Bildung ist ein Prozess, der sowohl in institutionalisierter Form stattfinden kann als auch in nicht-institutionalisierter, spontaner Form im Alltag von Individuen. Für die Soziologie (und Politik) ist die institutionalisierte Form relevanter, weil es hier um formative Prozesse geht, die alle Menschen betreffen. Und ohne ein Bildungssystem irgendeiner Art ist eine komplexe, arbeitsteilige Gesellschaft auch nicht denkbar.

Bildungssysteme haben (mindestens) drei Hauptfunktionen: Die Funktion der Wissensvermittlung, die Funktion der Sozialisation und die Funktion der Selektion/Hinführung zur Arbeit. Ich denke, dass alle drei Funktionen auch in einer sozialistisch-demokratischen Gesellschaft noch relevant wären, aber es müsste natürlich enorme Änderungen geben.

Zur Wissensvermittlung: Diese Funktion wird immer wichtiger in einer Welt, die von Klimaveränderungen, massiver Ungleichheit usw. bedroht ist. Die Herausforderungen unserer Zeit können nur gelöst werden, wenn Wissen gerechter und breiter verteilt wird. Das Ziel muss sein, alle Menschen auf einen Mindeststandard an Wissen zu bringen, der höher sein muss als es aktuell der Fall ist. In Deutschland verlassen immer noch zu viele Jugendliche die Schule ohne grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten – von den globalen Ungleichheiten ganz zu schweigen. Dazu kommt, dass manches Wissen absichtlich unter Verschluss gehalten oder zur Ware gemacht wird. Wissen darf keine Ware sein, sondern muss frei verfügbar sein und an alle vermittelt werden. Außerdem ist die Auswahl des vermittelten Wissens wichtig: Politische Bildung sollte beispielsweise einen höheren Stellenwert genießen, mit dem Ziel Individuen politisch konfliktfähig zu machen.

Zur Sozialisation: In Bildungssystemen werden auch Werte und Normen vermittelt, welche wandelbar sind, wie die Gesellschaft selbst. Hier wurden mit der Zeit Fortschritte gemacht: Noch meine Eltern wurden in der Schule (wenn auch selten) von Lehrern geschlagen. So etwas gibt es nicht mehr. SchülerInnenvertretung und ähnliches wurde erkämpft. Trotzdem ist das Bildungssystem immer noch zu autoritär und hierarchisch organisiert. In einer sozialistisch-demokratischen Gesellschaft müssten Schule und Universität Orte sein, an denen vermittelt wird, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, dass sich alle sicher und respektiert fühlen können und mit Freude zusammenarbeiten und lernen können. Die Würde des Menschen darf nicht beschädigt werden – was viel zu oft geschieht, wenn Kinder mit Noten, Strafen und ähnlichem beschämt werden und so auch ihr Lerntrieb zerstört wird. Natürlich haben gute LehrerInnen trotzdem hohe Erwartungen: aber eben nur mit dem Ziel, SchülerInnen im Lernprozess so weit zu bringen wie möglich.

Zur Selektion / Hinführung zur Arbeit: Diese Funktion wird zurecht oft von links kritisiert, weil sie aktuell gekoppelt ist an materielle Ungleichheit und die Zuweisung von Klassenpositionen. Das muss sich ändern – indem Arbeit anders verteilt und bezahlt wird. Dennoch wird es auch in einer besseren Zukunftsgesellschaft nötig und sinnvoll sein, die Arbeit zu teilen. Schule und Universität sollten Orte sein, an denen junge Menschen ihre individuellen Talente entdecken und kultivieren können – und sich darauf basierend überlegen können, welche Art von Arbeit sie später machen wollen. Noten und parallele Schularten braucht es dafür nicht, aber ab dem Jugendalter die Möglichkeit, Vertiefungen zu wählen. Wo Knappheit an Ausbildungs- oder Studienplätzen herrscht, sollte das Los entscheiden. Private Bildungsinstitutionen sollte es nicht geben – ihr Wachstum muss dringend bekämpft werden, denn sie schwächen das öffentliche Bildungssystem und stellen Orte der Distinktion für Privilegierte dar.

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