GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Bildungsverständnis(se)

  • Meine Vorstellung von Bildung. Von Gudrun Küppershaus

    Ich wünsche mir ein Bildungssystem in dem alle Menschen zu jeder Lebenszeit bei Bedarf lernen können. Am Beispiel von Schuldbildung möchte ich mein Konzept erklären. Das Grundkonzept gilt jedoch auch für das Lernen von Erwachsenen.

    Ich wünsche mir eine Schule, in der alle Kinder individuell gefördert werden. Hierzu sollten individuelle Lernprogramme für jedes Kind nach Tests und Beobachtung ausgearbeitet werden. Ein Teil der Walldorf-Pädagogik könnte da hilfreich sein mit Lernmaterialien, die interessen- und leistungsorientiert konstruiert sind und in denen die Lernüberprüfung integriert ist. Lehrer sind dort vor allem auch Lernberater für selbstständiges Lernen.

    Individuelles Lernen sollte auch wesentlich mit Hilfe passgerechter digitaler freier Medien erfolgen, die alternativ langsames oder schnelles Fortschreiten ermöglichen. Jedes Kind muss auf seine Arbeit in seinem Tempo lernen. Lernprogramme können dem Kind sofort Rückmeldung über seinen Lernerfolg geben. Das ist sehr wirkungsvoll in Bereichen, in denen Lernprozesse sich einschleifen müssen, wie z. B. bei Rechenvorgängen oder beim Lesen und bei der Rechtschreibung, bei der Grammatik in deutscher Sprache und in Fremdsprachen.

    Verständnis- und Sinnfragen müssen mit Menschen geklärt werden. Das können Lehrer, Tutoren, Mitschüler, Erwachsene mit besonderen Kenntnissen, Fähigkeiten aus allen möglichen Bereichen vor allem auch praktischen Bereichen sein. Das sollten Menschen sein, die Freude an ihren Tätigkeiten haben und bei allen Kindern somit auch eine langfristige Motivation an eigener Weiterbildung aufbauen. Kein Schüler sollte sich als Versager fühlen, wie es heute noch unzählige Kinder und Jugendliche tun, besonders die, die später keinen Schulabschluss erhalten oder ihre Lehre nicht mit Erfolg abschließen können. Die Reggio-Pädagogik sagt, es braucht ein Dorf um Kinder zu bilden.
    Hierzu sind auch die Standards von Abschlussprüfungen zu hinterfragen und zu überarbeiten. Ein Schul- und Lehrsystem, dass Kindern und Jugendlichen mit Teilschwächen, die entweder vom Schulsystem nicht ausgeglichen wurden oder von einigen Schülern aufgrund individueller Lernhemmungen gar nicht erreicht werden können, ist zutiefst ungerecht, für Kinder und Jugendliche verheerend und für die Gesellschaft sehr teuer. Menschen, denen ganze Abschlüsse wegen Teilschwächen versagt werden, belasten die Gemeinschaft, die Wirtschaft und den sozialen Frieden.

    Vor allem die Theorielastigkeit des jetzigen Schulsystems ist für alle Schüler ein großes Problem. Wenn sie keine konkreten Anwendungsbereiche für Theorie kennlernen, erschließt sich den Schülern nicht der Sinne ihres Tuns, was für ihre generelle Leistungsmotivation verheerend ist. Das jetzige Schulsystem ist ausgesprochen ineffektiv. Gute Schüler langweilen sich, „schwache“ Schüler verlernen ganz die Lust am Lernen und fast alle Schüler erleben damit keinen Sinn in ihrem täglichen Tun und einer sinnvollen Perspektive für die Zukunft. So kann eine Gesellschaft erodieren. Mangelndes Vertrauen in das Gesellschaftssystem und möglicherweise in die Gesellschaft als Ganzes ist die Folge. Vieles davon erleben wir zurzeit.

    Die Organisation individuellen Lernens würde den Unterschied machen. Hierzu ist das jetzige Schulsystem zu überdenken. In Grundschulen gibt es schon z. T. ein Konzept, das in die richtige Richtung geht, wenn Kinder jahrgangsübergreifend unterrichtet werden und ältere Kinder jüngeren helfen. Es gibt aber noch viele ehrenamtliche Kräfte in unserer Gesellschaft, die neben professionellen Fachkräften aufgrund ihrer besonderen Erfahrung oder Ausbildung individuell fördern können und in den Schulbetriebe integriert werden sollten. Für ein solches Schulsystem benötigen wir eine großzügigere räumliche Ausstattung, mit vielen individuellen Lernräumen für Kleingruppenarbeit und individuelles Lernen, für digitales Lernen und besonders auch Arbeitsplätze für praktisches Lernen, experimentelle, künstlerische und handwerkliche Tätigkeiten. Um ein solches Lernen neu entwickeln zu können, sollten Schulversuche möglich werden mit nach Alternativen suchenden hochmotivierten Lehrern und Eltern, die bereit sind, solche Konzepte mitzutragen.

  • Was ist Bildung? Von Jürgen Helmchen

    Jürgen Helmchen: Was ist Bildung?

    Bildung als Prozess ist die Bereitstellung und der Erwerb der Mittel zum Gebrauch des Verstandes in Bezug auf die Gesellschaft und sich selbst. Für Bereitstellung und Erwerb und ihre Formen gibt es keine Begrenzung. Sie richten sich nach den Grundsätzen der Menschlichkeit und lassen diese im Rahmen der Geschichte der Menschheit erfahren. Sie ist Herausbildung und Förderung der Urteilskraft.

    Bildung als Zustand ist Teilhabe an der gesellschaftlichen Vernunft und an ihren Ausdrucksformen in Politik, Kultur, Arbeit und Naturverwendung und den Umständen des eigenen Lebens. Im Gebrauch des Verstandes geschieht ihre tätige Weiterentwicklung im Verein mit anderen.

    Prozess und Zustand nicht voneinander zu trennen ist grundlegendes Element der Bildung.

    Ich weiß nicht, wo diese Diskussion über „Bildung“ bei Euch zu finden ist; aber auf Deinen Text, Karl-Heinz, wollte ich reagieren – auch wenn das zur Zielerreichung der Diskussion in den Augen vieler womöglich nicht viel beiträgt.

    Erst wenn eine Verständigung über diese Art von Allgemeinheit erfolgt ist, lassen sich nähere Bestimmungen machen: das Verhältnis von „instrumenteller“ zu „nicht“ instrumenteller Bildung (was ja von Zeit zu Zeit wechselt), von Spezialisierung und allgemeiner Bildung (was ohnehin kein Gegensatz ist), von Bildung im Hinblick auf Zuschreibung besonderer Aufgaben und soziale Besonderheiten (so diese allgemein bestimmbar sind) etc.

    Ich weiß nicht, ob es uns in der Debatte darüber, wie wir zur Behebung der gesellschaftlichen Schäden gelangen, die sich allerorten zeigen und die uns jetzt massiv durch die Omnipräsenz der Gesellschaftsfeinde (Corona-Maßnahmen-Gegner) bzw. ihrer Profiteure mittlerweile unübersehbar vor Augen geführt werden, hilft, wenn Gesellschaft jetzt „Anthropozän“ heißen soll. Das rückt Gesellschaft eher aus dem Blick und v.a. naturalisiert es das Historische der Gesellschaft. Sagt man „Anthropozän“, dann könnte das Missverständnis aufkommen, wir lebten halt in einer der Epochen der Gaia. Von uns bleibt ohnehin nicht viel übrig – in Millionen von Jahren. Vor Greffrath habe ich großen Respekt; aber wenn sich Philosophen (auch Alex, auch Adorno) als Bildungstheoretiker verkleiden, geht meistens etwas schief. Bildungstheorie braucht eigenes Personal, bzw. müssen sich die, die zur Bildungstheorie etwas beitragen wollen, sich intensiv mit der vielschichtigen Dialektik der Bildung beschäftigt haben. Greffrath kann gut Marx, Alex auch … Das Entsetzen über die Verfassung der mit Gesellschaft befassten Wissenschaften kann man verstehen. Man wird noch um einige Grade entsetzter sein müssen, wenn man den Zustand der mit Bildung befassten Wissenschaften anschaut.

    Weil in diesen Wissenschaften, in ihrem Hineinwirken in die Gestaltungsformen von Gesellschaft über Qualifikation von Menschen und weil in den Vollzugsbereichen der Gesellschaft (was gemeinhin „Praxis“ genannt wird) allgemeine Vorstellungen von Bildung nicht mehr vorhanden sind, auch Institutionen sie nicht mehr verkörpern, weil entweder in diskriminierender Weise (im doppelten Sinn) über Bildung gesprochen oder sie schlichtweg als überholt bezeichnet wird, benötigen wir eine neue Praxis der Bildungstheorie. Man muss schon bereit sein, etwas weiter in die Geschichte der Gesellschaften zurückzugehen, um sich Bildungstheorie – für eine Praxis – wieder anzueignen.

  • Welche Bildung brauchen wir im Anthropozän? Von Maria Frank

    Für mich ist das klar, wir müssen die Welt retten. Wenn wir den Kindern und Jugendlichen nicht vermitteln, worum es geht (die meisten wissen es schon), können wir alle einpacken. Der Mensch hat sich in einer Weise der Natur bemächtigt, hat Jahrzehnte lang trotz seines Wissens auf Umkehr gepfiffen, dass ihm jetzt alles auf die Füße fällt. Die Forderung, die F4F an die Politik stellt, ist einzig richtig. In vorauseilendem Gehorsam wurden Fehler gemacht, die schon einem Teil der Wirtschaft unverständlich werden.

    Die Jugend muss unterstützt werden. Die Schulen spielen eine wichtige Rolle. Die SuS sind wichtige Multiplikatoren. Die Abschaffung der penetranten Lehrpläne, der Kompetenzorientierung, der disziplinierenden Mittel (Zahlenzeugnisse, Nichtversetzungen, Haus- und Strafaufgaben, das „Abschulen“) und des Halbtags muss Vorrang haben. EINE SCHULE FÜR ALLE ist eine der logischen Folgen. Mit der nötigen personellen Unterstützung ein Schritt zu Mündigkeit, Subjektwerdung und Emanzipation. Die Definition des Bildungsbegriffs hat Gernod geliefert. Die Begriffe, die gern und schnell als Schlagworte umher irren, hat er mit Inhalt gefüllt. Mündigkeit, Emanzipation, Subjektwerdung. Sowohl als Individuum, wie auch im Kollektiv.

    Die Schule heute steht aber als Macht- und Vergabeinstrument da. Ein Gegensatz zu unseren Wünschen. Verweigerung und Widerspruch stoßen sofort an Grenzen, die in der Eskalation den Bildungserfolg verhindern. Wird der andere, von mir gewünschte Weg durchgesetzt, entsteht zunächst Chaos, weil die Rahmenbedingungen ganz andere geworden sind. Ein fließender Übergang wird (fast) nicht möglich sein. Die Veränderung muss abrupt erfolgen. Plötzlich eine Schule ohne Angst, ohne Druck, ohne Sanktionen. In der Freien Schule TL werden die einzelnen neuen SuS von MitSuS, Mentor*in, Lernbegleiter*in aufgefangen. Meine eigenen Erlebnisse als Lernbegleiterin waren: die neuen SuS wurden sofort ruhiger, bauten schnell ein symmetrisches Verhältnis zu Erwachsenen auf, begannen sich zu orientieren. Integrierten sich in Gruppen.

    Fast als befreiend könnte ich meine Erfahrungen dort bezeichnen. Ich hatte nicht nur unter meiner Schulzeit schwer gelitten. Bestraft wurde ich obendrein durch die Ignoranz der Leistungen, die ich ohne institutionelle Bindung vollbrachte. Auch später in der Referendarzeit, wo das meiste Gelehrte vor allem in der Praxis mir quer ging und sauer aufstieß. Am ärgsten war, dass, wenn ich auf Geheiß der Freunde das Erwünschte vorlegte, ich automatisch gelobt wurde. Anpassung war das oberste Lernziel. Wenn mir das nicht gelang, fehlte es mir an allen wichtigen Tugenden, die in unserem Wirtschaftssystem von Bedeutung waren und sind.
    Die befreite, neue Schule müssen wir uns angucken oder vorstellen, passend konzipieren, fordern und umsetzen. Wir haben Beispiele, daran fehlt es nicht.

    Konkret:
    – Wie stellen wir uns den institutionellen Rahmen vor? Wieviel und welche Schulgebäude braucht die Gesellschaft? Wieviel Schulpflicht? Wie organisiert?
    – Welches Material benötigen wir? Standards und Extras?
    – Welche Methoden stehen uns zur Verfügung? Wie werden sie eingesetzt?
    – Wichtig: Wie ändern wir sofort im bestehenden System, dass nicht immer wieder dieselben Kinder und Jugendlichen rausfallen?

  • Bildung – Annäherung an einen Begriff und was er für Schule bedeuten muss. Von Martina Zilla-Seifert

    Der Begriff Bildung ist zurzeit in der Debatte, weil vielfach unscharf benutzt und insofern bedarf er einer dringenden Klärung. Dass eine Ausschärfung und Klärung des Begriffes im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs nicht angestrebt und vielfach nicht zu beobachten ist, liegt m.E. daran, dass mit der Klärung des Begriffes das real existierende Schulsystem mit seiner Kompetenzorientierung in voneinander getrennten Fächern, das auf Messen und Vergleichen in Form von Ziffernnoten und in Gebäuden, die baugleich mit Psychiatrien und Gefängnissen organisiert ist, sofort auf den Prüfstand gestellt werden müsste.
    Wird der Begriff Bildung verwendet, verbirgt sich hinter ihm vielfach eine diffuse Vorstellung von Lernen, Wissen, Anwenden. Diese Begriffe gehen in der Diskussion immer wieder munter durcheinander.

    Bildung ist dagegen so zu definieren, dass abzuleiten ist, wie sich die Institutionen, die einen Bildungsauftrag haben, organisieren müssen und welche inhaltlichen Schwerpunkte in diesem Kontext zu legen sind. Ich verweise hier noch einmal ausdrücklich auf das von Rosie vielfach eingebrachte Zitat (Inge von Wangenheim „Genosse Jemand und die Klassik“). Alle Schulgesetze benennen die individuelle Förderung als oberstes Ziel und Schulen, die Kinder hinter „individualisierte“ Arbeitsblätter auf 3 ! verschiedenen Niveaustufen „tackern“, gelten als fortschrittlich. Dass Lernen nur in Kooperation erfolgen und nur dann überhaupt Bildungsreichtum entstehen kann, wird einfach nicht verstanden.

    Wenn ich meine eigene Bildungsbiographie betrachte, begann sie im Alter von 24 Jahren. Ich war mitten im Studium und bekam mein erstes Kind. Bis zu diesem Zeitpunkt waren viele Dinge, die ich lernte, abstrakt, ohne Bezug zum Leben, von Angst des Versagens geprägt. Ich ging nie gerne zur Schule – sie hatte nichts mit mir zu tun – abgesehen davon, dass die dort vorherrschenden vermittelten Inhalte die Inhalte der Herrschenden waren und keinen Widerspruch duldeten.

    Im Studium erlebte ich Gemeinschaft, Solidarität, Kooperation im MSB Spartakus. Ein Bundeskongressmotto aus der damaligen Zeit – „Gemeinsam leben, studieren und kämpfen“ – ist m.E. auch aus heutiger Sicht, hat man die Befeuerung der Bildung im Blick, unglaublich modern, weil in ihm ein für die Bildung so wichtiger Dreiklang aufgerufen wird: es geht um Wissen (studieren), es geht um Emotionen und Gemeinschaft (Leben) und darum, Wissen anzuwenden und einzugreifen, um selbstwirksam zu werden (Kämpfen). Alle drei Elemente sind in einer tieferen Struktur dann besonders wirksam, wenn der Mensch vollständig entflammt ist – wenn alle Sinne angesprochen werden – auch die ästhetischen. Und so spielte auch die Musik in meiner Studienzeit eine wichtige Rolle – es wurde gesungen, getanzt und gelacht. Wir machten die Universitäten zu einem Ort, an dem wir uns umfassend bilden konnten – die Suche nach den dazu passenden Lehrenden inbegriffen! Unvergessen die Pressefeste der entsprechenden Organisationen, die Musik, Diskussion und internationale Gerichte anboten. Auch dort fand Bildung statt.
    Warum sollte das mit Schule nicht möglich sein!

    Die Tochter, mit der ich lebte, führte unmittelbar zu der Erfahrung, dass die sog. Frauenfrage in keiner Weise mehr abstrakter Teil eines Arbeitsplanes war, sondern mich tatsächlich betraf – ich begann zu lesen – ein wesentlicher Teil für Bildung. Das Lesen führte dazu, dass ich in der Auseinandersetzung mit der Literatur den Reichtum meiner eigenen Gedanken mehr und mehr entdeckte und diese ausschärfte. In Schulen wird viel zu wenig gelesen – es gibt gute Bausteine, die das gemeinschaftliche Lesen und Sprechen z.B. über Literatur erlebbar machen (Reziprokes Lesen!). Schulische Bildung muss also an der Lebensrealität der SchülerInnen ansetzen. Werden LehrerInnen gefragt, was sie über das Leben ihrer SchülerInnen „wissen“, dann gibt es dazu vielfach keine Antworten. Wenn ich an schulische Bildung denke, dann heißt das für mich übersetzt, dass in keinem Fall alle alles lernen, wissen, erfahren und ausprobieren müssen – manche wollen sich eher musisch bilden, andere lieben die Sprachen, manche die Naturwissenschaften, die Mathematik, manche von allem etwas und alle haben sicherlich unterschiedliche Interessen zu unterschiedlichen Zeiten. Gemeinsam haben alle, dass sie sich nach Gemeinschaft sehnen. Will man die Kreativität, das emotionale Erkenntnisinteresse, die der Treibstoff für einen gelungenen Bildungsprozess sind, lernen/erfahrbar machen, dann muss das Angebot vielfältig und anregungsreich sein. Die wichtigen Fragen unserer Zeit in Schule bearbeiten lernen – sie auch als Denkanstalten zu nutzen, braucht ein kluges Zusammenführen der „Fächer“. Dafür braucht es Zeit, gut ausgebildete LehrerInnen, die empörungsbereit sind, anregende Aufgabenstellungen (deren Umsetzung / Lösung sind die Voraussetzung dafür, dass Wissen erworben werden muss – Wissen ist kein Selbstzweck!) und Räume / Gebäude und vor allem die Möglichkeit des gemeinsamen Tuns – die Solidarität mit anderen. Bildung erwirbt man vor allem in einem interdisziplinären Prozess, in dem Ambiguitätstoleranz eingeübt werden muss. Das bedeutet aber eben auch, dass der eigene Standpunkt entwickelt werden muss, vor dessen Hintergrund mir Verständnis, eine Kompromissbereitschaft abverlangt werden kann. So gestaltete Lernprozesse münden nur dann in Bildungsprozesse, wenn sich an die Erarbeitung von Aufgabenstellungen gemeinsame Umsetzungsoptionen entwickeln. Zur Verdeutlichung: Die Recherche und Erarbeitung der Tatsache, warum Straßennamen immer noch historisch fragwürdig überformt sind, muss also in die Aktion zur Umbenennung der Straßen münden.

    Schulen sind also m.E. meilenweit von Bildungseinrichtungen entfernt und weil vor allem SchülerInnen dies merken, nehmen deren Widerstände zu. Diese führen aber lediglich dazu, dass Schulen mehr und mehr zu Züchtigungsanstalten (es wäre spannend die steigenden Atteste zur sonderpädagogischen „Förderung“ und Ordnungsmaßnahmen zu untersuchen) verkommen, in denen es um nichts anderes geht als darum, dass alles so bleibt wie es ist.

  • Überlegungen zum Bildungsbegriff. Von Rainer Löwe

    Fragestellungen:
    1.) Hat Schule überhaupt etwas mit Bildung zu tun?
    2.) Welche Ziele hat Bildung, welche Inhalte ergeben sich daraus und welche Methoden, welche Organi-sationsformen (vgl. 3.)?
    3.) Müssen wir Bildung neu begründen, welche bestehenden Organisationsformen sind dafür noch geeig-net?

    Ad 1: Sicher als rhetorisch-provokative Fragestellung zu verstehen, betrachtet man Schule hier zunächst im enge-ren Sinne von der Grundschule über die Sek. I bis zur Sek. II., also bis zum allgemeinen Schulabschluss im domi-nierenden Sozialisationsalter junger Menschen (im weiteren, im hiesigen Zusammenhang sicher nicht zu diskutie-renden Sinne wären hier u.a. noch alle weiterbildenden oder fachspezifischen Schulen sowie Hochschulen zu nennen); denn Schule ist – neben der frühkindlichen Kindertagesstätte – der wohl einzige staatlich-institutionelle Ort, an welchem Bildung (definitionsunabhängig) strukturell organisiert sowie verpflichtend statt-findet bzw. stattfinden kann. Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe findet Bildung somit in öffentlichen Einrichtun-gen – hier: Schule – statt. Die Alternative einer nicht-staatlich kontrollierten und organisierten – also privatisier-ten – Bildung wäre aus diversen Gründen nicht nur unsozial, ineffizient und manipulationsanfällig, sondern in ihren Auswirkungen verheerend sowie undemokratisch.

    Ad 2: Bildung hat multiple parallele Zielsetzungen (Bildungsziel hier qua Ergebnis eines [politisch] gewünschten und somit auch gesteuerten Lernprozesses): a) auf individueller wie auch pädagogischer Ebene die Ermöglichung einer optimalen Persönlichkeitsentwicklung (einschließlich eines erfüllten Lebens und weitgehend entspre-chend dem Humboldt’schen Bildungsideal), b) auf wirtschaftlicher Ebene die Bereitstellung gut ausgebildeter Fachkräfte für den Arbeitsmarkt (Qualifikation u.a. zwecks Erhalt oder Förderung der Wettbewerbsfähigkeit) und damit (produktiv wie administrativ) für das gesamtgesellschaftliche Wohl, c) auf politischer Ebene – zumindest in demokratisch regierten Ländern – die Sicherung von Frieden und Demokratie sowie d) die Weitergabe historisch gesammelten Wissens auf allen Ebenen an nachfolgende Generationen. Dies alles unter dem Aspekt, den Kindern und Jugendlichen das Hineinwachsen in eine zunehmend komplexe Welt zu ermöglichen, zumindest aber zu erleichtern (Allgemeinbildung und Verständnisförderung von Zusammenhängen), um sich anschließend – hierauf aufbauend und notwendigerweise – auf Teilbereiche spezialisieren zu können.

    Inhaltlich sind zumindest die jeweiligen politischen Bildungsziele auch abhängig von den vorherrschenden Machtverhältnissen und den diesen zugrunde liegenden Ideologien: Während diktatorische Regimes kein Inte-resse an humanistisch geprägten Bildungszielen (insbesondere dem Freiheitsgedanken) haben können, stehen deren Leitideen denen demokratischer Regierungen diametral gegenüber. Letzterer müssen, betrachtet man hier Bildung nicht lediglich unter dem einseitig ökonomischen Aspekt der Qualifikation (s.o.), als maßgebliche Voraus-setzung zur Erfüllung individueller Lebenschancen sowie als Menschenrecht die Motivation zu jedweder demo-kratischen (sprich: freiheitlich-emanzipatorischen) Denk- und Verhaltensweise und deren Förderung zum Wohle der Allgemeinheit zugrunde liegen, einschließlich u.a. der Teilziele eines Entgegenwirkens populistischer oder gar (rechts-)extremistischer wie auch rassistischer Tendenzen sowie – und das ist historisch vergleichsweise neu – der zukunftsorientierten Nachhaltigkeitsziele (vgl. hierzu UNESCO-Memorandum aus 2015; Bildung für nachhaltige Entwicklung [BNE]).

    Methodisch sind, fachspezifisch unterschiedlich gewichtet, alle herkömmlichen (Unterrichts-)Methoden, vor-zugsweise in Kombination miteinander je nach ihrer jeweiligen pädagogischen Begründung anwendbar, ein-schließlich des oft (ich meine, zu Unrecht) gescholtenen Frontalunterrichts. Aus technischen Gründen neu hinzu gekommen sind digital basierte Lehr- und Lernmethoden, deren Vorteile (hier auch die Förderung von Selbst-ständigkeit) gleichermaßen nutzbar sind bzw. im Zusammenhang mit dem aktuellen wie sicher auch künftigen, das Erreichen der o.g. allgemeinen Lernziele be- wenn nicht gar verhindernden bundesdeutschen Lehrkräfte-mangel dringendst zu nutzen sind (Stichwort: pädagogisch-didaktisch sinnvoll strukturierter Hybridunterricht). Zur Förderung eigenständigen wie auch zielgerichteten Denkens bedarf es methodisch im geisteswissenschaftlichen Bereich zudem der gezielten wie auch verstärkten Einübung dialektischer Denkprozesse.

    Ad 3.: Einmal unterstellt, dass aus vielfachen Gründen (u.a. Kontrolle und Effizienz) auch künftig der Schulunter-richt staatlich institutionalisiert bleiben muss, kann unter dem Aspekt sozialer Gleichbehandlung bzw. Gleichbe-rechtigung nur ein integratives Schulsystem (sprich: Gesamt- oder Einheitsschule) als Organisationsform in Frage kommen – konsequenterweise unter Abschaffung des Gymnasiums. Und dies wiederum unter Ersetzung starrer Klassenstufen durch – möglichst signifikant kleinere – Leistungs- oder Interessengruppen, deren Zugangsvoraus-setzungen idealiter durch (ausführlichere) Bewertungs- statt Benotungssysteme geregelt werden. Unter Berück-sichtigung der o.g. Ziele und Inhalte braucht, wenn konsequent umgesetzt, Bildung nicht notwendigerweise neu begründet werden.
    Ausblick: Während ein ausschließlich integratives Schulsystem sicher noch langfristig am Widerstand entspre-chender (bürgerlicher) Interessengruppen scheitern wird, werden zur Umsetzung flexiblerer sowie insbesondere auch kleinerer (und damit effizienterer) Lerngruppen deutlich mehr Lehrkräfte benötigt als bereits jetzt vorhan-den, selbst unter dem Aspekt einer teilweise möglichen Ausgliederung bisher klassischer Präsenztätigkeiten der Schüler und Schülerinnen in den (digital gestützten) Distanzunterricht (unter der Prämisse vorhandenen pädago-gisch geeigneten Digitalmaterials).

     

    Von Rainer Löwe zuletzt erschienen:

    Lehrer werden!? (April 2020), ISBN 978-3-7504-7973-9, E-Book: 978-3-7519-6369-5;
    Schwerpunktthemen: Integrative Schulsysteme und soziale Gerechtigkeit sowie Lehrkräftemangel – Gründe, Folgen und notwendige
    Gegenmaßnahmen;
    Kontakt: lehrerwerden@t-online.de