GESPRÄCHSKREIS BILDUNGSPOLITIK

Kategorie: Corona

  • Weder Coronaferien noch Homeschooling – Einblick in Schule, wie wir sie noch nie erlebt haben

    Schule update – Ein Erfahrungsbericht aus der Gottfried-Kinkel-Grundschule in Bonn

    16.03. bis 19.04.2020

    Freitag der 13.03.2020 wird als historischer Tag in die Geschichte des Landes NRW eingehen. An diesem Tag beschloss die Landesregierung aufgrund des Corona Virus die Schulen zu schließen. Gab es nun ‚Coronaferien‘, Homeschooling oder etwas ganz anderes?
    An der Offenen Ganztagsgrundschule Gottfried Kinkel gab es für uns auf der Grundlage unseres bisherigen Bildungsverständnisses und Ganztagsschulkonzeptes vier Schwerpunkte in dieser besonderen Situation:

    a) Wir halten Kontakt untereinander (Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte), mit den Eltern und vor allem mit den Kindern und gewährleisten damit weiterhin ein beziehungsreiches Lernen.
    b) Wir nehmen allen Beteiligten den Leistungsdruck und bieten offene Lernangebote passend zu den verschiedenen Bildungsbereichen der Bildungsgrundsätze des Landes NRW und zu den Vorgaben des MSB.
    c) Wir führen das selbständige Lernen der Kinder fort und lassen sie an der Entwicklung eigener kreativer Aufgaben für diese Zeit zu Hause partizipieren.
    d) Als Schulgemeinschaft treffen wir Maßnahmen für Kinder in belastenden familiären Situationen, damit für sie diese Zeit möglichst nicht zum Nachteil wird.

    Das Gesamtteam der OGS Gottfried Kinkel (Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte) nahm schnell und verantwortlich diese neue Situation auf. Wir sind im Dienst und große Arbeitspakete in Papierform zum Erarbeiten neuer Inhalte für drei Wochen bzw. seitenweises Abarbeiten von Heften kam für uns nicht in Frage. Unser Ziel war es, unser bisheriges beziehungsorientiertes, individuelles und handlungsorientiertes Lernen auf die neue herausfordernde Situation zu übertragen. Dafür fanden wir in den Möglichkeiten der Digitalisierung Lösungen. In vielen Klassen wurde eine Klassenpost regelmäßig per Mail verschickt. Dort schilderten die Kinder ihre Lernerfahrungen und Erlebnisse zu Hause in Geschichten, Ideen, Lernprodukten und Bildern. Es wurden Wettbewerbe ausgeschrieben, u.a. wer schafft es am längsten die Eltern in Ruhe arbeiten zu lassen. Im Laufe der letzten Wochen trafen sich alle Klassen immer wieder in virtuellen Morgenkreisen, die mit bekannten Abläufen auch von Kindern geleitet wurden. Die Klassenteams aus Lehrkraft und sozialpädagogischer Fachkraft des Jugendhilfeträgers gestalteten diese gemeinsam. Hier wurde gesungen und sich gegenseitig über die Erlebnisse von ‚stay home‘ ausgetauscht. Die Kinder wurden immer sicherer in den Verhaltensregeln des Meetings (Hand heben und stumm schalten) und nutzten teilweise den Chat parallel dazu. Dabei zeigten sich bei einzelnen Kindern für uns ganz unbekannte Stärken, im Umgang mit den sozialen Medien. Die Kinder, Eltern und alle Pädagogen erlebten ganz bewusst den Wert an Schule mit vielen guten Beziehungen, Freunden, hilfreichen Strukturen und viel Lernfreude. So beschrieb ein Kind, dass es beim Videochat mit den anderen Mitschülern/innen ‚Heimweh‘ empfindet. Regelmäßig führten einige Klassenlehrer/innen virtuelle Vorlesestunden am Nachmittag durch. Dies und vieles mehr gab den Kindern eine Tagesstruktur und entlastete die familiären Situationen evtl. mit mehreren Kindern und im Homeoffice enorm: „Vielen Dank, dass Sie mit den Kindern am Nachmittag lesen. Somit konnte ich eine Stunde lang meine Arbeit im Haus und der beruflichen Arbeit nachgehen.“, wie eine Mutter beispielsweise an die Lehrkraft zurückmeldete. Einzelne Kinder schrieben sich eigene Stundenpläne mit kreativen Ideen und im Sinne eines rhythmisierten Ganztages mit Phasen der Ent- und Anspannung (Spielen mit und ohne Medien, Gitarre üben, Besprechen u.a.) und teilten diese mit den ihren Mitschülern/innen. In einer Klasse wurde ein virtueller Elternabend durchgeführt. All dies führte zu einem veränderten Verständnis und einer großen Wertschätzung bei allen Beteiligten. Eltern unterstützten die Lehrkräfte bei der Einrichtung und Einladung solcher Meetings über die verschiedenen Plattformen.

    Unsere regulären Lerngespräche mit jedem Kind alleine wurden telefonisch, per Videoanruf oder per Mail durchgeführt. Dadurch erhielten wir einen Einblick in die Privatsphäre vieler Familien, die Kinderzimmer. Das Vertrauen und die Beziehung zwischen Elternhaus und Schule und den Kindern vertiefte sich. Mit einzelnen Kindern wurde täglich telefoniert, um die Familien bei der Tagestruktur zu unterstützen und die Kinder individuell zu fördern. Die Eltern wendeten sich vertrauensvoll an uns, da die Herausforderung Schülerverhalten nun auf das Elternhaus übertragen wurde und dort zu Konflikten führte. Das Verstehen der jeweiligen Situation des Anderen war das neue Lernen für alle Beteiligten und wird sicher nachhaltig wirken. Gemeinsam wurde überlegt, wie alle Kinder an die Materialien kommen und an den virtuellen Treffen teilnehmen konnten, da nicht alle über digitale Endgeräte verfügten. Kollegen/innen fuhren mit dem Fahrrad zu den Häusern und warfen Post ein oder liehen Tablets aus. In der Schule lagen ausgedruckte Materialien für Eltern ohne Drucker zu Hause. Rückmeldungen aus den Elternhäusern erreichten uns, dass einige Mütter aus Familien mit Fluchterfahrung durch die Lernsettings zu Hause mit ihren Kindern selber viel im Bereich Lesen und Rechnen lernten. Sicher haben wir keine Chancengleichheit erreicht, aber doch viele Maßnahmen zur Chancengerechtigkeit ergriffen und dafür in der Schulgemeinschaft erfolgreich sensibilisiert.

    Lehrkräfte, sozialpädagogische Mitarbeiter des Jugendhilfeträgers und Eltern mit ihren Kindern drehten eigene Erklärvideos und Yoga-Einheiten zum Mitmachen. Diese wurden auf internen youtube Kanälen online gestellt. Stolz schilderten die Kinder dort, was sie alles lernen und wie sie den Tag verbringen, u.a. einen Tag lang mit Lego ein Fahrzeug mit Straßen und Schienen konstruieren. Damit verdeutlichten sie unbewusst einen ganzheitlichen Lernbegriff, der unserem gemeinsamen Bildungsverständnis mit Zeiten des Lernens über den ganzen Tag entspricht.
    Mit dem Ziel, dass der Unterricht nach der Schulschließung wieder ohne großen Vorlauf aufgenommen werden kann, entwickelten die Lehrkräfte einen Pool an Aufgaben (‚Tu was‘) und deckten damit die zehn Bildungsbereiche der Bildungsgrundsätze des Landes NRW ab (Bewegung, Körper, Gesundheit und Ernährung, Sprache und Kommunikation, Soziale und (Inter-)kulturelle Bildung, Religion und Ethik, Mathematische Bildung, Naturwissenschaftlich-technische Bildung, Ökologische Bildung und Medien). Sachaufgaben wurden von Kindern entwickelt und untereinander weitergeleitet, Texte kooperativ entworfen, Tagebücher geschrieben und angeleitete Sportprogramme durchgeführt. Einzelne Kinder schrieben ihre Biografien, pflanzten Blumen im Garten, bastelten Ostergeschenke für die Menschen im ortsansässigen Altenheim. Zum Dank an die Menschen in Berufen der kritischen Infrastruktur spielten und sangen Kinder auf den Balkonen sonntagabends die Ode an die Freude und hingen selbstgemalte Regenbögen in ihre Fenster. Die Kinder wurden angeleitet, diese Zeit auf einer ganzheitlichen Ebene mit einem Fragebogen zu guten Lernorten, zu Experten/innen in den verschiedenen Bereichen (u.a. Medien), zur Gestaltung von Lernzeiten und zum Lernen in geräuschvoller Umgebung zu reflektieren und für ihren Goldschatz (Gottfried Kinkel Lerndokumentation) festzuhalten. Es entstanden eine Verantwortungsgemeinschaft und ein vertiefter Zusammenhalt zwischen allen Beteiligten.

    Auch wir als Gesamtteam nahmen uns die Zeit, auf einer Metaebene unser eigenes Rollenverständnis, unsere eigenen Lernzuwächse im digitalen Bereich in dieser Zeit und die Beziehungsebene zu den Kindern und Eltern bewusst zu machen und für die Weiterarbeit festzuhalten. Wir spürten die direkte persönliche Beziehung mit Kindern und Kollegen/innen und den vertrauten Arbeitsplatz. In der bisherigen beruflichen Arbeit sind uns vier Leitlinien wichtig:

    Wir sind zuversichtlich, unsere Arbeit gut zu schaffen
    Unser Handeln ist sinnvoll
    Wir sind selbstwirksam.
    Wir benötigen die Gemeinschaft.

    In dieser Zeit fehlte uns die Gemeinschaft. Alle anderen Bereiche waren persönlich sichtbar und erlebbar.
    Die Verbundenheit im Kollegium ist in diesen drei Wochen gestärkt worden. Wir schaffen diese neue Herausforderung trotz vieler Ungewissheiten. Dafür war im Leitungshandeln ein Zusammenhalten und Steuern wichtig. In gemeinsamen virtuellen Konferenzen wurden Kommunikationswege ausgetauscht, Absprachen getroffen, good practice Beispiele vorgestellt und über die Plattform Logineo Dienstpläne online gestellt. Die gemeinsam zu sichernde Notbetreuung auch in den Ferien war ein weiterer Schritt zur Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule. Auch hier wurden die Ideen der Kinder aufgegriffen und die Kinder probierten die verschiedenen Lernangebote (Motorik, Musik, Atelier, Medien) in den Themenräumen aus und freuten sich über die enge Beziehung zu ihren Bezugspädagogen auf Abstand. Das Kollegium traf sich zweimal zusätzlich in virtuellen Meetings zu digitalen Fortbildungen. Diese wurden angeleitet durch den Medienbeauftragten und eine Medienpädagogin aus Münster. Dabei wurden die Apps stopmotion, biparcours zur Erstellung einer digitalen Schulralley und die Erstellung eines eigenen youtube – Kanals vorgestellt und erarbeitet. Es entstanden zeitnah beeindruckende, wertgeschätzte und transparente Produkte von Kindern und Lehrkräften. Gemeinsam staunten wir über unsere Kompetenzerweiterung im digitalen Bereich: „Ich traue mir immer mehr zu, auch wenn es mir nicht zufliegt.“, schilderte eine Kollegin.

    Insgesamt zeigte sich durch diese besondere Situation, dass nicht unbedingt alleine die Ausstattung einer Schule entscheidend ist, sondern wie in den Bereichen der Inklusion und der Verzahnung von Jugendhilfe und Schule die Haltung und das gegenseitige Verstehen und Wertschätzen eine große Bedeutung für den Erfolg haben.
    Die wichtigste Erkenntnis ist sicher, dass analoges und digitales Lernen keine Gegensätze sind, sondern wir beides brauchen und einen sinnvollen Einsatz digitaler Medien im Blick behalten müssen. Alles Lernen benötigt fachlichen Austausch, Anstrengung, intrinsische Motivation durch Partizipation und Feedback. Das beziehungsreiche, ganzheitliche Lernen in multiprofessionellen Teams an unserer Schule ermöglichte uns die Bewältigung dieser besonderen Zeit. Unser System wurde heruntergefahren und mit Updates während der Coronazeit neu gestartet. Es waren keine ‚Coronaferien‘ und kein Homeschooling, aber vieles wird das Lernen in Schule bei allen Beteiligten nachhaltig prägen und dabei ist die Weiterentwicklung unserer pädagogischen und didaktischen Ansätze durch das Digitale nur ein Bereich.
    https://www.gottfried-kinkel-grundschule.de/neue-schulfilme-online/

  • Erstmal nur die benachteiligten SchülerInnen zurückholen!

    Offener Brief von ErziehungswissenschaftlerInnen an die KMK vom 20. April 2020

     

    Die Corona Krise ist für alle Schulen und besonders für Eltern und Schüler*innen eine
    große Herausforderung. Viele haben sie bis jetzt mit hohem Engagement, kreativen
    Lösungen und viel gutem Willen bewältigen können. Das gilt allerdings nicht für alle:
    Besonders schwerwiegend wirkt sich die Krise für Kinder und Jugendliche aus sozial
    benachteiligten Lebensverhältnissen aus. Von Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen
    und zivilgesellschaftlichen Organisationen wird öffentlich die begründete Sorge
    geäußert, dass diese Schüler*innen „abgehängt“ werden. Es fehlen vielfach nicht nur
    die erforderlichen digitalen Geräte und der Internetzugang. Vor allem sind die
    Möglichkeiten der familiären Unterstützung eingeschränkt, denn nicht alle Eltern
    beherrschen das in Schule geforderte Deutsch und sind vertraut mit den
    Bildungsinhalten. Seit Wochen fehlen nicht nur die schulischen Lerngelegenheiten,
    sondern auch die alltägliche deutsche Sprachpraxis. Mit jedem Tag Abstand zur
    Schule wächst in ihrem Lernstand die Differenz zu denjenigen, die Tag für Tag an den
    von der Schule vorbereiteten Lernaufgaben arbeiteten, dabei technisch, emotional und
    fachlich unterstützt von ihren Eltern.
    Uns ist bewusst, dass es viele gute Gegenbeispiele gibt: Schulen, die den Kindern die
    Lernmaterialien vor die Tür bringen, Lehrkräfte, die die Jugendlichen am Handy
    persönlich beraten etc. Das strukturelle Problem wird dadurch gemildert, aber nicht
    gelöst.
    Deshalb appellieren wir an Sie als verantwortliche Ministerinnen und Minister: Finden
    Sie eine Lösung, mit der diese Kinder und Jugendlichen bei einer schrittweisen
    Öffnung der Schulen bevorzugt berücksichtigt werden. Da ohnehin nicht alle
    Schüler*innen gleichzeitig in die Schule zurückkehren können, sollte zunächst vor
    allem denjenigen Kindern und Jugendlichen der Schulbesuch ermöglicht werden, die
    eine besondere Unterstützung benötigen. Sie sollten die Chance bekommen, auch vor
    der offiziellen Öffnung für alle Schüler*innen in den Räumen der Schule beim Lernen
    von Lehrkräften betreut zu werden. Eine solche Maßnahme wäre rechtlich eine
    „erweiterte Notfallbetreuung“, die auf der Freiwilligkeit der Teilnahme beruhen müsste.
    Die Pädagog*innen wissen vermutlich recht genau, wen sie in den letzten Wochen mit
    ihren Lernangeboten nicht oder kaum erreichen konnten, und auch viele Eltern aus
    benachteiligten Verhältnissen können dies einschätzen. Beratungseinrichtungen und
    die Jugendhilfe können unterstützen. Mit unserem Vorschlag wären an vielen Schulen
    kleinere Lerngruppen gesichert. Damit ließen sich die Abstandsregeln einhalten. In
    manchen Schulen und Stadtteilen wären vermutlich auch ganze Klassen betroffen.
    Hier wären zeitlich versetzter Unterricht und/oder Unterricht an außerschulischen
    Lernorten denkbar. Dabei müssten die Verantwortlichen vor Ort mit ihrer Kompetenz
    und Erfahrung einbezogen werden. Sie kennen die Bedarfe und Möglichkeiten an den
    Schulen am besten. Das gilt insbesondere auch für Möglichkeiten der
    Ganztagsbetreuung. Allerdings brauchen sie dazu unterstützende
    Rahmenbedingungen.
    Manche der Eltern, deren Kinder noch länger nicht die Schule besuchen dürfen,
    werden eine solche Regelung möglicherweise als Benachteiligung empfinden. Die
    Maßnahme sollte deshalb für den Zeitraum gelten, bis alle Kinder und Jugendlichen
    die Schulen wieder besuchen können. Sie bedarf darüber hinaus einer überzeugenden
    Kommunikation: Es geht um mehr Bildungsgerechtigkeit. Wir gehen davon aus, dass
    eine solche Entscheidung bei vielen Menschen in Deutschland auf hohe Akzeptanz
    stoßen wird.
    Unabhängig von dieser kurzfristigen Maßnahme bedürfen die Kinder und
    Jugendlichen, die durch ihre gesellschaftlich bedingten Lebensverhältnisse
    benachteiligt werden, auch mittelfristig weiterhin gezielter Unterstützung und
    zusätzlicher Lerngelegenheiten. Dafür sollte kurzfristig „nach Corona“ auf positive
    Erfahrungen und kreative Lösungen einzelner Schulen und der
    Unterstützungssysteme während der letzten Wochen zurückgegriffen werden.

    Unterzeichner*innen des offenen Brief an die KMK 20. April 2020
    Frau Prof. Dr. Isabell van Ackeren, Universität Duisburg-Essen
    Frank Ahrens , Schulleiter der Jenaplanschule, Jena, Schulpreis 2016
    Siegfried Arnz, Leitender Oberschulrat /ehemaliger Abteilungsleiter Berlin i.R.,
    Entwicklungsnetzwerk für „Schulen in kritischer Lage“ der Robert Bosch Stiftung
    Prof. Dr. Jürgen Baumert
    Prof. Dr. Gabriele Bellenberg, Lehrstuhl für Schulforschung und Schulpädagogik,
    Ruhr Universität Bochum
    Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel, TU Dortmund und Mitglied im Programmteam der
    Deutschen Schulakademie
    Prof. Dr. Nina Bremm, Professur für Schulentwicklung, Pädagogische Hochschule
    Zürich
    Heinrich Brinker, Schulleiter der Grundschule auf dem Süsteresch, Schulpreis 2016
    Helmut Dreher, Schulleiter am Evangelischen Firstwald- Gymnasium, Mössingen,
    Schulpreis im Jahr 2010
    Angela Dombrowski, Schulleiterin der Sophie-Scholl-Schule Bad
    Hindelang/Oberjoch, Deutscher Schulpreis 2010
    Thilo Engelhardt, Schulleiter Waldparkschule Heidelberg, Schulpreis 2017
    Tim Hagener, Schulleiter der Max Brauer Schule, Hamburg, Schulpreis 2006;
    Mitglied im Sprecherteam des Schulverbunds ‚Blick über den Zaun‘
    Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels, Institut für Schulentwicklungsforschung, TU
    Dortmund
    Dr. Petra Hoppe, Schulleiterin der IGS List, Hannover, Schulpreis im Jahr 2018
    Prof.i.R. Dr. Marianne Horstkemper, Universität Potsdam
    Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber, Leiter des Schul-Barometers zur aktuellen
    Schulsituation (www.Schulbarometer.net) und des Instituts für Bildungsmanagement
    und Bildungsökonomie IBB der PH Zug
    Cornelia von Ilsemann, ehemalige Vorsitzende des Schulausschusses der KMK,
    Entwicklungsnetzwerk für „Schulen in kritischer Lage“ der Robert Bosch Stiftung
    Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu, Interkulturelle Bildung, Universität Bremen
    Univ.-Prof. Dr. Esther Dominique Klein, Professur für Schulentwicklungsforschung
    und Leadership, Universität Innsbruck
    Prof. Dr. Dagmar Killus, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Hamburg
    Prof. i.R. Dr. Klaus Klemm, Fachbereich Bildungswissenschaften, Universität
    Duisburg-Essen
    Prof. i.R. Dr. Eckhard Klieme, DIPF|Leibniz Institut für Bildungsforschung und
    Bildungsinformation, Frankfurt und Berlin
    Prof. Dr. Olaf Köller, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-
    Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN)
    Prof. Dr. Kai Maaz , Geschäftsführender Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für
    Bildungsforschung und Bildungsinformation, Frankfurt und Berlin
    Volker Masuhr, Schulleiter Waldschule Flensburg, Schulpreis 2015
    Andrea Moser, Grundschule Süd, Landau, Schulpreis 2010
    Prof. Dr. Anand Pant, Institut für Erziehungswissenschaften, Humboldt-Universität zu
    Berlin
    Miriam Pech, Schulleiterin der Heinz Brandt Schule, Berlin, Schulpreis im Jahr 2011
    Martin Plant, Schulleiter Jenaplanschule Rostock, Schulpreis im Jahr 2015
    Andrea Rahm, im Schulleitungsteam der Sophie-Scholl-Schule Bad
    Hindelang/Oberjoch und Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie
    Sebastian Raphael, Schulleiter der Montessori-Oberschule Potsdam, Schulpreis im
    Jahr 2007
    Prof. Dr. Anne Sliwka, Institut für Bildungswissenschaft, Universität Heidelberg,
    Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie
    Gunda Ruge-Strudthoff, Schulleiterin der Schule Borchshöhe, Bremen, Schulpreis im
    Jahr 2017
    Prof. i.R. Dr. Klaus Jürgen Tillmann, Universität Bielefeld.
    Hans Martin Utz, Schulleiter der Gesamtschule Ost, Bremen, Schulpreis 2018
    Michael Voges, ehemaliger Staatsrat in der Behörde für Schule und Berufsbildung,
    Hamburg
    Sybille Volkholz, Vorsitzende des Fachbeirats Inklusion Berlin und ehemalige
    Schulsenatorin in Berlin
    Frank Wagner, Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule, Hamm, Schulpreis 2019
    Wilhelm Windmann, Schulleiter der Berufsbildenden Schulen Osterholz-Scharmbeck,
    Schulpreisnominierung 2015 und 2017

    Offener Brief an die KMK2

  • Denkt mal weiter! Corona als „Gelegenheitsfenster“ für Schulreform

    Unsere Freundin Gunhild Böth hat einmal einige Überlegungen zum Umgang mit den Auswirkungen der Corona-Krise auf Schule, Bildung und Unterricht im Hinblick auf die Politik der LINKEN zusammengestellt, die wir Eurer Beachtung empfehlen

     

    Liebe Bildungsmenschen,

    was wir von den aktuellen Maßnahmen der Landesregierung, die Schulen wieder zu öffnen, halten, haben sicherlich alle auf örtlicher und Landesebene schon gesagt:

    –          Prüfungen unter derzeitigen Bedingungen unzumutbar

    –          Verkehr von/zur Schule stellt eine Ansteckungsgefahr dar

    –          Schulreinigungen sind unzureichend

    –          Hygienische Ausstattung der Schulen (Warmwasser, Seife, genügend Waschbecken, …) ist unzureichend und muss oftmals von Grund auf hergestellt werden

    –          …

    ABER: Wie genau ist denn nun unsere (LINKE) Vorstellung von Schule und Unterricht unter Corona-Bedingungen? Denn wir werden uns wohl darauf einstellen müssen, dass der wie auch immer veränderte Schulbetrieb längere Zeit aufrechterhalten wird. Dann sollten wir aber nicht nur die Regierung machen lassen und darauf reagieren, sondern selbst gut begründete Vorschläge unterbreiten, wie und warum es nur so gehen kann.

     

    Ich stelle mal einige Aspekte und Fragen zusammen:

    1. Wenn also in kleinen Gruppen unterrichtet werden soll und muss,
    2. dann hat logischerweise die Lehrkraft die doppelte Menge zu unterrichten, wenn man Stundenanzahlen beibehält. (Die perfekte Lösung wäre natürlich die Verdopplung der Lehrenden, die es aber bekanntermaßen nicht gibt.) Da das nicht geht, sind mögliche Lösungen: die Zahl der Unterrichtsstunden zu halbieren durch alternierende Schultage (anderer Tag zu Hause mit Aufgaben) oder die Stundenzahlen zu kürzen.  Bei beiden Modellen würde weniger „Stoff“ gelernt, weil die zu Hause verbrachten Tage sicherlich große Lerngewinne, z.B. bei Projektarbeiten, bringen könnten, aber bei 3-4 Unterrichtsfächern pro Tag will jedes Fach (Lehrkraft) sein Fach auch zu Hause bearbeitet wissen. Diese umfänglicheren Hausarbeiten müssten in der nächsten Schul-Stunde wieder betrachtet, reflektiert und besprochen werden, was mehr Zeit als gewohnt in Anspruch nähme. Bei gekürzten Stundenzahlen erschließt sich leicht, dass der Lehrplan bzw. der schulinterne Lehrplan (der die Kompetenzen beschreibt mit dem benutzten Lehrbuch z.B.) wie bisher keinen Bestand mehr haben könnte. Wann wird das nachgeholt, wenn daran nicht verändert werden soll?
    3. dann benötigt man doppelt so viele Räume wie bisher. Da es die nicht gibt (oder gibt es die irgendwo in NRW?), können also nicht alle Schüler*innen gleichzeitig in die Schule kommen. Ausweg: Schichtbetrieb Morgens/Nachmittags. Dann bräuchten die Lehrkräfte aber Arbeitsräume in der Schule zur Vor- und Nachbereitung von Unterricht, weil sie viele Springstunden hätten, wenn sie von 8-18:00 Uhr in der Schule sein müssten. Das könnte nur im System Lehrkräfte-Raum statt Klassenraum geschehen (wie in den USA z.B.), so dass mehr Schüler*innenwanderungen von Stunde zu Stunde stattfinden müssten, was eine Quelle der engen Begegnungen wäre.
    4. Wenn Schüler*innen Abstand halten sollen,
    5. muss die Frage des Schulwegs (Schulbus, öffentliche Verkehrsmittel) geklärt werden. Die Verkehrsunternehmen fordern schon, dass die Schulen später anfangen, damit der Berufsverkehr erst befördert werden kann, dann der Schulverkehr. Damit kämen die Schüler*innen in den Abendverkehr, was auch nicht gewollt ist. Dafür brauchen wir ebenfalls Lösungen.
    6. müssen Pausen völlig neu gestaltet werden, denn dafür braucht es viel mehr Platz als auf NRW-Schulhöfen ist. Das ist völlig ungeklärt.
    7. können die Raumwechsel zu Fachräumen nicht nach einem festen Stundenraster stattfinden, weil sich sonst wieder viele auf den Gängen und Treppen begegnen würden. Wie ist das zu machen?
    8. muss der Sportunterricht nur noch individuelle Sportarten vorsehen.

    Hier sind nur ein paar Fragen aufgeworfen, die m.E. aber schon zeigen, dass Schule und Lernen möglich ist, sich aber von einem bisher nach Stunden und Fächern aufgeteilten Schultag völlig unterscheiden würde: Denkbar wäre, den gesamten Halbjahresunterricht im Block zu unterrichten, so dass die Lehrkraft mit der kleinen Gruppe eine ganze Weile zusammenbliebe, andere Pausen, Anfänge usw. vereinbaren könnte, zeitaufwändige Projekte mit Ergebnissen durchführen könnte, bei denen die Schüler*innen sicherlich viel lernen könnten. Dann müsste auch die Leistungsüberprüfung verändert werden: statt Klassenarbeiten zählen Projektergebnisse, auch in Paargruppen. Dafür müsste man aber entweder mehr Lehrkräfte (wegen der kleinen Gruppen) oder die Lerngruppe öfter allein bzw. selbstständig arbeiten lassen, was oftmals geht.

    Also letztlich würde die Beschulung unter Corona-Bedingungen, wenn man den pädagogischen und nicht den selektiven Auftrag ernst nähme, Veränderungen bewirken können, die DIE LINKE immer schon wollte.

    Liebe Grüße+ Denkt mal weiter! Sicherlich habt Ihr alle auch noch viele „Lösungen“, denn dass alle Kinder und Jugendliche jetzt ohne Schule zuhause in Einzelhaft sitzen müssen, wollen wir doch nicht!

  • Studierende als LernbegleiterInnen

    [heading style=“default“ size=“21″ align=“left“ margin=“40″]Hilfen für überforderte Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen, und zugleich Finanzierungsmöglichkeit für Studierende[/heading]

    Unterricht im Online-Format überfordert oft die Lehrkräfte, die Eltern mit mehreren schulpflichtigen Kindern, die SchülerInnen,  die weitgehend allein zurecht kommen sollen, zumal in Familien ohne entsprechenden „Bildungshintergrund“. Und gleichzeitig fallen vielen Studierenden die Jobs weg, mit denen sie ihr Studium finanzieren. Der emeritierte Pädagogik-Professor Jürgen Helmchen hat für Berlin einen Vorschlag vorgelegt, der durchaus verallgemeinerungsfähig wäre.

    Vielleicht läst sich daraus ja eine bundesweite Initiative entwickeln?

     

    2020-04-21_EntwurfJH_Lernbegleiter_in_der_Krise

  • Bildungspolitische Forderungen der Landesschüler*innenvertretung NRW in der Coronakrise

    Die Corona-Pandemie hat die gesamte Gesellschaft auf den Kopf gestellt, viele Probleme verursacht und Fragen aufgeworfen, für die es schnelle Antworten braucht. An vielen Stellen hat sich die LSV NRW schon geäußert und Forderungen gestellt. Im Folgenden möchten wir, wie angekündigt, unsere Position zu den Zentralen Prüfungen noch einmal näher erläutern. Darüber hinaus möchten wir aber auch deutlich machen, dass die aktuelle Krise bildungspolitische Nachwirkungen haben wird. Probleme, die nicht tagesaktuell sind, die aber auch naher Zukunft gelöst werden müssen. Entsprechend folgen einige weitere Ausführungen, mit denen wir zunächst aus unserer Sicht zentrale Fragen „nach Corona“ antworten möchten.

    #1 Zentrale Prüfungen
    Neben den Abiturient*innen sind auch die Schüler*innen, welche dieses Jahr die Zentralen Prüfungen (im folgenden ZP genannt) schreiben, besonders von dem Schulausfall betroffen. Dies führt nicht nur dazu, dass die Prüflinge sich klausurrelevante Inhalte selber beibringen müssen, sondern belastet die betroffenen Schüler*innen natürlich auch psychisch aufgrund der großen Herausforderung und Erwartungen, die an sie gestellt werden. Vor allem in der zehnten Klasse ist das Curriculum so geplant, dass Schüler*innen bis kurz vor den Prüfungen deren Inhalte erlernen.

    Außerdem kritisiert die LSV NRW, dass die Prüflinge aufgrund des Schulausfalls mit noch unterschiedlichen Voraussetzungen in die Prüfungen gehen. So wird ein*e Schüler*in, welche aus einer sozial schwächeren Familie kommt, nicht die finanziellen Mittel zur notwendigen Unterstützung haben. Zudem haben manche Schüler*innen keine Unterstützung beim Lernen falls ihre Erziehungsberechtigten nicht über das benötigte Wissen verfügen. Auch das Konzept des digitalen Lernens ist zu kritisieren, da sich nicht jeder Haushalt digital ausstatten kann. Hier müssen also Lösungen gefunden werden, welche die ZPs so fair wie möglich machen.

    Daher fordert die LSV NRW, dass der verpasste Unterricht in einer angemessenen Zeit von mindestens zwei Wochen nachgeholt wird. Die vom MSB geplante Verschiebung von fünf Tagen ist nicht tragbar und sorgt für einen unglaublichen Druck, denn drei Wochen Schulausfall in fünf Tagen aufzuholen, ist nicht möglich. Die zwei Wochen sollen allen Schüler*innen ermöglichen, den benötigten Stoff zu erlernen. Außerdem fordert die LSV NRW, dass die zentral gestellten Prüfungen von den Lehrkräften wenn nötig abgeändert werden können, damit die Schüler*innen nur Aufgaben bekommen, die im Unterricht durchgearbeitet wurden. Die LSV NRW begrüßt, dass laut Bildungssicherungsgesetz die ZPs ausfallen können, fordert jedoch, dass Schüler*innen die individuelle Wahlmöglichkeit zwischen dem Ablegen einer Prüfung und einem Abschluss basierend auf den bisherigen Leistungen gegeben wird. Dabei müssen in jedem Fall die Versetzung und der Abschluss der Schüler*innen gesichert sein. Kein*e Schüler*in darf einen Nachteil aus dieser Situation erfahren.

    #2 Verpasster Unterricht
    Die Tatsache, dass durch die Corona-Krise viel Unterricht ausgefallen ist, bereitet allen Schüler*innen Probleme. Auch Schüler*innen, die in diesem Schuljahr keinen Abschluss erwerben wollen, sind direkt betroffen und stehen nun Problemen gegenüber. Denn der für die Abschlüsse relevante Stoff wird den Schüler*innen natürlich über Jahre hinweg vermittelt und darüber hinaus bauen viele Inhalte aufeinander auf. Ein Nachholen zu dem Zeitpunkt, an dem die Schulen wieder offen sein werden, wird sich schwierig gestalten, da die Lehrpläne ohnehin schon voll sind und meist wenig Spielraum lassen, wenn alle Themen behandelt werden sollen.

    Wie schon im ersten Abschnitt erläutert, treten auch hier massive Probleme bezüglich sozialer Ungleichheit aufgrund von unterschiedlichen Voraussetzungen zum digitalen Lernen auf. Besonders jüngere Schüler*innen sind in hohem Maße abhängig von einer engmaschigen Betreuung durch ihre Erziehungsberechtigten, um sich komplexe Inhalte zu erarbeiten. Diese kann jedoch nicht in allen Familien gewährleistet werden, weswegen der Bildungserfolg durch die Corona-Krise noch stärker als ohnehin schon von den sozialen Hintergründen der Schüler*innen beeinflusst wird. Die soziale Ungerechtigkeit gegenüber bereits vorher gesellschaftlich benachteiligten Menschen wird so weiter verschärft.

    Ungerecht ist darüber hinaus auch, dass viele Schüler*innen, die versetzungsgefährdet sind, also Gefahr laufen „sitzen zu bleiben“, da sie wegen des ausfallenden Unterrichts nicht die Chance erhalten, sich zu verbessern und ihre Versetzung in die nächste Klasse zu erwirken.

    Vor diesem Hintergrund fordert die Landesschüler*innenvertretung NRW das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW auf, Maßnahmen zu ergreifen, die sicherstellen, dass den Schüler*innen unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund keine Nachteile aufgrund der durch die Corona-Krise verpassten Unterrichtsinhalten entstehen. Die Lehrkräfte sollen individuelle Lösungen im Sinne ihrer Schüler*innen finden können, wie zum Beispiel die Veränderung der Stundentafel zugunsten prüfungsrelevanter Fächer. Des Weiteren fordert die LSV NRW, dass allen Schüler*innen die Versetzung in die nächste Jahrgangsstufe gewährt wird,

    #3 Schulsozialarbeiter*innen/Schulpsycholog*innen
    Die LSV NRW fordert schon seit geraumer Zeit die verstärkte Einstellung von Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen. Diese hätten in der nun existierenden Krise den Schüler*innen beistehen und sie bei ihren Problemen, beispielsweise telefonisch unterstützen können. Dadurch hätte auch vielen Schüler*innen geholfen werden können, die sich aktuell unsicher und allein gelassen fühlen, beispielsweise weil sie um erkrankte Angehörige bangen, familiären Stress erleben oder von häuslicher Gewalt betroffen sind. Sie bekämen dadurch die Möglichkeit, über die Probleme zuhause zu reden, denn das geht schließlich nicht immer mit der*dem Klassenlehrer*in oder der*dem Kurslehrer*in. Damit zumindest eine Nachbereitung mit den Schüler*innen möglich ist, sollten (zusätzliche) Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen sofort an allen Schulen eingestellt werden. Diese sollten nach der Krise im Schulbetrieb bleiben, um den immer vorherrschenden Leistungsdruck oder aber die individuellen Probleme von zuhause klären zu können.

    #4 E-Learning
    Schulen zu und nu? Jetzt heißt es für uns selbständig zu lernen. Seit drei Wochen. Hausaufgaben online auf einer E-Learning Plattform hochzuladen oder per Mail zu verschicken, ist nicht nur für die Lehrer*innen schwierig zu verstehen. Auch für uns Schüler*innen ist die aktuelle „Lern“alternative eine Hürde. Täglich neue Aufgaben zu bekommen, ist schön und gut. Man könnte die aktuelle Situation so beschreiben, als gäbe es einen endlos langen Vertretungsunterricht: So wie beim sogenannten „eigenverantwortlichem Arbeiten“ werden die Aufgaben weitgehend erledigt, aber zugleich wird die gesamte Verantwortung für den Lernerfolg einseitig den Schüler*innen aufgebürdet. Zwar wird bei Nachfragen wird meist viel kommuniziert, doch das führt häufig nicht zur Klärung von Fragen, sondern lediglich zu zu Irritationen zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen. Hinzu kommt ein überfülltes Postfach von Schüler*innen und Lehrer*innen, mit 20 Nachrichten, die alle bearbeitet und beantwortet werden müssen. Motivation sieht anders aus und kooperatives Arbeiten wie im “traditionellen” Unterricht ist nahezu unmöglich.
    Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die über E-Learning-Plattformen verbreiteten Erklärvideos und Aufgaben uns Schüler*innen nur bedingt helfen. Diese “Alternative” zum Unterricht in der Schule darf auf keinen Fall die Zukunft sein. E-Learning ersetzt keine Lehrer*innen, auch wenn sich kommerzielle Unternehmen wünschen, dass mehr E-Learning auf ihren Plattformen stattfindet. Dass diese Plattformen ihr Angebot aktuell kostenlos zur Verfügung stellen, ist lediglich ein Lockangebot, das darauf zielt, in Zukunft eine möglichst starke Marktposition zu erlangen und von dieser zu profitieren. Was auf den ersten Blick wie ein großzügiges Angebot wirkt, ist tatsächlich ein weiterer Schritt zur Privatisierung und Gewinnorientierung der Bildungsinfrastruktur.

    Zum Arbeiten auf E-Learning Plattformen oder mit Hilfe von Mails bedarf es mehr als nur eines Smartphones, da man mit diesem nicht lernen kann. Viele Plattformen sind aufwendig (Datentraffic, Darstellung, …), sodass das Laden auf dem Smartphone ewig dauert oder gar nicht funktioniert. Nicht jede*r Schüler*in besitzt ein Tablet, einen Laptop oder eigenen Computer. Dies erschwert die ganze Situation um ein Vielfaches. Denn es ist nicht möglich, das Lehrmaterial, das zur Verfügung gestellt wird, ohne entsprechend leistungsstarkes Endgerät wahrzunehmen. Schüler*innen mögen zwar eines der genannten Geräte im Haushalt haben, aber oft brauchen die Erziehungsberechtigte diese zur Zeit selbst für das Arbeiten im HomeOffice. Daher spricht sich die LSV NRW strikt gegen BYOD (Bring your own device) aus. Dies ist für uns weder ein Kompromiss, noch eine Lösung.

    #5 Corona-Gesetz
    Das Bildungssicherungsgesetz, als Teil des Epidemiegesetzes NRW, überträgt dem Schulministerium gesetzgeberische Kompetenzen, die es auf Grundlage von Rechtserlassen wahrnehmen kann. So soll dem Schulministerium ermöglicht werden, die Zentralen Prüfungen an Haupt-, Real-, und Gesamtschulen auszusetzen oder ohne landeseinheitliche Aufgaben stattfinden zu lassen. Beim Abitur ist davon aber keine Rede. Die Regierung teilt die Prüflinge so in eine Zweiklassengesellschaft auf: Die, deren Prüfung so wichtig ist, dass sie einen schriftlichen Teil benötigt; und die, deren Prüfung auch ohne schriftlichen Teil auskäme. Ein Abitur ohne schriftlichen Teil scheint aus Sicht der Landesregierung kein „richtiges“ Abitur zu sein. Dass die gesundheitlichen Gefahren und Ängste bei Schüler*innen, die ihr Abitur oder ihre ZPs ablegen, gleich groß sind, lässt die Regierung bei ihrer Entscheidung völlig unbeachtet. Daher fordert die LSV NRW, die Regelungen für die Zentralen Prüfungen analog auf das Abitur anzuwenden und gemäß unseren Forderungen zu einem gerechten Abitur allen Prüflingen eine Wahlmöglichkeit zwischen dem Ablegen der Prüfungen und einem „Durchschnittsabitur“ zu ermöglichen.
    Dem Bildungsministerium werden kraft dieses Gesetzes noch viele weitere Kompetenzen übertragen: So kann es unter anderem darüber entscheiden, wie und ob ein Übergang von Real- und Hauptschulen auf Gymnasien dieses Schuljahr stattfindet oder dass Schüler*innen ohne Versetzung in die nächsthöhere Klassen- bzw. Jahrgangsstufe übergehen können. Bei allen Entscheidungen, die das MSB auf Grundlage dieser Regelungen trifft, muss das Wohl der Schüler*innen und in besonderem Maße das der Prüflinge im Vordergrund jeder Entscheidung stehen. Die getroffenen Maßnahmen dürfen sich niemals für eine*n Schüler*in negativ auswirken!

    14.04.20

  • ZDF-Beitrag: Google und Apple profitieren – Homeschooling: Der Einfluss großer Firmen

    Während aufgrund der Corona-Krise noch immer alle Schulen geschlossen sind, wird in einigen Familien nun das Wohnzimmer zum Klassenzimmer umfunktioniert. Viele Eltern sind plötzlich damit konfrontiert, die Rolle der Lehrperson übernehmen zu müssen – und merken, dass das gar nicht so einfach ist, wie vielleicht vorher gedacht.

    Denn es geht nicht mehr nur darum, Vokabeln abzufragen oder über Hausaufgaben drüberzuschauen. Selbst wenn die Schule einen detaillierten Unterrichtsplan für zuhause vorgibt: Nicht jede*r kennt sich mit den dafür notwendigen digitalen Möglichkeiten oder Unterrichtsinhalten aus. Online-Nachhilfetools versprechen mit Erklärvideos Abhilfe. Auf den ersten Blick fördert das die Motivation der Kinder: „Es macht mehr Spaß, ein Video anzuschauen“, berichtet Nele, die zurzeit mit ihrer Mutter zuhause lernt. Die Begründung der Grundschülerin lässt Pädagog*innen jedoch aufhorchen: „Weil man dann nichts selber machen muss.“

    „Tatsächlich geht es um die Prägung von Einstellungen, die Unterrichtsinhalte sind vielfach selektiv und tendenziös“

     

    Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften

    Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Uni Frankfurt/Main, warnt vor einem unkritischen Umgang mit digitalen Medien und verweist auf die Einflussnahme großer Konzerne. Er hat im Auftrag des Gesprächskreises Bildungspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Studie zu Ökonomisierungstendenzen in der Schule durchgeführt, die bald veröffentlicht wird. Es sei auch ein Kampf um die Köpfe der Kinder: „Tatsächlich geht es um die Prägung von Einstellungen, die Unterrichtsinhalte sind vielfach selektiv und tendenziös“, so Engartner gegenüber dem ZDF-Magazin Panorama. Der Beitrag „Google und Apple profitieren Homeschooling: Der Einfluss großer Firmen“ kann hier nachgeschaut werden.

  • Leseempfehlung: Wer genau braucht diese Abschluss-Prüfungen?

    Trotz Schulausfall und Corona-Krise beginnen im Mai die ersten Abiturprüfungen. Aber – wer braucht diese Abschluss-Prüfungen eigentlich? Dieser Frage geht Bent Freiwald für krautreporter.de nach. Hier nachlesen!

  • Thomas Gesterkamp über Kontaktloses Lernen

    In Zeiten geschlossener Schulen steigt die Relevanz von Konzepten wie Homeschooling, also das Unterrichten der eigenen Kinder zuhause, vor allem über digitale Wege. Doch auch hier zeigt sich: Die soziale Spaltung, die ohnehin besteht, wird so nur weiter verschärft. Wie die Corona-Krise sich auf Digitalisierung, Homeschooling und das Verständnis von Lernen auswirkt, beleuchtet Thomas Gesterkamp in seinem Artikel Kontaktloses Lernen für das Neue Deutschland.