GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Ökonomisierung

  • Home-schooling: schlägt die Stunde der Digitalisiererinnen?

    Statt MitschülerInnen zu treffen und die Lehrerin zu sehen sollen Schülerinnen jetzt zuhause lernen. Mit digitalen Medien müsste das doch funktionieren, a.) wenn man es gelernt hätte und b.) wenn es die  denn gäbe. Beider Voraussetzungen führen zu einer weiteren sozialen Spaltung. Mit Recht fordert deshalb Birke Bull-Bischoff, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Deutschen Bundestag: Digitale Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen. 

    Aber selbst wen  man alle Kinder mit ordentlichen Geräten ausstatten würde – würden sie damit umgehen können? und vor allem: Würde das nicht Lernen und Bildung sehr verengen? Bildung kann nicht ohne Beziehungen auskommen. Also: Der Digitalpakt kann nicht die Lösung sein. In einem Interview  mit den „Nachdenkseiten“ kritisiert der Medienkritiker Ralf Lankau nicht nur dieses Einfallstor für die Ökonomisierung von Schule und Bildung, sondern macht auch ein paar einfache Vorschläge, wie denn die durch die Schulschließung entstandene Lücke zu schießen sei.

    (Karl-Heinz Heinemann)

  • Ausschreibung weiterführende Ökonomisierungsstudie

    Die Studienausschreibung und alle nötigen Dokumente findet sich auch hier auf der Seite der RLS.

     

    Aufforderung zur Angebotsabgabe

    Studie «Ökonomisierung schulischer Bildung: Kritik und Alternativen»

    Bewerbungsschluss: 20.5.2019

    Abgabefrist: 1.12.2019

    Die Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V. schreibt eine Studie zum Thema «Ökonomisierung im Bildungsbereich» aus. Der Auftrag für die Studie wird als Werkvertrag mit einem Honorar von 20.000 Euro (brutto, inkl. projektbezogene Ausgaben) erteilt.

    Kontext des Auftrages und Ziel der Studie

    Mit der Studie «Mehrwert Bildung?» hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung im Februar 2019 einen Beitrag zur Einordnung verschiedener Entwicklungen der Bildungslandschaft in den Trend zur Kommodifizierung öffentlicher Dienstleistungen vorgelegt. Im Anschluss daran sollen nun in einer neuen Studie einzelne Bereiche des Bildungswesens anhand empirischen Materials daraufhin untersucht werden, wie sie sich unter dem Druck der Ökonomisierung und Kommodifizierung verändert haben. Damit soll ein Beitrag zur bildungspolitischen Debatte geleistet werden, der dabei hilft, ein spezifisch linkes Profil an Forderungen zu entwickeln – gegen die Privatisierung und die Unterwerfung eines öffentlichen Sektors unter die Logik kapitalistischer Ausbeutung und Selbstausbeutung. Ziel ist die Erstellung eines Bildungsmaterials, das sich nicht auf die deduktive Herleitung von Begriffen und Problemen beschränkt, sondern Argumente mit Empirie unterfüttert, und das geeignet ist für die politische Auseinandersetzung in den Schulen und Bildungseinrichtungen, in den Kommunen und für die Arbeit von Mandatsträgern.

    Fragestellungen

    Teil I: Ökonomisierung der Bildung

    Im ersten Teil soll die fortschreitende Ökonomisierung des Schulbereichs beispielhaft untersucht und dargestellt werden. Mögliche Themen sind:

    1. Auch öffentliche Schulen konkurrieren miteinander um Schülerinnen und Schüler, mit Rankings und Gerüchten, mit dem «Ruf» der Schule, ihrer sozial homogenen Schüler_innenschaft wird um «Marktanteile» gekämpft. In den meisten Bundesländern wurden die Schuleinzugsbereiche für die Grundschulen aufgelöst, um damit einen Schulmarkt zu öffnen. Es ist zu untersuchen, ob diese Marktöffnung das Schulwahlverhalten der Eltern verändert hat, was die bestimmenden Faktoren sind und ob sich dadurch tatsächlich die Segregation verstärkt hat. Dazu gibt es aus einzelnen Bundesländern statistisches Material; es ist zu prüfen, wie weit es sich für inhaltlich fundierte Aussagen eignet oder ob auch eigene Recherchen erforderlich sind.
    2. Neben den Privatschulen – die u.a. von der Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht wurden – gibt es weitere Bereiche, die unmittelbar privatisiert werden bzw. wurden: Der milliardenschwere Nachhilfemarkt, der durch das Internet erweiterte und mittlerweile etwas deregulierte Markt an Unterrichts- und Lernmaterialien, und schließlich Fort- und Weiterbildungen für Lehrkräfte, die mittlerweile von den Akademien der großen Verlage angeboten werden. Alle drei Bereiche lohnen die nähere Betrachtung. Der letztgenannte – der Markt der Fort- und Weiterbildungen – ist bisher noch kaum untersucht, hier würde die Studie mit eigener Recherche Neuland betreten.
    3. Lehr- und Lerninhalte stehen unter dem Druck einer inhaltlichen «Ökonomisierung». Das könnte exemplarisch untersucht werden am Beispiel der Auseinandersetzung um die Einführung eines Schulfachs «Wirtschaft». Hier wird von unternehmerisch inspirierten Verbänden ein ganzer Strauß ideologischer und populistischer Argumente aufgeboten, die auch bei der Zielgruppe einen Nerv zu treffen scheinen: «Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen» – twitterte vor vier Jahren eine Schülerin aus Köln. Diesem Schülerbedürfnis möchte man mit dem Fach «Wirtschaft» abhelfen. Fachverbände der Politik- und Sozialwissenschaftslehrenden wehren sich allerdings dagegen. Diese Debatte nachzuzeichnen, kann Aufschluss geben über eine notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit Lehr- und Lerninhalten.
    4. Mit der Einführung digitaler Medien werden die Schulen selbst zu einem wichtigen Markt für Soft- und Hardwareherstellerinnen. Es wäre zu untersuchen, ob und inwieweit digitale Medien eingesetzt werden, um im Sinne einer Ökonomisierung an Lehrkräften, Gebäuden und Unterrichtszeit zu sparen, und welche Auswirkungen das auf Lehren und Lernen hat.

    Teil II: Alternativen

    Im zweiten Teil soll herausgearbeitet werden, wie dem Trend zur durchgehenden Ökonomisierung und Inwertsetzung (Kommodifizierung) in der Realität auf progressive Art und Weise begegnet werden kann. Dabei soll neben den entsprechenden Debatten auch Bezug genommen werden auf konkrete Modelle und Praktiken: im Unterricht, an einzelnen Schulen oder in ganzen Regionen, die geeignet sind, sich der Marktlogik zu widersetzen. In einer Studie, die sich auf die «Quasi-Märkte» bezieht, könnte ein Beispiel vorgestellt werden, wie eine Schule Freiräume nutzt für ein Konzept, das sich nicht in die neoliberale Markt- und Konkurrenzideologie einfügt; als Gegenmodell zur Ökonomisierung des Fortbildungsbereichs könnte eine freie Initiative Beispiel sein, die eine «Marktnische» nutzt etc. Es geht darum, Beispiele vorzustellen, die den Diskurs in der Bildungspolitik voranbringen können. In diesem Teil sollte herausgearbeitet, ob und welche Ansatzpunkte sich jeweils für demokratische Alternativen ergeben und welche politischen Schlussfolgerungen sich anbieten.

    Die Bewerbung sollte für beide Teile klar benennen, welche Bereiche untersucht und welche Beispiele vorgestellt werden, inwieweit sich auf vorhandenes empirisches Material gestützt wird und inwieweit eigene empirische Recherchen angestellt werden.

    Charakter und Zielgruppe der Studie

    Gewünscht ist eine sozialwissenschaftlich-pädagogische Studie, die das zu diesen Themenbereichen vorhandene empirische Material aufbereitet und/oder aus Statistiken und Befragungen selbst zusammenstellt. Neben dem Bezug auf die Empirie ist die Herausarbeitung politischer Forderungen zentral.

    Das Ergebnis soll ein Material sein, das über die Fachwelt hinaus von politisch handelnden Menschen im Bereich Bildung und Erziehung, also von den dort Arbeitenden, wie von politisch Engagierten in der Gewerkschaft, der Kommunal- und Landespolitik lesbar ist.

    Die Endfassung der Studie sollte nicht länger als 160.000 Zeichen sein, in deutscher Sprache verfasst und nach Möglichkeit bis zum 1. Dezember 2019 abgeschlossen sein. Sie sollte veranschaulichende Grafiken enthalten. Tabellen werden auf den Zeichenumfang nicht angerechnet. Eine beurteilungsreife Rohfassung des Berichts sollte zum 3. November 2019 vorliegen.

    Die Auszahlung der Vergütung erfolgt zu 25 Prozent nach Auftragsvergabe und 75 Prozent nach Akzeptanz der Endfassung der Studie durch den Auftraggeber. Alle mit der Recherche verbundenen Kosten, inklusive Reisekosten und Materialien, sind mit dem Honorar abgegolten. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist nicht verpflichtet, das Höchstbudget aus dieser Rahmenvereinbarung in Anspruch zu nehmen, weder ganz noch teilweise. Die Vergabe des Auftrags wird entschieden auf der Grundlage von

    • Arbeits- und Zeitplan für die Erstellung der Studie mit Bezug auf den Ausschreibungstext (40 Prozent)
    • Stand der Vorarbeiten bzw. Qualität der Referenzen im Kontext der Studie (40 Prozent)
    • Erfahrung mit ähnlichen Projekten (20 Prozent)

    Wir bitten bis zum 20. Mai 2019, 12 Uhr, um eine geeignete und vollständige Bewerbung, die bestehen muss aus einem Arbeits- und Zeitplan, einer Darstellung des Stands der Vorarbeiten und einem kurzen Lebenslauf mit Referenzen zum Thema, nebst Eigenerklärungen (Anlagen 1 und 2) und Akzeptanz der Vertragsbedingungen (Anlage 3).

    Bewerbungen bitte senden an:
    Dr. Stefanie Ehmsen, stefanie.ehmsen@rosalux.org, stellv. Leiterin der Bundesweiten Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

  • Programm des Ökonomisierungsworkshops am 1. 3. 2019

    An de  eintägigen Workshop am 1. März 2019 im „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ in Berlin nahmen etwa 20 Personen teil. die Beiträge, die in der hier herunterzuladenden Einladung erwähnt sind

    Einladung Ökonomisierungsworkshop

    finden sich ebenfalls auf dieser Seite.

    Der Begriff der Ökonomisierung wurde kritisiert. Er lässt nicht erkennen, dass es um eine spezifische Form der kapitalistischen Verwertungslogik geht, der Bildungsprozesse untergeordnet und damit spezifisch in Wert gesetzt werden. Ökonomisch zu handeln ist ja nicht per se etwas Schlechtes. Es sei eine Kritik „mit gebremsten Schaum“, wie Jürgen Helmchen feststellt, da sie immanent sei und die Perspektive von außen fehle.

    Die vorgestellten Arbeiten zeigen, dass es auf diesem Feld noch weiteren Forschungsbedarf gibt.

    Einschätzung  von Thomas Höhne:

    ,,Aus meiner Sicht gab es eine sehr lebendige und inhaltsreiche Diskussion um die Ökonomisierung und  durchaus mit kritischen Aspekten zum Ökonomisierungsbegriff. Seinen Wert erachte ich u.a. eben genau darin, grundsätzlich über das Verhältnis von Bildung, Ökonomie, Staat und Gesellschaft nachzudenken – auch, um den Blick für einen sozialen Bildungsbegriff zu schärfen (Bildung als öffentliches Gut usw.). Empirische Befunde zu den aktuellen, ökonomisch akzentuierten Bildungsreformen werden sicherlich zur Konturierung und empirischen Fundierung der Diskussion beitragen.“

  • Streitgespräch Münch – Schleicher: Definiert Pisa, was Bildung ist?

    Aus der FAZ vom 8. 3. 2019
    Der „Bildungsindustrielle Komplex“ ist es letztlich, der definiert, was Bildung ist: die großen Ratingagenturen, Test-Firmen und natürkich Stiftungen wie Bertelsmann, ist die These von Richard Münch. Ein interessanter Betrag zur Ökonomisierungsdiskussion und zu der um den Bildungsbegriff. khh

    Leistungsmessungen wie der Pisa-Test werden von einem globalen Netzwerk diktiert, sagt der Soziologe Richard Münch. Der Pisa-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, widerspricht. Ein Streitgespräch.

    Von MARTIN WIARDA

    © dpa

    Herr Münch, in Ihrem neuen Buch warnen Sie vor einem „globalen bildungsindustriellen Komplex“. Die nationale Bildungspolitik werde davon abgehalten, nach ihrer bisherigen Logik zu arbeiten. An ihre Stelle sei ein globales Netzwerk getreten unter der Führung der OECD und anderer Akteure, mit dem OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher als einer der zentralen Figuren.

    Richard Münch: In diesem internationalen Netzwerk konzentriert sich die Macht. Seine Akteure sind organisiert im sogenannten Pisa-Konsortium. Das sind die Agenturen und Unternehmen hinter dem internationalen Schulvergleichstest, der global umsatzstärkste Bildungskonzern Pearson gehört genauso dazu wie die größte Testfirma der Welt, der Educational Testing Service (ETS). Aber auch staatlich finanzierte Einrichtungen sind dabei, der australische Council for Educational Research zum Beispiel oder in Deutschland das Dipf – Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Es geht um die Beantwortung der Frage nach dem Wesen von Bildung, das anhand eines angloamerikanischen Modells von Basiskompetenzen beschrieben und mit Hilfe von eigens entwickelten Tests abgeprüft wird.

    Herr Schleicher, wie fühlt man sich als Zentralfigur des bildungsindustriellen Komplexes?

    Richard Münch ist Soziologe und hat zuletzt an der Universität Bamberg gelehrt, wo er weiterhin „Emeritus of Excellence“ ist. Er hat die Streitschrift „Der bildungsindustrielle Komplex“ vorgelegt.
    © privat
    Richard Münch ist Soziologe und hat zuletzt an der Universität Bamberg gelehrt, wo er weiterhin „Emeritus of Excellence“ ist. Er hat die Streitschrift „Der bildungsindustrielle Komplex“ vorgelegt.

    Andreas Schleicher: Ich weiß nichts von einem solchen Komplex. Pisa will die Bildungssysteme besser machen. Mit Macht oder Machtausübung von außen hat Pisa rein gar nichts zu tun. Es wird geleitet und finanziert von den Bildungsministerien der Mitgliedsländer, und die Entwicklung des Pisa-Tests geschieht unter der Leitung eines Gremiums führender Wissenschaftler, die von den teilnehmenden Staaten benannt werden.

    Münch: Natürlich braucht man für Pisa Wissenschaftler, um die Fragen zu designen. Aber um den Test in der Breite umzusetzen, braucht es die Schlagkraft der Agenturen und Unternehmen, und deren Rolle verselbständigt sich zwangsläufig. Irgendwann können die nationalen Bildungsministerien nur noch die Daten entgegennehmen – mitsamt den Empfehlungen, die daraus abgeleitet werden. Pearson selbst berichtete 2014 auf seiner Homepage wörtlich, dass es den Pisa-Test 2018 für die OECD entwickelt.

    Schleicher: Noch mal: Die Pisa-Tests werden von einer Expertengruppe entwickelt, in der alle Mitgliedstaaten vertreten sind, aber kein einziger Unternehmensvertreter. Technische Expertise wird später hereingeholt, um bestimmte Fragestellungen zu verfeinern, zu operationalisieren. Pearson etwa hatte als Teil des Pisa-Konsortiums 2015 und 2018 einen Auftrag für die Entwicklung der Rahmenkonzeption der Tests – mit einem Volumen von einem Bruchteil eines Prozents der Gesamtaufwendungen. Die Bildungsministerien bestimmen, was wo wie und von wem gemessen wird. Niemand anders, auch nicht die OECD. Und ganz sicher nicht die Industrie.

    Münch: Sie tun so, als sei die OECD nur Moderator bei Pisa, und unterschlagen, dass Sie selbst zunehmend Empfehlungen über die Medien spielen. Die führen in den Ministerien dann zu Kurzschlussreaktionen.

    Welche Kurzschlussreaktionen meinen Sie?

    Andreas Schleicher ist Statistiker, leitet das Direktorat für Bildung bei der OECD und ist Internationaler Koordinator für die Pisa-Studien Er hat eine Waldorfschule besucht.
    © Picture-Alliance
    Andreas Schleicher ist Statistiker, leitet das Direktorat für Bildung bei der OECD und ist Internationaler Koordinator für die Pisa-Studien Er hat eine Waldorfschule besucht.

    Münch: Es fing damit an, dass die OECD aus Pisa schlussfolgerte, die Merkmale wirklich erfolgreicher Bildungssysteme seien mehr Schulautonomie, eine starke Leitung und zentrale Leistungstests. Wenn solche Botschaften verbreitet werden, gerät die Politik unter Druck, das auch umzusetzen. Das Ergebnis sieht man paradigmatisch in den Vereinigten Staaten, wo die Schulen bei weitem nicht so erfolgreich sind wie in Ostasien. Und warum? Weil ähnliche Schulmodelle abhängig von den kulturellen Unterschieden zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen.

    Schleicher: Merken Sie, wie Sie sich selbst widersprechen? Sie behaupten, die OECD propagiere das amerikanische Modell. Gleichzeitig betonen Sie, dass Amerikas Schulsystem im internationalen Vergleich nicht besonders gut abschneidet. Was wir aber erst durch Pisa wissen. Seitdem wissen wir auch: Länder wie Finnland, Japan oder Portugal bekommen Schule besser hin. Und nein, die OECD hat keinem Land gesagt, es solle die Schulautonomie stärken. Aber offenbar ist das ein Faktor, der beispielsweise in Finnland wirkt. Das ist doch das Spannende, was Pisa geschaffen hat: eine globale Plattform, eine globale Plattform zum Austausch verschiedenster Lösungsansätze. Im Übrigen: Wenn Ihre These von der Allmacht von Pisa richtig wäre, Herr Münch, müssten wir überall dieselben Bildungssysteme haben. Haben wir aber nicht.

    Münch: Natürlich hat jedes Bildungssystem seine eigene Tradition. Aber sie ist konfrontiert mit den Daten und den Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden. Deshalb werden die Schulsysteme nicht genau wie in Finnland oder China. Aber es werden Elemente übernommen. In Deutschland die Bildungsstandards, die Fokussierung auf die Kompetenzen im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften.

    Schleicher: Die kompetenzorientierten Bildungsstandards kommen nicht von Pisa, sondern weil die deutsche Bildungspolitik gesehen hat: Viele Länder mit leistungsstarken Schulen haben verbindliche Bildungsziele, anstatt jede Schule jedes Ziel vor Ort neu erfinden zu lassen. Ich halte das für eine richtige Beobachtung und eine gute Schlussfolgerung.

    Herr Schleicher, Sie betonen die Wissenschaftlichkeit von Pisa. Nun sagt Herr Münch allerdings auch, die Bildungsforschung sei eine „weitgehend angewandte Forschung und dadurch naturgemäß Dienstleistung für die jeweils herrschende politische Agenda.

    Schleicher: Natürlich ist die Bedeutung der Bildungsforschung gestiegen – so wie die Bedeutung der empirischen Forschung insgesamt. Die Verknüpfungen zwischen Bildungspolitik, Bildungsforschung und Bildungspraxis sind enger geworden. Zum Glück, wie ich finde. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass der überwiegende Teil der Bildungswissenschaften heute angewandt ist. Im Gegenteil, viele Lehrkräfte beklagen, dass die Bildungswissenschaften immer noch zu weit entfernt sind von ihrem Alltag, zu abgehoben.

    Münch: Wir haben es mit einem Monopol zu tun. Pisa hat auf globaler Ebene betrachtet die Daten und trifft bei ihrer Erhebung und Verarbeitung Selektionsentscheidungen, wodurch das, was als Bildung gilt, definiert wird. Und genau hier, in dieser engen Konzentration auf die Basiskompetenzen, liegt die Verknüpfung zur politischen Agenda, die einen Namen hat: New Public Management. Sie definiert das datengetriebene Kontrollregime, das ich vorhin beschrieben habe.

    Wer setzt diese Agenda?

    Münch: Dahinter stehen die Pisa-Macher, aber auch Ökonomen sind maßgeblich beteiligt. Man möchte ein System etablieren, in dem man das Versprechen von mehr Autonomie an umfangreiche Kontrollen bindet. Das ist in anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung genauso, auch an den Hochschulen gilt das.

    Schleicher: Das New Public Management ist keine Erfindung der OECD, sondern entstand bereits in den achtziger Jahren, als noch keiner an Pisa dachte. Einen Kritikpunkt möchte ich aber annehmen: Die Tests haben im Moment einen zu engen Kompetenzbegriff als Grundlage, also einen zu starken Fokus auf Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften. Das ist aber ein gutes Beispiel für den geringen Einfluss des OECD-Generalsekretariats im Verhältnis zu unseren Mitgliedstaaten. Hätten wir mehr zu sagen, würden wir mehr Gewicht auf soziale und emotionale Kompetenzen legen.

    Stimmen Sie mit der These von Herrn Münch überein, dass Pisa als Ganzes mäßig erfolgreich war?

    Schleicher: Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Vor 2000 gab es in Deutschland keine Debatte über frühkindliche Förderung in den Kitas, dafür gab es viele Leute, die sagten: „Mütter, die ihre Kinder in den Kindergarten geben, haben nicht deren Bestes im Sinn.“ Und glauben Sie, wir hätten ohne Pisa den Trend zur Ganztagsschule bekommen oder die Bestrebungen, Schüler mit Migrationshintergrund besser zu fördern? Vor Pisa haben die Bildungspolitiker auch hierzulande geglaubt, sie wüssten, was sie tun. Weil sie es immer schon so gemacht hatten und nichts anderes kannten. Der Status quo hat bis heute viele Unterstützer im Bildungssystem, und den hat Pisa in Frage gestellt.

    Münch: Ja, aber um welchen Preis? Viele Länder sind nach 2000 in Richtung New Public Management umgeschwenkt und haben seitdem ausgerechnet in den Pisa-Tests immer schlechtere Leistungen erzielt. Großbritannien ist ein sehr gutes Beispiel dafür.

    Schleicher: Es ist aber doch genau andersherum! Pisa hat die Methoden des New Public Managements in der Bildung eher in Frage gestellt, wie Sie selbst sagen, wenn Sie auf die schlechteren Ergebnisse Großbritanniens verweisen.

    Herr Schleicher, Herr Münch kritisiert in seinem Buch, die OECD rede viel von der Autonomie der Schulen, doch faktisch habe Pisa dazu beigetragen, dass die Autonomie der Schulen geschrumpft sei.

    Schleicher: Genau deshalb ist es schön, wenn man Daten hat. Die Frage lässt sich empirisch klar beantworten: Die Freiräume der Schulen in Deutschland sind in den vergangenen 20 Jahren deutlich gewachsen. Nicht in allen Bundesländern gleichermaßen, aber in der Regel haben die Schulleitungen heute ein Mitspracherecht bei der Einstellung neuer Lehrer und auch bei der Frage, wen sie befördern wollen. Die Schulen können ihren Unterricht freier gestalten, die einzelnen Lehrkräfte können ebenfalls mehr selbst entscheiden.

    Münch: Mal ehrlich, welche Freiheitsgrade haben Entscheidungen, die Schulen treffen, weil sie sich im Wettbewerb mit anderen befinden? Real bedeutet das Konzept der „eigenverantwortlichen Schule“ einen viel höheren Aufwand an Berichten, Dokumenten und Evaluationen. Echte, professionelle Autonomie würde bedeuten, dass man die natürliche Autorität der Lehrerinnen und Lehrer gelten lässt, dass man ihnen Freiheit lässt bei der Umsetzung des Curriculums.

    Die Fragen stellte Martin Wiarda.

  • Bildung und Wissen: Schluss mit Gleichmacherei und Niveauverlust

    Heute (2. März 2019) ist in der Beilage der „jungen Welt“ ein bemerkenswertes Interview mit Hans Peter Klein, einem der Protagonisten der Initiative „Bildung und Wissen“Link.

    Viele Kritikpunkte kann ich teilen, aber letztlich ist es ein Sammelsurium von Klagen über das Ende der schön hierarchisch geordneten Bildungswelt. Auf jeden Fall lohnt sich eine differenziertere Auseinandersetzung, um zu einer vorwärts gewandten Kritik der Entwicklung des Bildungssystems und zu einem linken Bildungsverständnis zu kommen.

  • Mehrwert Bildung? Ökonomisierung im Feld der Schule. Eine Studie von Thomas Höhne

    Thomas Höhne hat für den Gesprächskreis Bildungspolitik eine Studie zur Ökonomisierung im Feld der Schule erarbeitet. Die komplette Studie kann hier als pdf runtergeladen werden.

    Die «Privatisierung der Welt» – so lautet der Titel eines Buchs (Huffschmid 2004), in dem die globalen Ausmaße politischer Deregulierung und die umfassende kapitalistische Expansion und «Landnahme» (Dörre 2009) deutlich gemacht werden. Dies betrifft nicht nur einzelne nationalstaatliche Sektoren wie Gesundheit, Rente oder Arbeitsmarktpolitik, sondern zunehmend auch den Bildungsbereich (ebd.: 140–175). Die Privatisierung öffentlicher Güter stellt zugleich eine globale Enteignung dar, die sich in der Umverteilung von öffentlichem hin zu privatem Kapital widerspiegelt. Weltweit befindet sich öffentliches Vermögen gegenüber privatem Kapital auf dem Rückzug. […]

    Auch im Bildungsbereich werden ähnliche Tendenzen beobachtet, für die Begriffe wie «Global Education Industry » (Verger et al. 2016), «bildungsindustrieller Komplex» (Münch 2018) oder «Ökonomisierung» (Höhne 2015; Radtke 2009) stehen. Mit dem Ökonomisierungsbegriff werden zunächst zwei zentrale Aspekte in den Vordergrund gerückt: Zum einen der Aspekt der Expansion ökonomischer (Tausch-)Logiken in nichtökonomische Bereiche der Gesellschaft und zum anderen die damit einhergehende Veränderung des Werts eines öffentlichen Guts – seien es Gesundheit, Wasser, Wohnen, Arbeit oder eben auch Bildung.

    Thomas Höhne ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Er lehrt und forscht insbesondere zu den gesellschaftlichen, politischen sowie rechtlichen Grundlagen von Bildung und Erziehung.

    Inhalt:

    Einleitung: Die Privatisierung der Welt im 21. Jahrhundert und der Mehrwert der Bildung

    1 Ökonomisierung, Rationalisierung und Gesellschaft

    • 1.1 Ökonomisierung und Rationalisierung

    2 Erweiterter Ökonomisierungsbegriff

    3 Bildung und Ökonomisierung

    • 3.1 Zur Autonomie des Bildungsfelds
    • 3.2 Kriterien und Formen von Ökonomisierung

    4 Fallbeispiele zur Ökonomisierung und Privatisierung von Bildung

    • 4.1 Formen der Privatisierung von Bildung
    • 4.2 Fallbeispiel: Quasi-Markt
    • 4.3 Fallbeispiel: Public-private-Partnership
    • 4.4 Fallbeispiel: Kompetenzen und Employability
    • 4.5 Fallbeispiel: Stiftungen

    5 Offene Fragen, Forschungsperspektiven und Ausblick

    Literatur

     

    Für den Dropbox-Ordner des Gesprächskreises zum Thema Ökonomisierung einfach hier klicken.