Der Tagesspiegel rät: Vergesst Pisa, denkt lieber an die Bildung!

In der Süddeutschen wurde Ende des vergangenen Jahres ein Artikel veröffentlicht, der sich mit den aktuellen Pisa-Ergebnissen und den daraus zu ziehenden bildungspolitischen Konsequenzen beschäftigt. Autor Bernd Kramer fordert eine Diskussion über eine grundlegende Änderung des gegliederten Schulsystems. Wer möchte, kann den Artikel hier nachlesen!

Und Georg Lind schreibt in seiner Mailingliste „Bildungsinfo“ folgenden Kommentar:

Lesen – Warum PISA das Problem erzeugt, das es beklagt

Die Medien überschlagen sich wieder einmal in Katastrophenmeldungen, weil PISA angeblich zeige, dass unsere Kinder nicht (mehr) lesen können bzw. nicht (mehr) verstehen, was sie lesen. Schon da zeigen die Medien deutliche Unsicherheiten in der Berichterstattung auf. Lesen können und das Gelesene verstehen können — das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Natürlich muss man einen Text lesen können, wenn man ihn verstehen will. Aber zum Verstehen gehört noch viel  mehr. Jeder Text setzt Vorwissen voraus: wie sind die Begriffe genau zu verstehen? Welche Fakten verbergen sich dahinter?

Dieses Hintergrundwissen aber wird Kindern aus ärmeren Schichten, Kindern mit Lernbehinderungen und Immigranten-Kindern in unserem Bildungssystem oft verwehrt. Die Folge: Für sie sind viele Textinhalte bei PISA und anderen Tests ziemlich fremd — so fremd wie den PISA-Verantwortlichen das Wort „Lesen“ ist.

Die kritische Auseinandersetzung in den USA mit Tests wie PISA hat schon vor Jahren auf das Paradoxon aufgezeigt, dass einerseits „Lese-Tests“ viel mehr messen, als die reine Fähigkeit zum Lesen und logischen Denken, wie uns das von der Testindustrie suggeriert wird, und dass anderseits Förderprogramme zum Lesen sich aber meist auf die Einübung reiner Lesetechnik und Hilfsfähigkeiten wie Logik beschränken. Mit anderen Worten, die Test zeigen einen Missstand an (wie die stark schichtabhängigen Testleistungen), verleiten oder zwingen die Schulen aber dazu, falsch darauf zu reagieren, indem sie Lesetechnik zu üben. Lesetechnik reicht aber überhaupt nicht aus. Wörter sind ja nicht einfach eine Ansammlung von Buchstaben, sondern Träger von Bedeutung. Welche Bedeutung die Wörter für die Leser haben, hängt von ihrem Vorwissen und der  Kommunikationsgemeinschaft ab, in der sie sich bewegen.

Die richtige Schlussfolgerung aus den PISA-Ergebnissen wäre also, allen Kindern eine gleich gute Ausbildung zu ermöglichen, in dem alle Schulen mit gut qualifizierten Lehrern (und nicht mit Seiteneinsteigern) ausgestattet werden und alle Kinder zusammen lernen können, damit keine Kommunikationsghettos entstehen, in denen zwar Deutsch gesprochen wird, aber jeweils ein ganz anderes Deutsch. Ich erlebe das in meiner Familie, in der zwei Kinder im Gymnasium waren und eines in der Hauptschule. Das Test-Deutsch ist nicht das Deutsch von Hauptschülern. Ich kenne Bildungsexperten, die sich Test-Aufgaben angeschaut und für gut befunden haben. Sie stammen aber alle aus derselben Schicht wie die Testmacher! Sie haben kein Verständnis für die Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen. Das vertieft die Spaltung, die wir gerade erleben, und deren politischen Begleiterscheinungen.

Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes beschließt einen Artikel über die Ergebnisse von Lesetests so:
“ It’s a vicious cycle: in an effort to boost reading scores, schools spend ever more time on fruitless comprehension skills-and less time on subjects that would actually boost comprehension. The result? Stagnation in reading scores.“ (15.4.2018, Natalie Wexler)

„Es ist ein Teufelskreis: durch das Bemühen die Lesetestwerte zu erhöhen, verwenden die Schulen immer mehr Zeit auf fruchtlose Verstehenstechniken — und wenig Zeit auf Gegenstände, die wirklich Verstehen fördern würden. Das Ergebnis? Stagnation bei Lesetestwerten.“

GL

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