Hier der erste Beitrag aus unserem Fachgespräch am 28.11.20 unter dem Titel „Was sich nach Corona dringend ändern muss“.

 

Lehren aus Corona- Die soziale Benachteiligung im Schulwesen überwinden

Der falsche bildungspolitische Fokus

Vor und zu Beginn der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Schulschließungen konnte man den Eindruck gewinnen, das Wohl der Bildungsnation Deutschland hinge an „gerechten“ und „vergleichbaren“ Abiturnoten. Keine Woche, in der nicht darüber diskutiert wurde, ob das Abitur zu leicht oder zu schwer gewesen sei und ob das Bayern-Abitur doch sehr viel wertvoller sei als das aus Bremen. Anstatt zu Beginn der Pandemi

GEW-Vorstand Ilka Hoffmann (Foto: Kay Herschelmann)

e alle Kinder und Jugendlichen im Blick zu haben, wurde viel logistischer Aufwand von den Schulen eingefordert, Prüfungen auch während des Lockdowns zu organisieren.

Dass die nationalen und internationalen Bildungsstudien immer wieder eine stabile Gruppe von bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen konstatieren, kümmerte offensichtlich wenig. Daran, dass in der deutschen Schulpolitik offensichtlich ein großer Fokus auf der „Elitebildung“ liegt, hat sich seit 100 Jahren im Prinzip nichts geändert.  So sind letztendlich alle Bestrebungen in der Reichsschulkonferenz 1920 ein demokratisches und gerechtes Schulsystem zu schaffen, an den Interessen des gut situierten Bildungsbürgertums und seinem Bedürfnis nach Exklusivität gescheitert.

Auch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat nicht in ganz Deutschland zu einem strukturellen Umbau des Systems und einer breiten Unterstützung inklusiver Pädagogik beigetragen. Das Problem, dass die größte Förderschulform, „Lernen“, zu einem überwiegenden Teil von Kindern aus benachteiligten Familien besucht wird, gibt kaum Anlass zum Nachdenken. An dem Konstrukt der „Lernbehinderung“ wird festgehalten, auch wenn diese nun in „Förderbedarf Lernen“ umbenannt wurde. Hinzu kommt: Studien ergeben regelmäßig, dass die Förderschule nicht fördert, sondern einen negativen Effekt auf die Kompetenzentwicklung hat. (vgl. Kocaj et al, 2014) Offensichtlich lernen Kinder nicht nur durch „Förderung“, sondern sehr viel mit- und voneinander. Genau dies, dass Kinder verschiedener sozialer und kultureller Herkunft, mit und ohne Behinderung, gemeinsam lernen und gemeinsame Erfahrungen machen, wird durch ein gegliedertes Schulsystem behindert.

Fakt ist: Bildungsbenachteiligung ist in Deutschland zu großen Teilen systemimmanent. Unser Schulsystem führt zu institutionellen Diskriminierungen. Es verstärkt und verfestigt soziale Spaltungen. Einzelne Förderprogramme können diese Effekte allenfalls abmildern.

Bildungsbenachteiligung während der Corona-Pandemie- lang- und kurzfristige Maßnahmen

Die Corona-Pandemie hat die sozialen Spaltungen der bundesdeutschen Gesellschaft besonders deutlich gemacht. Auch Kinder und Jugendliche haben sie sehr unterschiedlich erlebt. Es ist ein großer Unterschied, einen Lockdown in einer engen Wohnung im Plattenbau oder im Eigenheim mit Garten zu verbringen. Auch die Möglichkeiten der Familien, die Kinder und Jugendlichen beim Lernen zu Hause zu unterstützen waren höchst unterschiedlich. Sozial- und Bildungspolitik greifen also sehr eng ineinander.

Bildungspolitisch wird auf den Befund sozialer Benachteiligung meist mit „Programmen“ reagiert. Sei es das „Bildungs- und Teilhabepaket“, spezielle Förderprogramme oder Geld für digitale Endgeräte. Strukturelle Reformen wie die Verbindung von Schulformen werden häufig nur aus demografischer Perspektive auf den Weg gebracht. Die Verknüpfung von Bildungsgängen entfaltet dann oft dennoch positive Effekte auf die Durchlässigkeit des Systems.

Langfristig kann der Bildungsbenachteiligung nur durch tiefgreifende Strukturreformen in Richtung eines personell gut ausgestatteten inklusiven Bildungssystems entgegengewirkt werden. Dass ein Großteil der Entscheidungsträger das Gymnasium durchlaufen haben, an dem es wenige MitschülerInnen mit Behinderungen, mit Fluchterfahrung oder aus armen Verhältnissen gab, beeinflusst ihre Denk- und Handlungsweisen. Minderheiten und Lebensverhältnisse, die von den eigenen häuslichen Erfahrungen abweichen, sind kaum im Blick. Ein gegliedertes Schulsystem führt also zu einer Verarmung sozialer Erfahrung. Dies gilt natürlich auch für das andere Extrem, die Förderschule Lernen, wo Kinder aus prekären Lebensverhältnissen und gebrochenen Lernbiographien unter sich bleiben. Der in der Politik vielbeschworene „soziale Zusammenhalt“ bekommt schon in der Schulzeit tiefe Risse.

Ein so tiefgreifendes gesellschaftliches und strukturelles Problem, lässt sich natürlich nicht allein durch digitale Endgeräte beheben. Kinder und Jugendliche in prekären Lebenssituationen brauchen in erster Linie Unterstützung durch konkrete Personen. Der extreme Lehrkräftemangel führt hier leider zu einer erheblichen Einbuße pädagogischer Qualität. Hier Abhilfe zu schaffen ist indes eher ein längerfristiges Ziel. Deshalb muss in der akuten Krisensituation nach kreativen Lösungen gesucht werden

Einige Schulen haben gute Erfahrungen mit dem Lernen in kleineren Gruppen gemacht. Eine gute Kombination aus Präsenz und Fernlernphasen macht dies möglich. Kinder, die zu Hause keinen Platz zum Lernen haben, sollten vorrangig in die Schule kommen können. Die Präsenzlernphasen sollten intensiv für die Vor- und Nachbereitung der selbstständigen Lernphasen genutzt werden. Das Lernmaterial für Zuhause muss nicht unbedingt nur digital sein. Es sollte so differenziert werden, dass es von den Lernenden ohne Hilfe der Eltern bearbeitet werden kann. Notwendig sind Lerngespräche mit den Lernenden: Was wurde bearbeitet? – Was war besonders gut? – Gab es Schwierigkeiten? Eine solche intensive Lernbegleitung ist nur möglich, wenn der „Stoff“ sowie die Fülle der Leistungsüberprüfungen (Klassenarbeiten, Tests) reduziert werden.

Um den Mangel an Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften etwas auszugleichen, können auch Studierende eingesetzt werden, die einzelne Kinder und Jugendlichen beim Lernen unterstützen und ihnen als GesprächspartnerInnen zur Verfügung stehen. Dialog und Kreativität wären jetzt gefragt – nicht das krampfhafte Festhalten an Strukturen und Routinen, die schon immer benachteiligend gewirkt haben.

Benachteiligungen können aktuell nur in guten, inklusiven Schulen vor Ort abgemildert werden. Eine flächendeckende Wirkung entfaltet indes nur ein Umbau des Gesamtsystems. Denn: So lange es eine Hierarchisierung von Schulformen gibt, gibt es auch ein „Durchreichen“ auf die vermeintlich niedere Schulform. Dies stellt die Schulformen neben dem Gymnasium vor große Herausforderungen. Die gesellschaftliche und soziale Verantwortung sowie die pädagogischen Herausforderungen sind höchst ungleich verteilt. Dies macht zumindest eine bessere personelle und materielle Ausstattung der Schulen in sozial herausfordernder Lage notwendig. Hier braucht es eine gemeinsame Anstrengung von Bund, Ländern und Kommunen, denn es kann nicht sein, dass Kindern ihre Bildungschancen nach Wohnort und Schulform vergeben werden.

Das Bündnis „Eine für alle- Die inklusive Schule für die Demokratie“

Diese Erkenntnis, dass eine Schule für alle die richtige Schule für die Demokratie ist, hat uns 2014 motiviert, das Bündnis „Eine für alle. Die inklusive Schule für die Demokratie“ zu gründen. Im Bündnis sind folgende Verbände und Organisationen vertreten: Aktion Humane Schule, Eine Schule für alle NRW, GGG – Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule. Verband für Schulen des gemeinsamen Lernens, GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), Grundschulverband und Politik gegen Aussonderung. Uns alle eint das Ziel, die Schulstrukturdebatte wieder verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen und nach Wegen zu suchen, das gegliederte und benachteiligende Schulsystem zu überwinden. Wir tun dies durch Tagungen, Pressearbeit und Schriften.

Die Corona-Pandemie wäre aus unserer Sicht ein guter Anlass gewesen, über die strukturellen Diskriminierungen und Benachteiligungen in unserem Schulsystem nachzudenken und Schritte in Richtung eines „krisensicheren“ Bildungssystems einzuleiten. Ein erster Schritt wäre die Verlagerung des Fokus‘ gewesen: Weg von abfragbarem Stoff und Prüfungen hin zum Lernen und zur Bildung für alle. Leider ist dies nicht der Fall gewesen. In zynischer Weise wird das Festhalten am Status Quo mit dem Bildungsrecht begründet. Bildungsbenachteiligungen werden ins Feld geführt, um Ansprüche an den Gesundheitsschutz der Beschäftigten auszuhebeln. Die Politik hatte über 100 Jahre Zeit, um das Thema Bildungsbenachteiligung mutig und beherzt anzugehen. Dass das Thema gerade jetzt „entdeckt“ wird, wenn es gilt, berechtigte Ansprüche der Schulen und Beschäftigten abzuwehren und von Versäumnissen in der Schulbausanierung, der Behebung des Lehrkräftemangels, der Umsetzung der Inklusion sowie der Digitalisierung abzulenken, stimmt schon nachdenklich.

Wir werden keine Ruhe geben. Das System der Diskriminierung und Benachteiligung von einer stabilen Gruppe von Lernenden zu überwinden, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Grundlage jeder Veränderung ist ein Bewusstseinswandel, zu dem wir gerne beitragen möchten.

Literatur und Links:

Kojaj, A./Kuhl, P./Kroth, A.J./Pant, H. A./ Stanat, P.: Wo lernen Kinder mit Förderbedarf besser? Ein Vergleich schulischer Kompetenzen zwischen Regel- und Förderschulen in der Primarstufe. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Heft 66, 2014 (S.165-191)

Publikationen des Bündnisses „ Eine für alle- Die demokratische Schule für die Demokratie“ sind hier auch als PDF-Dateien abrufbar: https://www.gew.de/inklusion/eine-schule-fuer-alle/publikationen/list/

Gemeinsame Erklärung des Bündnisses zur Corona-Pandemie:   „Neue Wege – statt weiter wie bisher!“

Dr. Ilka Hoffmann ist Teil des GEW-Vorstandes und hat davor lange an einer Förder- und einer Gemeinschaftsschule gearbeitet.

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