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Die Sache mit der Ökonomisierung

In dem von Thomas Höhne und anderen herausgegebenen Band Öko-nomisierung von Schule? (Kamp-Hartong, S., Hermstein, B. & Höhne, T. (Hrsg.). (2018) wird hoch differenziert auseinandergelegt, welche Di-mensionen eine „Ökonomisierung“ der Bildung in struktureller, insti-tutioneller, habitueller und kollektiv-kognitiver Hinsicht hat. Durch diese Analysen wird die die kritische Aufmerksamkeit auf diese Pro-zesse und auch für die dahinterliegenden strukturellen und histori-schen, politischen Veränderungen gelenkt, denen unsere Gesellschaft gegenwärtig ausgesetzt ist. Es wird in den einzelnen Beiträgen klar, dass der Begriff einen Komplex von Prozessen bezeichnet, die ganz un-terschiedliche Bereiche von Gesellschaft betreffen, und vor allem, dass diese Prozesse subkutane Wirkungen verschiedenster Qualität – bis hin zu verordneten Wahrnehmungsweisen und normierten sprachli-chen Formen – entfaltet haben, die als solche im alltäglichen Gang der Gesellschaft und im Handeln und Reflektieren der Individuen gar nicht mehr als besondere wahrgenommen werden. Die Verschiedenheit und Unsichtbarkeit der Einflussnahme ist aber auch Anlass, darüber nachzudenken, ob der Begriff Ökonomisierung genügend analytische Reichweite besitzt, wenn er auf die Diversität der Prozesse als analyti-sches Instrument aufgelegt wird. Mit den folgenden Bemerkungen möchte ich den hier angedeuteten Zweifel etwas konkretisieren und anregen, zusätzlich zur Verwendung dieses Begriffs noch andere ana-lytische Zugriffe zu versuchen, die freilich mit der Ökonomisierungsdi-agnose gar nicht in Widerspruch geraten müssen.

Gebremste Kapitalismuskritik

In den meisten Fällen wird hinter der Kritik an der Ökonomisierung mehr oder weniger eine kapitalismuskritische Grundhaltung sichtbar oder auch explizit beansprucht, die auf die soziologischen, sozialpsy-chologischen, verhaltensdispositiven Veränderungen des Lebens der Individuen in privaten und öffentlichen Räumen abzielt und diese als Politik- und Strukturveränderungen zum Nachteil eines im Hintergrund als weiterhin gültig unterstellten Selbstbestimmungsgebots, als eine substantielle Veränderung aufklärerisch-demokratischer Lebensweise und Gesellschaftsform sowie darin mehr oder weniger realisierter per-sonaler Entwicklung oder als Verlust bzw. Vertreibung des Politischen aus der Gesellschaft beschreibt – als die Ersetzung der einen, nunmehr als obsolet betrachteten Politik durch eine andere (… die postmoderne Rede von dem, was man bzw. die Gesellschaft sich alles „nicht mehr“ leisten, was man nicht mehr denken könne etc.). Die entsprechenden Referenzen machen das Feld einer sehr komplexen – diesen Tenden-zen gegenüber überwiegend kritischen – Literatur zu diesen Themen sichtbar, das von Foucault und / oder Bourdieu bis Bröckling u.a, von Lessenich bis Althusser oder von DiMaggio bis U. Beck reicht – und diese Nennungen sind hier auch nur eine willkürliche Auswahl.2 – Noch einmal: gegen diese allesamt Erkenntnisse generierenden Referenzen soll überhaupt nichts eingewandt werden; mir scheint aber, dass – hier speziell in den Blick genommen – die Ökonomisierungskritik bei einer „weberianischen“ Positionierung („posture“) „anhält“: die Analyse wird durchgeführt, aber die Formulierung eines philosophisch-gesell-schaftspolitischen Fluchtpunkts, der die Argumente mit einer gedank-lich formulierten alternativen Gesellschaft verbinden würde, wird ver-mieden. Hier scheint das Agitationsverbot sehr weit in den wissen-schaftlichen Gestus und in die Herstellung der öffentlichen Formen von Wissenschaft hineinzuwirken. Letzteres charakterisiert nicht die Autoren, sondern die besondere öffentlich-kodifizierte Form, in der seit dem Verblassen des „Argument“-Stils3 sozialwissenschaftliche Re-flexionsresultate in die Diskussion gebracht werden, um Gehör zu fin-den – wenn es nicht gar eine Spätfolge des (darstellungs-)methodi-schen Zynismus der Systemtheorie ist, die weithin die Form der öffent-lichen Auftritte der Sozialwissenschaft geprägt hat.

Womöglich ist eine solche Positionierung („posture“) aber nicht nur ei-ner habitualisierten – auf politische Gestaltungen von Gesellschaft be-zogenen – Enthaltsamkeit (post)moderner Sozialwissenschaft zuzu-schreiben. Zu diskutieren könnte sein, ob bestimmte Konzepte – hier das Ökonomisierungsparadigma – selbst eine solche Begrenzung auf-erlegen. Deshalb soll am Ende dieses Beitrags die Frage gestellt wer-den, ob der Ökonomisierungsbefund weitergeführt werden müsste, indem er mit weiteren Kategorien der Kritik der Politischen Ökonomie, mit der Analyse der Kapitalbewegung und mit einer erneuten Durch-sicht des Verhältnisses von Bildung und Arbeit verbunden wird. Ich be-haupte hiermit nicht, dass das nicht schon geschieht; ich will diese Ori-entierung mit einer solchen Bemerkung nur stärken. Ich behaupte auch nicht, diese Weiterführung selbst schon durchgeführt zu haben.

Radikale Analysen

Wir brauchen derartige radikal durchgeführte systematische Analysen, die die inneren Mechanismen dessen zum Vorschein bringen, was in der Gesellschaft, in welchen Zusammenhängen und mit welchen Para-metern über welche Transformationen und mit welchen Zielstellungen verändert wird. Wir brauchen die Analyse des Getriebes.
Wir brauchen aber auch eine explizite Reflexion darüber, warum zum Beispiel eine Umdeutung des gesellschaftlichen Individuums und der Individuationsvorgänge in der der Gesellschaft (u.a. „Bildung“) in ein „unternehmerisches Selbst“ eine gesellschaftlich, politisch-philoso-phisch unzulässige Umdeutung darstellt (also nicht nur den Aufweis, dass umgedeutet wird) – und dazu ist es erforderlich, (historisch) noch einmal neu zu formulieren, aus welchen Gründen eine solche Umdeu-tung mithilfe solcher Analysen aufzudecken und abzulehnen ist. Wir benötigen vielleicht wieder neu eine die Zielstellungen jeweils mitdis-kutierende, wertende Philosophie, eine wertende Soziologie und Poli-tikwissenschaft – von einer solchen Erziehungswissenschaft ganz zu schweigen!
Solches Engagement fiel diesen Disziplinen nicht schwer, solange sie einverständig agieren konnten mit den politisch formulierten Zielstel-lungen demokratisch-liberaler Gesellschaften. Nun, da sich diese Ge-sellschaften über Prozesse wie den in unserem Zusammenhang beo-bachteten zu Anderem als demokratisch-liberalen Gesellschaften wan-deln, verwandelt sich auch das vormalige Einverständnis in Stummheit oder Sprachlosigkeit vor den Diskrepanzen, die sich in den neueren Transformationen erweisen. Der Humanismus in den Sozialwissen-schaften brauchte nicht betont zu werden, solange er nicht der Gesell-schaft als ganzer entzogen zu werden drohte; angesichts der manifes-ten Transformationen und der neuen Strukturierungen müssten Sozi-alwissenschaften sich darauf besinnen, was die Substanz ihres vorma-ligen Einverständnisses mit demokratischer Gesellschaft gewesen ist. Und gerade weil unter diesen Umständen die Analysekategorien poli-tisch sind, bekommt die Frage nach ihrer Pertinenz Wichtigkeit.

Immanente und/oder „exmanente“ Kritik?

Die mit dem Ökonomisierungsbegriff erstellten Analysen gegenwärti-ger gesellschaftlicher Transformationsprozesse bringen die die Funkti-onsweise dieser Prozesse sehr aufschließend zur Anschauung. Ob der Begriff „Ökonomisierung“ allerdings nicht selbst eine Schranke für die analytische Formulierung der gesellschaftlichen Brisanz des Phänomens darstellt und damit möglicherweise die Kritik in die Gren-zen desjenigen Gesellschaftsbildes einzwängt, dem Ökonomisierung gerade charakteristisch ist, wäre jedoch zu fragen; also, ob der Ökono-misierungsbegriff die Hermetik zu überwinden in der Lage ist. An-schaulich wird die Berechtigung dieser Frage, scheint mir, im Beitrag von Martin Heinrich im genannten Band, wo nach dem Versuch, eine ökonomisch immanente Kritik des Ökonomisierungsvorgangs in der Gesellschaft zu leisten, dann doch schließlich wieder zur „exmanen-ten“ Argumentation zurückgekehrt wird, indem Heinrich am Ende sei-nes Beitrags noch einmal die vorher schon zitierte Stelle aus Faulstich & Zeuner anführt: „zwischen Managementtraditionen und philoso-phisch geprägten Bildungstraditionen liegen Welten. Management spiegelt ein primär ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterliegendes, an Effizienz orientiertes Denken wieder, während Bildung auf Mündig-keit und Selbstbestimmung der Subjekte zielt.“ (Faulstich & Zeuner 2018)

Die Absicht, der Ökonomisierung mit immanenten Argumenten beizu-kommen und zu vermeiden, dass „exmanente“ Positionierungen bloß als „Standpunktdifferenz“, nicht aber als Argumente gewertet werden, die allgemein im gesellschaftlichen Raum Geltung beanspruchen kön-nen, scheint mir dann doch darauf hinauszulaufen, dass die Bemü-hung, solche immanenten Argumente gegen die Ökonomisierung zu finden, sich im Diskussionsfeld verstricken. Die vorher bekundete In-tention der Immanenz hat aber dann schon der „exmanenten“ Argu-mentationsweise die Legitimität entzogen und scheint es gar nicht mehr zu ermöglichen, „exmanente“ Argumente vorzubringen, d.h. über den Tellerrand der Immanenz zu schauen. Bleibt dann doch nur die „Standpunktdifferenz“! Tatsächlich wird dies auch im hier benann-ten Beitrag dem Autor selbst offenbar. Für mich stellt sich im Anschluss an die Beobachtung der Argumentationsweise im Beitrag von Heinrich die Frage, wie weit der Begriff der „Immanenz“ bei der Verwendung des Ökonomisierungsparadigmas reicht. Verbleibt man im Modus der funktionalen Analyse, d.h. dabei, dass andere als funktionalistische und neoliberal-ökonomische Beschreibungsweisen von Bildung im ge-genwärtigen sozialen (pädagogischen, bildungspolitischen, gesell-schaftspolitischen) Diskurs über Bildung gar nicht mehr abgegeben werden könnten oder – wenn man unter Erkenntnisgenerierung auch die soziale Dimension der Akzeptanzmöglichkeit oder -wahrscheinlich-keit mitfasst – wahrgenommen würden? Alternativen zur funktionalis-tischen Beschreibung von Bildungsprozessen hätten keinen gesell-schaftlichen Ort mehr, von dem her sie sich manifestieren oder sie ge-hört werden könnten. Es wäre also nutzlos, so die Schlussfolgerung, die man daraus zu ziehen hätte, darauf zu bestehen, dass es für Bil-dung ein anderes als das neoliberale Referenzsystem geben könne.

Auch wenn diese Grenzen der immanenten Kritik erkannt werden, scheint aber trotzdem ein Gültigkeit beanspruchender Gestus beste-hen zu bleiben, der suggeriert, dass es vergeblich sei, der gegenwärti-gen diskursiven Codierung von Bildung eine andere allgemeine Sicht-weise entgegenzusetzen. Wir hätten es so teilweise mit einer implizi-ten Unterordnung des Rahmens der Kritik unter die Prärogative der machtbeanspruchenden politischen und diskursiven Setzung zu tun. Diese mögen als kritisierenswert beschrieben werden; die Gründe für solche Kritikbedürftigkeit blieben aber im Dunkeln. Die Berechtigung, sich mit diesen Setzungen kritisch auseinanderzusetzen, scheint zwar gegeben und wird im Diskurs vorausgesetzt; ihre Explizierung aber ver-schwindet hinter einer scheinbar nur formal aufgefassten Legitimation von Kritik überhaupt und verdankt sich nicht dem Verfechten gesell-schaftspolitischer Zielsetzungen. Solche gesellschaftspolitische ‚Neut-ralität‘ führt nun aber dazu, dass der kritische Impetus von jenen, die diesbezüglich affirmativ agieren, sofort auszuhebeln ist, weil keine grundsätzliche andere Legitimation mehr sichtbar ist, Ökonomisierung gesellschaftsstrategisch und politisch im Sinne von Demokratieent-wicklung und Aufklärung zu kritisieren. Was denn die Bildung in der Gesellschaft bestimmen soll, in ganz großem Rahmen etwa der Bezug auf den aufklärerischen Humanismus (… Aufhebung aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist …), bleibt ungesagt, so als wollte man sich vor den hoch elaborierten Neoliberalen nicht (als „Gestrige“) blamieren – vor Gesellschaftsauffassungen also, die eben jene Kontroversen über die allgemeinen Zielstellungen von Ge-sellschaft überhaupt erfolgreich aus der wissenschaftlichen Diskussion vertrieben haben, so dass die Alternativen gar nicht mehr sichtbar sind („Ende der großen Erzählungen“). Dergestalt in der Immanenz zu ver-bleiben, muss aber dazu führen, dass man sich in der Kritik am Ökono-misierungsphänomen selbst ins Stolpern bringt.

Ausweitung der Denkzone

Möglicherweise muss man der Ökonomisierungskritik weitere Dimen-sionen hinzufügen, die eine solche Begrenzung ihrer Reichweite auf-heben könnten. Um es mit den Worten des Zitats von Faulstich & Zeu-ner noch einmal zu unterstreichen: die Berechtigung der „Welt(en)“, die da die Differenz ausmachen, ist selbst zu thematisieren. Dies führt zu dem Schluss, dass die von Heinrich sogenannten „paradigmatisch-normativen Differenzen“ („Bildung auf Mündigkeit und Selbstbestim-mung der Subjekte“ orientiert, ref. Faulstich & Zeuner) wieder aner-kannt werden müssen, auf die Explikation dieser Differenz der „Wel-ten“ eben nicht verzichtet werden kann. Das erfordert aber, nicht nur die geprägten Bildungstraditionen“, die ‚paradigmatische Normativität‘ (ref. Heinrich) als ebenso gültige wieder zu solchen zu machen, die le-gitimierweise gesellschaftliche Handlungs- und Diskursräume bean-spruchen können.

Wenn man diesen Gedanken fasst, dann wird offensichtlich, dass die „Kommodifizierung“ der Gesellschaft durch das Kapital sehr viel tiefer greift als nur bis zur Umdefinition von Institutionen. Es wird nämlich plötzlich klar, dass im Zuge der Kritik am humanistisch-aufklärerischen, sozial ausgleichenden und sozialstaatlichen Politik- und Gesellschafts-begriff der gesamten Gesellschaft und ihren Institutionen eine Reihe von Legitimationen für politisch-institutionelles Handelns praktisch und diskursiv entzogen worden sind. Der Gesellschaft ist ihre Sprache, ihre Praxis aus strategischen Gründen zum Verschwinden gebracht worden. In der Tradition der kritisch-politökonomischen Analyse jener Gesellschaft, die dem totalisierten und totalisierenden Kapitalverhält-nis unterliegt, hat dieser Vorgang einen Namen: Fetischisierung.

Strategien des Kapitals

Damit wären die bezeichneten Prozesse als Strategien des Kapitals zu interpretieren, nämlich als Abicht, seine soziale Infrastruktur selbst zu organisieren, d. h. jenen Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion, dessen Organisation und Kosten das Kapital bisher mehr oder weniger auf den Staat, d.h. das Gemeinwesen abgewälzt hatte, nunmehr unter seine Ägide zu nehmen. Unter „Strategien“ sollen hier Organisations-formen und Institutionalisierungen verstanden werden, die von den – den Menschen und ihrem sozialen Handeln entzogenen – Verhältnis-sen ausgehen, auch wenn sie teilweise als intentionale Strategien er-kannt werden, nichtsdestoweniger als objektive funktionale Verfah-ren, als gesellschaftliche (im Durkheimschen Sinne: gleichsam „sui ge-neris“) Prozesse aufgefasst werden müssen.
Inwieweit dabei die weltweit ungeheure Verschiebung in den Kapitals-orten hin zur internationalen politischen Dominanz des zinstragenden Kapitals („Finanzkapital“ – „Globalisierung“) und die darin noch einmal potenzierte Mystifizierung eines sich selbst hervorbringenden Kapitals (Geldes), in der der Verwertungsprozess ausgelöscht erscheint, die ideologische Verblendung ungeheuer anfeuert, in der alles Gesell-schaftliche der Geldlogik unterworfen werden zu können scheint und überall nur Märkte oder Quasi-Märkte bestünden, bleibt zu diskutie-ren. Wenn allerdings eine solche erweiterte politisch dimensionierte Analyse erfolgt, dann stellen sich für mich eine Reihe von Anschluss-fragen.

1. Welche Prozesse liegen hinter den als multipel diagnostizierten Ökonomisierungsvorgängen? Denn in einer politischen Be-trachtungsweise scheint sich zu offenbaren, dass „Ökonomisie-rung“ ein „intermediärer“, heuristischer Begriff ist, wenngleich es mit seiner Hilfe bereits zu differenzierten analytischen Er-gebnissen kommen kann.
2. Handelt es sich bei der Ökonomisierung, sofern sie direkt Profit anstrebt für eingesetztes Kapital, um Erschließung von neuen Profitfeldern – und welche Natur hat dieser Profit (dazu siehe unten)? Wie lässt sich die systematische Differenz bestimmen, die mit der Unterscheidung zwischen „Märkten“ und „Quasi-Märkten“ gemeint ist und ist das eine Unterscheidung, die über eine im engeren Sinne ökonomietheoretische Bestimmung hin-aus die in den Blick genommenen gesellschaftlichen Transfor-mationen zu erklären vermag? (Oder ist diese Unterscheidung nur eine ökonomietheoretische Reminiszenz innerhalb einer diskurshegemonialen Ideologiepolitik?)
3. Handelt es sich bei der Ökonomisierung, sofern sie auf kollek-tive oder gesellschaftlich-individuelle Dispositionen abzielt, um (mehr oder weniger direkte) Einflussnahme auf die Produkti-onskosten der Ware Arbeitskraft (im Sinne von gesellschaftli-cher Gesamtarbeitskraft – wie z.B. bei der „Bologna“-Transfor-mation der deutschen Universitäten; G 12 etc.), bzw. Einfluss-nahme auf ihre Fähigkeit und Willigkeit, sich den (selbst wieder unter Einfluss des Kapitals kürzlich massiv transformierten) Re-geln der Lohnarbeit zu unterwerfen (Flexibilisierung, Precari-sierung etc.)? Wird über habituelle Dispositionen bis hin zur kollektiven Implementierung von Gesellschafts- und Weltbil-dern qua Bildung und Sozialisation Einfluss auf die „Reibungs-verluste“ bei der Herstellung von je bestimmt qualifizierter bzw. dequalifizierter Arbeitskraft genommen? (Das geht über Habitualisierung mithilfe digitaler Anwendungen, Formatie-rungen von Sozialformen sowie kommunikativer Gewohnhei-ten, Implementierung von Weltbildern und Verhaltensdisposi-tionen bis hin zu Verbilligung von „Bereitstellungskosten“ der Arbeitskraft, von Lebensmitteln, etc. – heutzutage billiges Fleisch; vormals Sägemehl im Brot.)
4. Muss in Bezug auf die Ökonomisierung der Reproduktion des individuellen und gesellschaftlichen Lebens einschließlich der generationellen Reproduktion differenziert werden zwischen den im strengen Sinn in der Summe des Gesamtkapitals mehr-wertproduktiven Kapitaleinsätzen einerseits und den Profitme-chanismen der Einzelkapitale andererseits, die als solche Ein-zelkapitale Profit erwirtschaften aus Kapitaleinsätzen in Berei-chen, die im Sinne des Gesamtkapitals – als Kapitaleinsatz im Reproduktionsbereich – nicht „produktiv“ sind? Ist diese Un-terscheidung gegebenenfalls eine Erklärung dafür, dass Kapi-taleinsatz in dergestalt unproduktiven Bereichen auf jeden Fall immer mit staatlicher Alimentierung von Kapitaleinsatz und mehr oder weniger gesellschaftlicher, wenn auch nicht demo-kratischer Regulation einhergeht (Th. Höhne: „… kein aus-schließlich privates Bildungssystem …“)? Profiterwirtschaftung in „unproduktiven“ Bereichen, die die „Bereitstellungsareale“ der Arbeitskraft sichern, wären also niemals „rein“ kapitalis-tisch organisiert, sondern zöge trotz der Profitmechanismen allgemeinen gesellschaftlichen Reichtum ab (Umverteilung über Steuern; Kostenabwälzung auf den Staat von Funktions-kosten, Personalkosten in Privatschulen etc.)?
5. Sind die diskursive Etablierung von „Quasi-Ökonomien“ durch Instrumentendefinitionen (Evaluation; Tests; „output“; Quali-tätskontrollen etc. – damit institutionelle und ideologische For-matierung gesellschaftlicher Lebensbereiche über das direkte Lohnarbeitsverhältnis hinaus) und die dazugehörigen „Quasi-Institutionen“ (z.B. Qualitätsinstitute: z.B. „IQB“) ein notwendi-ges symbolisches Begleitkonzert zur Sicherung der „funktiona-len Bereitstellungsareale“ profitkonformer Gesamtarbeits-kraft?
6. Voraussetzung für die Übernahme von Reproduktionsberei-chen durch das Kapital ist möglicherweise seine massenweise Akkumulation und dadurch die große Anzahl von freien Kapita-lien, die auf der Suche nach Profitquellen sind. Ist das Eindrin-gen von Kapital und dessen Funktionslogiken in den (vormals) öffentlichen Bereich ein Zeichen von „Überakkumulation“, die jeweils Einzelkapitale zur aggressiven Zerstörung von öffentli-chen Bereichen von Gesellschaften treibt (wobei die Problema-tik des Verhältnisses von Einzelkapital im unproduktiven Be-reich zum weltweit gesellschaftlichen Gesamtkapital bestehen bleibt)?

Wenn auf diese (oder eine andere) Weise analytische Perspektiven auf den Zusammenhang von Ökonomisierung, Arbeit und Kapitalpolitik geworfen werden – welche Differenzen sind im Sinne eines Verständ-nisses von „Bildung [als] auf Mündigkeit und Selbstbestimmung der Subjekte“ gerichtetes gesellschaftliches Handeln zu formulieren? Wie vermeidet man einen linken bildungstheoretischen Ökonomismus, wenn es darum geht, die kapitalförmige Umgestaltung aller gesell-schaftlichen Lebensbereiche radikal zu kritisieren? Was muss als der „Kritik der Politischen Ökonomie“ systematisch gleichberechtigtes Re-flexionsareal neben diese gestellt werden. Taugt der allgemeine Be-griff der Arbeit zu einer solchen Ausweitung des Reflexionsareals?

Referenzen:
Kamp-Hartong, S., Hermstein, B. & Höhne, T. (Hrsg.). (2018). Ökonomisierung von Schule? Bildungsreformen in nationaler und internationaler Perspektive (Neue Politische Ökonomie der Bildung, 1. Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.
Heinrich, M. (2018). Ökonomisierung der Schule durch evidenzbasierte Schulentwick-lung? Analysen zur Schulinspektion im Rahmen des Effizienzversprechens „Neuer Steu-erung“. In S. Kamp-Hartong, B. Hermstein & T. Höhne (Hrsg.), Ökonomisierung von Schule? Bildungsreformen in nationaler und internationaler Perspektive (Neue Politische Ökonomie der Bildung, 1. Auflage, S. 173–191). Weinheim: Beltz Juventa.

 

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