GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Aktuelles

  • Bitte um Mitarbeit beim „Krisenbuch Schule“ – Beiträge von Lehrkräften u.a. Schulbeschäftigten, aber auch von Schüler*innen und Eltern sind gefragt

    Krisenbuch Schule 

    Bitte um Mitarbeit

    Beiträge von Lehrkräften u.a. Schulbeschäftigten,
    aber auch von Schüler*innen und Eltern sind gefragt

    Mit dem Krisenbuch Schule will die Rosa-Luxemburg-Stiftung die Stimmen von Menschen hörbar und Erfahrungen erlebbar machen, die an Schulen beschäftigt sind bzw. mit ihnen zu tun haben:  Lehrkräfte, Erzieher*innen im Ganztag, Schulsozialarbeiter*innen, Schulleitungen, Schüler*innen und Eltern. Sie sollen von ihrem ganz persönlichen, häufig sehr herausfordernden Alltag berichten, davon, wie sie den Mangel an Lehrkräften und Erzieher*innen erleben.

    Die Subjektivität der Berichte ist dabei gewollt: die O-Töne machen die Herausforderungen, Erfahrungen von Überforderung und Unsicherheit plastisch und erfahrbar. Deutschlands Schulmisere wird damit auf eine unmittelbare Art sichtbar.

    Zum Gelingen dieses Vorhabens möchten wir von Lehrkräften u.a. Schulbeschäftigten, aber auch von Schüler*innen und Eltern wissen, wie sich Ihr Schulalltag darstellt, vor welchen Herausforderungen Sie stehen, welche Erfahrungen und Erlebnisse Sie gemacht haben. Die Statements werden anonym und unverändert, ggf. gekürzt im Krisenbuch veröffentlicht.

    Ziel des Krisenbuchs Schule ist es, den Druck auf (Bildungs)Politik in Bund, Ländern und Kommunen zu erhöhen, das marode Bildungssystem in Deutschland zu verändern, mit ausreichendem Personal und Finanzen auszustatten und es Kindern und Jugendlichen besser zu ermöglichen, durch eine gute Bildung die Voraussetzungen für demokratische und gesellschaftliche Teilhabe zu erwerben. Und es soll durch Offenlegung der Missstände an Schulen ermutigen, sich zu vernetzen, sich gegen Zumutungen zur Wehr zu setzen.

    Das Krisenbuch Schule stellt das Pendant des gerade veröffentlichten Kita-Krisenbuchs dar.

    Gerahmt werden Statements durch eine allgemeine Einleitung, die den Bildungsnotstand nochmal in seinen wesentlichen Dimensionen (Unterfinanzierung, unzureichende Kompetenzvermittlung, herkunftsbezogene Ungleichheiten) beschreibt und die aktuellen Konsequenzen aufzeigt, sowie durch abschließende bildungspolitische Forderungen und Vorschläge, wie Abhilfe beim Bildungsnotstand geschaffen werden kann.

    Bitte schicken Sie Ihre Statements bis zum 31.5.2025 (ca. 3.000 Zeichen)
    an folgende Emailadresse:
    krisenbuch-schule@rosalux.org

    Vielen Dank für Ihre Mitwirkung! Das Krisenbuch Schule wird voraussichtlich im IV. Quartal erscheinen und dann auch auf der Website der RLS abrufbar sein.

    Berlin, März 2025

    Dr. Katrin Schäfgen, Referentin für Bildungspolitik

  • Weiterführende Literatur zum Projekt „Schulpolitik der AfD“ und Tipps für die Schulpraxis

    Wir haben kürzlich mit Line Saur und Moritz Gawert über die Schulpolitik der AfD diskutiert. Einen Bericht zur Veranstaltung findet ihr hier. Auf Wunsch der Teilnehmenden stellen wir nun eine Liste mit vertiefender Literatur zur Verfügung und danken dafür den beiden Mitarbeitenden des Projekts.

    Für aktuelle Infos zum Projekt SAHe der Uni Augsburg:

    https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philsoz/fakultat/paed-vergleichende-bildungsforschung/projekte/#PublikationenSAHe

    Herausgeberschaften:

    Matthes, Eva & Nikolai, Rita (Eds.). (2024). Bildung und Erziehung 77 (4): Themenheft „Rechtspopulismus und Schule“. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 

    Zeitschriftenbeiträge:

    Gawert, Moritz, Saur, Line, & Nikolai, Rita (2025). Schulsport als Politikum?! – Eine inhaltsanalytische Auswertung parteipolitischer Dokumente der AfD. sportunterricht: Monatsschrift zur Wissenschaft und Praxis des Sports mit Lernhilfen, 74(1), 4-8. https://doi.org/10.30426/SU-2025-01-1 

    Gawert, Moritz & Saur, Line (2024). Die Analyse von schulpolitischen Positionen rechtspopulistischer Akteur*innen in Sozialen Medien – ein methodischer Vorschlag. Bildung und Erziehung, 77(4), 467-482. https://doi.org/10.7788/buer-2024-770406 

    Nikolai, Rita & Feldengut, Celine (2024). Rechte Christ*innen und Schule: schulpolitische Positionen in den Debatten um den Bildungsplan in Baden-Württemberg und ihre Anschlussfähigkeit an rechtspopulistische Narrative. Bildung und Erziehung, 77(4), 451-466. https://doi.org/10.7788/buer-2024-770405 

    Nikolai, Rita & Matthes, Eva (2024). Rechtspopulismus und Schule – Einleitung zum Themenheft. Bildung und Erziehung, 77(4), 395-400. https://doi.org/10.7788/buer-2024-770401 

    Nikolai, Rita, Gawert, Moritz, & Saur, Line (2024). The Alternative for Germany and its school policy positions. On Education: Journal for Research and Debate, 7(20). https://doi.org/10.17899/on_ed.2024.20.5 2 

    Weiter Veröffentlichungen zur Diskussion: 

    Unter dem Link findet sich eine Handreichung des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, in der unter anderem der Umgang mit dem Beutelsbacher Konsens in Schule und Unterricht thematisiert wird: 

    Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (2020): Positioniert euch! Was politische Bildung darf. Eine Handreichung für Schule und Unterricht. [Link: https://li.hamburg.de/resource/blob/658218/79d931806d0e88aae9a4171acb05d231/positioniert-euch-data.pdf]. 

    Zu diesem Thema gibt es auch ein Interview mit Prof. Dr. Michael Wrase in der Zeitschrift Bildung und Erziehung: 

    Forum. Interview mit Prof. Dr. Michael Wrase. In: Bildung und Erziehung, Band 77, Ausgabe 4, S. 483-488. [Link: https://www.vr-elibrary.de/doi/10.7788/buer-2024-770407]. 

    Hier noch ein Beitrag zum Thema Sexualpädagogik und rechte Politik: 

    Sina Maren Mayer (2024): Kindliche Sexualität als „vage Bedrohung“. Sexualpädagogik zwischen Aufklärung und Positionierung. In: Bildung und Erziehung, Band 77, Ausgabe 4, S. 418-433. [Link: https://www.vr-elibrary.de/doi/10.7788/buer-2024-770403]. 

  • Veranstaltungsbericht: Schulpolitik im Bundestagswahlkampf

     Schulpolitik im Bundestagswahlkampf

    Diskussion mit Line Saur und Moritz Gawert 

    Bildung ist ein zentrales Feld politischer Einflussnahme. Das wissen alle Parteien, und auch die AfD nutzt dieses politische Feld, um Themen zu setzen, Diskurse zu beeinflussen und Lehrkräfte einzuschüchtern. Mittlerweile ist die AfD in 15 von 16 Landtagen vertreten und nutzt ihre parlamentarische Macht, um rechte Ideen und Vorstellungen zu normalisieren und letztlich bildungspolitisch wirken zu können. Welche Strategien die AfD dabei nutzt und welche Themen besonders relevant sind, untersuchen Line Saur und Moritz Gawert an der Uni Augsburg in einem neuen Projekt.

    Der Rechtsruck in der Bildungspolitik ist kein ausschließlich deutsches Phänomen. Das machten die beiden ReferentInnen deutlich,  die  an einem dreijährigen DFG-finanzierten Projekt arbeiten.  Auch international gewinnen rechte Kräfte an Bedeutung, zuletzt in den USA, wo Konservative und Evangelikale schon lange das Feld der Schulpolitik nutzen, um Ängste zu schüren oder in ihren Augen problematische Bücher – wie das „Tagebuch der Anne Frank“ – aus den Schulbibliotheken zu entfernen, beispielsweise in Florida. Dabei spielt der Prozess des „democratic backsliding“ eine Rolle, bei dem demokratische Institutionen von antidemokratischen Akteur:innen ausgenutzt werden, um diese von innen zu schwächen. In Deutschland ist beispielsweise bei der konstituierenden Sitzung im Thüringer Landtag deutlich geworden, wie gefährlich die Macht rechter Parteien wie der AfD sein kann, auch ohne, dass diese Regierungsverantwortung tragen, wenn Prozesse, die bisher „immer einfach funktioniert“ haben, von der AfD plötzlich infrage gestellt werden.

    Ein zentrales Ziel der AfD ist die Beeinflussung von Lehrplänen, um ihre ideologische Agenda durchzusetzen. Zudem setzt sie Lehrkräfte gezielt unter Druck, indem sie den Begriff der „Neutralität“ instrumentalisiert und Meldeportale schafft, um angebliche politische Voreingenommenheit an Schulen zu denunzieren. Auch auf struktureller Ebene versucht die AfD, Bildungsinstitutionen zu durchdringen, etwa durch Klagen, um in Gremien der Landeszentralen für politische Bildung aufgenommen zu werden und ihre Themen in der politischen Bildung unterbringen zu können.

    Im Projekt der Uni Augsburg wird die AfD als extrem rechte und populistische Partei eingeordnet, deren Politik an reale strukturelle Probleme im Bildungssystem anknüpft, diese jedoch stark emotionalisiert und verzerrt darstellt. Ihr Rechtspopulismus fungiert als Brücke zwischen der rechten Mitte und der extremen Rechten. Die Partei nutzt rhetorische „Tricks“, die bereits Theodor W. Adorno in seiner Schrift „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ analysierte. Auch Leo Löwenthal hat die Strategie der Rechten früh erkannt: Sie dockt an systemimmanente Probleme unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung an, ohne die realen Widersprüche zu benennen oder konstruktive Lösungen anzubieten. Löwenthal schreibt über die Gefühle, an die Populist:innen andocken: „Diese Gefühle können weder als willkürlich noch als gekünstelt ignoriert werden, sie sind grundlegend für die moderne Gesellschaft. Mißtrauen, Abhängigkeit, Ausgeschlossensein und Enttäuschung vermischen sich zu einem Grundzustand des modernen Lebens: der Malaise, des Unbehagens.“ (Löwenthal (2021): Falsche Propheten, S. 37). Deshalb bringt es wenig, der AfD nur positive Erzählungen entgegenzusetzen, ohne die realen gesellschaftlichen Probleme ernst zu nehmen und echte politische Lösungen anzubieten. Ein realpolitisches Beispiel dafür ist die PISA-Studie, welche komplexe Probleme des deutschen Schulsystems aufzeigt, von der AfD aber genutzt wird, um nationalistische Erzählungen zu stärken und unterkomplexe Lösungen zu empfehlen. Für die AfD ist die Migrationspolitik die Wurzel allen Übels, auch in der Bildung, weshalb sie mit Slogans wie „Migration ruiniert unsere Schulen!“ Wahlkampf macht.

    Ein besonders wichtiges Mobilisierungsinstrument der AfD ist die Schule als Ort der ideologischen Auseinandersetzung, als vermeintlicher Ort linker Hegemonie und Umerziehung. Dabei setzt die AfD auf eine stark emotionalisierte Darstellung pädagogischer Inhalte, die Ängste schürt und Feindbilder schafft. Besonders in den sozialen Medien hat die AfD eine hohe Reichweite und inszeniert sich über Plattformen wie Facebook, TikTok und YouTube gezielt als Stimme gegen eine vermeintliche „Indoktrination“ an Schulen.

    Ein zentrales Feindbild ist die Sexualpädagogik. Die AfD lehnt Sexualaufklärung in Kita und Grundschule ab und spricht in diesem Zusammenhang von „Frühsexualisierung“ – ein Begriff, der pädagogisch nicht fundiert, sondern ein rechter Kampfbegriff ist. Die Partei konstruiert ein Bedrohungsszenario, in dem Kinder vermeintlich sexuellen Einflüssen ausgesetzt und in ihrer Identität verunsichert werden sollen. Sie propagiert ein heteronormatives Familienbild, in dem nur die traditionelle Familie aus Vater, Mutter und Kind als erstrebenswert gilt. In aktuellen rechten Erziehungsratgebern ist beispielsweise bei einer Aktivistin der rechtsextremen Identitären Bewegung nachzulesen, wie die aktuell gehypte Bindungstheorie genutzt wird, um die Bedeutung der Bindung zur Mutter zu betonen und so ein traditionelles Familienmodell zu propagieren. Zugleich stellt die AfD das Recht auf Abtreibung infrage und lehnt auch in diesem Bereich Aufklärung im Bildungssektor ab. Die AfD arbeitet dabei eng mit religiös-konservativen Gruppen zusammen. Moderne Forschung betont entgegen der politischen Forderungen der AfD, dass Kinder von Geburt an sexuelle Wesen sind und eine entwicklungsadäquate Aufklärung notwendig ist, um Körperbewusstsein, emotionale Kompetenz und soziale Interaktion zu fördern. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden von der AfD populistisch verkürzt, um bildungspolitische Stimmung zu machen: So wurde beispielsweise in Berlin eine Kampgange gestartet, in der die Forderung, kindlicher Sexualität Raum zu geben, wörtlich genommen und ein Angstszenario vor angeblichen „Masturbationsräumen“ in Kitas erschaffen wurde. Auch, wenn solche Räume von niemandem gefordert wurden, verändern solche Fake News den Diskurs.

    Ein weiteres strategisches Instrument der AfD ist die Forderung nach politischer Neutralität in der Schule, die sie mit dem Beutelsbacher Konsens begründet. Tatsächlich wird der Begriff der „Neutralität“ dort jedoch nicht verwendet. Vielmehr wird dort ein auf Kontroversität angelegter Unterricht gefordert. Lehrkräfte sind dazu angehalten, Themen, die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, auch in der Schule zu diskutieren. Dabei sollen Lehrkräfte durchaus selbst Position beziehen, sie dürfen jedoch ihre Schüler:innen damit nicht überwältigen,. Dennoch sind viele Lehrkräfte verunsichert, weil sie dem Missverständnis der Neutralität aufsitzen.Die AfD nutzt das Schlagwort der politischen Neutralität, um Lehrkräfte weiter einzuschüchtern. Beispielsweise wurde in Hamburg eine Online-Meldeplattform eingerichtet, auf der vermeintliche Verstöße gegen das „schulische Neutralitätsgebot“ gemeldet werden sollten. Aktionen wie diese tragen zur Verunsicherung unter Lehrkräften bei.

    In der Schulpolitik werden Migration und Multikulturalismus als Bedrohung für „unsere Kinder“ dargestellt. Die Partei setzt gezielt auf affektive Ansprache, indem sie Eltern und Großeltern adressiert und Bilder von einer vermeintlich „importierten Verrohung“ zeichnet, die „unsere Kinder“ gefährden würde. Die tatsächlichen Ungerechtigkeiten des Schulsystems lässt die AfD dabei außer Acht: Während sie einerseits Chancengleichheit im Bildungssystem betont, setzt sie gleichzeitig auf ein biologistisches Begabungsverständnis, das soziale Faktoren weitgehend ausblendet. Sie fordert schulische Teilhabe durch Maßnahmen wie kostenlose Mittagessen oder Schulkleidung, verschärft jedoch durch ihren Fokus auf Leistung bestehende Ungleichheiten. Zudem beruft sie sich auf den deutschen Idealismus und die Bildungsideale Humboldts, verfälscht sie jedoch, um ihre kulturhistorischen Bezüge zu legitimieren und ihre nationalistische Erzählung von Deutschland als Kulturnation zu stützen.

  • Heidi Reichinnek und Ronja Jelena Filiz sprechen über Alltag und Krise des Deutschen Schulsystems

    Unser Bildungssystem steckt in der Krise – marode Schulen, überlastete Lehrkräfte und eine Politik, die wegschaut. Heidi Reichinnek spricht mit der Lehrerin Ronja Jelena Filiz über den Alltag an unseren Schulen, die Ungerechtigkeiten im Bildungssystem und warum es dringend Veränderung braucht!

    Wir kämpfen für kleinere Klassen, bessere Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte und eine Schule, die allen Kindern die gleichen Chancen bietet – weil Bildung keine Ware, sondern ein Grundrecht ist!

     

    Hier findet ihr Ronja auf Instagram und Tiktok!
    / ronjajelenafiliz
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  • Online-Diskussion am 24.3.25: Der Mythos der „multiprofessionellen“ Teams. Wie Teamarbeit in der Schule wirklich gelingen kann – Mit Martina Zilla Seifert

    Der Mythos der „multiprofessionellen Teams“.

    Wie Teamarbeit in der Schule wirklich gelingen kann

    Wann? 24.3.25, 18 Uhr
    
    
    Wo? per Zoom, Link: https://us02web.zoom.us/j/87238904339
    
    Meeting-ID: 872 3890 4339
    
    

    Schulische Bildung benötigt dringend Transformation, denn der Erfolg des bundesdeutschen Bildungssystems ist allenthalben z.B. immer wieder durch erschreckende Pisaergebnisse in der Diskussion. Das mulitprofessionelle Team, so Verlautbarungen aus Wissenschaft und Bildungsadministration, verspricht mindestens Linderung und wird zu oft als DIE Intervention ausgegeben, um eine erfolgreiche Schulentwicklung in Gang zu setzen. Martina Zilla Seifert wirft in der Veranstaltung die Frage auf, wieviel Mythos mit der Wirksamkeit multiprofessioneller Teams verbunden ist und wie bisherige Arbeitsplatzbeschreibungen .B, von Sozialarbeiter- und SozialpädagogInnen dafür sorgen, dass Schulen im Unterricht noch so agieren, wie vor 100 Jahren. Dass es andere Wege der Implmentierung von professionellen Lerngemeinschaften / Teamarbeit in Schule geben kann, wird am Beispiel der Green Gesamtschule Duisburg, die 2021 für ihr Teammodell den Deutschen Schulpreis spezial erhalten hat, vorgestellt und mit notwendigen Forderungen z.B. einer anderen Bemessung der LehrerInnenarbeitzeit verbunden.

     

    Martina Zilla Seifert ist ehemalige Schulleiterin der Green Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen, ein sogenannter „Problembezirk“, und weiß daher genau, wie das System Schule funktioniert. Unter ihrer Leitung gewannt die Schule den deutschen Schulpreis – was Martina nicht nur freut, ändert sich sich doch durch solche Preisverleihungen an den systematisch angelegten Ungerechtigkeiten herzlich wenig. Sie engagiert sich seit Jahren für eine gerechte Bildungspolitik: Nicht nur im Gesprächskreis, sondern auch in zahlreichen Bündnissen, zum Beispiel für eine „Bildungswende Jetzt“. Aktuell ist sie Lehrbeauftragte an der Ruhr Universität Bochum im Fach Bildungswissenschaften und unterrichtet angehende Lehrkräfte mit den Schwerpunkten Kooperatives Lernen und Schulen in sog. herausfordernden Lagen.

  • „Wie kann man so ignorant sein?“

    fragt die Spiegel-Autorin Silke Fokken in ihrem Bildungsnewsletter mit Blick auf die sträfliche Vernachlässigung von Bildung, wie sie ihr bei Durchsicht der Wahlprogramme aufgefallen ist. Was sie über die Linke schreibt ist auch nicht falsch. Die Hälfte der Kinder ohne ausreichende Grundfertigkeiten im Lesen und Schreiben – auch ein Nährboden für rechte Propaganda und Demokratiefeindlichkeit. Andere Themen: Lehrkräftemangel, warum so viele Lehrer hinschmeißen, warum das Startchancen-Programm unzureichend ist, was der AfD-Stand auf der Didacta zu suchen hatte, wie gute Bildung in der Einwanderungsgeselllschaft aussehen müsste. Also, schaut euch den Spiegel-Newsletter an!

  • Der Gesprächskreis diskutiert: Schulpolitik in den Bundestagswahlen

    Die Mitglieder des Gesprächskreises diskutieren am 17. Februar um 18 Uhr untereinander und mit externen BildungsforscherInnen darüber, mit welchen bildungspolitischen Positionen  Parteien in den Bundestagswahlkampf gehen. Dazu haben wir Mitarbeiterinnen eines DFG-Projektes an der Uni Augsburg eingeladen​, die vor allem rechte Positionen untersucht haben. Diese Veranstaltung ist gesprächskreis-intern. InteressentInnen, die gern mitdiskutieren wollen, melden sich unter gk.bildungspolitik@rosalux.org.
  • Veranstaltungsbericht: „Erziehung zur Kriegstüchtigkeit“ mit Thomas Gesterkamp

    Erziehung zur Kriegstüchtigkeit

    Thomas Gesterkamp beschäftigte sich mit der zunehmenden Militarisierung des Bildungssystems und dem wachsenden Einfluss der Bundeswehr auf Schulen in Deutschland. Im Fokus stand die Frage, ob Schulen Jugendliche eher auf „Kriegstüchtigkeit“ oder auf demokratische Handlungsfähigkeit vorbereiten sollten. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs, der sogenannten „Zeitenwende“ und der Personalprobleme der Bundeswehr wurde kritisch diskutiert, wie weit die militärische Präsenz in Schulen gehen darf.

    Ein zentraler Kritikpunkt ist die verstärkte Werbung der Bundeswehr an Schulen. Im Jahr 2023 besuchten Soldaten über 5.500 Schulen und erreichten dabei rund 120.000 Schüler und Schülerinnen. Die Bundeswehr argumentiert, dass sie lediglich sachliche Informationen über Karrieremöglichkeiten und ihre Aufgaben vermittelt. Gesterkamp und einige Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer sehen darin aber die Absicht, SchülerInnen für den Dienst an der Waffe zu gewinnen und die jungen Menschen einseitig zu beeinflussen. Diese Kritik richtet sich insbesondere an die rhetorisch geschulten Jugendoffiziere der Bundeswehr, die oft ohne eine Gegenstimme von Pazifistinnen oder Kriegsdienstverweigerern auftreten.

    Dadurch, so die Kritiker, wird der Beutelsbacher Konsens verletzt, der die Möglichkeit zur kontroversen Diskussion in der politischen Bildung vorsieht.
    Ein besonders krasses Beispiel ist das neue bayerische Gesetz zur Förderung der Bundeswehr, das im August 2024 in Kraft trat. Es verpflichtet Schulen, Jugendoffiziere einzuladen, ohne eine gegensätzliche Perspektive sicherzustellen. Kritiker vergleichen dies mit dem früheren Wehrkundeunterricht in der DDR und sehen darin eine gezielte Militarisierung des Bildungssystems. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und andere Organisationen haben Klagen gegen dieses Gesetz eingereicht, da sie es als unvereinbar mit demokratischen Bildungsstandards betrachten.

    Die Veranstaltung beleuchtete auch die breitere gesellschaftliche Militarisierung. Die Sprache hat sich zunehmend militarisiert, mit Begriffen wie „Kriegstüchtigkeit“, „Heldenmut“ und „Zweifrontenkrieg“, die wieder verstärkt in Medien und Politik verwendet werden. Zudem wird von einer „Heimatfront“ gesprochen, die darauf abzielt, die Bevölkerung mental auf Krieg vorzubereiten. Dazu gehören auch staatliche Appelle zur Vorratshaltung von Lebensmitteln, Pläne für Nato-Transporte durch Deutschland und Überlegungen zur Nutzung von Kellern als Schutzräume.

    Ein weiterer Schwerpunkt war die umfassende Werbestrategie der Bundeswehr, die jährlich 35 Millionen Euro kostet. Mit Plakaten, Kino-Spots und Präsenz auf Berufsorientierungsmessen wirbt sie gezielt um junge Menschen, oft mit Versprechen wie kostenlosen Führerscheinen, Abenteuern und Karrieremöglichkeiten. Kritiker betonen, dass dies vor allem Jugendliche aus weniger privilegierten sozialen Schichten anspricht, die solche Angebote als Chance sehen. Diese Strategie sei besonders problematisch, da sie soziale Ungleichheiten verstärke und junge Menschen einseitig in Richtung Militär lenke.

    Gleichzeitig gibt es eine Bewegung gegen diese Entwicklung. LehrerInnen, Gewerkschaften wie die GEW und Friedensorganisationen setzen sich für eine stärkere Friedenserziehung ein. Sie fordern, dass Schulen Schülern die Möglichkeit geben müssen, sich kritisch mit Militarisierung, Krieg und Demokratie auseinanderzusetzen. Die GEW bietet dazu Materialien und pädagogische Unterstützung an. Es wird auch betont, dass die Lehrkräftebildung verstärkt auf solche Themen eingehen sollte, um Pädagogen und Pädagoginnen besser auf den Umgang mit einseitiger Beeinflussung durch die Bundeswehr vorzubereiten.

    Einige RednerInnen betonten die historische Rolle der Friedensbewegung in Schulen und äußerten die Hoffnung, dass diese Tradition wiederbelebt wird. Schulen sollten Orte der kritischen Reflexion bleiben und keine Plattformen für einseitige Militärwerbung werden. Die Diskussion endete mit der Warnung, dass die Militarisierung der Gesellschaft weiter zunehmen könnte, wenn keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Dies sei nicht nur eine Herausforderung für Schulen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft, die sich entscheiden müsse, ob sie Krieg oder Frieden als Normalität in der Bildung vermittelt.

     

  • „Man lernt wenigstens Coolness und Stolz“ – Veranstaltungsbericht „Ausgrenzungsapparat Schule“ mit Stefan Wellgraf

    Die „gesellschaftliche Produktion von Verachtung“ ist die mehr oder minder heimliche Agenda der Schule – das ist die These von Stefan Wellgraf, Soziologe an der Humboldt-Universität. Nicht nur in seinem Buch „Ausgrenzungsapparate Schule“ hat er sich damit auseinandergesetzt – hier untersucht er vor allem den institutionellen Rahmen und beleuchtet ihn in Interviews mit Schülerinnen, sondern auch in den beiden vorher erschienenen Büchern „Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung.  Und „Schule der Gefühle. Zur emotionalen Erfahrung von Minderwertigkeit in neoliberalen Zeiten“ setzt er sich mit diesem Thema auseinander.

    Anhand von Untersuchungen und Interviews in Berliner Schulen mit „abgehängter“ sozioökonomischer Nachbarschaft, legte Stefan Wellgraf mit seinem Vortrag zu seinem Buch „Ausgrenzungsapparat Schule“ noch einmal den Finger in die Wunde des deutschen Bildungssystems, nämlich dass dessen soziale Selektivität dazu führt, dass ganze Schichten der Bevölkerung durch Ausgrenzung im Bildungsbereich um Lebenschancen beraubt werden. Diese Tatsache  ist eng mit der historischen Funktion von Bildungsinstitutionen als Mittel zur Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen verknüpft. Soziale und kulturelle Kapitalvorteile begünstigen privilegierte Schüler*innen, da Leistungskriterien an die Werte dominanter Schichten angepasst sind. Dies führt zur Verinnerlichung sozialer Ungleichheiten.

    Das deutsche Schulsystem orientiert sich an einem unrealistischen Ideal einer homogenen, herkunftsdeutschen und bildungsbürgerlichen Schule. Sprache dient als zentrales Ausgrenzungsmittel, wobei der „monolinguale Habitus“ postmigrantische Gruppen benachteiligt. Gleichzeitig bietet das Schulsystem außerhalb des Gymnasiums kaum attraktive Perspektiven. Es weist Schüler*innen Rollen zu, die der Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen dienen und verschleiert dabei seine Selektionsfunktion.

    Bildungserfolg hängt von der sozialen   Herkunft ab, wobei Kinder aus benachteiligten Schichten und migrantischen Familien strukturell benachteiligt sind. Dies zeigt sich insbesondere in Übergangsentscheidungen zwischen Schulformen und der Überrepräsentation auf niederen Schulzweigen. Der Bildungssektor verschärft soziale Ungleichheit, etwa durch die Maßnahmen zur Pandemieeindämmung, und trägt so zur gesellschaftlichen Spaltung bei.

    Die Annahme, Bildungserfolg basiere allein auf individueller Leistung, verdeckt institutionelle Diskriminierung. Übergangsentscheidungen beruhen häufig auf sozialen Stereotypen. Gleichzeitig wird Verantwortung zunehmend auf die Betroffenen abgewälzt, und soziale Ungleichheit erscheint als persönliches Versagen. HauptschülerInnen sind das Objekt gesellschaftlicher Verachtung. Sie empfinden sich dann selbst als die Dummen, weil sie die Leistungsideologie des Schulsystems verinnerlicht haben. Diese Stigmatisierung dient der Festigung kapitalistischer und patriarchaler Machtstrukturen. Auch die Notengebung, so seine These, dient vor allem der Festigung einer Leistungsideologie, mit der die gesellschaftliche Ungleichheit und Diskriminierung der „Minderbemittelten“ gerechtfertigt wird.

    Das Bildungssystem kann als „Stigma-Maschine“ verstanden werden, die Chancen ungleich verteilt und Niedrigqualifizierte benachteiligt. Der Fokus auf die deutsche Sprache diskriminiert systematisch und prägt bis heute. Insbesondere eine nicht-deutsche Herkunft wird weiterhin problematisiert, eine Praxis, die auf nationalistischen Bildungstraditionen des 19. Jahrhunderts basiert. Auf diese Ausgrenzung reagieren manche Jugendliche, wie man auch aktuell anhand der Israel-Palästina-Diskurse sieht, mit einer Zuwendung zu anderen Nationalismen oder dem Islam und erfahren hier das Zugehörigkeitsgefühl, welches das deutsche Schulsystem ihnen verwehrt.

    Gutwillige Lehrkräfte versuchen SchülerInnen und Eltern einzubeziehen – mit einem Stuhlkreis wird Offenheit und Multikulturalität nur vorgetäuscht wird, nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie den vorgegeben institutionellen Rahmen nicht sprengen, in dem Verachtung und Ausgrenzung vorgegeben sind. SchülerInnen reagierten mit „Coolness“, Langeweile aber auch mit Wut und Aggressivität. So können sie ihren eigenen Stolz entwickeln.

    Lehrer*innen werden in diesem Kontext  in einen moralischen Konflikt getrieben, da sie trotz pädagogischer Ideale unweigerlich zur Reproduktion von Ungleichheiten beitragen. Die Verachtung des Lehrerinnenberufs spiegelt gesellschaftliche Widersprüche wider und dient dazu, Verantwortung für strukturelle Probleme weiterzureichen. Trotz guten Willens zementieren Lehrkräfte oft die bestehenden Hierarchien und Machtverhältnisse.

    In der Diskussion wurden die Befunde, die Wellgraf vortrug, aus der Praxis bestätigt. Aber dieses Schulsystem der Ausgrenzung und Abwertung sowie die Reaktionen darauf mit coolness und vermeintlicher Gleichgültigkeit sei doch die richtige Vorbereitung für „Scheiß-Jobs“ und inferiore soziale Positionen, meinten DiskussionsteilnehmerInnen.

    Der Vortrag regte dazu an, sich mit der Fundamentalkritik und mit den Büchern Wellgrafs weiter zu beschäftigen.

     

    Von Karl-Heinz Heinemann

  • Online-Diskussion am 13. Januar 2025 mit Thomas Gesterkamp: Erziehung zur „Kriegstüchtigkeit“

    Thomas Gesterkamp:

    Erziehung zur „Kriegstüchtigkeit“

     

    Montag, 13. Januar 2025, 18:00-19:30 Uhr Die Bundeswehr hat Personalprobleme. Mit den wachsenden Aufgaben, die nach der „Zeitenwende“ auf sie zukommen, braucht sie noch mehr Personal.

    Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hatte im Februar 2022 gerade erst begonnen, da forderte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), Schulen sollten vermehrt Jugendoffiziere der Bundeswehr einladen, um Kindern den Krieg und die deutsche Sicherheitspolitik zu erläutern. Im Mai dieses Jahres legte sie nach: Schulen sollten Kinder auf einen möglichen Kriegsfall vorbereiten, Zivilschutzübungen einführen und ein „unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr“ entwickeln.

    Wie arbeiten Kultusministerien, Schulen und Bundeswehr zusammen? Wie können Lehrkräfte und Schulen mit diesen Anforderungen umgehen, wenn sie ihrem Auftrag der Friedenserziehung und der Kontroversität gerecht werden wollen?

    Welche Aufgaben stellen sich den Schulen tatsächlich angesichts der Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine und aus anderen Kriegsgebieten?