Die Studienausschreibung und alle nötigen Dokumente findet sich auch hier auf der Seite der RLS.

 

Aufforderung zur Angebotsabgabe

Studie «Ökonomisierung schulischer Bildung: Kritik und Alternativen»

Bewerbungsschluss: 20.5.2019

Abgabefrist: 1.12.2019

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V. schreibt eine Studie zum Thema «Ökonomisierung im Bildungsbereich» aus. Der Auftrag für die Studie wird als Werkvertrag mit einem Honorar von 20.000 Euro (brutto, inkl. projektbezogene Ausgaben) erteilt.

Kontext des Auftrages und Ziel der Studie

Mit der Studie «Mehrwert Bildung?» hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung im Februar 2019 einen Beitrag zur Einordnung verschiedener Entwicklungen der Bildungslandschaft in den Trend zur Kommodifizierung öffentlicher Dienstleistungen vorgelegt. Im Anschluss daran sollen nun in einer neuen Studie einzelne Bereiche des Bildungswesens anhand empirischen Materials daraufhin untersucht werden, wie sie sich unter dem Druck der Ökonomisierung und Kommodifizierung verändert haben. Damit soll ein Beitrag zur bildungspolitischen Debatte geleistet werden, der dabei hilft, ein spezifisch linkes Profil an Forderungen zu entwickeln – gegen die Privatisierung und die Unterwerfung eines öffentlichen Sektors unter die Logik kapitalistischer Ausbeutung und Selbstausbeutung. Ziel ist die Erstellung eines Bildungsmaterials, das sich nicht auf die deduktive Herleitung von Begriffen und Problemen beschränkt, sondern Argumente mit Empirie unterfüttert, und das geeignet ist für die politische Auseinandersetzung in den Schulen und Bildungseinrichtungen, in den Kommunen und für die Arbeit von Mandatsträgern.

Fragestellungen

Teil I: Ökonomisierung der Bildung

Im ersten Teil soll die fortschreitende Ökonomisierung des Schulbereichs beispielhaft untersucht und dargestellt werden. Mögliche Themen sind:

  1. Auch öffentliche Schulen konkurrieren miteinander um Schülerinnen und Schüler, mit Rankings und Gerüchten, mit dem «Ruf» der Schule, ihrer sozial homogenen Schüler_innenschaft wird um «Marktanteile» gekämpft. In den meisten Bundesländern wurden die Schuleinzugsbereiche für die Grundschulen aufgelöst, um damit einen Schulmarkt zu öffnen. Es ist zu untersuchen, ob diese Marktöffnung das Schulwahlverhalten der Eltern verändert hat, was die bestimmenden Faktoren sind und ob sich dadurch tatsächlich die Segregation verstärkt hat. Dazu gibt es aus einzelnen Bundesländern statistisches Material; es ist zu prüfen, wie weit es sich für inhaltlich fundierte Aussagen eignet oder ob auch eigene Recherchen erforderlich sind.
  2. Neben den Privatschulen – die u.a. von der Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht wurden – gibt es weitere Bereiche, die unmittelbar privatisiert werden bzw. wurden: Der milliardenschwere Nachhilfemarkt, der durch das Internet erweiterte und mittlerweile etwas deregulierte Markt an Unterrichts- und Lernmaterialien, und schließlich Fort- und Weiterbildungen für Lehrkräfte, die mittlerweile von den Akademien der großen Verlage angeboten werden. Alle drei Bereiche lohnen die nähere Betrachtung. Der letztgenannte – der Markt der Fort- und Weiterbildungen – ist bisher noch kaum untersucht, hier würde die Studie mit eigener Recherche Neuland betreten.
  3. Lehr- und Lerninhalte stehen unter dem Druck einer inhaltlichen «Ökonomisierung». Das könnte exemplarisch untersucht werden am Beispiel der Auseinandersetzung um die Einführung eines Schulfachs «Wirtschaft». Hier wird von unternehmerisch inspirierten Verbänden ein ganzer Strauß ideologischer und populistischer Argumente aufgeboten, die auch bei der Zielgruppe einen Nerv zu treffen scheinen: «Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen» – twitterte vor vier Jahren eine Schülerin aus Köln. Diesem Schülerbedürfnis möchte man mit dem Fach «Wirtschaft» abhelfen. Fachverbände der Politik- und Sozialwissenschaftslehrenden wehren sich allerdings dagegen. Diese Debatte nachzuzeichnen, kann Aufschluss geben über eine notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit Lehr- und Lerninhalten.
  4. Mit der Einführung digitaler Medien werden die Schulen selbst zu einem wichtigen Markt für Soft- und Hardwareherstellerinnen. Es wäre zu untersuchen, ob und inwieweit digitale Medien eingesetzt werden, um im Sinne einer Ökonomisierung an Lehrkräften, Gebäuden und Unterrichtszeit zu sparen, und welche Auswirkungen das auf Lehren und Lernen hat.

Teil II: Alternativen

Im zweiten Teil soll herausgearbeitet werden, wie dem Trend zur durchgehenden Ökonomisierung und Inwertsetzung (Kommodifizierung) in der Realität auf progressive Art und Weise begegnet werden kann. Dabei soll neben den entsprechenden Debatten auch Bezug genommen werden auf konkrete Modelle und Praktiken: im Unterricht, an einzelnen Schulen oder in ganzen Regionen, die geeignet sind, sich der Marktlogik zu widersetzen. In einer Studie, die sich auf die «Quasi-Märkte» bezieht, könnte ein Beispiel vorgestellt werden, wie eine Schule Freiräume nutzt für ein Konzept, das sich nicht in die neoliberale Markt- und Konkurrenzideologie einfügt; als Gegenmodell zur Ökonomisierung des Fortbildungsbereichs könnte eine freie Initiative Beispiel sein, die eine «Marktnische» nutzt etc. Es geht darum, Beispiele vorzustellen, die den Diskurs in der Bildungspolitik voranbringen können. In diesem Teil sollte herausgearbeitet, ob und welche Ansatzpunkte sich jeweils für demokratische Alternativen ergeben und welche politischen Schlussfolgerungen sich anbieten.

Die Bewerbung sollte für beide Teile klar benennen, welche Bereiche untersucht und welche Beispiele vorgestellt werden, inwieweit sich auf vorhandenes empirisches Material gestützt wird und inwieweit eigene empirische Recherchen angestellt werden.

Charakter und Zielgruppe der Studie

Gewünscht ist eine sozialwissenschaftlich-pädagogische Studie, die das zu diesen Themenbereichen vorhandene empirische Material aufbereitet und/oder aus Statistiken und Befragungen selbst zusammenstellt. Neben dem Bezug auf die Empirie ist die Herausarbeitung politischer Forderungen zentral.

Das Ergebnis soll ein Material sein, das über die Fachwelt hinaus von politisch handelnden Menschen im Bereich Bildung und Erziehung, also von den dort Arbeitenden, wie von politisch Engagierten in der Gewerkschaft, der Kommunal- und Landespolitik lesbar ist.

Die Endfassung der Studie sollte nicht länger als 160.000 Zeichen sein, in deutscher Sprache verfasst und nach Möglichkeit bis zum 1. Dezember 2019 abgeschlossen sein. Sie sollte veranschaulichende Grafiken enthalten. Tabellen werden auf den Zeichenumfang nicht angerechnet. Eine beurteilungsreife Rohfassung des Berichts sollte zum 3. November 2019 vorliegen.

Die Auszahlung der Vergütung erfolgt zu 25 Prozent nach Auftragsvergabe und 75 Prozent nach Akzeptanz der Endfassung der Studie durch den Auftraggeber. Alle mit der Recherche verbundenen Kosten, inklusive Reisekosten und Materialien, sind mit dem Honorar abgegolten. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist nicht verpflichtet, das Höchstbudget aus dieser Rahmenvereinbarung in Anspruch zu nehmen, weder ganz noch teilweise. Die Vergabe des Auftrags wird entschieden auf der Grundlage von

  • Arbeits- und Zeitplan für die Erstellung der Studie mit Bezug auf den Ausschreibungstext (40 Prozent)
  • Stand der Vorarbeiten bzw. Qualität der Referenzen im Kontext der Studie (40 Prozent)
  • Erfahrung mit ähnlichen Projekten (20 Prozent)

Wir bitten bis zum 20. Mai 2019, 12 Uhr, um eine geeignete und vollständige Bewerbung, die bestehen muss aus einem Arbeits- und Zeitplan, einer Darstellung des Stands der Vorarbeiten und einem kurzen Lebenslauf mit Referenzen zum Thema, nebst Eigenerklärungen (Anlagen 1 und 2) und Akzeptanz der Vertragsbedingungen (Anlage 3).

Bewerbungen bitte senden an:
Dr. Stefanie Ehmsen, stefanie.ehmsen@rosalux.org, stellv. Leiterin der Bundesweiten Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Ein Gedanke zu “Ausschreibung weiterführende Ökonomisierungsstudie”

  • Sehr geehrte Frau Dr. Ehmsen,

    anlässlich der hier vorliegenden Ausschreibung der RLS möchte ich die Kommentarfunktion für eine persönliche Stellungnahme zu der geplanten neuen Studie nutzen. Grundsätzlich begrüße ich es sehr, dass die (schon seit Jahrzehnten andauernde) Ökonomisierung der Bildung jetzt ganz explizit mit dem Ziel untersucht werden soll, daraus praktische Schlussfolgerungen im Sinne „linker“ Alternativen zu ziehen.

    Es ist höchste Zeit, dass die im Auftrag privater Investoren von Bildungslobbyisten und Beratungsfirmen immer aggressiver exekutierte „Landnahme“ des Bildungssektors gestoppt und zurückgedrängt wird, aber ich frage mich, wie die zu diesem Zweck erforderliche Verzahnung von Theorie und Praxis auf der Grundlage einer Studie, in der laut Ausschreibung wesentliche Aspekte unberücksichtigt bleiben werden, möglich sein soll.

    Dazu nenne ich vier Beispiele:
    1.
    Der „Weiterbildungsmarkt“ für die ohne Abschluss gebliebenen Schüler/innen, der ganz überwiegend keine echten und dauerhaften Berufsperspektiven eröffnet, sondern vor allem dem Wohl der diversen (und häufig wechselnden) Anbieter dient.
    2.
    Die immer weiter um sich greifende Übergabe der Vermittlung von Lern- und Unterrichtsinhalten in die Hände von Ehrenamtlichen und Quereinsteiger/innen.
    3.
    Die zunehmende ökonomische Abhängigkeit vieler Wissenschaftler/innen, die gravierende Auswirkungen auf deren Umgang mit Forschungsinhalten und -ergebnissen hat.
    4.
    Der verstärkte Zugriff auch auf die „Bildungshardware“, d.h. auf die zugehörigen Immobilien und Gelände, der (zur Beruhigung der Bevölkerung) zunächst in ÖÖP-Form daherkommt und (leider) auch von den Linken unterstützt wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Magda von Garrel

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