GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Allgemein

  • GEW: Kritik an Förderpolitik des Bundesprogramms „Demokratie leben!“

    In einem offenen Brief an Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fordern Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft mehr Geld für die Bekämpfung von Antisemitismus, Antifeminismus, Rassismus und Rechtsextremismus.

    In einem offenen Brief an Ministerin Giffey, den auch die GEW unterschrieben hat, fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Unterstützerinnen und Unterstützer aus der Zivilgesellschaft deutlich mehr Geld für die Bekämpfung von Antifeminismus, Sexismus, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus sowie von Angriffen auf Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung. Mit der Umstrukturierung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ ab 2020 fehlten diese Ressourcen und mit ihnen auch eine geschlechterreflektierende Perspektive auf Rechtsextremismusprävention, erklärte Dissens – Institut für Bildung und Forschung. Das Institut ist unter anderem durch die Absage von zwei Modellprojektanträgen nach eigenen Angaben selbst „sehr akut bedroht“ und kann ab 2020 kein Personal mehr finanzieren, um die Weiterentwicklung und bundesweite Implementierung von Bildungskonzepten fortzuführen.

    In dem offenen Brief heißt es: „Nach dem Anschlag von Halle muss klar sein, dass zu den Themen Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus erst recht in die Expertise der zivilgesellschaftlichen Träger, Projekte und Netzwerke investiert werden muss. Dies gilt ebenso für Träger, die zu weiteren, mit diesen Themen verbundenen Ideologien wie Antiziganismus, Islam- und Muslimfeindlichkeit oder Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit arbeiten.“ Umso unverständlicher sei es, dass nun viele Träger von Modellprojekten ihre Arbeit einstellen oder zumindest massiv einschränken müssten. „Was wir brauchen, ist eine Aufstockung der Mittel auf mindestens 200 Millionen Euro“, fordern die mehr als 400 Unterstützerinnen und Unterstützer, zu denen auch die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe gehört.

    „Ansätze der geschlechterreflektierten Pädagogik haben großes Potenzial für die Prävention von Sexismus, Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus.“

     

    Dissens veröffentlichte zudem eine eigene Stellungnahme mit dem Titel Geschlecht ist kein Gedöns! und bittet um Unterstützung. „Geschlecht muss im zentralen bildungsbezogenen Antidiskriminierungs- und Rechtsextremismuspräventionsprogramm des Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) als wichtige Kategorie explizit berücksichtigt werden“, fordert das auf Spenden und Bundesmittel angewiesene Institut. Rechte Angriffe richteten sich massiv gegen Gleichstellungspolitik, Feministinnen und Feministen sowie Selbstbestimmungsrechte von Frauen und Mädchen. Traditionelle Geschlechterbilder würden in der extremen Rechten zudem bewusst eingesetzt, um Aktivitäten rechter Aktivistinnen zu verharmlosen und als weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. „Ansätze der geschlechterreflektierten Pädagogik haben großes Potenzial für die Prävention von Sexismus, Gewalt, Diskriminierung und Rechtsextremismus“, schlussfolgert Dissens.

     

    https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/offener-brief-zur-aktuellen-foerderpolitik-des-bundesprogramms-demokratie-leben/

  • 13. März: Tagung „30 Jahre danach – Der Runde Tisch Bildung: Ideen, Realitäten, Hoffnungen“

    Die BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF lädt Sie herzlich, gemeinsam mit der Vorbereitungsgruppe „Runder Tisch Bildung“, zur Tagung „30 Jahre danach – Der Runde Tisch Bildung: Ideen, Realitäten, Hoffnungen“ am Freitag, 13. März 2020, nach Berlin in die BBF (Warschauer Straße 34, 1. OG, 10243 Berlin) ein.

    Link

    Anmeldung ist erforderlich: heinicke@dipf.de

    Programm:

  • 14. März: Ganztagsschule, aber richtig! Tagung der BAG Bildungspolitik der LINKEN

    Die BAG der LINKEN lädt zu ihrer Zukunftswerkstatt am 14.3.2020 in Stendal ein:

    Einladung 14.3.2020 Zukunftswerkstatt

    Ganztagsschule – aber richtig!
    Außerschulische Angebote und Schule: Kooperation oder Konkurrenz?

    Programm
    12.30 Spannungsfeld Schule und außerschulische Akteure – Problemaufriss
    – Perspektive Schule: Gerrit Große, langjährige bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion in Brandenburg, Stefan Wegener, Hortleiter in Wandlitz
    – Perspektive kulturelle Kinder- und Jugendbildung: Katrin Brademann, Vorsitzende der Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung Sachsen-Anhalt (lkj)

    13.20 kurze Impulse und Erfahrungen von Akteur*innen aus Schule, der kulturellen Jugendbildung, von Vereinen, der Freiwilligen Feuerwehr. Mit dabei: Dr. Christian Reineke, Geschäftsführer des Landesverband der Musikschulen Sachsen-Anhalt e.V.; Katrin Jelitte, Schulleiterin Ganztagsschule Albert-Schweizer in Aschersleben

    14.30 Offene Diskussion – Suche nach Lösungen für eine gute Zusammenarbeit von Schule und außerschulischen Angeboten

    17.00 Schlussworte und Netzwerken

     

  • „Die Demokratie steht auf dem Spiel“ – Interview der PNN mit Wilfried Schubarth

    Die Zeitung Potsdamer Neueste Nachrichten  hat Wilfried Schubarth, einen der Referent*innen auf der Tagung „Demokrat*innen fallen nicht vom Himmel“ im Dezember 2019, zum Tagungsthema Demokratiebildung interviewt. Wilfried Schubarth ist Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam und forscht dort unter anderem zu Werte- und Demokratiebildung in Schule und Gesellschaft. Der Bericht zur Tagung lässt sich hier noch einmal nachlesen.

     

     

    Herr Schubarth, ich möchte mit Ihnen über die Ursachen von Demokratiedefiziten sprechen. Der Mensch wird sicherlich nicht als Demokrat geboren?
    Nein, das ist ein Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation, dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, Elternhaus, Schule, Peer-Group, die politische Kultur und heutzutage auch die Sozialen Medien. Studien besagen, dass politische Information heutzutage stark über das Internet erfolgt, weniger über die Schulen. Da sind wir schon beim Problem.

    Und zwar?
    Dass politisches Wissen und Partizipationsbereitschaft bei den Schülern im internationalen Vergleich bei uns in Deutschland unterdurchschnittlich ist. Auch ermuntern Lehrkräfte die Schüler zu selten, ihre Meinung im Unterricht zu äußern. Dieser Eindruck hat sich in jüngster Zeit verstärkt. Das hängt sicher auch mit der Verunsicherung zusammen, die das AfD-Meldeportal an den Schulen verursacht hat.

    Was muss geschehen?
    Wir müssen mehr machen für demokratische Bildung und Aufklärung. Vor allem weil die Wahlerfolge der AfD besonders bei den Jungwählern ins Auge fallen: Es ist ein Skandal, dass dies nicht in der Schule und Politik zum Thema gemacht wurde. Wie kann es sein, dass Schüler, die zehn bis zwölf Jahre die Schule durchlaufen haben, immer anfälliger werden für rechtspopulistische Parolen? Hier muss nun genau hingeschaut werden, was in der Schule falsch läuft, was der Auftrag der Schule eigentlich ist. Wir brauchen hier ein Umdenken. Wir müssen schauen, wie wir in der Schule bei allen eine demokratische Grundhaltung erreichen können. In der Kultusministerkonferenz gab es 2018 zwei Beschlüsse, Demokratie als Ziel und Gegenstand in der Schule und die Menschenrechtsbildung als Aufgabe von Schule zu fördern. Das Problem ist also bereits erkannt.

    Aber?
    Es kommt nicht so richtig bei den Schulen an. Es muss mehr gemacht werden. Den Aufbau unsers politischen Systems abzufragen reicht nicht aus. Es ist ein Schwachpunkt, dass Demokratie häufig auf Politikvermittlung reduziert wird. Politische Bildung fristet insgesamt leider ein Schattendasein; nur zwei Prozent der Lernzeit an den Schulen wird für politische Bildung genutzt, wobei es Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt.

    Ihre Lösung?
    Der politische Bildungsauftrag sollte von den Lehrkräften in allen Fächern erkannt werden, als übergreifendes Fächerprinzip. Als Lehrkraft muss man sich als politischer Bildner verstehen – und nicht nur als Fachvermittler. Es gibt einen übergreifenden Auftrag, demokratiebildend zu wirken. Das müssen sich Lehrer und ihren Ausbilder immer wieder bewusst machen. Das geht sonst im Alltag unter.

    Wie haben Ihre Studierenden die eigene Schulzeit erlebt?
    Sie berichten, dass es an den Grundschulen vom Klassenrat bis zur Konfliktschlichtung noch einige Aspekte der Demokratiebildung gibt. Später aber spiele das kaum noch eine Rolle, dann gehe es nur noch um Noten. Es müsste aber vielmehr darum gehen, in allen Fächern demokratische Werte zu vermitteln und eben, soweit das möglich ist, Demokratie auch in der Schule zu leben. Das muss über die Entscheidung, wohin die Klassenfahrt geht, hinausgehen. Es muss auch darum gehen, wie man miteinander umgehen möchte, welche Normen und Regeln es gibt und warum Minderheiten nicht ausgegrenzt werden dürfen.

    Wie begleiten Sie die Entwicklung an der Universität?
    Zum einen bieten wir Seminare zum Umgang mit Gewalt, Mobbing und Rechtsextremismus an, zum anderen haben wir ein Forschungsprojekt zu Hate Speech, in dem wir schauen, wie Schulen damit umgehen. Beim Thema Mobbing haben wir seit Jahren in Projekten untersucht, was Lehrkräfte wahrnehmen, in welchem Maße sie wegschauen, wie sie helfen können. Das alles hat ja mit demokratischen Werten wie Achtung und Anerkennung der Menschenwürde zu tun. Ich würde das Thema an den Schulen ganz breit verteilt sehen – nicht nur auf Politikkunde beschränkt.

    Wie lässt sich selbstbestimmtes Mitwirken und demokratisches Handeln im Unterricht vermitteln?
    Es gibt ausgezeichnete Schulen, die es uns vormachen. Etwa eine Brennpunktschule in Bremerhaven, die einen Kinderrat hat, der die Probleme aufnimmt und nach Lösungen sucht. Was muss anders werden, welche Bücher wollen wir an der Schule haben, wie soll das Schulessen aussehen – daran können die Schüler mitwirken, es geht um die Einübung ganz banaler, einfacher demokratischer Prozesse: Kommunikationsregeln etwa, wie spricht man respektvoll mit anderen oder wie findet man Kompromisse. Und man kann noch mehr machen: beispielsweise politisches Handeln und Geschichtsbewusstsein fördern, Fragen zu Antisemitismus und Ausgrenzung klären oder Pro- und Kontra-Diskussionen veranstalten – es geht um praktische Tätigkeiten und soziales Lernen.

    Was macht das soziale Lernen so wichtig?
    Das hat auch eine demokratische Komponente: Dass man miteinander umgeht, Respekt einfordert und auch bei Streitfällen tolerant reagiert. Die Frage ist, wie man Streitkultur an der Schule einüben kann. Es geht darum, den demokratischen Muskel der Schüler im Unterricht zu trainieren. Beispielsweise auch mit der Dilemmata-Methode in der Werteerziehung: dabei werden Argumente für die jeweiligen Positionen gesammelt und dann die Perspektive gewechselt, um zu erkennen, welche Argumente der anderen Seite wichtig sind. Es ist offenbar verloren gegangen, dem Gegenüber zuzuhören. Dessen Argumente zählen nicht mehr, sondern nur noch die eigene Ideologie.

    Hat denn die politische Bildung an den Schulen tatsächlich nachgelassen?
    Das Fach war immer schon randständig, durch Umstrukturierungen geriet es in neue Zwänge. Ich denke auch, dass die Pisa-Ergebnisse uns hier keinen guten Dienst erwiesen haben, durch die Dominanz der Messungen in den Basisfächern Deutsch, Mathe, Englisch sind die anderen Fächer zurückgedrängt worden, auch die politische Bildung. Die müsste nun auch auf den Prüfstand, es gibt bereits den Ruf nach einem Moral-Pisa für die Schulen. Es gibt zwar Vergleichsstudien zu politischer Orientierungen und Partizipation, die werden aber nicht wahrgenommen, weil anderes – aus wirtschaftlichen oder sonstigen Interessen – wichtiger erscheint.

    Übungen zu Entscheidungsprozessen, sozialem Umgang und Respekt gibt es an den Schulen doch bereits?
    Aber der rote Faden fehlt: wie Demokratiebildung als Leitziel gefördert werden kann. Damit könnte man die Dinge besser einordnen und verstehen. Dazu braucht es ein Leitbild, eine Gesamtstrategie. Insofern ist sehr zu begrüßen, dass die neue Koalitionsregierung die politische Bildung stärken will.

    Müsste man damit nicht bereits im Studium beginnen?
    Demokratiebildung kommt in den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz nicht an erster Stelle. Es ist ähnlich wie in der Schule auch an den Unis nachrangig. Wenn die angehenden Lehrkräfte das aber nicht lernen und wertschätzen, wird es nicht weiter in die Schule hineingetragen. Da gibt es einen großen Bedarf an den Hochschulen, im Referendariat und in der Fortbildung. Vielen zukünftigen Lehrern ist gar nicht klar, dass sie auch den Auftrag haben, zu demokratischen Werten zu erziehen.

    Da kommt einiges auf die Lehramtsstudierenden zu.
    Tatsächlich ist die Lehrerbildung bereits überfrachtet. Immer wieder gibt es neue Forderungen, von Inklusion über Sprachbildung, Medienbildung bis hin zu Antisemitismus und Rassismus-Prävention. Das geht sicher nicht additiv, das ist bereits ausgereizt. In der Bologna-Struktur ist das zweite Hauptziel nach der Berufsfähigkeit die Citizenship-Education, also die staatsbürgerliche Persönlichkeit an der Hochschule zu erziehen. Das ist in der ganzen Diskussion offensichtlich weggerutscht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Studierenden immer jünger und verschiedener werden. Die Passung zwischen den individuellen Voraussetzungen und den Erwartungen der Hochschule wird schwieriger, der Integrationsbedarf steigt. Dazu gehört auch, mehr demokratische Lerngelegenheiten an Hochschulen zu schaffen. Der Präsident der Universität Potsdam setzt sich daher stark für eine demokratieaktive Universität ein. Auch eine Professur für Demokratiebildung wird eingerichtet. Gerade in der Lehrerbildung ist es aber schwer, neue Themen zu platzieren. Daher müssen wir versuchen, die Dinge miteinander zu verbinden, etwa Gewaltprävention mit Demokratiebildung und Schulentwicklung. Wir müssen die Dinge im Zusammenhang sehen.

    An welchen Punkten könnte man dabei ansetzen?

    Zur Person

    Wilfried Schubarth (64) ist Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Unter anderem ist er Experte für das Thema „Gewalt und Mobbing“ an Schulen.

    Einer unserer Studenten hat ein Programm entwickelt, eine Art wahlweises Praktikum in demokratischen Handlungsfeldern der Demokratiepädagogik. Die Studierenden machen dabei dann auch an den Schulen Angebote für die Lehrkräfte oder geben Projekttage zur Demokratiebildung. So etwas müsste in den Curricula integriert werden. Das wäre ein konkreter Vorschlag.

    Also nicht nur, wenn in Gemeinschaftskunde gerade Demokratie auf dem Lehrplan steht, sondern auch für Mathe- und Kunstlehrer?
    Für alle Lehrkräfte. Gewaltprävention und Demokratiebildung trifft sich beim Thema friedlicher, respektvoller Umgang. Das sind die gleichen Werte, die man durch sein Vorbild und das Handeln in der Klasse weitergeben muss. In einer Studie zum Thema Mobbing hatten wir herausgefunden, dass der Klassenlehrer dabei eine prädestinierte Position einnimmt, weil er die Regeln in der Klasse bestimmt und die Bezugsperson im Verhalten ist. Er muss auch als Demokrat auftreten.

    Die AfD ist eine demokratisch gewählte Partei und gibt sich auch als solche. Dass einige in der Partei vielleicht andere Ziele haben, muss man als Jungwähler erst einmal durchschauen können.
    Das sollte man beispielsweise in der Klasse offen diskutieren, auch ob man bei Wahlen Vertreter der Partei einladen soll. Uns ist erst einmal wichtig, dass die Diskussion überhaupt geführt wird. Da muss man dann an Beispielen aufzeigen, an welchen Stellen die AfD demokratische Werte und Menschenrechte verletzt. Gerade im Osten ist die Polarisierung zwischen AfD und Grünen sehr groß, damit muss man umgehen, muss zu Sachthemen ins Gespräch kommen. Eine auf Fakten basierende Meinung zu bilden, ist Aufgabe der Schule: Nicht nur Wissen abzufragen, sondern auch Urteilsfähigkeit zu erlangen, eine eigene Meinung zu vertreten. Das geht nur im Training und Meinungsstreit. Aufklärung und Wissen bleiben nach wie vor die Grundlage – und eben nicht nur die Informationen aus dem Internet.

    Kann man auf diesem Weg auch das auffangen, was die Schüler nicht von zuhause mitbringen?
    Das wäre möglich, funktioniert aber offensichtlich nicht gut. Es geht auch darum, Medienkompetenz zu entwickeln, um Informationen einordnen und nachvollziehen zu können, um sich so eine Meinung bilden zu können. Das ist heute offenbar verkürzt, wenn man nur noch über Likes zustimmt und sich nicht mehr die Mühe macht, über Nachdenken zu einer eigenen Meinung zu kommen. Gegen diese Tendenz muss Schule heute wirken. Kritische Auseinandersetzung mit Information und eigene Meinungsbildung aktiv zu fördern und soziale Kompetenzen zu trainieren ist eine Querschnittsaufgabe für alle Fächer. Die Prioritätenfrage und wie das im Studium verankert wird, müssen die zuständigen Ministerien und Institutionen klären. Das müssen wir nun dringend angehen, denn heute steht die Demokratie auf dem Spiel.

  • Leseempfehlung: Einige kritische PISA-Kommentare

     

    Der Tagesspiegel rät: Vergesst Pisa, denkt lieber an die Bildung!

    In der Süddeutschen wurde Ende des vergangenen Jahres ein Artikel veröffentlicht, der sich mit den aktuellen Pisa-Ergebnissen und den daraus zu ziehenden bildungspolitischen Konsequenzen beschäftigt. Autor Bernd Kramer fordert eine Diskussion über eine grundlegende Änderung des gegliederten Schulsystems. Wer möchte, kann den Artikel hier nachlesen!

    Und Georg Lind schreibt in seiner Mailingliste „Bildungsinfo“ folgenden Kommentar:

    Lesen – Warum PISA das Problem erzeugt, das es beklagt

    Die Medien überschlagen sich wieder einmal in Katastrophenmeldungen, weil PISA angeblich zeige, dass unsere Kinder nicht (mehr) lesen können bzw. nicht (mehr) verstehen, was sie lesen. Schon da zeigen die Medien deutliche Unsicherheiten in der Berichterstattung auf. Lesen können und das Gelesene verstehen können — das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Natürlich muss man einen Text lesen können, wenn man ihn verstehen will. Aber zum Verstehen gehört noch viel  mehr. Jeder Text setzt Vorwissen voraus: wie sind die Begriffe genau zu verstehen? Welche Fakten verbergen sich dahinter?

    Dieses Hintergrundwissen aber wird Kindern aus ärmeren Schichten, Kindern mit Lernbehinderungen und Immigranten-Kindern in unserem Bildungssystem oft verwehrt. Die Folge: Für sie sind viele Textinhalte bei PISA und anderen Tests ziemlich fremd — so fremd wie den PISA-Verantwortlichen das Wort „Lesen“ ist.

    Die kritische Auseinandersetzung in den USA mit Tests wie PISA hat schon vor Jahren auf das Paradoxon aufgezeigt, dass einerseits „Lese-Tests“ viel mehr messen, als die reine Fähigkeit zum Lesen und logischen Denken, wie uns das von der Testindustrie suggeriert wird, und dass anderseits Förderprogramme zum Lesen sich aber meist auf die Einübung reiner Lesetechnik und Hilfsfähigkeiten wie Logik beschränken. Mit anderen Worten, die Test zeigen einen Missstand an (wie die stark schichtabhängigen Testleistungen), verleiten oder zwingen die Schulen aber dazu, falsch darauf zu reagieren, indem sie Lesetechnik zu üben. Lesetechnik reicht aber überhaupt nicht aus. Wörter sind ja nicht einfach eine Ansammlung von Buchstaben, sondern Träger von Bedeutung. Welche Bedeutung die Wörter für die Leser haben, hängt von ihrem Vorwissen und der  Kommunikationsgemeinschaft ab, in der sie sich bewegen.

    Die richtige Schlussfolgerung aus den PISA-Ergebnissen wäre also, allen Kindern eine gleich gute Ausbildung zu ermöglichen, in dem alle Schulen mit gut qualifizierten Lehrern (und nicht mit Seiteneinsteigern) ausgestattet werden und alle Kinder zusammen lernen können, damit keine Kommunikationsghettos entstehen, in denen zwar Deutsch gesprochen wird, aber jeweils ein ganz anderes Deutsch. Ich erlebe das in meiner Familie, in der zwei Kinder im Gymnasium waren und eines in der Hauptschule. Das Test-Deutsch ist nicht das Deutsch von Hauptschülern. Ich kenne Bildungsexperten, die sich Test-Aufgaben angeschaut und für gut befunden haben. Sie stammen aber alle aus derselben Schicht wie die Testmacher! Sie haben kein Verständnis für die Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen. Das vertieft die Spaltung, die wir gerade erleben, und deren politischen Begleiterscheinungen.

    Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes beschließt einen Artikel über die Ergebnisse von Lesetests so:
    “ It’s a vicious cycle: in an effort to boost reading scores, schools spend ever more time on fruitless comprehension skills-and less time on subjects that would actually boost comprehension. The result? Stagnation in reading scores.“ (15.4.2018, Natalie Wexler)

    „Es ist ein Teufelskreis: durch das Bemühen die Lesetestwerte zu erhöhen, verwenden die Schulen immer mehr Zeit auf fruchtlose Verstehenstechniken — und wenig Zeit auf Gegenstände, die wirklich Verstehen fördern würden. Das Ergebnis? Stagnation bei Lesetestwerten.“

    GL

  • Termine des „Salons Bildung“ im Studienwerk der RLS für 2020

    Mit dem SALON«BILDUNG betreibt die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein öffentliches Format, das in der Tradition politischer Salons steht. Auf den Veranstaltungen diskutieren wir zu aktuellen Themen der emanzipatorischen Bildung. Wir laden Menschen ein, die etwas Spannendes zu sagen haben, und diskutieren anschließend gemeinsam ihre Positionen. In angenehmer und geselliger Atmosphäre lassen wir den Abend ausklingen.

     

    Das Veranstaltungsprogramm für 2020:

     

     

    1. März 2020, 18:30 Uhr

    Erziehung nach Auschwitz in der Migrationsgesellschaft

    Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus als Herausforderungen für die Pädagogik

    mit Katharina Rhein

     

    1. Juni 2020, 18:30 Uhr

    Der rechts-konservative Hass auf LGBTQ

    und seine Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse

    Kritische Bildungsarbeit und Pädagogik

    mit Eva Borst

     

    1. Juli 2020, 18:30 Uhr

    Training for Change

    The Ulex Project and the Ecology of Social Movements

    with Gee

     

    1. September 2020, 18:30 Uhr

    Das Theater und die Pädagogik der Unterdrückten

    Zu den Werkzeugen emanzipatorischer Bildung einer auf

    sozialer Gleichheit beruhenden Gesellschaft

    mit Harald Hahn und Marco Hahn

     

    1. Dezember 2020, 18:30 Uhr

    Was hat Inklusion in der linken Bildung mit der

    Handlungsfähigkeit gegen den Rechtsruck zu tun?  

    mit Asia Kubiakowska

     

     

    Alle Veranstaltungen finden im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin (Franz-Mehring-Platz 1) statt.

     

    Kontakt:

    Marcus.hawel@rosalux.org

    Stefan.Kalmring@rosalux.org

  • Die Schule als gesellschaftsbildende Kraft?

    Frank Olaf Radtke auf dem GGG-Kongress zum 50-jährigen Jubiläum in der Fritz-Karsen-Schule, Berlin

    GGG Vortrag 2019

  • Wie Reformen zum Unwort wurden oder – 100 jahre verpasste Chancen

    In einem sehr subjektiven Beitrag für die „Pädagogische Woche“ Reformangst der GEW Bezirk Lüneburg am 15. November in Cuxhaven habe ich versucht, an verschiedenen Stationen der Schulgeschichte seit 1919 den Zusammenhang von politischer und gesellschaftlicher Entwicklung einerseits und Schulentwicklung andererseits aufzuzeigen, d.h. ein dialektisches Verhältnis von Schulentwicklung und gesellschaftlicher Entwicklung herausarbeiten. Dazu die Illustrationen.

     

    ReformangstPpräsentation 2

  • PISA-Ergebnisse: endlich umsteuern

    Was – die Medizin hat nicht geholfen? Na, dann nehmen Sie doch einfach noch mehr davon! Eine solche Konsequenz aus einer wirkungslosen Verordnung wäre zumindest gewagt. Aber genau so verfahren die Bildungsministerin Karlicek und andere Bildungspolitikerinnen, die nun folgern: Wir brauchen mehr Standards, noch mehr Vergleichbarkeit. Naheliegender wäre es doch, die bisherige Therapie grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen.

    20 Jahre nach dem ersten PISA-Test, nach zahllosen anderen Qualitätsmessungen und -vergleichen, nach der Verordnung von Qualitätsstandards und Kompetenzrastern, nachdem zig Millionen in die Bildungsforschung dieser Art gesteckt wurden, stellt man fest: Die Schulleistungen sind nicht besser geworden. Im Gegenteil, der Graben zwischen „High-Performern“ und Schülerinnen ohne basale Fähigkeiten in den Kulturtechniken isdt größer geworden, und er verläuft mehr noch als bisher entlang der sich verfestigenden sozialen Grenzen.

    Während allerorten die Inklusion beschworen wird, also ein Schulsystem, in dem Unterschiede nicht als Hemmnis, sondern als Gewinn wahrgenommen werden sollten, wird nun ausgerechnet die zunehmende Heterogenität der Schülerinnenschaft als Ursache für den Leistungsabfall ausgemacht.

    Höchste Zeit also, sich vom PISA-Denken zu verabschieden.

    Siehe dazu den Beitrag von Klaus Bullan im „Sozialismus“https://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/eine-schande-fuer-politiker-und-das-schulsystem/

  • Bildung auf einen Blick 2019. Von Klaus Bullan

    Die alljährliche Berichterstattung der OECD[1] über die Bildung in allen Mitgliedsstaaten und weiteren Partnern wie den übrigen G 20 Ländern, OECD Beitrittsländern wie Indonesien, Indien und Saudi- Arabien bietet die Möglichkeit, den Stand der Bildung von der Kita über Grund- und weiterführende Schulen, die Hochschulen bis hin zur Weiterbildung überblicksartig für jedes Land zu erfassen und mit den übrigen Ländern oder dem Durchschnitt zu vergleichen.

    Im Verlauf er letzten Jahre ist grundsätzlich eine zunehmende Bildungsbeteiligung in allen Ländern festzustellen – dieser Trend setzt sich auch 2019 fort. Insbesondere die frühkindliche Bildung und der tertiäre Bereich (Hochschulen) erfassen immer mehr Menschen. Das gilt auch für Deutschland. Dennoch klingen die alljährlichen Erfolgsmeldungen diesmal etwas bescheidener. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek bescheinigt bei der Vorstellung des Berichts Deutschland ein »gutes Bildungssystem«, das international »ganz gut bestehen« könne. »Wir sind jetzt im Mittelfeld«, so ihr Fazit.

    Angesichts wieder massiv steigender Schüler*innen- und Studierendenzahlen, steigender Nachfrage nach Krippen- und Kitaplätzen, einem Investitionsstau in allen öffentlichen Bildungseinrichtungen und einem steigenden Bedarf an pädagogischem Personal an Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen für das vor uns liegende Jahrzehnt lässt die OECD-Studie einen Blick auf die Ausgangslage für die vor uns liegenden Probleme zu.

    Über dieses quantitative Versorgungsproblem hinaus muss das Augenmerk auch auf die gravierende soziale Schieflage in unserem Bildungssystem gerichtet werden. Deutschland reproduziert und verschärft nach wie vor in seinem Bildungswesen die soziale Spaltung in der Gesellschaft. Gerade angesichts steigender Bildungsabschlüsse für viele wird die Lage für diejenigen, die im Bildungssystem nicht erfolgreich sind, immer prekärer. Und diese Kinder und Jugendlichen kommen in Deutschland meist aus armen und sozial benachteiligten Familien.

    »In der gesamten OECD gilt ein Abschluss im Sekundarbereich II allgemein als Mindestvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt. Erwachsene aller Altersgruppen, die diesen Bildungsstand nicht erreicht haben, sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Im Durchschnitt der OECD-Länder beträgt die Beschäftigungsquote von25- bis 64-jährigen Absolventen des Tertiärbereichs 85%, von Absolventen des Sekundarbereichs II bzw. des postsekundaren, nicht tertiären Bereichs 76% und von denjenigen ohne Abschluss im Sekundarbereich II 59%.« /79/

    13% aller jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren haben in Deutschland keinen Sekundarstufen II-Abschluss. Im EU-Durchschnitt liegt dieser Wert bei 14% und im OECD-Durchschnitt bei 15%, also nur unerheblich schlechter. 2008 lag dieser Wert in Deutschland bei 16%. Das selbstgesetzte Ziel, diesen Wert bis 2015 zu halbieren, ist weit verfehlt worden.

    »Diese Quote gilt es weiter zu senken, insbesondere dadurch, dass allen Jugendlichen, gerade auch den leistungsschwächeren, eine Chance auf einen Abschluss in der beruflichen Bildung eröffnet wird. Aus diesem Grund haben Bund und Länder sich auf dem Qualifizierungsgipfel im Oktober 2008 darauf verständigt, bis 2015 den Anteil der Schul- und Ausbildungsabbrecher zu halbieren und hierfür verschiedene Maßnahmen vereinbart.« (Kultusministerkonferenz zu Bildung auf einen Blick 2009)

    Zwar liegt der Anteil der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind (NEET: Neither Employed nor in Education or Training) unter 10% (OECD Durchschnitt: 14,3%), aber von denjenigen, die keinen SEK II-Abschluss haben, gehören mehr als 40% zu dieser Gruppe. Damit liegt Deutschland nicht besser als der OECD-Durchschnitt.

    Die OECD verweist darauf, dass die Größe der NEET-Gruppe unter den jungen Menschen in Abhängigkeit von der Wirtschaftslage steigt oder fällt. Heute – nach einer zehnjährigen Aufschwungsperiode – ist der Anteil OECD-weit erst wieder auf den Stand von vor der Krise 2008 gesunken. Das lässt nichts Gutes für die kommenden Jahre erwarten.

    »Als die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 viele Länder traf, war der Anteil junger Erwachsener, die weder in Ausbildung noch beschäftigt waren, mit auf dem niedrigsten Stand, der im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erreicht wurde. 2008 waren im Durchschnitt aller OECD-Länder 15,3% der 20- bis 24-Jährigen NEETs, in den Jahren nach Ausbruch der Krise erhöhte sich ihr Anteil deutlich und erreichte in vielen Ländern 2010/2011 den Höchststand. Im Durchschnitt der OECD-Länder ist der Anteil der 20- bis 24-Jährigen, die sich weder in Ausbildung befinden noch beschäftigt sind, zwischen 2010 und 2018 um rund 4 Prozentpunkte gesunken: von 19,0 % auf 15,3%, also auf ein ähnliches Niveau wie 10 Jahre zuvor.« /69/

    Ein Teil derjenigen, die die Sekundarstufe II erfolgreich absolvieren, macht eine berufliche Ausbildung, der andere Teil nimmt ein Studium auf. Traditionell spielt die berufliche Bildung im dualen System (schulisch und betrieblich) in Deutschland eine zentrale Rolle. Damit wird häufig begründet, dass die Studierendenquote und die Zahl der Studienabschlüsse in Deutschland trotz starker Steigerungsraten weit hinter dem Durchschnitt der OECD zurückbleiben. Nur wenige Länder haben weniger Studienabschlüsse unter den bis zu 35-Jährigen als Deutschland und Deutschland holt auch nicht auf.

    Von Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und allgemeiner Bildung kann in Deutschland nicht die Rede sein. Jugendliche aus sozio-ökonomisch benachteiligten Familien machen in der Regel eine Ausbildung, wenn sie nicht ganz ohne Abschluss bleiben, Jugendliche aus Akademikerfamilien bleiben an der Universität weitgehend unter sich. Hinzu kommt, dass selbst bei dem hochgelobten dualen System in Deutschland die Gefahren von Arbeitsplatzverlust, schnell entwerteter Qualifikationen und deutlich geringerer Einkommen gegenüber Hochschulabsolvent*innen nachweisbar sind.

    »Berufliche Bildungsgänge werden jedoch in einigen Ländern als weniger attraktiv angesehen als akademische Bildungsgänge, und einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine berufliche Ausbildung das Risiko einer Erwerbslosigkeit im späteren Verlauf des Erwerbslebens erhöht.« /174/

    Obwohl die Zahl der Studienabschlüsse und der Studierenden in Deutschland weit hinter der in den meisten OECD-Staaten zurückbleibt, hat es in den letzten Jahren eine große Expansion der Studierendenzahlen an den deutschen Hochschulen gegeben. Ca. 30% eines Jahrgangs nimmt heute in Deutschland ein Studium auf. OECD-weit waren Frauen an der Expansion des Tertiärbereichs in den letzten Jahren stärker beteiligt. Auch in Deutschland studieren inzwischen mehr Frauen als Männer. Im OECD-Durchschnitt liegt die Quote der Frauen, die über einen Abschluss im tertiären Bereich verfügen, bei 51% (gegenüber 2008: 40%). Bei den Männern sind das dagegen nur 38% (gegenüber 2008: 31%). Diese Unterschiede werden in den nächsten Jahren weiter zunehmen, da die Anzahl der Studienanfänger *innen fast überall expandiert.

    Im Gegensatz dazu sind Frauen in Deutschland wie im OECD-Durchschnitt in den MINT-Fächern deutlich unterrepräsentiert. Das gilt ebenso für die Dozententätigkeit an den Hochschulen und die Häufigkeit von Promotionen. Die Gehaltsdiskriminierungen für Frauen im Anschluss an die Ausbildung bleiben in Deutschland höher als im Durchschnitt der OECD. Die soziale Schieflage an den Universitäten zeigt sich auch in den Abbrecherquoten:

    »Untersuchungen haben gezeigt, dass sich ein benachteiligter sozioökonomischer Hintergrund stark auf die Erfolgsquote im Tertiärbereich auswirkt. … Selbst bei hoch qualifizierten Bildungsteilnehmern ist die Gefahr eines Abbruchs im Falle eines sozioökonomisch benachteiligten Hintergrunds aufgrund finanzieller Einschränkungen, familiärer Probleme oder Gruppenzwang tendenziell größer …  Aber in fast allen Ländern mit verfügbaren Daten ist die Erfolgsquote innerhalb der regulären Ausbildungsdauer plus 3 Jahre bei den Bildungsteilnehmern am höchsten, bei denen mindestens ein Elternteil einen Abschluss im Tertiärbereich hat, und bei den Bildungsteilnehmern am niedrigsten, deren Eltern die Ausbildung im Sekundarbereich II nicht abgeschlossen haben.« /254/

    Mit der Expansion der Studierendenzahlen (trotz Zugangsbeschränkungen) an den Hochschulen in den letzten Jahren hat die Ausstattung – vor allem mit Personal – nicht schrittgehalten. Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, in denen die Pro-Kopf-Ausgaben pro Studierenden rückgängig waren, was an den Universitäten durch überfüllte Hörsäle, Massenabfertigungen und einem steigenden Dozenten -Studierenden Verhältnis zum Ausdruck kommt.

    »Im Ergebnis verzeichneten die OECD-Länder in diesem Zeitraum (2010-2016 KB.) im Durchschnitt eine Zunahme der Ausgaben pro Bildungsteilnehmer um 8%. Es gibt jedoch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Von den OECD- und Partnerländern mit verfügbaren Daten sanken in Australien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Litauen, Mexiko, Portugal und Spanien die Ausgaben pro Bildungsteilnehmer für Bildungseinrichtungen im Tertiärbereich. In den meisten dieser Länder ist der Rückgang größtenteils auf den schnellen Anstieg der Zahl der Bildungsteilnehmer im Tertiärbereich zurückzuführen.« /314/

    Dass es Deutschland nicht gelingt, die steigende Bildungsbeteiligung so zu finanzieren, dass die Qualität zumindest erhalten bleibt, liegt an einer im internationalen Vergleich zu geringen Bildungsfinanzierung. Dieses Problem besteht schon seit vielen Jahren. Deutschland hinkt bei den Bildungsausgaben sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich den übrigen OECD Ländern hinterher.

    Beim sogenannten Bildungsgipfel 2008 hatte die Bundesregierung sich zum Ziel gesetzt, bis 2015 den Anteil der Bildungsausgaben (ohne Forschung und Entwicklung) auf 7% des BIP zu erhöhen. Heute erreicht man gerade so 4% und liegt weiter am unteren Ende der Skala. Auch die öffentlichen Ausgaben liegen weit hinter dem Durchschnitt zurück. Untersuchungen der GEW kommen zu dem Schluss, dass 72 Mrd. Euro pro Jahr zusätzlich für Bildung zur Verfügung stünden, wenn Deutschland wie Norwegen 6,5% seines BIP für Bildung ausgeben würde. Auch bei den Investitionen im Bildungsbereich ist Deutschland nicht gut aufgestellt: 8% der Bildungsausgaben werden für Investitionen genutzt. Das entspricht dem OECD-Mittel, ist aber angesichts der insgesamt geringen Bildungsausgaben ein weiteres Schwächesignal.

    Um die maroden Gebäude an Schulen und Universitäten instand zu setzen und zu erhalten, die Expansion der Bildungsbereiche durch steigende Schüler*innen -und Studierendenzahlen, aber auch den Ansturm auf frühkindliche Bildungseinrichtungen mit einer entsprechenden Ausweitung der räumlichen und baulichen Kapazitäten zu erreichen, müssten ab sofort und auf längere Zeit jährlich viele Milliarden Euro zusätzlich investiert werden. Noch mehr muss für die Ausbildung und Einstellung von pädagogischem Personal ausgegeben werden, um den steigenden Zahlen von Bildungsteilnehmer*innen gerecht werden zu können.

    Von zusätzlichen Anstrengungen, die dringend nötig sind, um die massive soziale Schieflage in allen Bildungsbereichen zu bekämpfen und gute Bildung für alle unabhängig von ihrer sozialen Lage zu garantieren, sind wir in Deutschland 2019 meilenweit entfernt.

    Anmerkung

    [1] OECD: Bildung auf einen Blick 2019; https://www.oecd-ilibrary.org/education/bildung-auf-einen-blick-2019_ae29148c-de; dort kann auch eine pdf-Datei des Berichts heruntergeladen werden. Die Zitate sind, soweit nicht anders vermerkt, aus diesem Bericht.

     

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