in feste Zeitfenster zu pressen und darf
    auch nicht nach vermeintlichen Nützlichkeitskriterien zugeteilt werden.
    Aus diesen Missverständnissen folgen Defizite, die inklusiver Bildung im Wege stehen.
    1. In den Schulgesetzen der wenigsten Länder gibt es ein uneingeschränktes Recht auf Bildung
    in einer Regelschule. Schon der Zugang zum Gymnasium ist meistens besonderen
    Konditionen unterworfen. Entweder gleich zu Beginn oder mit einer Möglichkeit der
    Rückweisung nach einer mehr oder weniger langen Probezeit. Das Wahlrecht – wenn es denn
    überhaupt vorhanden ist – wird an materielle oder finanzielle Vorbehalte geknüpft oder gar
    an eine Wahrscheinlichkeit „besserer Förderung“.
    2. Die personellen und sächlichen Voraussetzungen für inklusive Bildung sind an vielen Schulen
    nicht gegeben. Das betrifft Lehrkräfte mit einsprechendem pädagogischem Wissen ebenso
    wie Fachkräfte für die Betreuung bei besonderen Hilfebedarfen. Wenn Begleitkräfte für das
    Lernen in kleineren Gruppen zur Verfügung stehen, sind es oft gering bezahlte Hilfskräfte, die
    im günstigsten Fall eine ein- oder zweijährige Ausbildung in einem Helferberuf haben
    (Sozialassistenz). Das Zwei-Lehrkräfte-Prinzip ist ein Luxus, den sich die Länder in der
    derzeitigen Personalsituation auch gar nicht leisten könnten.
    3. Die Lehramtsausbildung ist in den meisten Hochschulen derzeit stark entprofessionalisiert.
    Erst langsam werden Themen wie Inklusion im Kanon der Ausbildung vorgesehen. Auch
    Didaktik und Fachdidaktik sind nicht auf dem erforderlichen Niveau für eine gute
    Lehrkräfteausbildung. Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ des Bundes greift viel zu
    langsam, in manchen Dingen gar nicht. Lehrerinnen und Lehrer absolvieren nach wie vor ein
    Fachstudium (z.B. Mathe/Physik) „auf Lehramt“. Das macht deutlich, dass die Ausbildung von
    der einer eigenen Profession (wie z.B. bei Juristen, Ärzten, Architekten) noch weit entfernt
    ist.
    4. Schule ist immer noch ausgerichtet am vermeintlichen gesellschaftlichen Interesse, das vor
    allem von der Wirtschaft vorgegeben wird. Öffentlich finanzierte Bildung wird darum vor
    allem von Vermarktungsstrategien bestimmt. Die Orientierung an der Brauchbarkeit der
    Bildungsergebnisse auf dem Arbeitsmarkt steht (nicht nur in der schulischen Bildung) im
    Mittelpunkt.
    5. Darum sind zum Beispiel individualisierte Lernzeiten in den meisten Bundesländern ebenso
    wenig vorgesehen wie die Berücksichtigung der Lese-Rechtschreibschwäche für das
    Erreichen eines besseren Schulabschlusses.
    6. Die vorhandenen und in vielen Sozialgesetzbüchern festgehaltenen Unterstützungssysteme
    sind zu bürokratisch und zu eng auf den Pflichtbereich der Bildung, vor allem auf die Schule
    gerichtet. Nach der Schule gelten sie meist nicht mehr oder müssen anders und neu
    beantragt werden. Hilfe aus einer Hand ist Fehlanzeige.

    4. Wie raus aus dem Dilemma?

    Inklusive Bildung erfordert, rechtliche, materielle, finanzielle, personelle und räumliche
    Voraussetzungen. Außerdem muss das gesamte gesellschaftliche Klima inklusionsfreundlicher werden.
    Zwei Extreme gilt es zu vermeiden:

    1. Die Aussage, Inklusion sei nur möglich, wenn alle Voraussetzungen vorhanden sind, führt im
    Grunde dazu, dass derzeit überhaupt keine Anstrengungen zu Umsetzung inklusiver Bildung
    gemacht werden könnten. Bevor nicht alle Voraussetzungen geschaffen sind, brauchte man
    gar nicht anzufangen. Das ist die Logik eines Teils der Inklusionsskeptiker.
    2. Die zweite Aussage, die oft vor allem von den Befürworter*innen ins Feld geführt wird heißt:
    Inklusion fängt im Kopf an. Man muss es einfach nur machen. Oft wird dann auf den
    Inklusionsindex als Handlungsorientierung verwiesen.

    So sehr ich damit einverstanden bin, dass Inklusion im Kopf anfängt, so sehr warne ich vor
    Konsequenzen, die da heißen, Voraussetzungen seien auch nur in den Köpfen zu schaffen. Dies
    würde für die einen dazu führen, dass ihre Vorurteile gegenüber der Inklusion bestätigt werden, weil
    notwendige Unterstützung nicht gewährleistet wird. Wenn Defizite nur noch mentaler Natur sind,
    könnte das für die anderen ein Ruhekissen werden, weil materielle und personelle sowie rechtliche
    Bedingungen für inklusive Bildung gar nicht mehr geschaffen werden müssen. Das einfache
    Zusammenlegen von Gruppen Lernender im gemeinsamen Unterricht wäre dann ausreichend. Das
    aber ist eher ein Sparmodell für die Verwaltung, kein taugliches Modell für die Umsetzung inklusiver
    Bildung. Inklusive Bildung darf sich auch nicht nur auf die Menschen beziehen, die durch die
    Behindertenrechtskonvention erfasst sind. Das ergäbe auch noch nicht Inklusion, weil andere
    Ausgrenzungsmechanismen und Benachteiligungssituationen (z.B. Migration) gar nicht erfasst
    würden. Man könnte sich dann auf die Optimierung besonderer Hilfen nach festgestelltem
    Förderbedarf begrenzen. Anderes bliebe außen vor. Darum ist ein weiter Inklusionsbegriff wichtig.

    Wenn man aber von einem weiten Inklusionsbegriff ausgeht, der alle Formen der Ausgrenzung und
    Beeinträchtigung umfasst, dann darf es nicht passieren, dass die besonderen Hilfen für Menschen
    mit Behinderungen aus dem Blick geraten, weil das ihrer besonderen Situation nicht mehr gerecht
    wird. Ihre Lernbedürfnisse und Lernbedingungen verschwimmen dann vor dem „großen Ganzen“.
    Darum ist es wichtig, auf individuelle Förderung und individuelle Lernbedürfnisse für alle zu setzen.
    Das wird im Endeffekt das gesamte Bildungssystem und das pädagogische Handeln und
    bildungspolitische Agieren revolutionieren müssen.

    Welche Schritte kann man gehen?
    1. Rechtsansprüche auf inklusive Bildung sind in allen Regelschulformen gesetzlich zu sichern.
    2. Alle Unterstützungssysteme müssen aus einer Hand bereitgestellt werden. Dazu sind die
    Sozialgesetzbücher zu ändern.
    3. Unterstützungsansprüche müssen im gesamten Lebenslauf gesichert werden, nicht nur für
    die (Pflicht)Schule.
    4. Die Politik muss im Selbstverständnis ihrer Verantwortung von der Gewährung zur
    Gewährleistung kommen. Unterstützungen müssen nicht nur gewährt, sondern auch
    gewährleistet werden und zwar genau und überall dort, wo Lernen stattfindet.
    5. Wir brauchen mehr Personal und das muss besser ausgebildet werden.
    6. In Ausbildung und Argumentation muss der Nutzen von Heterogenität im Lernprozess für alle
    an ihm Beteiligten deutlicher herausgestellt werden. Die entsprechenden Studien dafür gibt
    es schon, aber es muss weiter geforscht werden,
    7. ein gutes Bildungssystem braucht Multiprofessionalität. Die dafür notwendigen Fachkräfte
    (für Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, therapeutische Betreuung…) müssen erst
    ausreichend ausgebildet werden.
    8. Politik und Gesellschaft müssen aufhören marktwirtschaftliche Rechnungen für die Bildung
    aufmachen, sondern gesamtgesellschaftliche, die den persönlichen Nutzen für die Individuen
    einschließt.
    9. Die Baurichtlinien für Schulen, Kitas, Hochschulen müssen so geändert werden, dass flexible,
    vollständig barrierefreie Raumkonzepte, wie sie von der Montag-Stiftung und dem Bund der
    Architekten empfohlen werden, förderfähig sind.
    10. Der Inklusionsindex muss zum Bestandteil aller Schulprogramme werden. Angefangen
    werden muss sofort!
    11. Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) muss unter inklusiven Gesichtspunkten novelliert werden!
    Übergangsweise sollen anerkannte Ausbildung in Werkstätten ermöglicht werden.
    12. Der Hochschulzugang muss geöffnet werden für Menschen mit Handicaps und für solche
    ohne Abitur. Die ersten Anfänge in diese Richtung reichen nicht. Hilfen müssen gewährleistet
    werden.
    13. Alle Bildungseinrichtungen brauchen auch ein barrierefreies Umfeld. Das gilt auch für den
    ÖPNV.
    14. Die Gesamte Bildungsinfrastruktur muss ausgebaut werden (von der Kita bis zu den
    Weiterbildungseinrichtungen und auch die kulturelle und außerschulische Infrastruktur),
    damit überall genügend öffentlich finanzierte und entgeltfreie Bildungseinrichtungen und
    Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

    Am 1. Januar 2019 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland zehn Jahre in Kraft und
    eigentlich geltendes Recht. Aber sie ist immer noch ein nicht überall einklagbares Recht und die
    Tragweite dieser Konvention ist in weiten Gesellschaftsbereichen noch nicht begriffen.
    Daher kommen die Vorbehalte, und die gilt es abzubauen.

    Den kompletten Beitrag inklusive Fußnoten können Sie hier als pdf runterladen.

     

  • Dr. Brigitte Schumann: Nachhaltige Entwicklung braucht hochwertige inklusive Bildung für alle

    2015 haben die Vereinten Nationen die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung mit der Agenda 2030 beschlossen. Sie haben hochwertige inklusive Bildung zum Herzstück für nachhaltige Entwicklung gemacht. Die Agenda 2030 hat 17 „Sustainable Development Goals“ – oder auch kurz SDGs – identifiziert, die wesentlich sind, um unseren Planeten zu erhalten und allen Bewohnern der Erde eine zuverlässige Lebensqualität zu sichern. Zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung gehören u.a. Armutsbekämpfung, Friedenssicherung, Klimaziele, soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit.

    Ziel 4: „Inclusive and Quality Education“

    Hochwertige inklusive Bildung ist das SDG 4. Es ist Ziel und Werkzeug zugleich für die Durchsetzung der anderen Ziele für nachhaltige Entwicklung. Mit inklusiver Bildung soll bis 2030 sichergestellt werden, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben. Die Vereinten Nationen tragen der hohen Bedeutung von inklusiver Bildung Rechnung, indem sie diese zur notwendigen Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung machen.

    2015 hat die UNESCO das Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zur Umsetzung des SDG 4 gestartet. Sie koordiniert und begleitet diesen Prozess im Rahmen der Vereinten Nationen. „Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sowie Möglichkeiten zu lebenslangem Lernen sicherstellen“, lautet das Ziel der Bildungsagenda 2030.

    Bildung für das 21. Jahrhundert

    Das Weltaktionsprogramm BNE der UNESCO hat seine inhaltlichen Wurzeln in der Agenda 21 von Rio 1992, in der Salamanca-Erklärung der UNESCO von 1994 und im Delors-Bericht von 1996 mit dem Titel „Learning: The Treasure Within“. Eine internationale Expertenkommission unter der Leitung von Jacques Delors hat darin im Auftrag der UNESCO die wichtigsten Aufgaben und Ziele von Bildung für das 21. Jahrhundert ermittelt und begründet. Vier Säulen sind demnach für Bildung konstitutiv: Lernen zu wissen, Lernen zu handeln, Lernen, miteinander zu leben und Lernen zu sein.

    Bildung für das neue Jahrhundert bedeutet, relevantes Wissen für das Verständnis der globalen gesellschaftlichen Herausforderungen zu erwerben und für diese Aufgaben handlungs- und gestaltungsfähig zu werden. Bildung zielt auf Gemeinschaftsfähigkeit, da die gesellschaftlichen und globalen Probleme nur gemeinsam gelöst werden können. Verantwortungsübernahme für sich und andere, auch in Krisen und in Zeiten großer Ungewissheit, ist wichtiges Bildungsziel. Lernen, miteinander zu leben wird als Wesenskern von Bildung für das 21. Jahrhundert herausgestellt. Der menschenrechtsbasierte Ansatz von inklusiver Bildung, den die Salamanca-Resolution in einer Schule für alle realisiert sieht, ist unverzichtbare Voraussetzung für Bildung, die sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellt.

    Gegen die starken neoliberalen gesellschaftlichen Tendenzen einer Ökonomisierung von Bildung betont der Bericht die ethische Dimension von Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung und für die gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben im Kampf gegen Armut, für die Sicherung des Friedens und den Schutz der Umwelt. Er plädiert für die Abkehr von einem Lernen, das auf Konkurrenz, Wettbewerb und Eigennutz ausgerichtet ist.

    Nur bildungspolitische Scheinlösungen

    Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der UN- Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem zu entwickeln und das Recht aller Lernenden auf inklusive Bildung zu gewährleisten.

    Auf Initiative der Bundesregierung hat Deutschland in Zusammenarbeit mit Organisationen und Vertretern der Zivilgesellschaft, der Politik, Wissenschaft und Wirtschaft 2017 einen „Nationalen Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung“ aufgestellt und verabschiedet. Auch darin klingt die Verpflichtung zu inklusiver Bildung an, allerdings ohne kritische Reflexion des derzeitigen Bildungssystems.

    Dieser doppelten Verpflichtung zu hochwertiger inklusiver Bildung aus der UN-BRK und der Bildungsagenda für nachhaltige Entwicklung kommt die Bildungspolitik jedoch nicht nach. Ein Schulsystem wie das deutsche wird nicht dadurch inklusiv, dass die sog. Inklusion von Kindern mit Behinderungen dem hoch selektiven und segregierten allgemeinen Schulsystem einfach „aufgepfropft“ wird. Die extrem ungerechte Verteilung der Bildungschancen entlang des sozioökonomischen Status der Eltern besteht nach wie vor, wie alle Studien belegen. Bildungsarmut und Bildungsprivilegien werden auch im 21. Jahrhundert noch vererbt. Angesichts einer wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Spaltung hat das bestehende Schulsystem wegen seiner scharfen sozialstrukturellen Trennung und Aufspaltung eher die Qualität eines Brandbeschleunigers.

    Die inklusive Schule als Ort der Vergemeinschaftung

    Unserer Gesellschaft mangelt es zunehmend an Zusammenhalt, Solidarität, Gemeinsinn und Wertschätzung für Demokratie. In regelmäßigen Studien ermittelt das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld das gesellschaftliche Klima gemessen an der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Die Forschung kann zeigen, dass die Tendenz, den Wert eines Menschen an seiner Nützlichkeit zu messen, in alle gesellschaftlichen Schichten eingedrungen ist, auch in die wichtige normbildende soziale Mitte. Diese Tendenz geht einher mit der Zunahme sozialer Segregation.

    Unsere Gesellschaft braucht dringend Orte der Vergemeinschaftung, wo das gleichberechtigte soziale Miteinander erlebt und eingeübt wird. Die inklusive Schule ist ein solcher Ort, da sie alle Kinder und Jugendlichen erreicht und geprägt ist von einem positiven Wir-Gefühl und Wir-Bewusstsein, das aus der Anerkennung der menschlichen Würde und der gleichberechtigten sozialen Zugehörigkeit entsteht.

    Wir brauchen deshalb ein inklusives Bildungssystem als transformatorisches Gesellschaftsprojekt. Das jetzige System ist dysfunktional für eine demokratische, menschenrechtliche und an den gesellschaftlichen Herausforderungen ausgerichtete Bildung für das 21. Jahrhundert.

    Statt falschen Schulfrieden zu machen, muss die Politik über die Notwendigkeit einer radikalen Schulstrukturreform aufklären und strukturelle und inhaltliche Transformationsschritte einschlagen. An dieser gesellschaftlichen Aufklärung sollten sich auch die Akteure für nachhaltige Entwicklung vehement beteiligen, da inklusive Bildung die Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung darstellt. Sie sollten sich keineswegs mit dem zufrieden geben, was die Politik als inklusive Bildung deklariert.