Was hätte man anders machen können, um Kinder und Jugendliche einigermaßen glimpflich durch die Lock-down-Zeit zu bringen? Statt jedem Kind 300€ für technische Geräte zur Verfügung zu stellen, wäre es sinnvoller gewesen, die 4,3 Milliarden in zusätzliche Lehrkräfte zu investieren, meint Mathias Greffrath, Autor, Soziologe und Essayist. Er stellte uns am 5. November in Berlin seine Vision von der Schule der Zukunft vor.

40.000 Lehramtsstudierende hätten mit jeweils 1500€ in die Schulen geschickt werden können, um kleine, nomadische Gruppen zu unterrichten und so Ansteckungen zu verhindern. Zwar wurde dieser Vorschlag in ähnlicher Form auch diskutiert, aber letztlich ist wenig passiert. Spanien dagegen, so Greffrath, habe zwei Milliarden Euro genutzt, um mehr Personal an Schulen zu holen – aber Deutschland sei eben ein „Hardware-Land“. Statt im Stillstand zu verharren, müsse das System aber in Bewegung kommen. Es gäbe bereits Schulen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Greffrath nennt als Beispiel eine Montessori-Schule, verweist aber darauf, dass es diese Schulen nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten in Deutschland gibt. Verändert hat sich dennoch wenig. Warum ist das so?

Dringlicher als Lernstandsrückmeldungen sei es zu untersuchen, was die Schulen anders machen, die gut funktionieren, meint Greffrath. Liegt es an der Auswahl der Schulleitungen, liegt es an der Auswahl der Lehrkräfte? Und warum strahlen diese Leuchtturmschulen nicht so weit, dass sie andere anstecken? Liegt es an der fehlenden Autonomie der Schule? Statt auf Pädagogik setze die Politik zurzeit eher auf Digitalisierung als Wunderwaffe. Der Umgang der Lehrkräfte mit den Kindern und Jugendlichen steht weniger im Fokus der Diskussion. Greffrath zufolge müsste hier jedoch angesetzt werden.

Die großen Tech-Konzerne haben längst das Potenzial dieses neu entstehenden Marktes erkannt. Ob Computer und Tablets für Schulen oder Lernsoftwares – das Heil werde zurzeit in der Digitalisierung gesucht, während pädagogische Fragen aus dem Blick geraten. In den USA werde seit der Pandemie bereits darüber diskutiert, ob Klassenzimmer – also physische Schulgebäude, wenn man den Gedanken weiterführt – überhaupt noch nötig sind. Digitalisierung werde als non-plus-ultra des Humanismus verkauft, was Greffrath als Modernisierungspopulismus bezeichnet. Die CDU schlägt beispielsweise in einem Positionspapier vor, den Lehrkräftemangel durch die digitale Schule zu bekämpfen. Betitelt wird das zynischerweise als „Humboldt für alle“. Die alte meritokratische Lüge werde damit aufrechterhalten, von der selbst die FDP mittlerweile verstanden habe, dass sie eine Lüge ist.

Was also tun? Eine wirkliche Revolution der Schule brauche einen neuen Gott, so Greffrath. Falls Sie nun beim Lesen einen Schreck bekommen haben: Es geht Greffrath keineswegs um ein Zurück zur Religion. Doch die Funktion der Religion, eine gemeinsame Erzählung zu bieten, zu sagen, woher man komme und wohin man will, sei verschwunden, ohne adäquat ersetzt worden zu sein. Greffrath bezieht sich hier auf ein Buch von Neil Postman mit dem Titel „Keine Götter mehr: Das Ende der Erziehung“. Trotz der Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte und der Öffnung bestimmter Bildungswege auch für Nicht-Akademikerkinder, blieben die großen Chancen bisher ungenutzt. Die Funktion der Schule, zu sortieren, habe zu einem Dauerkonflikt und einer Konkurrenz unter den Eltern geführt. Die Familie könne die Aufgabe, Werte zu vermitteln, immer weniger leisten. Deshalb komme dem Erziehungsauftrag der Schule eine so große Bedeutung zu. Doch damit seien die Schulen derzeit überfordert. Viele Lehrkräfte seien auch nicht bereit, dies als ihre Aufgabe anzusehen. Doch dort, wo der Einfluss der Schule endet, beginnt der Einfluss der „Hero-Society“, also die Privatisierung dessen, was die Familie nicht mehr leistet und die Schule nicht leisten kann.

Wertevermittlung wird sozusagen „outgesourced“. Parallel werden Privatschulen wichtiger, und wer das Geld hat, schickt sein Kind eben auf eine Privatschule. Die Tendenz zur Privatisierung hebe jedoch die Funktion der Schule als Öffentlichkeit auf. Dann bleibt jedes Milieu in seiner eigenen Blase, der Sinn von Schule werde damit ad absurdum geführt. Die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen der Epoche des Anthropozän – Klimawandel und Vollautomatisierung vieler Industriezweige sind nur zwei Beispiele von vielen – zeigen jedoch, wie dringend unsere Gesellschaft eine gute Schule braucht. Doch wie muss diese Schule aussehen? Welche Themen sind dafür wichtig?

Ein Fach Nachhaltigkeit mit zwei Wochenstunden wird dafür jedenfalls nicht ausreichen. Wir brauchen mehr Grundfertigkeiten, mehr Wissen, auch mehr technisches Wissen, aber vor allem muss die öffentliche Schule zu einem Ort werden, an dem es um die Fragen geht, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Die Schule sollte mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten ausstatten, das wahrzunehmen, was nicht zu bezahlen ist oder nicht kommerzialisiert werden sollte. Wir sollten mit Hoffnung in die schwierige Zukunft blicken und von sozialen Bewegungen wie Fridays for Future lernen, die Revolution im Kleinen zu beginnen.

Diskutiert wurde darüber, wie sinnvoll es ist, auf die Kraft von individuellen Schulen und Lehrkräften zu setzen, solange die Verhältnisse so ungerecht sind, wie sie sind. Auch mit mehr Autonomie und motivierten Lehrkräften hat eine Schule in Köln-Kalk, ein sogenannter „Problemstadtteil“, mit viel mehr Widrigkeiten zu kämpfen als eine Schule in Köln-Lindenthal, einem wohlhabenderen Stadtteil. Es könne bei gesellschaftlichen und bildungspolitischen Veränderungen nicht darum gehen, nur auf den guten Willen einzelner Menschen zu setzen. Der Wunsch nach Autonomie sei gerade aus der Perspektive bereits strukturell privilegierter Schulen verständlich, doch mehr Autonomie in Zeiten des Mangels zementiere die bestehende Ungleichheit. Dem Schulleiter*innen in prekären Vierteln fehle nicht die Motivation, sondern oft die materiellen Ressourcen, und auch die Auswahl der Lehrkräfte gestaltet sich schwieriger, wenn Lehrkräfte lieber an Schulen arbeiten, an denen der Unterricht vermeintlich leichter ist. Eine weitere Gefahr sei das Erstarken der Privatschulen, denen man gute Schulen entgegensetzen müsse. Die Pandemie habe gezeigt, was für eine wichtige soziale Funktion die Schule nicht nur als Lern-, sondern als Lebensort erfüllt. Autonomie sei zwar wichtig, darf aber nicht, wie an den Hochschulen, zu einer elitären Exzellenz-Initiative führen, denn mehr Autonomie kann auch ein Einfallstor für die Ökonomisierung der öffentlichen Schulen sein.  Der Wettbewerb der Schulen untereinander kann nicht das Ziel sein, und auch keine bürokratische Überwachung von der Schulbehörde festgelegter Parameter für gelingende Schulen. Greffrath betont dagegen die Gestaltungsmacht einzelner Schulleitungen – aber warum dann eigentlich nicht die ganze Schule demokratisieren?

Auch die Idee eines verpflichtenden sozialen Jahres wurde kritisch beleuchtet. Greffrath verweist darauf, dass der Übergang von der Schule in das gesellschaftliche Leben so sinnvoller und gleichberechtigter organisiert werden könne, als wenn nur diejenigen, die es sich leisten können, nach dem Abitur ein Jahr in Australien verbringen. Natürlich müsse ein solches Jahr gut bezahlt werden. Dagegengehalten wurde aus dem Publikum, dass ein solches soziales Jahr auch eine Form des „out-sourcing“ darstellt. Statt auf die isolierte Wirkung eines Jahres in der Arbeitswelt zu setzen, müssten vielmehr soziale Fähigkeiten, demokratisiertes Lernen sowie die Vermittlung einer gesellschaftskritischen Perspektive in der Organisation des Schulsystems stärker in den Blick genommen werden. Einig war man sich darin, dass die Kooperation der Schulen mit gesellschaftlichen Akteur*innen – ob das nun der Handwerksbetrieb im Ort, das Jugendzentrum, das Krankenhaus oder die lokale Gärtnerei ist – verstärkt werden muss.

Doch nicht nur die Öffentlichkeit müsse in die Schulen geholt werden – die Schule als öffentlicher Ort müsse eben auch als öffentliche Verantwortung betrachtet werden. Wie geht es denn den Kindern und Jugendlichen, die die Schule nicht mit einem erfolgreichen Abschluss verlassen? Auch dafür müsse die Gesellschaft die Verantwortung tragen. Ein ehemaliger Schulleiter betont, wir seien viel zu sehr daran gewöhnt, dass Leute „rausfallen“, einfach auf dem Weg „verloren“ gehen. Die ungerechten Verhältnisse in unserer Gesellschaft und der fehlende Wille zur politischen Veränderung seien kein Wunder, wenn bereits in der Schule Kinder und Jugendliche dazu erzogen werden, dass es eben immer ein paar „Verlierer*innen“ geben wird. Eine der Aufgaben emanzipatorischer Bildungspolitik besteht deshalb in der Erinnerung daran, dass gesellschaftliche Verhältnisse keine Naturgesetze abbilden, sondern veränderbar sind.

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